Kisten und Kistchen

Die finale Runde im Wettbewerb zur Erweiterung der Mannheimer Kunsthalle verdeutlicht ein Mal mehr: Architekten schwören zunehmend auf die simple Kiste. Und Bauherren rühmen diese Banalitäten mit hymnischer Schönfärberei. Auf der Strecke bleiben das Gespür für die Besonderheiten eines Ortes und ein Bekenntnis zur Sinnlichkeit, ohne die unsere Architektur zur Allerweltsware verkommt.
 
Mit einer kleinen Polemik hatte sich Christian Holl schon Anfang 2010 über Gitterkisten mokiert, die beim Entwerfen als Konstruktionsmythos im Sinne der Tektonik beschworen werden – aber meistens Ergebnisse ökonomischen Pragmatismus' sind. Bauten und Wettbewerbsentscheidungen der letzten Zeit weisen auf eine ähnliche Banalisierung: Ubiquitäre Kisten und Kistchen lassen nicht nur befürchten, dass Bautypenkenntlichkeit und am Baukörper ablesbare Funktionalität aus dem Gestaltungsrepertoire verschwinden: So erläuterte es Robert Kaltenbrunner am 3. Dezember 2012 in der NZZ auch im Zusammenhang von Inhalt und Ausdruck ("Wahrheit und Ehrlichkeit"). Im Zusammenspiel der Themen, mit denen Architekten ihrer Kunst frönen können, ist die Baukörpergestaltung mit der Flut aberwitziger Blobbs und windschiefer Türme in nachvollziehbaren Verruf geraten. Aber der Rückzug auf Kisten und Kistchen hilft nicht weiter.
 
Presswurstarchitektur  Baukörpergestaltung beschränkt sich in begehrten Lagen auf die Funktionsweise der Presswurst. Vielerorts gibt es zum Beispiel die Dachneigungsvorschriften. Sie haben zur Folge, dass in einer der Gesetzeslage angepassten, größtmöglichen Grundstücksausnutzung auch das "Bauteil Dach" vollkommen pervertiert wird. Häuser sehen aus, als sei die Hülle um ein Drahtmodell von einer computergesteuerten Abfüllanlage mit nutzbaren Kubimetern vollgepumpt worden. Von der ansprechenden Gestaltung der Baukörper kann keine Rede sein – und es sind Architekten, die diese baukörperlichen Katastrophen zu verantworten haben. Sie sind im wahrsten Sinne des Wortes Erfüllungsgehilfen einer Rentabilitätsmaschinerie, die vollgepfropfte Baukörper wie Müllsäcke am Straßenrand hinterlässt. Generell leidet in solchen Häusern auch die Grundrissqualität. Viel differenzierter ist dieses Prozedere der Banalisierung allerdings zu bewerten, wo öffentliche Kulturbauaufgaben anstehen.
 
Black Box, White Cube Ob in Leipzig, München, Weimar oder nun Mannheim: Museumskisten scheinen sich als kleinster gemeinsamer Nenner für Architekten, Juroren, Bauherren und Nutzer in einer kulturell prominenten Bauaufgabe herauszumendeln. Dabei bewiesen zum Beispiel David Chipperfield Architects im Literaturmuseum in Marbach und im Folkwang Museum in Essen, dass mit rechtwinkliger Architektur durchaus differenzierte, anpassbare Baukörperkonstellationen zustande zu bringen sind. In Material und Gliederung tragen sie den jeweiligen Orten und Nachbarschaften Rechnung. Dergleichen können Kisten vor allem in kleinteiligen, innerstädtischen Strukturen kaum leisten. Der Tod Oscar Niemeyers ließ die Kritiker noch einmal von seiner Grandezza in baukörperlicher Souveränität, Eleganz und Wucht schwärmen. Nun war es aber eben nicht Niemeyer, sondern Frank O. Gehry mit seiner Lust am skulpturalen Gestalten, dessen Museumsbau zum sprichwörtlichen "Bilbao-Effekt" avancierte: Die Kulturbauaufgabe "Museum" in ihrer stadtsozialen Rolle und Gehrys skulpturaler, expressiver Baukörper in seiner stadträumlichen Wirkung entwickelten eine Strahlkraft, die sich andernorts mit vergleichbarem Aufwand jedoch nicht mehr einstellte. Wenn man sich dieser Tage im nordfranzösischen Lens von dem neuen "Louvre" eine sozioökonomische Wirkungskette verspricht, dann mit einer Museumsarchitektur (von Sanaa Architects), die wie die Fortsetzung einer modellierenden Landschaftsplanung daherkommt. Auch auf derartige ortsspezifische Differenzierungen kommt es an, wenn Museumsarchitektur eine angemessene Bedeutung entfalten soll.
 
Variationen der Hülle  Was nun die neuen Museumskisten eint, ist die Aufmerksamkeit, die den Hüllen beigemessen wird. Die Hüllen sollen signalisieren, dass die Kiste kein Industriebau, Kaufhaus oder Verwaltungstrakt ist, sondern ein Museum. Analog zur Kleidung, die erkennen lässt, ob's zum Wandern, in die Oper oder Investmentbank geht. In der architektonischen Praxis werden die Hüllen jedoch weitgehend überfordert – meistens, weil die abgezirkelten Innenräume keinen großen Spielraum in der Hüllengestaltung lassen. Denn wie oben für die "Presswurstarchitektur" erwähnt, mutiert die "Kiste" zum vollgepackten Kubus, der einer strapazierfähigen Haut bedarf. Hanada und Tonon wählen für Weimar Glas in vielen Varianten, Georg Scheel Wetzel für München weißen Sichtbeton – in beiden Fällen sind die Grundrisse funktional in Ordnung und das Umfeld, wie man so sagt: heterogener als das in Mannheim.
Und damit zurück nach Mannheim, wo an einem nicht weiter verdichtbaren, innerstädtischen Ort eine erhebliche Museumsfläche untergebracht werden soll. Die zweite Stufe des Wettbewerbs gewannen – wie erwähnt – gmp, die im Gerasterten und Rechtwinkligen Erfahrung en masse haben. Die 1. Runde erwähnten wir im eMagazin # 34/2012. Nachgerade grotesk mutete an, dass bei der Pressekonferenz der 2. Wettbewerbsrunde die zukünftige Mannheimer Kunsthalle mit der Miesschen Berliner Nationalgalerie und der Stirlingschen Stuttgarter Staatsgalerie nun als Dritte im Bunde epochaler Museumsbauten in Deutschland bezeichnet wurde. Dergleichen kündet vom Hochmut einer Allianz aus Bauherrschaft, Nutzerin und Stifter, die ein banales Wettbewerbsergebnis – die sehr ortskundige Kritikerin der Süddeutschen Zeitung, Karin Leydecker, schrieb von "Konfektion statt Haute Couture" – als spektakulären Wurf verkaufen muss. Vielleicht ist dieser Hochmut auch der Verzweiflung entsprungen.
Die Kistenvariante à la gmp sieht kleine Kistchen in der großen Kiste vor, verbunden mit Stegen und Brückchen. Angepriesen wird dieses Konzept als "Museumsstadt" mit Wegen und Plätzen, wovon man sich eine rege Kommunikation verspricht.
 
 
Das ausgeblendete Nebenan   Ganz abgesehen davon, dass ein Haus keine Stadt ist, entspricht das Konzept der Architekten doch den Wünschen der Museumsleiterin, die die Mannheimer Kunsthalle "für alle" öffnen will. Das hört sich nach einem Volkshochschulcredo an, passt zur CI der Kunsthalle und könnte als ambitioniertes Vorhaben gelten. 
In der Überarbeitungsphase sparten gmp, deren Entwurf im 1. Rundgang einen deutlich zu teuren Bau vorsah, an Quadratmetern. Es gelang ihnen auch, die Anlieferung ebenerdig einzurichten. Am äußeren Erscheinungsbilde änderten sie nichts, ihr Thema "Transparenz" behielten sie bei. Der Genius Loci? Was eine verkupferte Aluminiumrohr-Hülle mit der Materialität in Mannheim am Zirkel – roter Bundsandstein – zu tun haben soll, weiß ein anderer. Folgerichtig blendet die Darstellung ihres Museumssolitärs die rote Bundsandstein-Nachbarschaft in dezentem Grau ab und lässt die kupferfarbene Metallhülle (Alurohre Durchmesser 20 mm, pulverbeschichtet) des Museums fast golden glänzen. Die Innenräume strahlen Weiß in Weiß und versprechen vielerlei Ausblicke – ob die Mannheimer wohl ins Museum gehen, um Mannheim zu sehen? Zur Wettbewerbsentscheidung wird in der Bauwelt in Kürze berichtet. 

Dass die Kisten im Museumsbau auf dem Vormarsch sind, spricht nicht generell gegen diesen Baukörpertypus. Zu beklagen bleibt jedoch, dass die Sinnlichkeit der Architektur im Zusammenspiel von freier Form, makelloser Funktionalität, geeignetem Material und lokalen Bezügen immer seltener dort zur Geltung kommt, wo man sie erwartet: im Museumsbau.
Alles Tektonik oder was?
Werner Sewing: Architecture Sculpture. München 2004
Zum 1. Rundgang des Mannheimer Kunsthallen-Wettbewerbs
Autor:
ub
Veröffentlicht am
Dez. 12, 2012