Sehnsuchtsorte

Autor:
Peter Petz | Podest
Veröffentlicht am
März 12, 2014

labor4+ gewinnt den Wettbewerb um das Nordufer Zwenkauer See im Süden von Leipzig. Jan Adolph, Florian Alles, Dirk Hamann und Franziska Schieferdecker stellen sich unseren Fragen zum Wettbewerb.
Luftbild (Foto: Auslober) 

Peter Petz: Ab 2015 soll das Nordufer des Zwenkauer Sees entwickelt werden. Welche Bedeutung hat der Wettbewerb für die Region Leipzig?
Jan Adolph: Ich glaube eine sehr große Bedeutung, da mit dem Entwurf eine neue mögliche Qualität für den Tourismus, regional als auch überregional aufgezeigt wird. Im Gegensatz zum Cospudener See, der als Tagesausflugziel fest im Leipziger Bewusstsein verankert ist, bieten sich am Zwenkauer See aufgrund seiner Lage, Größe und Anbindung neue Möglichkeiten, eine neue Dimension der touristischen Erschließung.

Florian Alles: Der Wettbewerb lenkt die Aufmerksamkeit auf das Leipziger Neuseenland als Gesamtheit und vermittelt einen Eindruck von seinen Potentialen und seiner Vielschichtigkeit. Das Nordufer des Zwenkauer Sees soll zu einem Attraktionspunkt entwickelt werden. Folgerichtig wurde in der Presse bereits von ‘Leipzigs Südstrand’ gesprochen.

Franziska Schieferdecker: Das Leipziger Umland war Jahrzehnte lang durch den Braunkohleabbau und die Landwirtschaft geprägt. Diese „Landschaften“ dienten überwiegend als Ressourcen für wirtschaftliche Interessen. Dafür wurden Wälder gerodet, Dörfer umgesiedelt und Gewässer umgeleitet, so dass vom ursprünglichen Landschaftsbild nur noch blasse Erinnerungen auf historischen Bilder und Karten übrig blieben. Die Renaturierung der Tagebaufolgelandschaften des Leipziger Neuseenlandes bietet die Chance, nachhaltige Landschaftsräume und neue Landschaftsbilder für die Leipziger Region zu entwickeln. Mit dem Wettbewerb für die Entwicklung des Zwenkauer Sees wird das Leipziger Umland um einen weiteren wichtigen Landschafts- und Erholungsraum und um ein schönes Landschaftsbild reicher.
Vogelperspektive 

Wie haben Sie die Wettbewerbsaufgabe interpretiert?
Franziska Schieferdecker: Wenn man in der kargen, bizarren Mondlandschaft eines ehemaligen Tagebaus steht, stellt sich die Frage, wie aus dieser ausgemergelten Basis „blühende“ Landschafts-Bilder generiert werden sollen. Was wird? Was ist? Was war?

Dirk Hamann: Auf einem 60m hoch aufgeschüttenem Wall aus toten tertiären Böden eines Tagebauloches ist es nicht so leicht einen ‚Geist des Ortes’ zu finden. Daher haben wir bei unserer Ideensuche in der Geschichte gestöbert und uns von historischen Postkarten inspirieren lassen, die alte Dorfanger und Auwälder vor dem Braunkohleabbau zeigen.

Jan Adolph: Dieses geschichtliche Bild haben wir wieder aufgenommen, und versucht der Landschaft in einer moderne Form, Interpretation wiederzugeben ohne dabei zu historisierend, revidierend oder verklärt mit der Landschaft und dem Entwurf und der Geschichte umzugehen. Ich glaube auch, dass das positive Echo auf unseren Entwurf darauf zurückzuführen ist, dass er aus dem Ort heraus entwickelt wurde und sich mit einer gewissen (Selbst)klarheit in die Landschaft einfügt.

Dirk Hamann: Außerdem haben wir versucht die vorgefundenen Eigenheiten des Areals sensibel zu behandeln. So gab es in der leicht hügeligen Uferlandschaft mit ihrem vorhandenen Böschungssystem Buchten, kleine Hügel und einen jungen Waldrand. Das inspirierte uns dazu, ein Konzept zu erarbeiten, dass auch diese Merkmale unterstützt und hervorhebt.

Florian Alles: Für uns war von Anfang an klar, dass hier ein sehr behutsames Konzept gefunden werden muss, besonders was den geplanten Tourismus und somit den Umgang mit der Natur angeht. So haben wir die geforderten Nutzungen in kleinen Zentren – Dörfern – gruppiert, die mit unterschiedlichen, möglichst wenigen, dichten Typologien in die Landschaft eingebettet sind und je nach ihrer Lage besondere Eigenschaften aufweisen.
Lageplan 

Wie erschließen Sie das 36 Hektar große Gebiet?
Franziska Schieferdecker: Im neuen Erholungsraum Zwenkauer See soll das Naturerleben im Vordergrund stehen. Daher soll das Gebiet überwiegend autofrei bleiben. Über eine Erschließungsstraße im Norden des Planungsgebietes wird das gesamte Areal erschlossen. Mehrere Sammelparkplätze bündeln den ruhenden Verkehr. Die Feriendörfer werden über Stichstrassen angedient. Auf einem an den Bestand anknüpfenden Seerundweg kann man die Landschaft mit dem Rad oder zu Fuß erkunden.

Jan Adolph: Er verbindet die Dörfer, den Hafen und Eremitenhütten, koppelt alle Bade und Bootplätze und schließt das Gebiet an den bereits befindlichen Rundweg um den Zwenkauer See an. Der Weg ist an die befindlichen Höhen des Geländes angelehnt und an die Landschaft angepasst. Durch die daraus resultierende weiche Form ergeben sich immer wieder neue, spannende Sichtbeziehungen die den Blick mal auf das Wasser lenken, im nächsten Augenblick auf die Weite der Landschaft oder den entstehenden Wald. Darüberhinaus gibt es den „Abenteuerweg“ der die den Besucher am Wasser entlang führt und einen anderen, direkteren Charakter in seiner Formsprache und der Materialität hat, als der Rundweg. Auch er ist an den Zwenkauer Seerundweg angeschlossen. Wichtig für uns ist auch die visuelle Erschliessung des Gebietes, also Sichtbeziehungen und Sichtachsen die eine leichte Orientierung ermöglichen ohne aber die Spannung aus dem Entwurf zunehmen.

Florian Alles: Wir glauben, dass es bei einem zurückhaltenden Tourismuskonzept keiner weiteren festen Erschießung als unserer vorgeschlagenen bedarf. Ein Fußweg von max. 300m zwischen Parkplatz und Feriendomizil verstärkt sogar das Naturerlebnis und erleichtert somit die Abkopplung von Alltag und Urlaub.
2025 - 2050 


Welche Maßnahmen sieht ihr Landschaftskonzept vor?
Franziska Schieferdecker: Das Landschaftskonzept orientiert sich sowohl an dem Landschaftsbild des nördlich anschließenden Leipziger Auwaldes, als auch an dem Prozeß der natürlichen Sukzession. Im nördlichen Bereich des Planungsgebietes wird demnach ein großflächiger ökologischer Waldbau mit Pionierbaumarten und Arten der zu erwartenden natürlichen Vegetation vorgeschlagen. Die Ufernahen Bereiche werden ohne größere Eingriffe der Sukzession überlassen. Da dieser Prozess aufgrund der schlechten Bodenverhältnisse sehr langsam vonstatten geht, werden die Feriendörfer durch Initialpflanzungen frühzeitig in die nach und nach wachsende Landschaft eingebettet.

Jan Adolph: Das Spannende am Zwenkauer See ist die momentane “Tabula Rasa“- Situation. Es gibt dort heute nichts außer Weite, Erosionsflächen und einen immer noch steigenden Wasserspiegel. Die zukünftige Landschaft ist heute also in ihrer zukünftigen Form noch nicht ablesbar. Sie unterliegt und wird auch in der Zukunft radikalen Veränderungen unterliegen. Das macht es unmöglich von einem Endzustand auszugehen, weshalb unser Konzept als Rahmenwerk zu lesen ist, innerhalb dessen eine große Flexibilität möglich ist. Welches Feriendorf zuerst gebaut wird und ob sich die Feriendörfer je nach Nachfrage unterschiedlich entwickeln hat ist nicht festgelegt, da die natürliche Vegetation mit der Zeit den „Rahmen füllt“ Die von uns gedachten Dörfer funktionieren als Einheit aber auch als autonome Elemente im Gebiet. Sie bilden Startpunkte die dem Gebiet von Beginn an einen Rahmen geben und den noch leeren Raum strukturieren. 
Piktogramme 

Welches landschaftsarchitektonische Thema war Ihnen besonders wichtig?
Jan Adolph: Die Entwicklung einer eigenen Natürlichkeit des sich aus der Landschaft heraus entwickelnden Ortes und seiner Geschichte, zu jedem seiner Entwicklungszeitpunkte, sei es 2015, 2025 oder 2050. Von Anfang an soll das Nordufer eine vielseitige Variation von Landschaftsräumen unterschiedlicher Größe und Form aufweisen, deren Komplexibilität und Tiefe sich im Laufe der Jahre weiterentwickelt und verfeinert.

Franziska Schieferdecker: Orte deren Bild und Identität durch menschliche Eingriffe gelöscht wurden, brauchen neue starke Identitäten und räumliche Qualitäten um im gesellschaftlichen Bewusstsein verankert zu werden. Wir haben vor Ort nach Spuren gesucht aus denen wir neue Identitäten entwickeln können. Wir haben eine zunächst unscheinbare topographische Erhebung gefunden und durch Stützmauern, Böschungen und einen Aussichtsturm zu einer Landschaftsskulptur überhöht, die eine „schöne Aussicht“ bietet und einen wichtigen räumlichen und gestalterischen Akzent am Nordufer des Zwenkauer Sees setzt.
Schöne Aussicht 

Im Vordergrund der Planungen steht ein sanfter Tourismus. Welche Maßnahmen schlagen Sie dazu vor?
Dirk Hamann: Nachhaltiger Tourismus fängt beim Angebot an, die Landschaft als Ort der Erholung und Regeneration anzusehen. Eine zusammenhängende Landschaft stand von Anfang an im Mittelpunkt der Planung. Aber wie viel Tourismus verträgt die Landschaft? Wir haben deshalb versucht zugunsten eines großflächigen, zusammenhängenden Landschaftsraumes, die geforderten Nutzungen in drei Feriendörfern unterschiedlicher Thematik zu konzentrieren. Wir haben sie ganz im Sinne der Nachhaltigkeit als relativ kompakte Siedlungen entworfen. Das spart Wege, Erschließungs- und Versorgungsaufwand und letztlich Energie. Außerdem wird unnötig viel Lärm vermieden. Die Ausrichtung der Gebäude nach Süden ist aufgrund der günstigen Lage des Ufers optimal um energetisch günstig bauen zu können.

Jan Adolph: Das Wettbewerbsprogramm sah auf den ersten Blick sehr ambitiös aus und stellte hohe Anforderungen an das Bearbeitungsgebiet. Ein Hotel mit 100 Betten, ca 175 Ferienwohnungen, ein Campingplatz etc. Alles unterzubringen und doch viel „Raum“, „Platz dazwischen“ zu behalten um mehr als nur eine riesige zusammenhängende Feriensiedlung zu gestalten war die eigentliche Herausforderung.

Florian Alles: Im nächsten Schritt wird es darauf ankommen, die von Jan erwähnten großmaßstäblichen baulichen Lösungen architektonisch Auszuformulieren. Dabei wird es wichtig werden, das Gesamtkonzept immer im Auge zu behalten und so die bereits beschriebenen Leitlinien der Nachhaltigkeit und des sanften Tourismus weiter zu stärken.
Hafendorf 
Nordufer Zwenkauer See
Beschränkter Ideenwettbewerb

Jury
Prof. Heinz Nagler, Vors.
Jens Bendfeldt
Dorothee Dubrau
Prof. Ronald Scherzer-Heidenberger
Andreas Schmidt
Holger Schulz
Volkmar Bischof

1. Preis
L.Arch.: labor4+
Dresden, Berlin, Stockholm

2. Preis
L.Arch.: ST raum a.
Berlin
L.Arch.: ST raum a.
Arch.: raumwerk
Frankfurt am Main

ein 3. Preis
L.Arch.: Studio RW
Berlin
Arch.: MONO Architekten
Berlin

ein 3. Preis
L.Arch.: bbz landschaftsarchitekten
Berlin, Freiburg, Bern
Arch.: Ernst Scharf arch42
Berlin