Pilze als Dämmmaterial von Julia Krayer / Fraunhofer UMSICHT

Gedämmt wie Camembert

Thomas Geuder
23. Oktober 2017
Die Natur liefert einige spannende Alternativen zur Dämmung aus Kunststoffen, etwa Hanf oder (wie im Bild) Pilze. (Bild: Fraunhofer UMSICHT / Julia Krayer)

Französischer Weißschimmelkäse und eignet sich nicht wirklich als Dämmung, und doch haben er und eine Gebäudedämmung durchaus etwas gemeinsam. Das zumindest hat Julia Krayer von Fraunhofer UMSICHT nun erforscht.

Forschungseinrichtung: Das Fraunhofer-Institut für Umwelt-, Sicherheits- und Energietechnik UMSICHT (Oberhausen, DE) | Forscherin: Julia Krayer | Kernteam Wissensdreieckwettbewerb außerdem: Sandra Spönemann (BWL, Marketing) und Helena Rempel (Architektur-Masterstudentin, Produktgestaltung) | Kompetenz: Dämmmaterial aus Pilz-Myzelien

Zugegeben: Der Titel dieses Beitrags ist provokant gewählt. Natürlich haben eine Gebäudedämmung und ein Camembert nicht viel miteinander zu tun. Doch das, was für Camembert typisch ist, könnte zukünftig eine Dämmung sein. Es geht um Myzelien. Sie sind die fadenförmigen Zellen eines Pilzes, genau genommen sogar der eigentliche Pilz, denn das, was im allgemeinen Sprachgebrauch als Pilz bezeichnet wird, sind lediglich die sichtbaren Fruchtkörper, die in vielen Fällen früher oder später auf dem Esstisch landen. Die feinen Pilzmyzele hingegen stecken meist im Boden und können sogar eine Größe von über einem Quadratkilometer erreichen. Oder – womit wir wieder beim Käse wären – einen Camembert bedecken. Mit diesen Myzelen arbeitet die Forscherin Julia Krayer bereits seit einiger Zeit. Sie ist Biodesignerin und Fraunhofer UMSICHT in der Abteilung für Nachhaltigkeits- und Ressourcenmanagement und in der DEZENTRALE Dortmund, einer offenen Werkstatt des Instituts für gemeinschaftliche Projekte zu Zukunftsfragen im urbanen Raum.

Eines der Spezialgebiete von Julia Krayer ist die Forschung an pilzbasierten Materialien zur Entwicklung von Verfahren, mit denen sich diese zu Werkstoffen weiterverarbeiten lassen. Ihr Ansatz: Die Pilzwurzeln werden zunächst mit einem Nährboden aus biologischem Abfall wie Kaffeesatz, Stroh und Buchenspänen vermischt. „Nach zwei bis drei Wochen durchziehen die Myzelien-Fäden das gesamte Substrat und bilden so eine feste Struktur, die anschließend zerkleinert wird“, erläutert die Biodesignerin. Das zerbröselte Pilzmaterial lässt sich nun in jede beliebige Form pressen, in der es dann verhärtet und im Ofen getrocknet wird. „Das auf diese Weise entstehende Material hat sehr gute Dämmwerte und macht es somit zu einer Alternative zu Styropor“, sagt sie. Gepresst erreicht das Material außerdem einen Härtegrad ähnlich wie Sperrholz, wodurch es etwa für den Möbelbau verwendet werden kann. Auch als Schallabsorber kann es verwendet werden.

Der Vorteil liegt klar auf der Hand: Pilzbasierte Materialien können eine nachhaltige und kostengünstige Alternative zu herkömmlichen Produkten im Werk- und Baustoffbereich sein. Neben den Pilzen werden als Ausgangsstoffe lediglich Abfälle aus der Lebensmittelproduktion verwendet. All das ist nicht zuletzt gut fürs spätere Recycling des Materials. Mit dem Pilzmaterial-Projekt hat ein Team um Julia Krayer übrigens bereits den Wissensdreieck-Wettbewerb des Fraunhofer-Instituts für Arbeitswirtschaft und Organisation (IAO) gewonnen und so Zugang zu den Fdays (FraunhoferDays) erhalten, das den jungen Forschern hilft, ein Geschäftsmodell für ihr Konzept zu erstellen. Die Unternehmensgründung ist denn auch der nächste Schritt auf dem Plan von Julia Krayer und ihrem Team. Wir drücken die Daumen!

Zwischenprodukt aus Julia Krayers Forschung ist eine Art Pulver, das sich in jede beliebige Form pressen lässt. Im Bild dann das, was entstehen kann: Prototyp einer Dämmplatte. (Bild: Foto Fraunhofer UMSICHT / Julia Krayer)
Das Myzelien-Material besitzt dämmende und schallabsorbierende Eigenschaften und ist stabil wie Sperrholz. (Bild: Foto Fraunhofer UMSICHT / Julia Krayer)
Das weiße Pilzmyzel wächst durch das Substart. Die einzelnen „Wurzeln“ nennt man Hyphen, die in ihrer Gesamtheit das Myzel bilden. Im Hintergrund: die Zuchtsäcke mit Substat. (Bild: Foto Fraunhofer UMSICHT / Julia Krayer)

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