"Wir sehen nur, was wir wissen"

Autor:
sh
Veröffentlicht am
Dez. 4, 2013

Am 21. und 22. November trafen sich im Deutschen Architekturmuseum (DAM) in Frankfurt bekannte und neue Gesichter, um mal wieder über das Thema "Architekturvermittlung an Schulen" zu diskutieren, Neues zu erfahren und sich auszutauschen. Mit welchen Ergebnissen?
(Bild: Jannik Hoffmann) 
Das große Interesse, das dieses Thema mittlerweile auch hierzulande weckt, spiegelt sich schon in der Teilnehmerzahl wider: 138 Lehrer und Pädagogen, Architekten, Grafiker und Kunstvermittler hatten sich an diesen beiden Tagen in der Mainmetropole versammelt, um – entsprechend dem Untertitel der Tagung  – "Spielräume für die baukulturelle Vermittlung" auszuloten. Die beiden Worte, die die Veranstalter als Überbegriff gewählt haben – Architektur ganztags –, weisen dabei schon auf einen neuen Spielraum hin. Wenn immer mehr Schulen in Deutschland zu Ganztagsschulen umfunktioniert werden, erhöhen sich die Chancen, dass Architektur und Baukultur endlich in die Curricula der verschiedenen Schularten Einzug halten. Denn – so wurde während der Tagung in Frankfurt immer wieder betont – Ganztagsunterricht könne und dürfe kein nachmittägliches Bastelprogramm sein, sondern müsse ein pädagogisch und inhaltlich gefülltes Angebot darstellen. Ein großes Hindernis auf diesem Weg stellt allerdings die föderale Struktur der Schulausbildung in Deutschland dar. Jedes Bundesland kocht sein eigenes Süppchen, was auch die Wüstenrot Stiftung bei der Ausarbeitung der Curricularen Bausteine für den Unterricht zu spüren bekam. (Dazu mehr im Artikel "Baukultur auf dem Schulweg", der im eMagazin 47|2012 erschienen ist.) Außerdem hat leider die Scheu vieler Lehrer vor der Architekturvermittlung noch immer nicht nachgelassen. Zu verschieden sind die Sprachen der beiden Disziplinen, zu komplex erscheint das Thema, zu wenig bekannt ist das Potenzial, das Architektur und Baukultur für die Unterrichtsgestaltung bieten. Denn Wissen zu diesen beiden Themen kann nur ganzheitlich vermittelt werden. Die Kinder und Jugendlichen sollten hierbei selbst aktiv werden und mit "Kopf, Herz und Hand" lernen, wie Christina Budde, Kuratorin Architekturvermittlung am DAM, in ihrem Beitrag betonte.
Am zweiten Kongresstag wurden die Teilnehmer im Rahmen von sechs verschiedenen Foren selbst aktiv. (Bild: Simone Hübener) 
Die zweite Chance, auf die der Tagungstitel hinweist, liegt darin, dass wir alle tagtäglich den Großteil unserer Zeit von Architektur umgeben sind. Wir haben also fast immer bewusst oder unbewusst damit zu tun. Doch wie können wir es erreichen, dass Kinder und Jugendliche auch auf diesen Gebieten mündige Bürger werden, die nicht nach dem Motto "gefällt mir" oder "gefällt mir nicht" ihr Urteil über ihre gebaute Umwelt fällen, sondern in Bürgerbeteiligungsprozessen konstruktive Kritik üben? Dazu müssen die Lehrpläne flexibler werden, die Barrieren in den Köpfen niedriger, noch mehr Schulleiter müssen ihr Kollegium unterstützen und fördern und die Veranstaltungen für Lehrer noch zahlreicher werden. Dabei ist besonders der Titel wichtig. Er sollte nicht nach Architektur und Baukultur klingen und nicht nur Kunstlehrer ansprechen, sondern Lehrer aus möglichst vielen Fachbereichen, also auch Deutsch, Physik und Mathematik. Als Kooperationspartner eignen sich die Anbieter von Lehrerfortbildungen hervorragend, denn sie kennen ihre Pappenheimer und können Kontakte vermitteln. Und zu guter Letzt sollten, wie in Berlin, Schritte in Richtung Politik unternommen werden. Dort haben sich die Mitglieder des Arbeitskreises "Architektur und Schule" bereits beim Senat Gehör verschafft und eine Rahmenvereinbarung ausgearbeitet, die nun hoffentlich bald unterschrieben wird. Nur so können die verkrusteten Strukturen aufgebrochen und Raum für Neues geschaffen werden.
Auf diese Frage gab es auch bei dieser Tagung leider keine Antwort. Wann der Durchbruch gelingen könnte, vermochte niemand zu prognostizieren. (Bild: Marion Starzacher, ARCHelmoma) 
Mit großen Schritten voran ging es also in Frankfurt leider auch nicht, von einem Durchbruch ganz zu schweigen. Doch das können solche Tagungen auch nicht leisten. Sie liefern vielmehr neue Impulse und dienen dem Austausch und der Motivation der verschiedenen Akteure, damit diese mit neuen Ideen und neuer Energie ihren Weg weitergehen. Den Anspruch, international zu sein, konnte die Tagung leider nicht einlösen. Denn dazu hätten bei diesem Thema mindestens ein Redner aus Österreich und einer aus Finnland ihre Statements abgeben müssen. Denn nach wie vor sind diese beiden Länder bei der Architekturvermittlung an Kinder und Jugendliche im schulischen wie im außerschulischen Bereich führend – daran hat sich seit unserem ersten Artikel 2008 im diesem eMagazin nichts geändert.
Finnland ist Deutschland noch in einem anderen Bereich weit voraus. Denn die besten Schulen – gesehen mit den Augen der Lernenden und der Lehrenden und nicht mit denen der Architekten – finden sich noch immer in diesem nordeuropäischen Land. Da freut es, dass das DAM im kommenden Jahr die Gelegenheit ergreifen und parallel zur Buchmesse eine Ausstellung mit finnischen Schulbauten präsentieren wird (mehr dazu finden Sie in Kürze auf der Webseite des DAM).
 
Denn das Schulgebäude, das nach anderen Lernenden und den Lehrern gerne als dritter Pädagoge bezeichnet wird, trägt einen großen Teil dazu bei, ob die Lerninhalte auch wirklich bei den Schülern ankommen (siehe hierzu auch die neuen Leitlinien für leistungsfähige Schulbauten der Montag Stiftungen "Jugend und Gesellschaft" und "Urbane Räume"). Damit dieses ebenso wichtige Thema hierzulande regelmäßig auf der Agenda der Verantwortlichen erscheint, veranstaltet das Fraunhofer-Institut für Bauphysik IBP seit 2009 in Stuttgart den Kongress "Zukunftsraum Schule". Bei der dritten Veranstaltung, die mit 550 Teilnehmern am 12. und 13. November in Stuttgart stattgefunden hat, ging es um die nachhaltige Gestaltung von Schulgebäuden. Eingeleitet mit einem kritischen Vortrag von Arno Lederer unter dem Titel "Von wegen Zukunft" lieferten die Referenten den Teilnehmern ein breites Spektrum an Informationen von "Schulvorhaben des Landes" über nachhaltige Schulbauten bis hin zu einer erziehungswissenschaftlichen Reflexion zu Bildungsräumen. In einem der drei Workshops konnten dann verschiedene Themen wie "Viel Raum für Leistung" und "Schulbau integral" vertieft werden. Die Relevanz dieses Kongresses zeigt sich schon allein darin, dass viele Teilnehmer von weither anreisen, um dabei sein zu können. So bleibt zu hoffen, dass sich die Schüler künftig aktiv und ausgestattet mit dem nötigen Wissen am Bau guter Schulen beteiligen können. sh


Zur Frankfurter Tagung erscheint voraussichtlich im Frühjahr 2014 beim kopaed verlag (München) eine Dokumentation mit allen Tagungsbeiträgen, Impulsreferaten und Ergebnissen der Foren. Sie wird im in München erscheinen, vermutlich im Frühjahr 2014.

Am 14. März 2014 findet im DAM eine ganztägige Veranstaltung zu den Curricularen Bausteinen der Wüstenrot Stiftung und deren Verwendung im Unterricht statt.

Die Fachvorträge und den Tagungsband des dritten Kongresses "Zukunftsraum Schule" können Sie in Kürze hier herunterladen.