Sanierung und Erweiterung August Horch Museum in Zwickau von Atelier Brückner

Vom Auto zum Haus

 Thomas Geuder
10. April 2018
Atelier Brückner war mit der denkmalgerechten Ertüchtigung eines eindrucksvollen Industriebaus sowie mit einem Neubau beauftragt, dem August Horch Museum in Zwickau. (Bild: Daniel Stauch / Atelier Brückner)
Mit Zwickau verbinden nicht wenige einen wichtigen Teil der Automobilgeschichte. Doch nicht nur der Trabi wurde hier gebaut, sondern auch Audi fand hier seine Anfänge. Das werkseigene August Horch Museum wurde nun von Atelier Brückner umfassend saniert und formschön ergänzt.
Projekt: Sanierung und Erweiterung August Horch Museum (Zwickau, DE) | Architektur: Atelier Brückner (Stuttgart, DE) | Bauherr: August Horch Museum | Hersteller: Pollmeier Massivholz GmbH & Co.KG (Creuzburg, DE), Kompetenz: Furnierschichtholz „BauBuche“ | weitere Projektdaten siehe unten
Beim Namen August Horch spitzt der ein oder andere die Ohren. Viele allerdings können mit ihm nur wenig anfangen, deswegen zunächst eine kurze Historie: August Horch (1868 – 1951) war ein deutscher Maschinenbauingenieur, der im Jahr 1899 die „Horch & Cie“ in Köln-Ehrenfeld gründete, die nach nur wenigen Jahren nach Zwickau zog und dort Vier- und Sechszylingerwagen herstellte. Meinungsverschiedenheiten mit dem Aufsichtsrat führten 1909 dazu, dass Horch das Unternehmen verließ und unweit der Werke ein zweites Unternehmen gründete, die August Horch Automobilwerke GmbH. Wegen Streitigkeiten um den Unternehmensnamen musste August Horch sein neues Automobilwerk jedoch bald umbenennen. In diesem Zuge entstand der Name „Audi“, eine Übersetzung des Imperativs „horch!“ (horch! = höre! = audi!) ins Lateinische. Der Name Horch ist also ziemlich eng mit der deutschen Automobilgeschichte verbunden. In den alten Werkshallen Zwickau indessen gab es seit Mitte der 1970er-Jahre die Überlegungen, ein eigenes Museum einzurichten, doch die Pläne konnten erst 1988 wirklich umgesetzt werden. Seitdem wuchs es immer wieder und entwickelte sich zu einem überregional bekannten Anziehungspunkt für große und kleine Auto-Fans.
Der Neubau verbindet das bereits bestehende Museum mit 5.000 Quadratmetern sanierter Fläche im historischen Baubestand. (Bild: Daniel Stauch / Atelier Brückner)
Der jüngste Schritt war nun die denkmalgerechte Sanierung der alten Industriehallen samt eines neuen Erweiterungsbaus, wodurch die Ausstellungsfläche noch einmal mehr als verdoppelt werden konnte. Die gestalterische Idee der Planer von Atelier Brückner aus Stuttgart war die Interpretation des Themas „Karosserie mit glänzendem Blechkleid“. Auffällig wird dies besonders am Neubau, der „gleich einem vorgefahrenen Automobil zwischen den ehemaligen Produktionshallen der Automarken Audi und Trabant parkt“ und sich „respektvoll in das historische Ensemble einfügt“ (Atelier Brückner). Damit beziehen sich die Architekten vor allem auf die Bezüge zu den Themen Auto und Industrie, die überall im Entwurf stecken: Zunächst sind die Traufhöhen des Bestandes als verbindliche Größe aufgenommen, wobei der Neubau an den bestehenden Klinkerbauten mit reduzierter Gebäudetiefe andockt. Seine Gebäudekubatur wird durch das industrielle Thema des Shed-Dachs bestimmt, sprich: Er besteht aus fünf expressiven Sheds, die zwischen 4,50 m und 7,50 m hoch sind. Die großzügige Verglasung der Sheds an ihren Stirnseiten wird durch breite, dreidimensional geformte Stahlbleche gerahmt, die seriell angeordnet sind und wie ein stilisierter, metallisch glänzender Kühlergrill wirken sollen. Diese Materialität der Hülle geht eine besondere Beziehung zur sich hier befindlichen Industrie-Architektur aus dem Anfang des 20. Jahrhunderts ein. Dessen Fassaden aus Klinkermauerwerk wurden ertüchtigt, die Stahlkonstruktion sandgestrahlt und neu beschichtet und das Flachdach aus einer Hourdis-Hohlziegeldecke mit satteldachförmigen Oberlichtbändern denkmalgerecht wiederhergestellt.
Der Neubau interpretiert das Thema Karosserie mit glänzendem Blechkleid: Gleich einem vorgefahrenen Automobil parkt er zwischen den ehemaligen Produktionshallen der Automarken Audi und Trabant. (Bild: Daniel Stauch / Atelier Brückner)
Das August Horch Museum beherbergt über 100 Jahre Automobilbaugeschichte in etwa 160 automobilen Großexponaten und zahlreichen Kleinexponaten. Im Neubau zwischen den Industriegebäuden befindet sich ein großzügiges Restaurant, dessen Ausstattung (ebenfalls) an das Interieur eines Automobils erinnert: geöltes Buchenholz und graues Kunstleder, von Chromleisten eingefasst. Vorherrschend ist hier das Material Holz an den Wänden, der shed-förmigen Decke und am Boden. Sie bestehen aus „BauBuche“, ein Furnierschichtholz aus regionalem Buchenholz, das aus 3 mm starken Schälfurnieren hergestellt ist, die faserparallel bzw. kreuzweise verklebt und zu Trägern, Platten, Paneelen oder Fußböden weiterverarbeitet werden (Pollmeier). Das Buchenholz bringt dabei gegenüber herkömmlichen Nadelholzwerkstoffen eine höhere Festigkeit und Steifigkeit. Und, das zu Schichtholzwerkstoff verarbeitete Buchenholz hat außerdem eine hochwertige Optik und verleiht dem Raum eine gemütliche Atmosphäre – womit wir wieder treffend beim Bezug zum Automobil wären. So haben die Planer von Atelier Brückner mit ihrer Sanierung und vor allem mit dem Erweiterungsbau eine überaus angemessene Antwort auf die Historie des Ortes gefunden.
Im großzügigen Restaurant soll die Ausstattung an das Interieur eines Automobils erinnern: geöltes Buchenholz und graues Kunstleder, von Chromleisten gefasst. (Bild: Daniel Stauch / Atelier Brückner)
Die „BauBuche“ an Wand, Decke und Boden erzeugt eine lebendige Oberfläche und verleiht dem Innenraum eine gewisse Geborgenheit. (Bild: Daniel Stauch / Atelier Brückner)
Bereits seit dem Jahr 2004 präsentiert das August Horch Museum am historischen Standort über 100 Jahre Automobilbaugeschichte. Mit der Erweiterung wurde die Ausstellungsfläche des Museums mehr als verdoppelt. (Bild: Daniel Stauch / Atelier Brückner)
Grundriss, Neubauteile farbig markiert, und Gesamtansicht (Quelle: Atelier Brückner)
Produktvorstellung BauBuche (Hess Timber GmbH & Co. KG, Dauer: 1:10 min.)
Die „BauBuche“ ist ein Furnierschichtholz aus regionalem Buchenholz, das aus 3 mm starken Schälfurnieren hergestellt ist, (Bild: Daniel Stauch / Atelier Brückner)
Die Blechfassade ist an der Front in Gold und ander Rückseite in Silber gehalten. (Bild: Daniel Stauch / Atelier Brückner)
Blick auf das Ensemble: Der Neubau sucht sich respektvoll in die historischen Industriebauten zu fügen. (Bild: Daniel Stauch / Atelier Brückner)
Projekt
Sanierung und Erweiterung August Horch Museum
Zwickau, DE

Architektur
Atelier Brückner
Stuttgart, DE

Team
Projektleitung: Michel Casertano, Sinan Apti, Emin Cimsir, Armin Schleicher, Prof. Eberhard Schlag, Xiaoou Zhang, Modellbau: Udo Kaiser, Praktikanten: Daniela Borgogno, Ludmilla Knies, Beatrice Ragazzini

Bauherr
August Horch Museum
Zwickau, DE

Hersteller
Pollmeier Massivholz GmbH & Co.KG
Creuzburg, DE

Kompetenz
Furnierschichtholz „BauBuche“

weitere Hersteller
Hourdis-Ziegel: Dampfziegelwerk Regenstauf Puchner + Co. GmbH & Co. KG
Fliesen: Mosa (Koninklijke Mosa BV)
Leichtbetondecke über UG (= Museumsboden): HeidelbergCement
Bodenbelag Bestand: Sto SE & Co KGaA
Oberlichter Bestand: Jet Tageslicht & RWA GmbH
Makrolon-Verglasung Oberlichter: Bayer AG
Fenster/Türen Bestand: Forster Profilsysteme AG
Fenster/Türen Neubau: Schüco International KG / Jansen AG
Sonnenschutz Neubau: Warema Renkhoff SE
graues Kunstleder: skai / Konrad Hornschuch AG
Leuchten Café: iGuzzini illuminazione S.p.A
Sanitärgegenstände: Duravit AG

Landschaftsarchitektur
t17 Landschaft
München, DE

Statik
RPB Rückert GmbH
Dresden, DE

Haustechnik (HLSE)
INNIUS GmbH
Dresden, DE

Schall- u. Wärmeschutz
Ingenieurbüro Löwe
Dresden, DE

Brandschutz
Ingenieurbüro Eulitz
Dresden, DE

BGF
Bestand gesamt: 6439 m²
Neubau gesamt: 597 m²

Wettbewerb
VF Verfahren 02/2012

Fertigstellung
2017

Fotofrafie
Daniel Stauch
Projektvorschläge
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