Einheit in der Vielfalt

Autor:
Peter Petz | Podest
Veröffentlicht am
Sept. 18, 2013

gernot schulz : architektur und Topotek 1 gewinnen den Wettbewerb Bildungslandschaft Altstadt Nord, Köln. Gernot Schulz und Lorenz Dexler (Topotek 1) stellen sich unseren Fragen zum Wettbewerb.
Anmutung 
Peter Petz: Die "Bildungslandschaft Altstadt Nord" als ambitioniertes Bauprojekt, wir berichteten, soll bis 2017 realisiert werden. Welche Antworten gibt Ihr Entwurf auf die Frage, die der Wettbewerb stellt?
Gernot Schulz: Ausgangpunkt der Entwurfsüberlegungen waren Studien, in welcher geometrischen Form sich die vorgegebene Clusteridee des Raumprogramms am besten organisieren und addieren lässt. Das Ergebnis „Fünfeck“ ist dabei kein Zufall, zeigt sich doch das Fünfeck in vielen Bereichen des täglichen Lebens und des Wissens/Lernens als leistungsfähiges Grundmodul und Allgemeinwissen. Sei es in der Natur (Form der Ocraschote), der Chemie, der Mathematik (Geometrie/Fünfeck des Pythagoras), der Geschichte (Pythagoras-Pythagoräer), der Kunst (Goldener Schnitt-Maß des Menschen) der Architektur (Festungsarchitektur/Idealstädte), der Landschaftsarchitektur (Giant´s causeway) und des Spiels (Schnittmuster Fußball). Die architektonische Idee, das Konzept der Bildungslandschaft als „Einheit in der Vielfalt“ – die Schule als Addition von Lernorten – direkt abzubilden, erwies sich in der Durcharbeitung als starkes und belastbares Konzept. Auch in der weiteren Zusammenarbeit mit allen Beteiligten birgt dieses Konzept die Chance der Weiterentwicklung und Optimierung ohne in ein starr orthogonales Architekturkonzept gebunden zu sein. Die Architektur wird sich daher erst in der Zusammenarbeit und Aneignung der Nutzer vollenden und vielfältige Deutungen ermöglichen. Die Chance zu einem Bildungsort mit großem Identifikationspotenzial ist gegeben.
Lageplan 
Welche Kerngedanken führten Sie zur Volumetrie des vorgeschlagenen Ensembles?
Gernot Schulz: Die „Dorfgemeinschaft“ aus Kindergarten, Grundschule, Realschule und Studienhaus – Ein besonderer Ort, eine besondere Gemeinschaft, eine besondere Idee des gemeinsamen Lebens und Lernens in einer „Bildungskette“ zwischen 0 und 25 Jahren. Architektonisches Ziel ist es, diese einzigartigen Ideen mit einzigartiger und dennoch sehr alltagstauglicher Architektur abzubilden. Der Kernbereich aus Kita, Grundschule, Realschule und Studienhaus wird aus einem Bauensemble gebildet, welches die Kerngedanken der Auslobung architektontisch abbildet.

Ein lebendiger Lernort – Ein lebendiges Bauensemble mit unterschiedlichsten Raumeindrücken. Die Form des Fünfecks kann als Fundament ästhetischer Bildung gelesen werden. Mathematisch exakt konstruierbar, umschreibt es in seinem Inneren drei weitere geometrische Figuren: Kreis, Pentagramm und Dreieck. In Pentagramm und Fünfeck bildet sich das Seitenverhältnis des Goldenen Schnitts gleich mehrfach ab. Das Verhältnis des Ganzen verhält sich in der Teilung des Goldenen Schnitts zu seinem größeren Teil im gleichen Verhältnis wie das größere zu seinem kleineren Teil – Grundsatz von Harmonie in Geometrie, Kunst und Musik. Man ersetze „Teil“ durch „Mensch“ und findet Vieles, was nach Wunsch der Beteiligten die zukünftige Bildungslandschaft ausmachen soll. Das Auftauchen des Fünfecks in so unterschiedlichen Bereichen wie Festungsarchitektur und Naturformen steht sinnbildlich für Einheit und Vielfalt, das Fünfeck als Grundmodul des klassischen Leder-Fußballs steht symbolisch für die spielerische Komponente der Komposition aus Fünfecken.

Haltung – Der vordergründig formale Ansatz der Addition von Fünfecken beweist in seiner Durcharbeitung größte Lebendigkeit und ästhetische Stärke: mal in einer kartesianischen inneren Logik (Studienhaus) mal in dynamischen Raumfolgen der Flurbereiche, die in Nischen und Raumweitungen immer wieder Möglichkeiten zur individuellen Nutzung öffnen.

Wertschätzung – Die beachtenswerte Leistung aller Beteiligten bei der Entwicklung der Idee der Bildungslandschaft und derer, die sich für den Erhalt der Qualitäten und Atmosphären rund um den Klingelpützpark eingesetzt haben wird durch die Einzigartigkeit und Unverwechselbarkeit der vorgeschlagenen Architektur abgebildet.

Einheit in der Vielfalt – Form und Material begleiten Lehrer und Lernende durch alle Bereiche des Kernbereichs. Wie in einer Dorfgemeinschaft existiert ein einheitlicher architektonischer Gedanke, der dennoch jeder Nutzung den nötigen Freiraum zur Grundrissausbildung und Nutzeraneignung lässt. Wie in einer Dorfgemeinschaft bildet das Gemeinschaftshaus, das Studienhaus, die Mitte und ist von allen Seiten betret- und durchwegbar.

Behutsamkeit – Das Vorgefundene und das Vorgedachte erfährt höchste Beachtung: Der spielerische Duktus der Bebauung verhindert eine ungewünschte „Baufront“ zum Park, abgestufte Bauhöhen vermitteln zu den historischen Bauzeugnissen – zum Beispiel dem Turm der Stadtmauer, der aus dem Park sichtbar bleibt. Das Material und die formale Eigenständigkeit des Bestandsbaus der Grundschule mit seiner Idee der Grundrissspreizung zur guten Belichtung aller Bereiche gibt den Impuls für das Ensemble.

Der „urbane Raum“ des Mensa- und Werkstattgebäudes – Bewusst als urbaner Ort – mit allen Brüchen, die in einer Stadt wie Köln solche Orte auszeichnet – weiter entwickelt wird der Jugend- und Freizeitbereich Klingelpütz im Norden. Die hier als einfacher linearer Kubus vorgeschlagene Baukörper für das Mensa- und Werkstatthaus Vogteitrasse ordnet mit dieser einen Geste und einer bedachten kontrapunktischen Setzung „auf Fuge“ den heterogenen Bestand und lässt ebenfalls besondere Räume entstehen: zweiseitig belichtete Geschosse, ein geschützter Zugang über einen kleinen Hof und einem großen Freibereich für Außenaktivitäten der Jugend – vom täglichen Treff bis zu Schulfesten – im Westen. Das oberste Geschoss erhält eine an den gewerblichen Charakter der Nachbar-Hofbebauung angelehnte Dachlandschaft, über welche die Werkstatträume ideal belichtet werden können.
Freibereiche, Durchwegung, weiche Kante 
Welche Rolle kommt den Freiräumen zu?
Lorenz Dexler: Die Freiräume unterstützen die architektonische Leitidee durch das lebendige fließende Wegesystem, welches die Grundform des neuen Bildungsensembles widerspiegelt. Durch die Gebäudekonstellation entsteht im Innern ein Netz aus Plätzen und Gassen, nach außen werden grüne Höfe gebildet die ganz selbstverständlich zwischen Park und Gebäude vermitteln. Die Verbindungen zwischen Parkanlagen in der Umgebung werden durch das Projekt Bildungslandschaft weiterhin verstärkt und geben Impulse für den Stadtteil.

Die Grundschule erhält einen geschützten, nach Süden orientierten, eingefriedeten Schulhof. Die Kita einen zum Park ausgerichteten und auf zwei Ebenen organisierten Außenbereich. Die Realschule wird um die bereits angedachte, in den Park integrierte Freifläche, mit einem vorgelagerten Hof bereichert. Dieser dient bei Abendveranstaltungen der Aula als Erweiterung. 

Gestalterisch differenziert sich das neue Wegesystem von seinem klassischen Vorläufer durch den verbreiterten Verlauf des neuen Belages und ermöglicht einen flexiblen Anschluss an die Orte der Umgebung. Das neue Wegesystem ermöglicht ungezwungene Bewegungen und abwechslungsreiche Blickbeziehungen. Darüber hinaus wird die Begegnungsintensität erhöht und somit die Funktion einer Bildungslandschaft unterstrichen.
Erdgeschoss 
Welches architektonische Thema war Ihnen besonders wichtig?
Gernot Schulz: Aufgrund der Lage der Bildungslandschaft in der Altstadt Kölns und inmitten eines der letzten Parks in der Kölner Innenstadt hat uns die Frage der angemessenen „Körnung“ der Bauvolumen an dieser Stelle besonders beschäftigt. Ein Kindergarten neben einer großen Realschule, eine Realschule direkt an einem Park, dessen Umgebung durch kleinteilige Bebauung geprägt ist...wie kann hier ein baukünstlerischer aber auch sozial verträglicher Dialog entstehen? Wir hoffen, dass die von uns gefundene architektonische Antwort den Beteiligten helfen wird, diesen ja doch großen Eingriff in die Baustruktur an diesem Ort letztendlich als Bereicherung zu empfinden.
Ansicht Kyotostraße 
Ansicht Klingelpützpark 
Welche Materialien und welches Energiekonzept schlagen Sie vor?
Gernot Schulz: Die Rohbauten sind als Stahlbeton-Skelettbauten konzipiert. Der Einsatz von termin- und kostenoptimierenden Fertigteilen wird im weiteren Planungsverlauf geprüft. Die Atmosphäre der Innenräume wird durch hell lasierten Sichtbeton, Holz und farbig akzentuierte Einbauten geprägt sein. Die Neubauten erhalten Fassaden mit Klinkervorsatzschalen, die als durchbrochene Flächen (Beton-Klinker-Verbundfertigteile) in Teilen auch vor Glasflächen weiter geführt werden. Die Glasfassaden bestehen aus Metall-Glas-Fenster- und Pfosten-Riegelkonstruktionen. Zu öffnende Elemente werden als Holzkonstruktionen hervorgehoben. Es soll geprüft werden, ob der Einsatz von Recyclingmaterialien (Abbruchklinker, Recyclingaluminium, Dämmstoffe) innerhalb des gegeben Kostenrahmens möglich ist. Wo immer möglich sollen mineralische, recycelbare Baustoffe zum Einsatz kommen.

Es wird ein „low-tech“-Gebäude mit geringst möglicher Gebäudetechnik angestrebt. Wo immer sinnvoll werden die Räume natürlich belichtet, be- und entlüftet. Der außenliegende Sonnenschutz der Fenster soll über Lamellenstores mit Lichtlenkeigenschaften sichergestellt werden. Für die großen Klassen- und Versammlungsräume ist ein hybrides Be- und Entlüftungssystem angedacht. Hierbei erfolgt lediglich ein an den Bedarf angepasster Abluftbetrieb, die Zuluft wird über schall- und wärmegedämmte Fassadenlüfterelemente oberhalb der Fenster zugeführt. Dieses System erlaubt auch eine Nachtabkühlung der Räume. Hierzu bleiben auch Teile der Betondecken sichtbar. Zur akustischen Optimierung der Räume sind Deckensegel vorgesehen, die in den Zwischenräumen der angedachten Stahlbetonrippendecken eingefügt werden. Für dieses System wären Lüftungsflügel nicht unbedingt notwendig, diese werden jedoch aufgrund des psychologischen Behaglichkeitseffekts trotzdem auch in diesen Räumen vorgesehen. Aufgrund des engen Budgets soll auf Techniken wie Betonkernaktivierung oder ähnlichem verzichtet werden. Ob Elemente wie Geothermie, Solarthermie , Photovoltaik und/oder Brauchwassernutzung in einer Kosten-/Nutzenanalyse sinnvoll sind, oder gegebenenfalls in das schulpädagogische Konzept eingebunden werden sollen, wird Ergebnis des weiteren Planungsprozesses sein.
Detail 
Inwieweit hat die "Bildungslandschaft Altstadt Nord" Modellcharakter für vergleichbare Wettbewerbsverfahren?
Gernot Schulz: Ich denke, die Kombination aus eingeladenen Büros und über ein Bewerbungsverfahren zusätzlich ausgewählten Büros sichert eine hohe Qualität der eingereichten Beiträge. Aus eigener Preisrichtererfahrung kann ich von reinen Losverfahren nur abraten, da die Qualität der eingereichten Beiträge sehr heterogen ist. Ein solches Verfahren mit der Idee der Zweiphasigkeit zu kombinieren war für uns neu, machte aber bei der Größe des Projekts und der Wichtigkeit der Frage der städtebaulichen Einbindung Sinn. Sehr zu begrüßen ist die Mischung aus regionalen und internationalen Büros, die von der Stadt Köln bei der Einladungsliste bewusst angestrebt wurde – und bei der Auswahl der „Internationalen“ bewußt nicht auf die sogenannten „Star-Architekten“ zu setzen, sondern auf Büros, die in letzter Zeit für die gestellte Aufgabe beachtenswerte architektonische Lösungen gefunden haben. Noch mehr allerdings sollte immer wieder bei solchen Verfahren auf eine angemessenere Beteiligung auf junger unerfahrener Büros geachtet werden, um immer wieder auch den neuen Architektengenerationen ein Podium zu geben.
Modell (Foto: büro luchterhandt, Hamburg) 

Die komplette Wettbewerbsdokumentation finden Sie in
wa 9/2013
Bildungslandschaft Altstadt Nord, Köln
Begrenzt offener Wettbewerb mit vorgeschaltetem Bewerbungsverfahren

Jury
Jórunn Ragnarsdóttir, Vors.
Martina Frankenberger
Franz Josef Höing
Prof. Dörte Gatermann
Doris Gruber
Norbert Hilden
Susanne Hofmann
Dr. Agnes Klein
Karl Jürgen Klipper
Prof. Irene Lohaus
Jürgen Minkus
Prof. Kersten Reich
Prof. Christa Reicher
Rudolf Reiferscheid
Engelbert Rummel
Jochem Schneider
Norbert Subroweit
Horst Thelen
Peter Wilson
Michael Frenzel
Helga Boldt
Bernhard Mevenkamp

1. Preis
Arch.: gernot schulz : architektur
Köln
 L.Arch.: TOPOTEK 1
Berlin

2. Preis
Schilling Architekten
Köln

3. Preis
Cityförster architecture + urbanism
Oslo