Wo sind die Berliner Bauherren?

Autor:
Peter Petz | Preisträger
Veröffentlicht am
Okt. 23, 2013

Der BDA Berlin hat wieder seine beiden Nachwuchsförderpreise vergeben: den Hans-Schaefers-Preis für planerische Leistungen, den in diesem Jahr gleich zwei Preisträger erhielten, sowie die Daniel-Gössler-Belobigung für eine architekturtheoretische Arbeit. Unter dem Vorsitz des Architekten und Architektur­theoretikers Jörg Gleiter entschied sich die Jury in diesem Jahr für Bauprojekte, die allesamt außerhalb Berlins realisiert wurden. Wir haben Jörg Gleiter fünf Fragen gestellt.
Der Hans Schaefers Preis ging in diesem Jahr an Katharina Löser (32 Jahre), Löser Lott Architekten) für ihr in eine Baulücke eingefügtes Wohn- und Geschäftshaus „Duett in Warnemünde“. ( Foto © : Stefan Müller ) 
Peter Petz : Die eingereichten 14 Arbeiten für den Hans Schaefers Preis des BDA Berlin verdeutlichen, dass der Wohnungsbau nach wie vor ein wichtiges Standbein junger Architekten bei ihrem Start in die Selbständigkeit ist. Ein großer Teil der Projekte wurde zudem im Bestand realisiert. Was sind die herausragenden Merkmale der Preisträger?
Jörg Gleiter : Die vier von der Jury prämierten Projekte zeigen exemplarisch und auf hohem gestalterischem Niveau vier verschiedene Strategien für das Bauen im Bestand: Entkernung, Haus-im-Haus-Prinzip, Spiel zwischen An-, Um- und Ausbau und kontextuelles Bauen im Altbestand. Ohne Zweifel werden das in Zukunft wichtige Aufgabenfelder sein. Besonders wenn man an den groflen Bestand von Gebäuden aus den Wirtschaftswunderjahren denkt, die heute den Besitzer wechseln, saniert und für neue Nutzungen umgebaut werden müssen.

Das sind attraktive Aufgaben, bei denen sich gerade junge Architekten mit der Nachkriegsmoderne und damit mit der Architekturtheorie und Geschichte jener Zeit auseinandersetzen müssen. Diese Zeit liegt für die junge Generation weit zurück. Sie ist Geschichte, die sie selbst nicht gelebt haben. Das Urteil über die Architektur jener Zeit wird dementsprechend anders ausfallen als noch zu den Hochzeiten der Postmoderne und ihrer Polemik gegen die Moderne.

Gerade die Moderne jener Jahrzehnte wird uns wieder sehr viel differenzierter erscheinen. In der Schlichtheit der Figuren und der Materialien wird man nicht mehr nur das ökonomisch-wirtschaftliche Kalkül der Wiederaufbaujahre erkennen, sondern auch den aus den einfachen, schlichten Formen sprechenden, anrührenden, sympathisch optimistischen Glauben an eine bessere Zukunft. Es wird zu einer neuen Wertschätzung dieser Epoche kommen. Aus der Distanz wird man den Idealismus, den Optimismus für ein besseres Leben erkennen und schätzen lernen.
Wohn- und Geschäftshaus „Duett in Warnemünde“, Hofseite ( Foto © : Stefan Müller ) 
Wohn- und Geschäftshaus „Duett in Warnemünde“, Dachgeschoss ( Foto © : Stefan Müller ) 
Wie schätzen Sie die aktuelle Situation junger Berliner Architekten ein?
Es wird immer wieder die Redewendung gebraucht, dass junge Architektinnen und Architekten ein Projekt realisieren dürfen oder durften. Ich meine, dass man diesen Begriff ernst nehmen sollte, in dem Sinne, dass gerade junge Architektinnen und Architekten offene, interessierte und auch ein bisschen wagemutige Bauherren brauchen, die ihnen für ein Projekt – ganz wörtlich – das Vertrauen schenken. Also der Bauherr, der sich über seine unmittelbaren eigenen Interessen hinaus als Mäzen versteht. Bevor überhaupt etwas entworfen oder gebaut ist, setzt hier Baukultur an.

Man wird schon nachdenklich, wenn man sieht, dass der BDA-LV Berlin einen Förderpreis ausschreibt, aber keines der prämierten Projekte – immerhin vier an der Zahl – in Berlin realisiert wurde. Wo sind die Berliner Bauherren mit den Aufgaben für junge Architekten? Bauaufgaben wie der Umbau von Läden, Restaurants, Dachstühlen, Altbauwohnungen oder die Einrichtung von Büroetagen? Eine nicht geringe Zahl von heute etablierten Architekten fing genau so an. Hier wäre anzusetzen für eine Baukultur, die aufgrund der überschaubaren Größe der Projekte schnell in der Öffentlichkeit wahrgenommen würde.

Daher verbindet die Jury mit der Vergabe des Hans-Schäfers-Preis 2013 die Hoffnung, ja den Appell, für ein weiter gehendes Engagement der Berliner Bauherren für den architektonischen Nachwuchs. Die Stadt hat das Potenzial, nicht nur Kultur- sondern Baukulturstadt zu sein. Die Förderung junger Architektinnen und Architekten gehört dazu. Berlin ist heute ein bedeutender Standort für die Hochschulausbildung von Architekten, es ist es noch nicht für die Förderung des Nachwuchses.
Der Hans Schaefers Preis wurde ebenfalls an Lisa Hautum (28 Jahre, Leonard Hautum Architekten) für ihr Wohnhaus „NOCKI…ein flickwerk“ in München vergeben, das als Um- und Weiterbau in einem kleinteiligen Ensemble realisiert wurde.. ( Foto © : Yatri Niehaus ) 
Wohnhaus „NOCKI…ein flickwerk“ in München, Betonskulptur ( Foto © : Yatri Niehaus ) 
Wohnhaus „NOCKI…ein flickwerk“ in München, Panorama Obergeschoss ( Foto © : Yatri Niehaus ) 
In welchem der eingereichten Wohnprojekte würden Sie selbst gerne leben?
Es sollen bei einer Jury die eigenen, ganz persönlichen Vorlieben und Abneigungen zurückstehen. Das erwartet man von einem Jurymitglied, ja muss man erwarten. So habe ich das auch als überzeugter Groflstädter und Berliner bei der Jurysitzung des Hans-Schäfers-Preises gehalten. Ich kann mir sehr gut vorstellen, in jedem dieser Häuser zu wohnen. Jedes hat seinen Charme, weil sich mit jedem eine andere architektonische Aufgabe und eine andere städtische oder ländliche Situation verbinden. Wohnen kann ich mir in jedem der Projekte sehr gut vorstellen, aber im jeweiligen Umfeld, in denen die Projekte realisiert wurden, zu leben, weit drauflen auf dem Land? Als überzeugter Berliner würde es mir vielleicht doch schwerfallen.
Für den Umbau einer Scheune in ein Wohnhaus, das „Haus Stein“ in Druxberge, erhielt Jan Rösler (32 Jahre) eine Anerkennung. ( Foto © : Simon Menges ) 
Eine weitere Anerkennung erhielt Filip Nosek (36 Jahre, a2f architekten), ebenfalls für den Umbau einer Scheune in das Wohnhaus „Jonáš Barn“ in Bilka, Tschechien. ( Foto © : Ester Havlová ) 
Insgesamt 7 Arbeiten wurden zur Daniel-Gössler-Belobigung für Architekturtheorie eingereicht. Was zeichnet die belobigte Arbeit aus?
Mit der Arbeit von Sonja Hnilica wurde die überarbeitete Fassung der gleichnamigen, an der TU Wien eingereichten Dissertation ausgezeichnet. Die Arbeit ist, in der vorliegenden Fassung, für ein breites Fachpublikum überarbeitet. Neben dem Inhalt ist dies die herausragende Qualität der Arbeit. Denn ihr gelingt es, auf ideale Weise Inhalte der Architekturtheorie auf verständliche Art darzustellen, so dass gleichermaßen Architekten, Stadtplaner, Künstler und Studierende angesprochen werden. Auf diese Weise können die Ergebnisse architekturtheoretischer Forschung fruchtbar für Praxis und Lehre werden.

Ich bin der Auffassung, dass gerade die Architekturtheorie heute die Aufgabe hat, ihre Erkenntnisse in einfacher und verständlicher Sprache so aufzubereiten, dass die Studierenden und die praktizierenden Architekten davon profitieren können. Wieviel Verwirrung hat in dieser Hinsicht gerade die (zweifelhafte) Überintellektualisierung der Architekturtheorie zu Zeiten der Postmoderne, des Dekonstruktivismus und der Medientheorie der neunziger Jahre ausgelöst. Natürlich muss die Architekturtheorie ihre Forschungen auf dem Niveau anderer geisteswissenschaftlicher Disziplinen betreiben, was oftmals leider nicht der Fall ist. Anschlieflend muss aber das Wissen so aufbereitet werden, dass es auch die Architekten erreicht. Was nützte sonst die Theorie?
Die Daniel-Gössler-Belobigung für Architekturtheorie ging in diesem Jahr an Sonja Hnilica für ihr Buch „Metaphern für die Stadt“, das im transcript-Verlag erschienen ist. 
Was kann das architekturtheoretische Buch Metaphern für die Stadt für die Lehre und vor allem für die Praxis leisten?
Das Thema der Arbeit ist sehr aktuell. Es stellt die Frage, wie in Zeiten, in denen die Architektur und der Städtebau vor neuen, bislang nicht geahnten Aufgaben stehen, Metaphern eine wichtige Rolle als Leitbilder architektonischer Vorstellungsbildung spielen können. Die Autorin stellt dieses anhand der neuen Dimensionen des Städtebaus dar, mit denen sich die Architekten und Städtebauer in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts konfrontiert sahen. Die Situation mag sich für die heutigen Städte etwas anders ausgehen, die  Problematik, mit neuen Aufgaben und Problemen konfrontiert zu sein, bleibt dieselbe. Ausgangspunkt dafür ist Camillo Sittes Buch Der Städtebau nach seinen künstlerischen Grundsätzen (1889).

Die Arbeit stellt anhand von sieben Stadtmetaphern, die in Sittes Standardwerk eine zentrale Rolle spielen, sehr überzeugend dar, wie Metaphern für das architektonische und städtebauliche Entwerfen leitend sein können, dass sie einerseits verhindern können, dass das Entwerfen, angesichts zunehmend komplexer Anforderungen, in einem instrumentellen Schematismus verkommt, und sie andererseits durch ihr poetisches Potenzial die Architekten in ihrer gesellschaftlichen Aufgabe unterstützen können: Unter der sich stetig wandelnden kulturellen Logik eine vom Zustand der reinen Naturhaftigkeit sich unterscheidende, für Menschen einzig zuträgliche Umwelt zu schaffen.

Überzeugend ist, dass die Arbeit nicht bei den von Sitte eingeführten Metaphern der Stadt als Haus, Lebewesen, Natur, Maschine, Theater, Gedächtnis und Kunstwerk stehenbleibt. Hnilica geht über die reine historische Betrachtung hinaus, indem sie, von Sitte ausgehend, den Horizont der theoretischen Fragestellung nach der Bedeutung von Metaphern als Denkmodelle auf unsere Zeit hin erweitert. Die Lektüre wird fortlaufend von der Fragestellung begleitet, welches denn in unserer Zeit, in denen sich der Begriff von Natur, Maschine, Kunstwerk und selbst Gedächtnis sich verändert, die entwurfsleitenden Metaphern sein könnten, im lokalen wie auch globalen Rahmen.
Aus: „Metaphern für die Stadt“. In dieser Allegorie der Künste der architektonischen Repräsentation (G.B. Leonardi, 1699) sind Schrift und Bild gleichberechtigt dargestellt. (Ciampini 1699, Universitätsbibliothek Heidelberg, Sammlung alter Drucke)  

Ausstellung aller eingereichten Arbeiten
 BDA Nachwuchsförderpreise 2013.
Vorbildliche junge Architektur aus Berlin

28. Oktober - 28. November 2013
BDA Galerie Berlin
Preisverleihung
Hans Schaefers Preis des BDA Berlin: Preisträgerinnen Katharina Löser und Lisa Hautum. Anerkennungen gingen an Jan Rösler und Filip Nosek. (Bilder: Rainer Gollmer)  
Daniel Gössler-Belobigung für Architekturtheorie an Sonja Hnilica. Tibes-Stipendiaten Carmen Gómez Maestro und Bastian Beyer. (Bilder: Rainer Gollmer)  

Nachwuchsförderpreise
BDA Berlin
Vorbildliche junge Architektur aus Berlin

Jury
Prof. Jörg Gleiter, Vors.
Prof. Almut Ernst
Prof. Volker Staab
Thomas Kaup
Bernhard Schulz

Hans Schaefers Preis des BDA Berlin
Preisträgerin

Katharina Löser
Löser Lott Architekten
Projekt: Duett Warnemünde
Wohn- und Geschäftshaus
Warnemünde, DE

Preisträgerin
Lisa Hautum
Leonard Hautum Architekten
Projekt: NOCKI…ein flickwerk
Wohnhaus
München, DE

Anerkennung
Jan Rösler
Projekt: Haus Stein
Umbau einer Scheune zum Wohnhaus
Druxberge, DE

Anerkennung
Filip Nosek
Projekt: Jonáš Barn
Umbau einer Scheune zum Wohnhaus
Bilka, CZ

Daniel Gössler-Belobigung für Architekturtheorie
Belobigung

Sonja Hnilica
Buch: Metaphern für die Stadt

Bildnachweis
Stefan Müller (1, 2, 3)
Yatri Niehaus (4, 5, 6)
Simon Menges (7)
Ester Havlová (8)
transcript (9)
UB Heidelberg (10)


Ausstellung aller Einreichungen
 BDA Nachwuchsförderpreise 2013.
Vorbildliche junge Architektur aus Berlin

28. Oktober - 28. November 2013
BDA Galerie Berlin


Das Tibes-Stipendium
Mit dem Stipendium, das in 2012 erstmalig vergeben wurde und künftig alle drei Jahre ausgelobt wird, unterstützt der BDA Master- und Diplom-StudentInnen, AbsolventInnen sowie DoktorandInnen, die an einer Berliner Hochschule eingeschrieben sind. Gefördert werden Studienvorhaben im Bereich von Architektur und Bauen, der Architekturvermittlung, der Architekturtheorie und der Architekturgeschichte. Diese können in Form von spezifischen Entwürfen, empirischen und theoretischen Untersuchungen, Doktorarbeiten und sonstigen architektonischen, architekturtheoretischen oder bauproduktionsbezogenen Arbeiten realisiert werden. Die Fördersumme wurde von den Namensgebern des Stipendiums Bernd und Constanze Tibes gestiftet. Auslobung und Organisation der Stipendien obliegen dem BDA Berlin. Die Ausweitung auf zwei Stipendien wurde durch eine Zuwendung des Instituts für Geschichte und Theorie der Stadt / IGTS Berlin ermöglicht.

Stipendiaten des Tibes Stipendiums

Bastian Beyer *1985
studiert im 9. Semester Architektur an der UdK.
Projekt: Growing Structures

Experimentelle Arbeit zur Entwicklung, Produktion und Einsatzmöglichkeiten alternativer Schalungs- und Tragsysteme aus nachwachsenden Rohstoffen.

Carmen Gómez Maestro *1988
studiert im 12. Semester Architektur an der TU-Berlin.
Projekt: Erhaltung des Erbes durch Reclaimed Materials in Chile

Am Beispiel einer Fallstudie untersuchte Gomez Ansätze für den Wiederaufbau bzw. Erhalt historischer Gebäude, welche die Nutzung von Materialien aus zerstörter Bausubstanz einbeziehen und entwickelt diese weiter.

Nächste Vergabe des Stipendiums 2014/15.


Nachwuchsförderpreise BDA Berlin
Alle drei Jahre lädt der Bund Deutscher Architekten BDA, Landesverband Berlin e.V., Berliner Architekten und Stadtplaner unter 40 Jahren ein, sich für den mit 5.000 € dotierten Hans Schaefers Preis zu bewerben. In diesem Jahr waren seit 2010 realisierte Projekte und städtebauliche Planungen zur Bewertung zugelassen. Als weiterer Nachwuchsförderpreis des BDA Berlin wird auch die mit 1.250 € dotierte Daniel Gössler Belobigung für eine herausragende architekturtheoretische Arbeit vergeben.