Klar, massiv, plastisch

Autor:
Peter Petz | Podest
Veröffentlicht am
Mai 21, 2014

cma cyrus | moser | architekten gewinnen den Wettbewerb um den Messeeingang Süd in Frankfurt am Main. Andreas Moser und Oliver Cyrus stellen sich unseren Fragen zum Wettbewerb.
Die Europaallee hat eine Breite von 60 Metern bei einer einheitlichen Traufkante von sieben Geschossen. 
Peter Petz: Der neue «Messeeingang Süd» als Sockel mit Hotel- und Büroturm an der Europa-Allee soll bis 2018 fertiggestellt sein – s. eMagazin KW16. Welche Antworten gibt Ihr Entwurf auf die Frage, die der Wettbewerb stellt?
Andreas Moser: Kurz gesagt sind dies die Ausbildung eines niedrigen Sockels als Formulierung des Messeeingangs, ein selbstbewusster, aber nicht zu aufdringlicher Büroturm, sowie ein separates und autarkes Hotel, was zusammengenommen ein Torsymbol in der Stadtsilhouette ergibt.
Städtebauliche Einbindung 
Ensemblebildung 
Wie erschließen Sie das Areal?
Andreas Moser: Öffentlich wird das Areal über die zukünftige, oberirdisch verlaufende U5 erschlossen. Der Messeeingang, in seiner Funktion nicht der Haupteingang, soll vornehmlich über den ÖPNV angesteuert werden. Ein 25x25 m großer, gefasster Vorplatz direkt an der Europa-Allee dient der einfachen Auffindbarkeit. Dem Nutzerwunsch entsprechend wurde bei der Orientierung besonderer Wert auf die vorgegebene Hierarchie der benachbarten Funktionen gelegt. Für die Hotel- und Büro-Nutzungen sind unteridische Stellplätze vorgeshen.
Blick auf den Messeeingang Süd 
Lageplan 
Welche Ideen führten Sie zur Formfindung?
Andreas Moser: In unseren ursprünglichen Überlegungen ging es um leicht gegeneinander verdrehte Kuben mit unterschiedlichen Geschossigkeiten. Der kleinste unten, der größte oben. Die Winkelverdrehung hatten wir aus den unterschiedlichen Koordinaten der Messe und der Europa-Allee abgeleitet. Hier gibt es eine Winkelverdrehung um circa 4°. Gleichzeitig wussten wir aber auch, dass Hochhäuser in der zweiten Reihe, und hier haben wir ein solches, stadträumlich keine Bedeutung haben, da sie in der vorderen Straßenflucht nicht zu erleben sind. Daher war es formal auch richtig, dass wir in der Zwischenpräsentation darauf hingewiesen wurden, dass es sich bei der Formenfindung über eben diese Winkelverdrehung zwischen Messekoordinaten und Europaallee um eine ziemlich akademische Betrachtung handeln würde. Wir finden daher eben genau diese Wettbewerbsform mit Zwischenpräsentation für alle Beteiligten sehr fair. Du musst genau hinhören und versuchen zu verstehen, was man dir mit auf den Weg geben möchte. Am Ende blieb auf den Hauptseiten zum Europaboulevard und der Messe jeweils nur eine charakteristische Verdrehung in der Fassade. Diese ist aber nunmehr aus ganz anderen Überlegungen motiviert. Aufgrund der beengten Platzverhältnisse haben wir in den unteren vierzehn Geschossen einen Rücksprung geplant um in der Stadtsilhouette auf den Eingang hinzudeuten und gleichzeitig dem Hotel mehr Licht und Intimität zu gewähren. Es wurde also aus einer akademischen Betrachtung eine rein funktionale und stadträumlich sinnvolle Geste.
Zudem war uns von Anfang an klar, dass wir eine tragende Fassade bauen wollten. Nach der neuen EnEV 2014 erhält der sommerliche Wärmeeintrag sehr viel mehr Bedeutung und komplette Glasfassaden bedürfen zumindest in den Eckbüros einer energetisch aufwendigen Kühlung. In Hinblick auf die angestrebte DGNB Gold Zertifizierung haben wir bei den Entscheidungen hinsichtlich der Gestaltung vorsorglich Fassaden mit hohem Glasanteil vermieden. Vielmehr haben wir den Glasanteil auf 44% reduziert. Gleichzeitig war von Anfang an keine «look at me» Architektur seitens der Messe gewünscht.
Erdgeschoss 
Ansicht Nord und Schnitt 
Wie strukturieren Sie den Sockelbereich?
Oliver Cyrus: Man sieht es sehr gut an der Innenraumvisualisierung – oberste Priorität hat das neue Gesicht der Messe mit seinem Eingang an der Europa-Allee. Der Vorplatz mit auskragendem Bügel als Startsequenz für den Messeeingang, an den Seiten die Zugänge für die separat erschlossenen Büro- und Hotel-Nutzungen. Alles andere ordnet sich dem Messeeingang Süd unter. Zur Emser Brücke befinden sich im Sockel die Backoffices der Messe, sowie die belichtungsunabhängige Nebenzone des Hotels. Im Bereich des Büroturmes ist außer Technik bislang über zwei Etagen das Mitarbeiterrestaurant der Messe geplant. Es wird hier aber aller Voraussicht nach einem öffentlichen Restaurant Platz machen. Zur Belebung des Vorplatzes und als Puffer haben wir ein Café zwischen den Eingang und das Bürofoyer eingeplant. Formal ist der Sockel als plastisches Volumen ausgebildet, dessen Aufgabe darin besteht die Besucher vom Stadtraum auf die +6.50 m Via-Mobile-Ebene des Messegeländes zu befördern. Das zur Verfügung gestellte Grundstück brachte als größte Herausforderung die Organisation der drei benachbarten Funktionen mit sich. Der Zugang zum Büroturm befindet sich links außen am Platz und gut sichtbar hinter grünen Arkaden mit  hoch aufgeasteten Bäumen, die zum Messeeingang leiten.
Innenraum Messeeingang Süd 
Besucherströme und Nutzergruppen 
Welches architektonische Thema war Ihnen besonders wichtig?
Andreas Moser: Schöne Frage. Klar, massiv, plastisch und zeitlos elegant. Ein paar überraschende Momente sollte es außerdem haben. So war klar, dass bei gestellter Aufgabe eines Messeeinganges ein Turm trotz seiner Größe nun wirklich nicht optisch auf dem Boden stehen muss, wie andere Vertreter unseres Berufsbildes dies proklamieren. Außerdem sollte es keine rigide, monotone Lochfassade werden. Es ging hier nicht darum zu zeigen, dass man signature architecture beherrscht, sondern um neue und unaufgeregte Collagierung stadtbekannter Stilelemente. Außerdem sind wir der Überzeugung, dass mancher Glaspalast in seiner Visualisierung besser aussieht als in seiner gebauten Version. Es gilt, dass jeder Maßstab seine eigenen Gesetzmäßigkeiten hat – und Bauten sind mehr als Visualisierung. Wir glauben einen spannenden Mix gefunden zu haben, lassen Sie es uns Identität ohne festgelegte Stilrichtung nennen. Skulptural, modern und bewegt, ohne hektisch zu sein, ein bisschen Brutalismus in Kombination mit neuen Materialien, und einer kaum spürbaren Verdrehung. Einfach eigen.
Ansichten Süd und West 
Welches sind die Kernpunkte Ihres Energie- und Nachhaltigkeitskonzepts?
Andreas Moser: Clevere Lösungen zu suchen, die technisch plausibel sind, ist der Anspruch des Teams. Wir sind mit einer Lösung ins Rennen gegangen die bei der gewünschten DGNB Gold Zertifizierung zuerst mit der Auseinandersetzung mit der neuen ENEV 2014 anfing. Es war von Anfang an klar, dassaufgrund der Vermeidungsstrategie des sommerlichen Wärmeeintrages eine tragende Fassade mit entsprechender Speichermasse als Favorit ins Rennen ging. Die energetischen Zutaten verdanken wir unserem Partner für energieeffizientes Planen, Lemon Consult aus Zürich. In Summa schlagen wir eine additive Lösung von Einzelmaßnahmen ganz nach Nutzerwunsch vor. Dabei haben wir natürlich die Nebenkosten als zweite Miete im Auge, da die Messe zum Teil auch als Eigennutzer einzieht. Die Wärmeversorgung erfolgt über Fernwärme, die Kälteerzeugung über Turbokältemaschinen, dazu via Wettervorhersage geregelte TABS ( Thermoaktive Bauteilsysteme ) mit «flinken» additiven Systemen, je nach Nutzung – im Büro mit Deckensegel zur feineren Wärme-Kälteregulierung. Im Hotel sind ergänzende Ventilator-Konvektoren vorgesehen. Grauwassernutzung und natürliche Lüftung erfolgen in Kombination mit einer mechanischen Lüftung, inklusive Wärme- und Feuchterückgewinnung. Eine kleine Photovoltaikanlage mit gesamt 230kWP ist, falls gewünscht, in den oberen Geschossen als Verkleidung der Technikaufbauten auch am Start.
Energiekonzept 
Auf welche Erfahrung konnten Sie bei der Bearbeitung zurückgreifen?
Andreas Moser: Schauen Sie sich unser Portfolio an. Klar haben wir schon Untersuchungen im Bereich Refurbishment von Bürotürmen zu Wohnen gemacht. Aber konkret eine solch komplexe Aufgabe werden Sie beim Blick auf unsere Webseite nicht finden – bis jetzt. Ich glaube, dass aber genau darin auch der Erfolg begründet ist. Vielleicht  haben wir die uns gegebene Chance einfach so verstanden, dass wir unter allen Umständen ein wirklich gutes Ergebnis abliefern wollten und wie wir jetzt wissen – auch haben. Wenn ich genau nachdenke besteht sogar genau darin die Konstante in unserem Arbeiten. Naja, ein wirklich junges Büro sind wir ja nun auch nicht mehr. Es ist wohl vor allem die Kompetenz unseres Teams, die sich in der Entwicklung des Projektes bezahlt gemacht hat. Jetzt sind wir aber nach dem Feiern unseres Erfolges wieder schön auf den Boden der Realität zurück und freuen uns auf die neuen Aufgaben, die die Realisierung des Projektes mitbringt.
Detail 
Gibt es schon eine Beauftragung?
Oliver Cyrus: Mit dem Wettbewerbsgewinn hängt eine Beauftragung der Leistungsphasen 1-4 zusammen. Das Leistungspaket wird je nach Projektentwicklung erweitert. Wir sind guter Dinge. Die Chemie mit dem Team der Messe scheint offensichtlich zu stimmen. Letztendlich ist dies in Hinblick auf die Länge des Bearbeitungszeitraumes für uns immer extrem wichtig, da die Gesamtperformance immer durch das gesamte Bearbeitungsteam getragen wird. Sprechen wir also bis jetzt von einem echten Glücksfall.
Blick vom Messegelände 
Messeeingang Süd, Frankfurt am Main
Einladungswettbewerb nach RPW

Jury
Uwe Behm,
Messe Frankfurt
Olaf Cunitz.
Baudezernent Stadt Frankfurt
Jürgen Engel,
Aufsichtsrat Messe Frankfurt
Barbara Ettinger-Brinckmann,
Architektenkammer Hessen
Dr. Michael Kummer,
Stadt Frankfurt/ Bauaufsicht
Martin Oster,
Städtebaubeirat Frankfurt
Dieter von Lüpke,
Stadt Frankfurt, Stadtplanungsamt
Joachim Wagner,
Fraport AG

1.Preis
cma cyrus | moser | architekten, Frankfurt am Main
Energy Efficiency Engineering:
Lemon Consult GmbH, Zürich
Tragwerksplaner:
imagine structure GmbH, Frankfurt
Landschaftsarchitekt:
club L94 Landschaftsarchitekten GmbH, Köln
Fassadenberater:
VERROTEC GmbH, Mainz

2. Preis
ASTOC Architects and Planners, Köln

Teilnahme:
Gruber + Kleine-Kraneburg Architekten, Frankfurt am Main
Max Dudler, Berlin, Zürich, Frankfurt am Main
shl schmidt hammer lassen architects, Århus
Bille Beye Scheid, Frankfurt