Interview mit Giulio Castegini, Drees & Sommer

Future Office - Büro der Zukunft: Flexibilität II

Thomas Geuder
29. Oktober 2018
Aareal Bank, Wiesbaden, Fertigstellung 2017 (Bild: Rick Geenjaar / Drees & Sommer)

Die allgegenwärtige Digitalisierung ist vor allem im Büro spürbar, wo viele Technologien aufeinandertreffen und so ungeahnte Möglichkeiten des Arbeitens bringen. Wie aber wollen wir zukünftig arbeiten? Welche Zukunftsmodelle gibt es? Wie flexibel müssen Arbeitsplätze und damit die Mitarbeiter schon heute und in Zukunft sein? Wie haben einen Planer und einen Zukunftsforscher gebeten, uns von ihren Gedanken dazu zu erzählen. In dieser Folge: Giulio Castegini, Drees & Sommer.

Interviewpartner: Giulio Castegini, Drees & Sommer (Frankfurt am Mai, DE)

Das Gespräch mit Raphael Gielgen von Vitra über das „Future Office – Büro der Zukunft“ lesen Sie hier: Future Office - Büro der Zukunft: Flexibilität I

Thomas Geuder: Herr Castegini, in der Firmenphilosophie von Drees & Sommer ist zu lesen: „Innovation und ‚anders Denken‘ prägen Drees & Sommer bis heute“. Wie sah die Welt der Büroplanung in den 1970er-Jahren, als das Unternehmen gegründet wurde, noch aus und von welchen Visionen schwärmte man damals?
Giulio Castegini: 1970 gründete Gerhard Drees ein kleines Ingenieurbüro in Stuttgart, das damals aus einem dreiköpfigen Team bestand. Gerhard Drees und sein Mitgründer Hans Sommer hätten damals vermutlich nicht gedacht, dass daraus ein international tätiges Unternehmen mit mehr als 2.840 Mitarbeitern werden würde. Innovation und „anders Denken" prägen Drees & Sommer bis heute. Die Visionen von Drees & Sommer waren damals, wie auch heute, geprägt durch die Leidenschaft und Attitude – den sogenannten „Dreso-Spirit“. Größenbedingt und tätigkeitsbedingt haben wir in den vergangenen Jahrzehnten alle Büroformen – vom Zellenbüro, über Kombibüro bis hin zum heutigen Multispace – wie eine Lernkurve durchschritten. Für uns stand und steht bei Projekten immer im Vordergrund, dass wir stets nutzerorientierte Lösungen für unsere Kunden finden und dies gilt natürlich auch für unser Unternehmen und unsere eigenen Mitarbeiter selbst. Nachhaltigkeit, Innovation und Herkunft prägen unsere Haltung und unseren Spirit, die bei jeglicher Visionsfindung eine wichtige Rolle spielen. Unsere Vision in Sachen „Workplace“ hat sich dahingehend entwickelt, dass wir uns seit der Gründung zunehmend mit den Bedürfnissen von Nutzern und der „Art des Arbeitens“ beschäftigen.

Aareal Bank, Wiesbaden, Fertigstellung 2017 (Bild: Aareal Bank AG / Eibe Sönnecken)

Thomas Geuder: In der Planung von Büros tut sich seit Jahren ja einiges, angetrieben nicht zuletzt von der immer weiter fortschreitenden Digitalisierung. Berichten Sie bitte aus Ihrem Arbeitsalltag: Wohin geht die Reise der Büroplanung derzeit und welche Entwicklungen halten Sie persönlich für sinnvoll?
Giulio Castegini: Eine gute Mischung aus analogen Design-Lösungen und Digitalisierung in der Arbeitsumwelt beschäftigt uns bei unserer Planung. Im Zentrum des Ganzen steht der Nutzer – besser gesagt das Nutzerverhalten. Denn bei vielen Bauvorhaben liegt der Fokus zunächst nur auf der Architektur und der technischen Umsetzbarkeit. Die Belange der Nutzer werden dagegen oft zu spät und manchmal auch gar nicht abgefragt. Daneben ziehen Megatrends wie Globalisierung, Digitalisierung, Individualisierung, Mobilität und Urbanität einen grundlegenden Wandel der Arbeitswelt nach sich. Modernes Arbeiten erfordert daher flexible Strukturen und eine Weiterentwicklung der bestehenden Arbeitsplatztypologien. Lebendige Kommunikation gibt Nutzern mehr Sicherheit, schafft Identität und Zugehörigkeit und unterstützt den Wandel von Unternehmen.

Thomas Geuder: Das Zellenbüro ist längst out, auch das Großraumbüro mit demokratisch gleichwertigen Arbeitsplätzen. Die Wahrheit liegt – wie so oft – irgendwo dazwischen. Welche grundsätzlichen Maßnahmen verschreiben Sie einem Unternehmen, das möglichst viel für seine Mitarbeiten tun will?
Giulio Castegini: Genau genommen gibt es kein „in“ oder „out“, wenn man sich mit Büroformen und Typologien beschäftigt. Im Vordergrund steht, dass diese nutzerbezogen erarbeitet und in Bezug auf die Immobilie planerisch geprüft werden. Beide Anwendungen sind grundlegend für eine Veränderung / die Transformation eines Unternehmens. Heutzutage beschäftigen wir uns mit Multispace-Lösungen, weil sie uns auch eine gewisse Implementierungsflexibilität in der Planung erlauben. Die Vielfalt der räumlichen Nutzungsangebote ermöglicht außerdem, die passenden und maßgeschneiderten Design-Lösungen für Kunden zu finden.

Drees & Sommer, Frankfurt am Main, Fertigstellung 2017 (Bild: Rick Geenjaar / Drees & Sommer)

Thomas Geuder: Die derzeitige Digitalisierung bringt womöglich auch eine Art Generationenkonflikt mit sich: Während die „Alten“ gerne ihren festen Arbeitsplatz haben, ihr Territorium quasi, sind die „Jungen“ gewohnt, flexibel und individuell mit den Arbeitsmitteln und in der Folge auch den Räumen umzugehen. Welche Vorteile und Nachteile können Sie erkennen?
Giulio Castegini: Ich würde nicht von einem Generationenkonflikt sprechen wollen. Da wir Mitarbeiter aus unterschiedlichen Generationen in unserem Unternehmen beschäftigen, lösen sich Konflikte auf, wenn alle Mitarbeiter stets offen für Veränderung sind. Ältere Mitarbeiter müssen mutiger mit den neuen Möglichkeiten, Tools und Arbeitsräumen umgehen. Es ist darüber hinaus wichtig, jeden Mitarbeiter an die Hand zu nehmen und sogenannte Guidelines aufzusetzen, die zur Orientierung für alle Mitarbeiter dienen. In den letzten Jahren hat sich der Trend zu mehr Offenheit in der Arbeitsumgebung durchgesetzt. Viele unserer Kunden denken daher an eine entsprechende Transformation ihrer Büros. Besonders wichtig ist dabei, dass Mitarbeiter aktiv in die Gestaltung eines neuen Arbeitsplatzkonzeptes einbezogen werden. So wird ein neues Arbeitsumfeld langfristig auch bei langjährigen Mitarbeitern zu Wohlbefinden am Arbeitsplatz führen.

Thomas Geuder: Als Planer haben Sie auf Bauherrenseite oft auch mit Facility Managern zu tun. Wie hat sich – aus Ihrer Sicht – deren Arbeitsfeld verändert? Haben sich die Schnittstellen zwischen beiden in der Zusammenarbeit verschoben?
Giulio Castegini: Immobilien – ganz gleich, welcher Art und Nutzung – werden für einen bestimmten Zweck konzipiert, geplant, gebaut und über einen langen Zeitraum mit wechselnden Anforderungen betrieben. Ganz gleich für welche Nutzungsart die Immobilie ausgerichtet ist: Das Facility Management bezieht sich auf die „drei P“: People, Processes und Places. Es muss durch praxisorientierte Beratung das Maximum an Flexibilität, Nachhaltigkeit und Effizienz sichergestellt werden. Hier findet die Schnittstelle zu unserer Leistungstätigkeit statt.

Thomas Geuder: Die „Jungen“, die digital aufgewachsen sind, also die „Digital Natives“ haben ein anderes Bild der Welt, als jene, die die rein analoge Welt noch kennen. Wie, denken Sie, wirkt sich das auf das zukünftige Arbeiten aus? Mit welchen Herausforderungen wird sich die Büroplanung in Zukunft auseinandersetzen müssen?
Giulio Castegini: Projekte und Aufgaben werden immer komplexer. Das zweite Jahrzehnt des neuen Jahrtausends steht ganz im Zeichen von Nachhaltigkeitsthemen, Mobilität und – vor allem – der Digitalisierung. Das Verhalten der „Digital Natives“ verursacht Beschleunigung in der Tätigkeit und im Arbeitsumfeld. Diese Beschleunigung muss inszeniert und an der richtigen Stelle auch entschleunigt werden. Außerdem muss der USP für das „anders Arbeiten“ durch neue Design-Lösungen umgesetzt werden.

​Thomas Geuder: Vielen Dank für das spannende Gespräch, Herr Castegini.

Drees & Sommer, Frankfurt am Main, Fertigstellung 2017 (Bild: Rick Geenjaar / Drees & Sommer)

Giulio Castegini
Nach seinem Architekturstudium an der Università di Roma La Sapienza in Rom und an der RWTH Aachen verlief Giulio Casteginis beruflicher Werdegang vom Architekten bei Mario Bellini Architects bis hin zur Büroleitung in Mailand. Aktuell verantwortet Giulio Castegini bei Drees & Sommer als Mitglied der Geschäftsleitung den Bereich Design Consulting. Mit Schwerpunkt auf innovativen Innenraumgestaltungs- und Arbeitsplatzkonzepten beschäftigen Giulio Castegini die Themen rund um die Reposition von Bestandsimmobilien und strategischen Neuentwicklungen.

​Multispace | A common ground for user flexibility & community
Giulio Castegini wird Montag 28. Januar, 10:30 - 11:15 Uhr am Frankfurter „Future Office – Büro der Zukunft“ einen Vortrag halten unter oben genannten Titel.

Die Paperworld und das Future Office – Büro der Zukunft
Die Paperworld ist die weltweit wichtigste Informations- und Kommunikationsplattform für die moderne Bürogestaltung. Jährlich zeigt die Fachmesse in Frankfurt am Main die neueste Produkte und Trends der nationalen und internationalen Papier-, Bürobedarf- und Schreibwarenbranche. Die Sonderschau „Future Office – Büro der Zukunft“ richtet sich an Architekten, Facility Manager und Planer wie auch an Händler für Bürobedarf und -einrichtungen. Nachdem sie 2017 ihre erfolgreiche Premiere feierte, beleuchtet sie in ihrer nunmehr dritten Auflage das Thema „Flexibilität“. Dabei geht es um die vielfältigen Chancen, die die derzeitige Veränderung der Arbeitswelt mit sich bringt, präsentiert in einem anregenden und inspirierenden Rahmen. Das Gestaltungskonzept der Sonderschau liegt erneut in den Händen des Architekturbüros Matter, mit dem international anerkannten Architekten André Schmidt aus Berlin und World-Architects. Die Sonderfläche „Future Office – Büro der Zukunft“ findet sich in Halle 3.0 Stand C51 und liefert während der Paperworld vom 26. bis 29. Januar 2019 ganztägig Vorträge und neue Ideen zur Arbeitswelt von morgen.

Anmeldung zu den Vorträgen am 28. und 29. Januar in Frankfurt am Main mit Giulio Castegini (Drees & Sommer), Martin Henn (HENN), Anika Hülser (HPP Architekten), Oliver Kupfner (INNOCAD), Kilian Kada (kadawittfeldarchitektur), Sabine Krumrey (brandherm + krumrey interior architecture), Mark Jenewein (love architecture) und Samir Ayoub (designfunktion):
​Paperworld 2019 - Future Office - Anmeldung

World-Architects ist Content-Partner der Messe Frankfurt.​

Vorgestelltes Projekt

OMA - Office for Metropolitan Architecture

Rijnstraat 8

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