NEST-Einheit „UMAR“ in Dübendorf von Werner Sobek mit Dirk E. Hebel und Felix Heisel

Vom Abfall zum Vorrat

 Thomas Geuder
5. Juni 2018
Das NEST (Grundkonzept: Gramazio & Kohler) verändert sein Gesicht immer wieder. Im zweiten Geschoss ist nun das UMAR untergebracht. (Bild: Zooey Braun)
Das von Gramazio & Kohler in Dübendorf errichtete Forschungsgebäude NEST wurde von Werner Sobek zusammen mit Dirk E. Hebel und Felix Heisel um die Experimentaleinheit „UMAR“ ergänzt, nicht zuletzt um die Grenzen des Recyclings im Bauwesen zu erforschen.
Projekt: Experimentaleinheit „UMAR im Forschungsgebäude NEST auf dem Gelände der Empa (Dübendorf, CH) | Konzeption, Entwurf und Objektplanung: Werner Sobek (Stuttgart, DE) mit Dirk E. Hebel und Felix Heisel (Stuttgart und Karlsruhe, DE) | Bauherr: Empa (Dübendorf, CH) | Hersteller: Lindner Group KG (Arnstorf, DE), Kompetenz: Sonderanfertigung der Einhängedecke LMD-E 213
Die Arbeit des Architekten und Ingenieurs Werner Sobek stützt sich (unter anderem) auf sein Konzept des „Triple Zero“, eine selbst auferlegte Trias der Nachhaltigkeit, mit der er nicht zuletzt die Baubrache in Zeiten zunehmender Ressourcenknappheit zukunftsfähig machen will. Dabei geht es um einen weitreichenden Umgang mit der Energie, sprich: Alle Projekte aus der Feder von Werner Sobek sollen nicht mehr Energie verbrauchen, als sie im Jahresdurchschnitt selbst aus nachhaltigen Quellen erzeugen (Zero Energy), keine Emissionen von Kohlendioxid oder anderen für Mensch und Umwelt schädlichen Stoffen erzeugen (Zero Emissions) und vollständig in den Stoffkreislauf zurückführbar sein (Zero Waste). Gesehen haben wir das etwa bei Projekten wie dem Aktivhaus B10 in der Stuttgarter Weissenhofsiedlung (wir berichteten: Aktiv und passiv).

Folgerichtig leistet Werner Sobek denn auch einen Beitrag zum Forschungsgebäude „NEST“ (Next Evolution in Sustainable Building Technologies) auf dem Campus der Eidgenössischen Materialprüfungs- und Forschungsanstalt (Empa) im Schweizerischen Dübendorf nördlich von Zürich, das seinerzeit von den Architekten Gramazio & Kohler errichtet wurde und eben jenes umwelt- und ressourcenschonende Bauen der Zukunft erforschen soll. NEST besteht im Prinzip aus vier Ebenen mit Erschließungskern, die frei mit separaten Modulen bebaut werden können. In diesen „Units“ werden Raumkonzepte, Technologien für Energiemanagement und Materialien der Zukunft unter realen Wohn- und Arbeitssituationen getestet und mit Blick auf die Zukunft weiterentwickelt.
Die neue Unit UMAR ist im Grunde eine WG-Wohnung mit zwei separaten Zimmern und Bädern sowie (im Bild) einem Gemeinschaftsbereich. (Bild: Zooey Braun)
Gemeinsam mit Dirk E. Hebel, Leiter des Fachgebiets Nachhaltiges Bauen am KIT Karlsruhe und des Future Cities Laboratory am Singapore-ETH Centre, und Felix Heisel, Forschungsverantwortlicher im selben KIT-Fachgebiet, hat Werner Sobek nun das „Urban Mining & Recycling“ (UMAR) entwickelt, eine WG-Wohnung für zwei Studierende, die hier sogar auch wohnen sollen. Besonders an dem Projekt ist nicht nur, dass die Materialien zum Bau der Unit nicht nur rezyklierbar sind, sondern teilweise bereits zweitverwendet werden. So bestehen große Teile des komplett vorfabrizierten und in Modulbauweise ausgeführten Baus aus unbehandeltem Holz, das nach dem Rückbau problemlos weiterverwendet werden kann. Metalle können wieder eingeschmolzen werden. Alle Materialien sind nicht geklebt, sondern verschraubt, geklemmt oder gesteckt, wodurch die sortenreine Trennung überhaupt erst möglich gemacht wird. Als Dämmmaterial kommen Pilz-Myzelien zum Einsatz (wir berichteten: Gedämmt wie Camembert). Einfassungen der Fassade sind aus Kupferplatten gefertigt, die zuvor das Dach eines Hotels in Österreicht bekleideten. Die Türgriffe im 1970er-Jahres-Design stammen aus einem Bürobau in Brüssel. Die Einhängeheiz- und kühldecken im Inneren sind eine spezielle Anfertigung, bei der die Technik an der Deckenplatte verschraubt und das Akustikvlies ohne Verklebung eingeklemmt wurde und (wegen der eloxierten Aluminiums) sogar auf die sonst übliche Pulverbeschichtung verzichtet werden konnte. Transparenz ist den Beteiligten dabei wichtig, weshalb sie eine Website eingerichtet haben, auf der alle verwendeten Materialien angesehen und sogar als Datenblatt heruntergeladen werden können.
Der komplett vorfabrizierte und im Werk getestete Baustein ist in Modulbauweise ausgeführt und wurde innerhalb nur eines Tages installiert. (Bild: Zooey Braun)
Zentraler Gedanke im gesamten Projekt ist für die Entwickler des UMAR der Kreislaufgedanke: „Die verwendeten Materialien werden nicht verbraucht und dann entsorgt; sie sind vielmehr für eine bestimmte Zeit aus einem technischen bzw. natürlichen Kreislauf entnommen und werden später wieder in diese Kreisläufe zurückgeführt“, erläutert Werner Sobek. „Wiederverwendung und Wiederverwertung spielen hierbei eine ebenso große Rolle wie Recycling und Upcycling, sowohl auf systemischer wie auf molekularer bzw. biologischer Ebene. […] UMAR will einen Beitrag zum fälligen Paradigmenwechsel im Bauwesen leisten.“ Vom Abfall zum Vorrat also: Ein wichtiger Ansatz für das Bauwesen, über den nicht wenige Bauschaffende Gedanken einmal machen sollten.
The NEST unit „Urban Mining & Recycling” is taking shape (EmpaChannel, Dauer: 1:18 min.)
Die Steine der Drehwand wurden aus mineralischem Bauschutt gebacken. (Bild: Zooey Braun)
Die Wände sind teilweise mit wiederverwerteten Materialien wie etwa Stoffresten zur Dämmung gefüllt. (Bild: Zooey Braun)
Grundriss mit Bestand (Quelle: Werner Sobek)
Schnitt mit Bestand (Quelle: Werner Sobek)
Rendering Wand- und Bodenaufbau (Quelle: Werner Sobek)
Rendering Axonometrie (Quelle: Werner Sobek)
Projekt
Experimentaleinheit „Urban Mining & Recycling (UMAR)
im Forschungsgebäude NEST (Next Evolution in Sustainable Building Technologies)
auf dem Gelände der Eidgenössischen Materialprüfungs- und Forschungsanstalt (Empa)
Dübendorf, CH

Konzeption, Entwurf und Objektplanung
Werner Sobek – Engineering & Design
Bernd Köhler, Dr. Frank Heinlein (Projektleitung Büro Werner Sobek)
Stuttgart, DE

mit
Dirk E. Hebel und Felix Heisel
KIT Karlsruhe
Stuttgart und Karlsruhe, DE

Bauherr
Empa
Dübendorf, CH

Hersteller
Lindner Group KG
Arnstorf, DE

Kompetenz
Sonderanfertigung der Einhängedecke LMD-E 213

Auswahl weitere Hersteller
Beleuchtung: Nimbus
Trockenbauplatte: Claytec
Vorhangstoff: Pfister
Wandverkleidung: La Casa Deco
Dämmung: Rockwool, Bonded Logic, Ecovative Design

Tragwerksplanung und Generalunternehmer
kaufmann zimmerei und tischlerei gmbh
Matthias Kaufmann
Reuthe, AT

HLSKE und MSR
Amstein-Walthert AG
Simon Büttgenbach
Zürich, CH

Sprinkler
NBG Ingenieure AG
Bernhard Zmoos
Bern, CH

JOMOS Feuerschutz AG
Rudolf Jenni
Balsthal, CH

Brandschutz
Balzer Ingenieure AG
Dumeng Wehrli, Christoph Schärer
Chur, CH

Bauphysik
Weber Energie und Bauphysik
Moritz Eggen
Schaffhausen, CH

Fertigstellung
2018

Fotografie
Zooey Braun
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