Foto © Modellwerkstatt Dortmund
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Neuformulierung des „Haus Altenberg“

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Adresse
Eugen-Heinen-Platz 2, 51519, Odenthal
Jahr
2017

Der Anlass
Das „Haus Altenberg“ ist seit 1922 Jugendbildungsstätte und Jugendgästehaus des Erzbistums Köln. Die neben dem Altenberger Dom gelegenen baulichen Anlagen von Haus Altenberg entsprechen nicht mehr den heutigen Anforderungen an einen zeitgemäßen Gästebeherbergungsbetrieb, weshalb das Erzbistum Köln als Eigentümer zusammen mit gernot schulz : architektur aus Köln eine umfassende strukturelle und architektonische Neuformulierung plant. Nach einer 1,5 jährigen Phase der archäologischen und denkmalpflegerischen Bauforschung haben die Bauarbeiten an Haus Altenberg begonnen und werden im Frühjahr 2016 abgeschlossen sein. Die Bauforschung hat umfangreiche Erkenntnisse über die Baugeschichte des Ortes ergeben, die bis in die romanische Gründungszeit des Klosters zurück gehen. Am Freitag den 20.06.2014 findet die Grundsteinlegung der nun beginnenden neuen Bauphase statt.

Die Geschichte
Das heutige Gebäudeensemble südlich des alles überragenden Altenberger Doms, verweist auf das einst hier befindliche Zisterzienserkloster, 1145 gegründet und bis 1803 existent. Eine romanische Vorgängerkirche hatte – so die neuesten Erkenntnisse der aktuellen Bauforschung – wohl bereits einen Kreuzgang im Bereich des späteren Kellereigebäudes der barocken Anlage. 1259 begann mit der Grundsteinlegung für den Neubau der gotischen Klosterkirche eine drei Jahrhunderte währende gotische Bauphase an deren Ende eines der wichtigsten Zisterzienserkloster Mitteleuropas stand. Im Barock erreichte das Klosterensemble seine größte bauliche und räumliche Ausdehnung, welche in einem Stich von Jakob Sartor aus dem Jahre 1707 dokumentiert ist. Nach der Säkularisierung zu Beginn des 19. Jahrhunderts wurden Teile der baulichen Anlage zunächst als Hospital, später als Farbenfabrik genutzt. 1815 wurde die Klosteranlage dann durch einen Großbrand zerstört und verfiel in den Folgejahren zu Ruinen.

Zwischen 1835 und 1847 erfolgte auf Veranlassung des preußischen Kaisers Friedrich Wilhelm IV der Wiederaufbau des Doms, was den Impuls für weitere Baumaßnahmen im Bereich der ehemaligen Klostergebäude, beginnend mit einer zunächst freistehenden neogotischen erzbischöflichen Villa (Architekt: Vincenz Statz) vis-à-vis des nun „preußischen“ und mit protestantischem Nutzungsrecht belegten katholischen Doms gab.

Ab 1924 erfolgte zunächst die neobarocke Wiederherstellung und Ergänzung der vorhandenen Bauten durch den Regierungsbaumeister Karl Brocker, die jedoch im Zuge des politischen Wandels 1931 gestoppt wurde. Zwischen 1932 und 1933 wurde der Architekt Hans Schwippert mit der Vollendung der Brocker´schen Baupläne einhergehend mit einer moderneren gestalterischen Neuausrichtung im Geist der innerkirchlichen Erneuerung betraut. Insbesondere im Innenraum setzte Schwippert mit heute zerstörten Ausbauten im Geiste des Deutschen Werkbundes Akzente. Die durch Schwippert erfolgte „Purifizierung“ und Zusammenführung der verschiedenen Baustile prägen das heutige Bild des Hausensembles trotz einiger unglücklicher Zubauten des 20. Jahrhunderts.

In den 1970er Jahren wurde vom Kölner Architekten Paul Hopmann der ehemalige östliche Kreuzgangflügel mit einem den Hof schließenden Funktionalbau überbaut und Richtung Westen eine an die ehemalige erzbischöfliche Villa heran reichende Verbindung geschaffen, so dass ein neuer an die Kreuzgangtypologie erinnernder Innenhof geschaffen war. In den Hopmann-Bau ist das einzig erhaltene Wandstück des gotischen Klostergebäudes integriert, an dessen Ostseite sich der sog. Priorshof aus der barocken Ausbauphase des Klosters befindet.

Der Entwurf
Aufbauend auf einer intensiven Grundlagenermittlung und Vorkonzeption des Erzbischöflichen Bauamts entstand die Idee einer Straffung und Neuformulierung der Klausuratmosphäre des „Haus Altenberg“ mit einer ablesbaren Raumfolge aus Gebäuden und Höfen. Bewusst soll atmosphärisch an die Klosterhistorie erinnert werden, ohne eine angemessene „Robustheit“ des Jugendgästehauses zu negieren.

Als erster Planungsschritt wird der gesamte Bestand typologisch neu geordnet, sodass eine Ost-West gerichtete Mittelachse in den Geschossen entsteht. An diesen „Boulevard“ lagern sich alle Seminar- und Versammlungsräume sowie Treffpunkte entlang der Verkehrszonen im Gebäude an. Der Haupteingang zum Gebäude wird wieder an seine historische Position im Westen verlagert.

Als mehrmonatige Forschungsarbeit angelegt führte der Entwurfsprozess zu der Frage der eigenen architektonischen Haltung gegenüber dem historischen Bestand. Sich in einer Art „Dritten Weg“ zwischen die aktuellen architektonischen Strömungen des Historisierens und einer kontrapunktisch angelegten Moderne positionierend, ist ein aus Bezügen zu historischen Raumanmutungen, zur regionalen Baukultur und zu örtlichen Bau- und Handwerkstraditionen entwickelter Gestaltungskanon angelegt.

Bestehende und denkmalgeschützte Gebäude, wie z.B. die auf romanische Grundmauern zurückgehende heute in einer Mischung aus gotischer und barocker Überformung präsente Kellerei des ehemaligen Klosters oder auch die neogotische erzbischöfliche Villa und der barocke Priorshof werden, wo immer nutzungsbedingt möglich, auf eine „Lesbarkeit“ der Bauhistorie zurückgeführt um diese besondere Atmosphäre des Ortes auch für zukünftige Generationen erfahrbar zu machen. Funde der Bauforschung werden wo möglich „in sito“ oder aber in Abstimmung mit der Denkmalpflege an historischer Stätte in den Ausbau der Gebäude integriert.

Der Neubau im ersten, an den Dom angrenzenden sog. Konversenhof, ist als in Form und Material archaischer Klausurhof gedacht, ist funktionaler „Verbinder“ alter und neuer Raumfolgen und birgt als Mittelpunkt des „Haus Altenberg“ eine neue Kapelle. Ein durchwegbarer erdgeschossiger Saal unter der Kapelle verbindet zum zweiten, grünen Innenhof. Dieser Hof wird seine zukünftige Wirkung aus dem Zusammenspiel der eher solitären Wirkung von Dom , ehemaliger erzbischöflicher Villa und der neuen Giebelfront des Kapellenbaus erhalten, der sich auf die „Spur“ des einstigen Westflügels des gotischen Klostergebäudes legt.

Weiter nach Süden, im Bereich der ehemaligen Remisen des Klosterbezirks, bedarf es größerer Eingriffe, da hier seit der letzten Neustrukturierung das Hausensemble gewachsen ist und die ehemals in die freie Landschaft orientierte Geste des Treppengiebels der erzbischöflichen Villa und des Loggiavorbaus des Südflügels ihren Sinn eingebüßt haben. Ein Neubau an dieser Stelle, der Bewirtungsbereiche, Seminarräume und die Hausverwaltung aufnimmt, versucht eine Neuinterpretation der Hoftypologie, indem die Speisesäle im Verbund mit abtrennbaren Seminarräume als überdachter Marktplatz konzipiert werden. Ein diesen gedachten Platz umgreifender Gebäudewinkel vermittelt unprätentiös zur Tektonik und Architektursprache des Kellereigebäudes. Der Loggiavorbau des Südflügels wird entfernt und die ehemalige Außenmauer des Bauensembles des 18. und 19. Jahrhunderts als „Marktplatzfassade“ in die Wirkung des Neubaus integriert.

Das Hopmann´sche Langhaus wird nach Süden verlängert, architektonisch gestrafft und bildet mit den Remisenneubau einen offenen in die Landschaft orientierten Hof, der auf zwei sich gegenüber liegenden bewirteten Terrassen zum Verweilen und Feiern einlädt. Der nun wieder frei gestellte Treppengiebel der ehemaligen erzbischöflichen Villa entfaltet eine neue Wirkung und wirkt als Hauptgebäude gleich einer Rathausfassade in diesen Hof hinein.

Weitere anstehende Eingriffe in das Ensemble sind: Im Südosten, angrenzend zum Priorshof, werden Gebäudeteile des 20. Jahrhunderts abgerissen. Teilweise noch vermutete gotische Grundmauern könnten Teil einer Außenraumgestaltung werden.

Ein erstes Gebäude – die Orangerie
In Altenberg/Odenthal steht ein Bauensemble aus ehemaliger Klosterkirche – dem so genannten Altenberger Dom – und weiteren Bauten. Diese zeigen sichtbar eine baugeschichtliche Tätigkeit vom Barock bis in das 20. Jahrhundert, bergen aber immer noch Details und Bauelemente, die auf die Baugeschichte des Ortes mit Gründung eines romanischen Klosters und späteren gotischen und barocken Blütezeiten einer Klosteranlage verweisen. Starke Zerstörungen in Folge der Säkkularisierung des 19.Jahrhunderts und eine Neustrukturierung der Anlage im Zuge der Nutzung durch die katholische Jugendbewegung seit Beginn des 20. Jahrhunderts formten das heutige Bild der Anlage.

Derzeit wird die Gesamtanlage saniert und für die baulichen und inhaltlichen Anforderungen der nächsten Dekaden umgebaut. Als erste Maßnahme ist ein ehemaliges barockes Orangeriegebäude fertig gestellt. Dieses, im Zuge des 20. Jahrhunderts als Wohngebäude genutztes und hierfür mit einem Zwischengeschoss ausgestattete Gebäude wurde – begleitet durch die Bauforschung – auf seine originale bauliche Struktur zurückgebaut und mittels weniger sichtbar additiv hinzugefügter neuzeitlicher Elemente zur Nutzung als Seminargebäude mit Rektorenwohnung im Dachgeschoss hergerichtet.

Es zeigt bereits den auch für das Haupthaus vorgesehenen Umgang mit alter Bausubstanz und die Materialisierung der Innenräume: Wo bautechnisch und baurechtlich möglich wird die originale Bausubstanz mit den Spuren der baulichen Überformungen der Geschichte gezeigt. Dabei werden die verschiedenen Steinfarben und –arten mittels einer weissen Kalkschlämme auf ihre strukturell/haptische Aussage reduziert und das vorgefundene Baumaterial Eichenholz auch für neue Ausbauelemente genutzt. Bestandsbalken der Dachkonstruktion wurden mittels eines Eisstrahlverfahrens gereinigt und von alten Anstrichen befreit. Die ebenfalls weiss lasierte Holz-Lamellendecke vermittelt als neues architektonische Element zwischen dem historischen und tektonischem Bild der Balkendecken und den im Hohlraum darüber „versteckten“ Bauteilen für den vorbeugendem Brandschutz, Lüftungs- und Sicherheitssystemen, sowie bauakustischen Flächen.

Außenwände wurden innenseitig mittels einer Foamglasdämmung, Lehmputz und Lehmputzanstichen behandelt. Für die Dachhaut wurden historische Ziegelformen und Handwerkstechniken genutzt, das große Orangeriefenster nach Süden – im 20. Jahrhundert durch eine Fachwerkkonstruktion gefüllt – wurde wieder geöffnet und in dessen Gesims eine Beschattungsanlage des Südfensters integriert.

Im Zuge der Herstellung der Außenanlagen des Gesamtensembles wird ein vorgelagerter Garten strukturell an den ehemaligen barocken Küchengarten an dieser Stelle erinnern.

Die Kapelle
Teil der Erweiterung ist der Neubau einer Kapelle im 1.OG des auf der historischen Spur des gotischen Kreuzgangs verorteten Neubaus südlich des Altenberger Doms. Die aus der Geschichte abgeleitete Position des Neubaus birgt für die Kapelle die Herausforderung einer entgegen der lithurgischen Ausrichtung nach Osten langgestreckten Raumproportion. Es entsteht ein auf ein neuzeitliches Maßwerkfenster ausgerichteter asymmetrischer Kapellenraum, bestehend aus einem fest möblierten Hauptraum und einem bewusst leer gehaltenen Nebenbereich. Der lithurgische Bereich ist zentral auf eine für die Historie des Haus Altenberg wichtiges Bestandskreuz ausgerichtet. Deckengewölbe, Chorfenster und Eingangsparadies erhalten eine aus der Tradition entwickelte zeitgenössiche Sprache, die sich an die Nutzer des Gebäudes, die katholische Jugend des Erzbistums Köln wendet.

Aufgabe
Neubau / Umbau Jugendgästehaus und Jugendbildungsstätte am Altenberger Dom
Strukturelle und architektonische Neuformulierung des „ Haus Altenberg“

Bauherr
Erzbistum Köln / Generalvikariat

Verfahren
Direktauftrag

LP gem. HOAI
1-5 + 8 künstlerische Oberleitung

BGF | BRI | NF
12.140 qm | - | -

Projektkosten
-

Planungszeit
2011 – 2015

Bauzeit
2013 - 2016

Planungsbeteiligte
gernotschulz : architektur GmbH, Köln
Ausschreibung und Bauleitung: H+P Bauingenieure, Köln
Tragwerksplanung + Brandschutz: Kempen Krause Beratende Ingenieure, Köln
TGA: ZWP Ingenieur-AG, Köln
Bauphysik: Schwinn Ingenieure, Bonn

Team gs :a
Prof. Gernot Schulz, Verena Bick, Raphaella Burhenne de Cayres, Hubert Braunisch, Linda Hegenberg, Kai Hennemann, Kimon Krenz, Cathérine Minnameyer, Alexander Phan, Christine Pfeifer, Stefanie Rahmacher, Benedikt Reipen, Kerstin Rothmann, Cristina Teran, Kata Toth, Gudrun Warnking, Caroline Wend, Andrea Zoll, Cordula Zorn, André Zweering

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