Interview mit Raphael Gielgen, Vitra GmbH

Future Office - Büro der Zukunft: Flexibilität I

Thomas Geuder
29. Oktober 2018
Work Hackathon „Shift the walls“ (Bild: Vitra)

Die allgegenwärtige Digitalisierung ist vor allem im Büro spürbar, wo viele Technologien aufeinandertreffen und so ungeahnte Möglichkeiten des Arbeitens bringen. Wie aber wollen wir zukünftig arbeiten? Welche Zukunftsmodelle gibt es? Wie flexibel müssen Arbeitsplätze und damit die Mitarbeiter schon heute und in Zukunft sein? Wie haben einen Planer und einen Zukunftsforscher gebeten, uns von ihren Gedanken dazu zu erzählen. In dieser Folge: Raphael Gielgen von Vitra.

Interviewpartner: Raphael Gielgen, Vitra (Weil am Rhein, DE)

Das Gespräch mit Giulio Castegini von Drees & Sommer über das „Future Office – Büro der Zukunft“ lesen Sie hier: Future Office - Büro der Zukunft: Flexibilität II

Thomas Geuder: Herr Gielgen, Vitra ist als Hersteller für hochwertige Wohn- und Büromöbel bekannt, aus dessen Hallen mancher Designklassiker kommen. Viele Kollektionen stammen aus der guten Zusammenarbeit mit Designern. Dennoch oder vielleicht gerade deswegen leistet man sich eine Art Forschungsteam, dessen Kopf Sie sind. Wie darf man sich Ihren Forschungsauftrag vorstellen?
Raphael Gielgen: Dieses „Team“ besteht tatsächlich lediglich aus mir selbst. Genau genommen würde ich sogar meine Arbeit nicht als „Forschungsarbeit“ bezeichnen. Für Vitra war die Zusammenarbeit mit Kreativen immer eher eine Einlassung, die im Gegensatz zu einer Forschung eben nicht beweisorientiert ist. Mit mir leistet sich das Unternehmen jemanden, der als eine Art Störenfried auftritt, der immer irgendwelche Sachen anschleppt, die er gesehen oder entdeckt hat. Ich hinterfrage bestehende Strukturen, was natürlich auch lästig sein kann. Aber: Gleichzeitig bringe ich neue Impulse in die Organisation und erzeuge Neugierde bei den Mitarbeitern. Mein „Forschungsauftrag“ baut im Prinzip auf vier Ebenen auf: 1. Suchen ohne konkreten Suchauftrag, 2. verstehen und begreifen dessen, was ich gefunden habe, 3. die Co-Kreation mittels der kollektiven Intelligenz externer Kreativer und 4. die Menschen miteinander zu vernetzen, ein Netzwerk zu spinnen, das weit über meine Person hinaus geht. Frei, unmittelbar, sehr offen und transparent.

Thomas Geuder: Wie kann ich mir Ihren Arbeitsalltag als Störenfried bei Vitra und die Zusammenarbeit mit den Kollegen vorstellen?
Raphael Gielgen: Ich sehe meine Aufgabe als Lieferant und Serviceprovider. Wenn Menschen Fragestellungen in diesem Kontext haben, kommen sie zu mir. Ziel meiner Arbeit muss es sein, mich und meine produzierten Inhalte im höchstmöglichen Maß zu multiplizieren. Die Vorträge, die ich vor drei Jahren gehalten habe, halten meine Kollegen und Kolleginnen in den Märkten heute. Dabei limitiere ich mich nicht, indem ich alles besonders kompliziert oder high sophisticated darstelle, sondern alles so einfach wie möglich mache. Genau genommen stelle ich dem Unternehmen sogar nur Informationen zur Verfügung, aus denen die Kollegen dann veränderte Kontexte ablesen können. Anders ausgedrückt: Ich liefere das Wetter, die Mitarbeiter sind die Piloten im Flugzeug. Wie die einzelnen Mitarbeiter und Abteilungen das dann annehmen und umsetzen, liegt allein in deren Verantwortung. Ich bin keine Exekutive. Ich zwänge meine Kollegen nicht in Strukturen, gleiches gilt auch anders herum. Sich als Organisation so etwas überhaupt leisten zu können und zu wollen, ist eine sehr privilegierte Situation.

Vitra Work Hackathon „Density“ (Bild: Vitra)

Thomas Geuder: Starre Strukturen wie das Zellenbüro oder auch das Großraumbüro sind längst out. Stattdessen spricht man in der letzten Zeit immer wieder von der schier grenzenlosen Flexibilisierung der Arbeit und des Büroumfelds. Was sagt der Trendscout zu diesen jüngsten Entwicklungen?
Raphael Gielgen: Man muss das zunächst von außen betrachten. Der Mensch hat zwei große Wünsche: Freiheit und Zugehörigkeit. Die Freiheit ist jetzt endlich Realität, durch all die technischen Möglichkeiten des Arbeitens. Dennoch hat der Mensch eine Sehnsucht nach Zugehörigkeit. Das Büro als Ort der Zugehörigkeit im Sinne einer Verortung der Menschen bleibt uns sicherlich noch mindestens zehn Jahre erhalten. Je mehr wir auf Instagram, Facebook usw. unterwegs sind, desto mehr möchten wir verortet werden. Und die Orte der Arbeit können eben diese Ankerpunkte sein. Der Wunsch nach Freiheit und Zugehörigkeit muss in der Maßstabsebene Büro natürlich auch funktionieren. Sprich: Das Büro muss ein Ort sein, an dem ich auch einfach mal verschwinden und für mich allein sein kann, und gleichzeitig ein Ort, an dem es wuselt wie am Hauptbahnhof in Köln. Auf die Frage nach dem richtigen Büro gibt es genau genommen also keine absolute Antwort. Die Flexibilität ist sensationell für die Freiheit, aber unterbewusst ist eben auch die Zugehörigkeit ein zentraler Aspekt. Unternehmen gehen dann kaputt, wenn es bei ihnen mit der Zugehörigkeit nicht mehr funktioniert, weil sie das kulturelle Kraftfeld ist. Das Schöne an der Architektur an sich aber ist, dass Zugehörigkeit und Gemeinschaft entworfen und gebaut werden können.

Thomas Geuder: Smart Building, Smart Grid, Smart Office: Im Büro kommen alle Formen der Kommunikation zusammen. Für wie wichtig halten Sie die digitale Vernetzung im Büro der Zukunft – oder sind es doch eher die „Human Skills“, die zählen?
Raphael Gielgen: Sensationelle Frage! Der Historiker und Schriftsteller Yuval Noah Harari – der das Buch „Homo Deus“ geschrieben hat – wurde 2018 zum TED in Vancouver eingeladen, wollte aber nicht dorthin reisen. Also haben die TED-Veranstalter ihn kurzerhand holografisch auf die Bühne geholt, als Projektion auf eine Glasscheibe. Sein erster Satz im Vortrag lautete: „I did write that humans will become digital, but I didn‘t think, it will happen so fast and it will happen to me.“ Derjenige also, der über die Digitalisierung des Menschen schreibt, wird selbst davon überrascht! Wir haben einmal einen Crowdstorm veranstaltet, der danach fragte, wie sich die Menschen die Arbeitswelt im Jahr 2025 vorstellen. Über 60 Prozent der eingesendeten Ideen hatte nichts mehr mit dem physischen Ort der Arbeit zu tun. Ich bin also fest davon überzeugt, dass die virtuelle Arbeitsebene unvorstellbare Möglichkeiten für uns bieten wird. Jetzt bin ich natürlich einer, der sich per se alles vorstellen kann. Deswegen glaube ich aber auch, dass die fiktive Welt eine nächste Ebene erreichen wird, im Sinne einer Bewusstseinserweiterung. Ich glaube auch fest daran, dass dieses Arbeiten an der Schnittstelle zwischen physisch und virtuell als „digitaler Zwilling“ enorme Potenziale hat. Gleichzeitig bin ich aber auch fest davon überzeugt, dass die physische Kraft von Orten und Objekten nach wie vor beständig ist.

Thomas Geuder: Und doch wird für uns Menschen der persönliche Kontakt von Mensch zu Mensch wohl auch in Zukunft wichtig sein, oder?
Raphael Gielgen: Es gibt ein schönes Zitat von der Journalistin Jon Murphy, die im Metropolis-Magazin einen Bericht darüber verfasst hat, warum Airbnb so erfolgreich sein konnte: Weil die traditionellen Hotels nur noch generische, allgemeingültige Hotels gebaut und Menschen eben nicht mehr verortet haben. Das „Erlebnis Reise“ haben die Hotels in ihrer Marketing-Denkweise komplett zunichtegemacht. „Keeping up with digital times, the industry has failed to realize that the more connected we are virtually the more we crave for real human connection.“ Beide Welten können sich also anreichern.

Work Hackathon in Tokyo (Bild: Vitra)

Thomas Geuder: Derzeit reisen Sie durch die Welt mit der Workshop-Reihe „Work Hackathon“. Um was geht es dabei und welche Schlüsse lassen sich dabei für das Büro der Zukunft ziehen?
Raphael Gielgen: Die Idee des „Work Hackathon“ ist, Fragestellungen von einer Gemeinschaft beantworten zu lassen. Das läuft im Grunde immer nach dem gleichen Prinzip ab: Wir unternehmen den geistigen und emotionalen Transfer in eine andere Zeit, dann arbeiten wir aus dieser Zeit heraus konzeptionell an Fragestellungen und bauen schließlich Prototypen. Das Format ist offen und interdisziplinär, die Teams bewerben sich. Was für Schlüsse lassen sich nun dabei für das Büro der Zukunft ziehen? Die Teilnehmer machen zunächst die wichtige Erfahrung, was es bedeutet, vollkommen frei an einem Thema zu arbeiten. Und sie lernen, wie wichtig es ist, Methoden und Werkzeuge zu kennen, die das kollaborative Arbeiten erfordert. Viele sind auch überrascht, wie schnell man irgendwelche Prototypen anfertigen kann, an die man einen Tag zuvor noch nicht einmal gedacht hat. Der Montag nach so einem Hackathon geht für viele dann nicht einfach mit einer Agenda weiter, weil sie die Dinge jetzt anders machen wollen und weil es für sie wichtig ist, den Status Quo und die Bequemlichkeiten zu hinterfragen.

Thomas Geuder: Mit Blick auf die letzten Jahrzehnte hat sich das Büro doch sehr stark verändert bzw. weiterentwickelt, weg von starren hin zu beweglichen Systemen. Wo sehen Sie das Büro in 20 oder 30 Jahren?
Raphael Gielgen: Ich will bei dieser Frage gerne auf einen sehr grundsätzlichen Aspekt eingehen: In unserem Kulturkreis wird das Büro ja in Regelgeschossgrößen gedacht – die wie Bonsai-Gefäße für die heranwachsenden Arbeiter sind. Sie sind per se zu klein. Die Orte der Arbeit denken wir räumlich zu klein. Das ist das größte Gift. Ein Arbeitsort ist kein Lagerhaus! Das ist ein Gedanke, der sich mit dem Ende der Industrialisierung entwickelt hat, als sich das Büro dem Funktionalismus unterordnen musste, und heute schlicht falsch ist. Und das Büro in 20 Jahren: Ich glaube, es wird mehrere Arten des Büros geben. Man wird sich sehr wahrscheinlich wie arbeitende Kommunen organisieren. Für die Mitarbeiter ist der erste Attraktor die Gemeinschaft mit jenen, die an ähnlichen Fragen und Aufgabenstellungen arbeiten, sowie der Benefit, der aufgrund der Verortung in dieser Kommune entsteht. Und dieser Ort wird im Grunde alles sein: Labor, Garten etc. Wie ein wunderbares, über die Jahrzehnte gewachsenes, städtisches Quartier. Dieses Biotop wird sehr wahrscheinlich aber auch nur noch 20 % der arbeitenden Menschen zur Verfügung stehen, denn die generische Arbeit wird abgelöst durch Computer und Roboter. Die Architektur der Arbeit wird sich damit sicherlich verändern. Die vor uns liegenden Herausforderungen einer veränderten Arbeitswelt sind enorm – aber auch lösbar.

Thomas Geuder: Vielen Dank für das spannende Gespräch, Herr Gielgen.

Work Hackathon „Digital World, Analog Future?“. Im Bild links: Raphael Gielgen. (Bild: Vitra)
Citizen Office (Bild: Vitra)
Studio Office (Bild: Ariel Huber / Vitra)

Raphael Gielgen
hat die meiste Zeit seines Berufslebens damit verbracht, die Büroumgebung zu verbessern. Seine Neugier auf Architektur, Technologie und sozialen Wandel im Kontext von Arbeitswelten ist sein Treibstoff – stets verbunden mit der Frage, wie sich die globale Arbeitswelt verändert und welche Auswirkungen sie auf bestehende Geschäftsmodelle hat. Immer auf der Reise, um zu entdecken, wie der Arbeitsplatz von morgen aussehen wird, trifft er sich regelmäßig mit Geschäftsführern, Architekten und Designern – Menschen, die dieses Wissen der Gesellschaft zugänglich machen können. Seine Arbeit fließt in den Anspruch von Vitra, die Qualität von Büros und öffentlichen Räumen durch die Kraft des Designs zu verbessern, indem das vielfältige Team von Vitra mit den Ergebnissen seiner Beobachtungen und Erkenntnisse durch Trendcluster, Marktanalysen und Wirtschaftlichkeitsberechnungen bedient wird.

Die Paperworld und das Future Office – Büro der Zukunft
Die Paperworld ist die weltweit wichtigste Informations- und Kommunikationsplattform für die moderne Bürogestaltung. Jährlich zeigt die Fachmesse in Frankfurt am Main die neueste Produkte und Trends der nationalen und internationalen Papier-, Bürobedarf- und Schreibwarenbranche. Die Sonderschau „Future Office – Büro der Zukunft“ richtet sich an Architekten, Facility Manager und Planer wie auch an Händler für Bürobedarf und -einrichtungen. Nachdem sie 2017 ihre erfolgreiche Premiere feierte, beleuchtet sie in ihrer nunmehr dritten Auflage das Thema „Flexibilität“. Dabei geht es um die vielfältigen Chancen, die die derzeitige Veränderung der Arbeitswelt mit sich bringt, präsentiert in einem anregenden und inspirierenden Rahmen. Das Gestaltungskonzept der Sonderschau liegt erneut in den Händen des Architekturbüros Matter, mit dem international anerkannten Architekten André Schmidt aus Berlin und World-Architects. Die Sonderfläche „Future Office – Büro der Zukunft“ findet sich in Halle 3.0 Stand C51 und liefert während der Paperworld vom 26. bis 29. Januar 2019 ganztägig Vorträge und neue Ideen zur Arbeitswelt von morgen.​

Anmeldung zu den Vorträgen am 28. und 29. Januar in Frankfurt am Main mit Giulio Castegini (Drees & Sommer), Martin Henn (HENN), Anika Hülser (HPP Architekten), Oliver Kupfner (INNOCAD), Kilian Kada (kadawittfeldarchitektur), Sabine Krumrey (brandherm + krumrey interior architecture), Mark Jenewein (love architetcture) und Samir Ayoub (designfunktion):
​Paperworld 2019 - Future Office - Anmeldung

World-Architects ist Content-Partner der Messe Frankfurt.​

Vorgestelltes Projekt

Studio MK27

Jungle House

Andere Artikel in dieser Kategorie