Christina Dreesen: „Der Arbeitsplatz ist fundamental eine soziale Erfahrung, dazu noch eine wichtige Lernumgebung und ein kultureller Lebensbereich.”

Thomas Geuder
13. Dezember 2022
Christina Dreesen (Foto: Arup)

Thomas Geuder: Frau Dreesen, als Architektin haben Sie in den vergangenen gut 30 Jahren zahlreiche nationale und internationale Büroprojekte realisieren können. Was charakterisiert Ihre Arbeit bei Arup, wo Sie seit 2011 beschäftigt sind, und welchen für Ihren Anspruch wichtigen Fokus können Sie im Unternehmen legen?

Christina Dreesen: Arup ist für uns Architekten ein Begriff für innovatives Ingenieurwesen.  Was jedoch viele nicht wissen, ist, welche breitgefächerte und multidisziplinäre Entwicklung das Unternehmen – über die reine Ingenieurplanung hinaus – durchgemacht hat und wie sehr uns ökologische und soziale Werte prägen. Ove Arup hat diese bereits 1970 in seinem Key Speech definiert. Daran hält sich die Firma noch heute. Für mich sind es genau die kreative, interdisziplinäre und internationale Zusammenarbeit sowie der ausgeprägte Fokus auf unsere Mitarbeiter, die mich motivieren. Meine Arbeit im Arup-Team führt diese Aspekte zusammen: menschenzentrierte Planung und Beratung, gepaart mit unserer technischen Expertise und unter Einbeziehung der wichtigen Themen der Nachhaltigkeit, die uns heute bewegen. 

Charlotte Street, London (Foto: Hufton+Crow)
Charlotte Street, London (Foto: Hufton+Crow)

Ihre derzeitige Arbeit setzt sich intensiv mit der Transformation der Arbeitswelt auseinander, ganz bewusst mit dem Menschen im Zentrum Ihrer Betrachtungen. Was bedeutet das konkret?

Ich brauche wohl kaum zu beschreiben, wie die Pandemiejahre, der damit verbundene Digitalisierungsdruck und die veränderten Anforderungen der Mitarbeitenden den Wandel unserer Arbeitswelt beschleunigt haben. Es gibt ein neues Bewusstsein für die Vorzüge der menschlichen Interaktion, für mehr Zusammenarbeit und Wohlbefinden. Der Arbeitsplatz ist fundamental eine soziale Erfahrung, dazu noch eine wichtige Lernumgebung und ein kultureller Lebensbereich. Die Mitarbeitenden wünschen sich mehr Flexibilität bei der Auswahl ihres Arbeitsortes, multifunktionale und gesundheitsfördernde Räume sowie technologiegestützte Tools für nahtlose oder agile Zusammenarbeit. Die Arbeitsmodelle, die nur auf Flächeneffizienz und Rendite basieren, sind heute nicht mehr zeitgemäß und lassen das Wohlbefinden der Nutzer außer Acht. 

Viele der Organisationen unserer Kunden stellen sich bereits diesen Veränderungen, um ihre Kultur und Identität zu stärken. Konkret bedeutet es, dass wir Arbeitskonzepte gemeinsam mit unseren Kunden entwickeln, indem wir Ihre Tätigkeiten, Anforderungen und Bedürfnisse im Vorfeld erfragen und analysieren, diese in einem Co-kreativen Prozess bei der Planung berücksichtigen und dabei auch unser technisches Know-how für ein nachhaltiges Ergebnis einbringen. 

Charlotte Street, London (Foto: Hufton+Crow)

Unter Ihren Referenzprojekten finden sich einige weltweit agierende Unternehmen, für die Sie Bürokonzepte und -strategien entwickelt haben. Berichten Sie aus Ihren Planungserfahrungen: Welche Entwicklungen in der Bürogestaltung der letzten Jahrzehnte waren Ihrer Meinung nach wegweisend, welche haben sich als Irrweg herausgestellt?

Es stimmt, die Bürokonzepte der letzten 50 Jahre haben eine Evolution durchgemacht, parallel zu den gesellschaftlichen Entwicklungen ihrer Zeit. Man denke nur an die Einzelbüros der Vergangenheit, getrennt von langen dunklen Fluren, welche später durch große (und laute) Open-Office-Bereiche als Lösung für Flächeneffizienz ersetzt wurden. Ironischerweise haben uns digitale Technologien, die früher als trennend und isolierend empfunden wurden, in den letzten beiden Jahren in der Kommunikation nähergebracht und unsere Arbeit in vielen Bereichen überhaupt ermöglicht. 

Wir entfernen uns von starren Prozessen und Hierarchien, von Silobildung und unflexiblen Arbeitszeiten und -orten. So komplex wie der Mensch ist auch seine Arbeitsumgebung. Wir selbst prägen und formen sie. Es geht heute um die ganzheitliche Betrachtung von Persönlichkeit und Arbeitsumfeld-Qualität. Unsere Erkenntnis ist, dass es keine allgemeingültigen Arbeitsplatzkonzepte gibt, denn jede Organisation ist anders und findet ihre eigenen Lösungen. Die neuen Arbeitsplätze müssen jedoch Freiraum für Kreativität und unterschiedliche Aktivitäten bieten. 

Zudem merken wir, dass die Architekturpsychologie eine treibende Rolle einnimmt: gesundheitsfördernde Raumlösungen, Lichtqualität, die richtige Akustik, Farbgestaltung, Biophilie – es werden die vielfältigen Bedürfnisse einer neurodiversen Belegschaft erkannt. Auch das Tabu rund um die psychische Gesundheit am Arbeitsplatz löst sich allmählich auf. 

Charlotte Street, London (Foto: Paul Carstairs / Arup)

Architektur und Innenarchitektur, also die bauliche Hülle und der Innenausbau, werden bei der Planung von Bürogebäuden oft getrennt voneinander betrachtet. Wie sinnvoll ist das, besonders vor dem Hintergrund der flexiblen Nutzbarkeit von Gebäuden in der Zukunft?

Früher gab es wirtschaftliche Treiber für diese Trennung. Wenn wir dieses heute aus der aktuellen Perspektive des zirkulären Bauens betrachten, hat es Vorteile. Der immer stärker werdende Bedarf nach einer flexiblen Innenraumnutzung fordert auch die getrennte Betrachtung von Gebäudehülle und Innenausbau, zumal wir uns künftig immer mehr auf den Gebäudebestand konzentrieren müssen. Wiederverwendbarkeit von Strukturen und Materialien der Gebäudehülle, gepaart mit einem modularen und beweglichen, idealerweise rückbaubaren Innenausbau, tragen zur langfristigen, multifunktionalen Nutzbarkeit bei. Hinzu kommen anpassungsfähige Haustechniksysteme für Modernisierungen und Umbaumaßnahmen, die auf den Innenausbau so flexibel wie möglich eingehen können. Erwähnenswert sind auch die neuen Miet- oder Gebrauchtmöbel-Modelle, die einen regelmäßigen, nutzergerechten Austausch ermöglichen. 

Diese Kreislauf-orientierte Denkweise inspiriert mich als Architektin und stellt vieles infrage, was ich in der Uni und in der Praxis der letzten Jahrzehnte gelernt habe. Aber genau deswegen ist es spannend. Wir bewegen uns weg vom Konsumieren hin zum Verwenden und schließlich zum Wiederverwenden. 

Charlotte Street, London (Foto: Paul Carstairs / Arup)

Das Arbeiten im Büro hat sich seit der weltweiten Coronapandemie stark verändert. Man kann auch sagen: Der Anspruch der Mitarbeiter an ihren Arbeitsplatz hat sich grundlegend gewandelt, etwa beim Thema Homeoffice. All das bringt einen Wandel in der Unternehmenskultur mit sich, dessen Ausgestaltung mitunter noch nicht ausdiskutiert ist. Was raten Sie Unternehmen, die sich mit den aktuellen Veränderungsprozessen konfrontiert sehen?

Inzwischen müssen wir Veränderung (die sogenannte  VUKA-Welt, ein Akronym der Worte Volatilität, Unsicherheit, Komplexität und Ambivalenz/Ambiguität) als Teil unseres Lebens akzeptieren. Indem wir das tun, werden wir anpassungsfähiger, resilienter und sind in der Lage, schneller auf neue Zustände zu reagieren. Organisationen, die das erkennen, wissen auch um den Wert einer auf ihre Anforderungen maßgeschneiderten Gestaltung von Veränderungsprozessen, sei es nun die Einführung einer Nachhaltigkeitsstrategie, einer hybriden Arbeitswelt oder die digitale Transformation des Unternehmens. Es sind allerdings immer die Menschen einer Organisation, die dieses mittragen müssen, damit es gelingt und aus einer Veränderung eine echte Transformation wird.

Bei der Einführung einer neuen, zum Beispiel hybriden Arbeitsweise ist eine enge Change-Management-Begleitung sehr hilfreich. Auch das Engagement der Geschäftsführung für die Durchführung der Vision sowie ein offenes Ohr für Ideen und Wünsche der Mitarbeitenden, deren Bedürfnisse und deren Ängste, ermöglichen die „Pulskontrolle“ während des gesamten Prozesses. So kann man laufend Anpassungen durchführen. Eine transparente Kommunikation über verschiedene Medien während der gesamten Laufzeit stellt sicher, dass alle informiert bleiben und keine Gerüchteküche entsteht. Schließlich, um den neuen Zustand zu verankern, sollten auch im Nachgang Feedbackrunden und daraus resultierende Optimierungen eingeplant werden.

 

Charlotte Street, London (Foto: Paul Carstairs / Arup)
Charlotte Street, London (Foto: Paul Carstairs / Arup)

Digitales Arbeiten kann im Grunde überall stattfinden, doch auch der persönliche Kontakt zu Kollegen im Team ist wichtig. Eine eher persönliche Frage: Wie arbeiten Sie momentan und wie sähe Ihr idealer Arbeitsplatz der Zukunft aus?

Ich gehe in unser Büro, weil ich meine Kollegen treffen möchte. Die persönliche Kommunikation von Angesicht zu Angesicht oder das lockere Zusammensein sind unersetzlich. Die dortige Arbeitsumgebung hilft mir auch: Es gibt Bereiche für unterschiedliche Tätigkeiten, die ich meinem Arbeitsalltag entsprechend nutze. Dafür ziehe ich mehrfach am Tag mit meinem Laptop um und bewege mich dadurch viel mehr. Für Fokusarbeit ziehe ich das Homeoffice vor, dank der digitalen Tools, die eine nahtlose Verbindung zum Büro ermöglichen. Mein Ideal wäre eine ausgewogene Mischung aus Aktivität mit Kollegen im Büro, Ruhe und Fokus daheim, zwischendrin körperliche Bewegung und die Möglichkeit auch in alternativen Bereichen zu arbeiten, z. B. auf einer Dachterrasse oder in einem Urban Garden.

Charlotte Street, London (Foto: Paul Carstairs / Arup)

Christina Dreesen ist Associate Director bei Arup und leitet die Abteilung Change Advisory in Deutschland.

Sie ist Architektin mit langjähriger Erfahrung in der Planung und Ausführung breitgefächerter Projekte in den Bereichen Immobilien, Projektentwicklung, Luftfahrt und Bildung, mit Schwerpunkt Projektmanagement, Change Management und nachhaltiges Bauen. Ihr Tätigkeitsfeld umfasst u. a. die Implementierung von Future of Work Konzepten, unter Einbeziehung von Nachhaltigkeit- und Kreislaufwirtschafts-Strategien. Mit ihrem Team begleitet sie auch die Change-Prozesse ihrer Kunden, insbesondere bezogen auf den Wandel der Arbeitswelt und auf die Veränderungen, die sich durch den Klimawandel und die digitale Transformation abzeichnen.

New Work, Sustainability und Home-Office im Fokus

Unter dem Motto „Home of Consumer Goods“ finden vom 3. bis 7. Februar 2023 erstmalig die Ambiente, die Christmasworld und die Creativeworld zeitgleich auf einem der modernsten Messegelände der Welt statt. Besonders die neue Ausgestaltung des Produktbereiches Working unter dem Dach der Weltleitmesse Ambiente schafft zukunftsorientierte Impulse. Denn bei Ambiente Working dreht sich alles um die Themen Bürobedarf und Büroausstattung – im Hinblick sowohl auf das klassische Office, aber auch mobiles Arbeiten, Home-Office, Co-Working-Spaces und Future of Work.

www.ambiente.messefrankfurt.com/working | www.consumergoods-frankfurt.com
 
Future of Work Academy an der Ambiente in Frankfurt

Die Future of Work Academy richtet sich an Architekten, Facility Manager und Planer wie auch an Händler für Bürobedarf und -einrichtungen. Nach seiner erfolgreichen Premiere 2017, beleuchten dieses Jahr insgesamt acht Vorträge die derzeitigen Veränderungen der Arbeitswelt, digitale Lösungen zur Zusammenarbeit sowie nachhaltige Konzepte für einen modernen Arbeitsplatz. An der Ambiente 2023 bietet die Future of Work Academy am 4. und 5. Februar von 10:30 bis 14:30 Uhr Vorträge, die jeweils anderen Sichtweisen auf das Thema Arbeit Raum geben. 

Vorträge an der Future of Work Academy am 4. und 5. Februar 2023

Peter Ippolito (Ippolito Fleitz Group), Nina Delius (schneider+schumacher, Sophia Klees (jack be nimble lighting | design | innovation), Klaus K. Loenhart (STUDIO TERRAIN), Prof. Tina Kammer (InteriorPark.), Klaus de Winder (de Winder Architekten), Hans Schneider (J. MAYER H. und Partner, Architekten), Monika Lepel (LEPEL & LEPEL Architekt Innenarchitektin)
​Ambiente Working – Future of Work Academy – Anmeldung

World-Architects ist Content-Partner der Messe Frankfurt.

Vorgestelltes Projekt

ppp architekten + stadtplaner

Neubau Amtsscheune Zarrentin

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