Nachbericht Heimtextil 2019

Eine Frage der Faser

Martina Metzner
21. Januar 2019
Stoffe spielerisch und sinnlich erkunden: im „Trend Space“ der Heimtextil (Bild: Mathias Duerr / World-Architects)

Akustisch wirksame Stoffe standen im Fokus des auf Architekten ausgerichteten und ausgebauten Angebotes an Objekttextilien der Heimtextil 2019.

Die Wiederentdeckung von Heimtextilien ist nicht mehr nur von der fehlenden Wärme und Taktilität im Raum geleitet, sondern immer stärker von einer grundlegenden Funktion, die Teppiche, Polsterbezüge und Gardinen seit jeher innehaben: die Nachhallzeit von Schall und damit die Hörsamkeit in einem Raum zu verbessern.

So standen akustisch wirksame Textilien und Tapeten im Zentrum der Aufmerksamkeit auf der Heimtextil, die vom 8. bis 11. Januar 2019 in Frankfurt am Main rund 500 Aussteller für den Objektbereich über die Messe verteilt und vor allem konzentriert in Halle 4.2 versammelte. Speziell für Architekten und Interior Designer bot das Programm „Interior.Architecture.Hospitality“ auch „Guided Tours“ von World-Architects, die von Innenarchitekten und Branchenkennern wie Jana Vonofakos (VRAI Interior Architecture), Klaus de Winder (de Winder Architekten) oder Oliver Hess (Formverbund) geleitet wurden, um so kompakt einen Einblick in die interessantesten Themen zu bekommen.

Gerriets aus Umkrich ist einer der führenden Spezialisten in Sachen Akustikwebstoffe mit eigener Weberei (Bild: Gerriets)

Schirm oder Schwamm
Die Bindung, die Porosität der Fasern sowie die Schwere sind entscheidend für Schallabsorption von Stoffen. Allerdings werden Schallabsorption und Schalldämmung oft verwechselt, erklärt Jonas Schira, Akustiker von Gerriets, einem der führenden Anbieter in Sachen textile Akustiklösungen, der weltweit Bühnen, Opern und Büros ausstattet – zuletzt etwa Elbphilharmonie in Hamburg.

Zum Unterschied: Bei Schalldämmung versucht man, Räume akustisch voneinander abzuschirmen und zu trennen. Bei Schallabsorption geht es um die Akustik im gleichen Raum – Textilien und Fasern sind mit die geeignetsten Materialien, Schall aufzunehmen. Auch nicht speziell akustisch optimierte Stoffe sind per se schallabsorbierend, so Schira auf der Heimtextil 2019.

Jüngster Programmzuwachs bei Gerriets ist ein Vorhang für Büros, der mit seinen 5 bis 12 Lagen sowie einem speziellen Inlay einen Geräuschpegel von bis zu 26 Dezibel schluckt und mit dem im Handumdrehen ohne große Baumaßnahmen unterschiedliche Räume schaffen kann – eben so wie es Ludwig Mies van der Rohe und Lilly Reich mit dem „Café Samt & Seide“ anlässlich der Messe „Die Mode der Dame“ am Berliner Funkturm im Jahr 1927 vormachten.

Neu sind transparente Akustikstoffe wie sie nicht nur Gerriets, sondern auch Drapilux, Vescom oder Zimmer + Rohde vorstellen. Ihr Geheimnis sind besonders poröse Fasern. Allerdings glänzen sie immer stark – und das ist Geschmackssache. Immerhin eine kostengünstige Alternative zu den vielen transparenten, abgeschlossenen Glaszellen, die nun häufig in angesagten Coworking-Flächen auftauchen.

Ebenso wenig zu vernachlässigen sind Filze und Vliesstoffe, die häufig als Platten eingesetzt werden oder mit denen man ganze Raumskulpturen kreieren kann – wie es Cabs Design präsentiert, die Teil des „House of Textile“ des Heimtex-Verbandes in Halle 9 waren. Das junge Unternehmen von Bernd Benninghoff verwendet für seine Wand- und Deckenelemente den von M&K Filze produzierten Faserverbundstoff Nitona, der sich durch seine hohe Schallabsorption in einem breiten Frequenzbereich auszeichnet und kombiniert diesen mit natürlichem Wollfilz. Außerdem hat Richard Wernekinck mit seinen über 80 Wollfilz-Farbpositionen unter der Marke Hollandfelt nun einen Wollfilz mit einer Dicke von 10 Millimeter speziell für Raumakustik im Programm.

Auf dem Stand von Arte Wallcoverings präsentierte der Chefdesigner der Guided Tour von Klaus de Winder die neue Kollektion mit Moooi (Bild: Mathias Duerr / World-Architects)

Der Natur nahe
Insgesamt wurden die objekttauglichen Kollektionen ausgebaut, auch weil
brandschutzoptimierte Textilien aus synthetischen Fasern und Garnen, die der B 1 Brandschutznorm („schwer entflammbar“) in öffentlichen Gebäuden wie Büros oder Krankenhäuser entsprechen, sich heute natürlicher anfühlen. Wie bei Fidivi, einem Premiumhersteller aus der Nähe von Turin, die mit ihren Polsterwebstoffen einen fast naturfaserähnlichen Touch erreichen. Fidivi war Teil der Trevira CS Sonderfläche in Halle 4.2, wo der Polyesterfaserhersteller in Kooperation mit 21 weiteren Partnerunternehmen wie Spandauer Velours oder Getzner ausstellte. Gleich nebenan präsentierte sich auf dem Gemeinschaftsstand „Carpet by Heimtex“ eine Reihe von Bodenbelagsherstellern, darunter German Rugs, Findeisen, Object Carpet, Tretford und Toucan-T. In der Installation hing die Bahnenware von der Decke herab und machte deutlich, wie stark auch Teppich zu einer guten Raumakustik beitragen kann.

Nachdem auf der Weltklimakonferenz in Kattowitz im Dezember letzten Jahres eine Klimaschutz-Charta von 40 führenden Bekleidungsunternehmen wie Adidas, Puma oder Esprit unterzeichnet wurde, standen auch auf der Heimtexil nachhaltige Lösungen im Fokus. Die Textilbranche, mit ihrem Einsatz von Chemikalien und nicht zuletzt mit der Produktion von schnelllebiger Fast Fashion, will ihren Beitrag zu einer zukunftsfähigeren und verantwortungsvolleren Welt leisten, so scheint es. Zahlreiche Aussteller setzen dazu auf Recycling von PET-Flaschen und Ozeanplastik sowie den Einsatz von zertifizierten Naturmaterialien. Ein Beispiel konnte man auf der World-Architects-Tour erleben: Econyl vom italienischen Hersteller Aquafil ist eines der bekanntesten Polyamid 6 Garne, die zu 100 Prozent aus recycelten Materialien wie Fischernetze, Oberseiten von Teppichen oder Produktionsabfälle hergestellt werden und zum Beispiel bei Object Carpet eingesetzt wird.

„Formoza“ ist einer der drei transparenten Akustikstoffe (mit einer Höhe von 3 Metern) von Vescom (Bild: Vescom)

Prima Klima
Auch im Außenbereich nimmt die Performance-Fähigkeit der Stoffe zu – nicht zuletzt als Antwort auf steigende klimatische Extrembedingungen. Ein Spezialist für Outdoorstoffe ist der französische Hersteller Serge Ferrari, der seine Kompetenz aus dem Bereich Yachting zieht. Mittlerweile ist Serge Ferrari in der Architektur und Innenarchitektur weltweit aktiv, liefert objekttaugliche Polsterstoffe, Sonnenschutztextilien, Outdoortextilien sowie Gewebe für Fassaden. Gerade Sonnenschutztextilien nehmen an Bedeutung zu – dies bedient Serge Ferrari mit seiner Soltis-Linie, unter der sie auf der Heimtexil den neuen „Soltis Touch“ für innenliegenden Wärme- und Sonnenschutz zeigen.

Der diesjährige „Trend Space“ in Halle 3.0 der Heimtextil wurde von Atelier Markgraph umgesetzt (Bild: Mathias Duerr / World-Architects)
Im Trend: wilde Tapetenkreationen – wie hier bei Architectspaper mit „Walls by Patel“ (Bild: Architectspaper)
Serge Ferrari präsentierte seine robusten Sonnenschutztextilien – hier der neue „Soltis Touch“ für interiors (Bild: Serge Ferrari)
Recycelte Fasern und Stoffe waren ein großes Thema bei den Heimtextil-Herstellern (Bild: Econyl by Aquafil)
Interior Architecture. Hospitality (Bild: Mathias Duerr / World-Architects)

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