Städtebau der Zukunft

Leonhard Fromm
9. Juni 2021
Foto: IBA’27 / Tobias Schiller

Die Internationale Bauausstellung (IBA) findet 2027 in der Region Stuttgart statt. Seit drei Jahren schafft die IBA’27 mit einer eigenen Geschäftsstelle dafür die Strukturen und identifiziert Bauvorhaben in der Landeshauptstadt und den fünf Landkreisen Böblingen, Ludwigsburg, Rems-Murr (Waiblingen), Esslingen und Göppingen mit ihren 2,8 Millionen Einwohnern.

„Wir haben kein Wissensdefizit, sondern ein Umsetzungsdefizit,“ sagt Stefanie Kerlein. Die Geographin ist Teil des 21-köpfigen Teams und verantwortet den Bereich Nachhaltigkeit und Kreislaufwirtschaft innerhalb der Projekte der IBA’27. Die IBA verstehe sich als Schnittstelle, Planungsansätze zwischen Kommunen, Investoren und Architekten zu moderieren und Themen wie Teilhabe oder Kreislaufwirtschaft zu integrieren. Dafür hat die 36-Jährige ihr Diplom in Geographie an der Uni Tübingen sowie ihren Master in Architektur und Umwelt an der WINGS GmbH Hochschule Wismar gemacht und seit 2011 in verschiedenen Firmen im Bereich Stadtentwicklung und Wohnungsbau Berufserfahrung gesammelt. 2019 kam sie in das IBA-Team.

Bei diesem sind bereits 150 Projektvorschläge aus den 179 Kommunen der Region Stuttgart eingegangen, die auf Fördergelder, den Werbeeffekt der IBA und das internationale Know-how hoffen, das sie durch das IBA-Team und dessen Kuratorium erhalten können. Mittlerweile sind fast 90 Projekte in der Sichtung und 14 konkret identifiziert und bewilligt, in die etwa Kerlein ihre Expertise einbringt. Das geschätzte Investitionsvolumen allein der 14 bisherigen IBA-Projekte liegt bei drei Milliarden Euro, umfasst 8500 Wohneinheiten und 9000 Arbeitsplätze.
Dabei ist das Prozedere immer dasselbe: „Wir analysieren im ersten Schritt die Areale, gleichen deren Entwicklungsmöglichkeiten mit dem Baurecht ab, betrachten die aktuelle und die gewünschte Nutzung und stellen den Bedarf vor Ort fest.“ In herkömmlichen städtebaulichen Wettbewerben würden sämtliche Gutachten etwa zu Verkehr, Klima oder Boden parallel vergeben, bei der IBA betreibe man das alles dagegen integral, um etwa die Zahl der Beteiligten zu reduzieren, reziproke Effekte zu erzielen und Reaktionszeiten zu verkürzen.

Neckarspinnerei (Foto: HOS-Gruppe)

„Durch den integralen Ansatz halten wir die Komplexität in allen Bereichen handhabbar, ohne wichtige Aspekte zu vergessen oder zu wenig zu würdigen“, erläutert Stefanie Kerlein. Als Beispiel nennt die Geographin die Erfordernisse des „Green Deals“, den die EU 2019 beschlossen hat, um Mobilität und Städtebau CO2-neutral zu gestalten. Für Kerlein heißt das, den CO2-Verbrauch von Gebäuden zu erfassen, und zwar nicht nur in deren Betrieb für Lüftung, Heizung etc., sondern auch bezüglich der Materialien im Bestand, Stichwort „Graue Energie“, oder im Fall von Neubauten. Dann geht es um Regionalität der Baustoffe, um Transportwege zu sparen, oder auch Demontierbarkeit und Rezyklierbarkeit im Fall eines Rückbaus. Heimisches Holz, das CO2 bindet und nachwächst, oder Beton aus rezykliertem Bauschutt, der natürliche Ressourcen schont und Transportwege reduziert, seien nur exemplarisch genannt. Um Sortenreinheit und damit Recyclingfähigkeit geht es längst auch in der Baustoffzulieferindustrie – von den Beschlägen über Farben und Lacke bis zu Tapeten und Teppichen.
„Wir wollen mit solchen Nachhaltigkeitsthemen das Bewusstsein lokal schärfen und zum Umdenken sowie Handeln auffordern“ sagt die Umweltexpertin, die ihrerseits in einem internationalen Netzwerk im Austausch steht. Entsprechend organisiert sie gemeinsam mit ihren Kolleginnen unter anderem, wie im Rahmen der IBA beispielhafte Konzepte zur Kreislaufwirtschaft im Bausektor in der Region Stuttgart aussehen können. Eine Idee ist die Visualisierung von Gebäuden aus IBA’27-Projektorten auf einer digitalen Plattform in 3D sowie die Erfassung der Materialien in einer digitalen Datenbank. Damit könnte aufgezeigt werden, an welcher Stelle in welchem Umfang Material im Bestand abgebrochen und möglichst an anderer Stelle in Neubauten bei den IBA-Projekten verwendet oder recycelt wird.

Kerlein und ihre Kolleginnen arbeiten aktuell an der alten Neckarspinnerei in Wendlingen-Oberboihingen im Kreis Esslingen. Die Sanierung soll mit recyclingfähigen Baumaterialien aus der Region erfolgen. Zusammen mit der Stadt Wendlingen und den Menschen in der Region sollen Kreative, Gestalter, Planer und Ökonomen hier ein neues produktives Quartier entwickeln mit der Vision: „Nachhaltig wirtschaften & gesundes Leben“. Dabei geht es beispielsweise um eine mutige horizontale und vertikale Nutzungsmischung mit Wohnen, Freizeit, Arbeit sowie industrielle und landwirtschaftliche Produktion. Entstehen soll ein dichter und lebendiger Stadtbaustein, der an die frühere Nutzung als Produktionsstandort anknüpft und diesen sensibel in die Zukunft bringt. Stefanie Kerlein: „Das Beispiel zeigt, wie hoch der Kommunikationsbedarf ist, damit nicht nur die Baubeteiligten mitziehen, sondern auch Besitzer und Mieter, zumal ja die Nutzer ihr Geschäft möglichst klimaneutral betreiben sollen.“ Da geht es also um Selektion von Mietern und Bewohnern, sanfte Mobilität im Umfeld, Sensibilisierung der Öffentlichkeit insgesamt und idealerweise um nachhaltige Finanzierung etwa durch Genossenschaften.

Stefanie Kerlein (Foto: IBA’27 / Sven Weber)

Weitere Aspekte der Arbeit von Kerlein sind der Erhalt von Baukultur und die Langlebigkeit von Gebäuden, gerade weil deren Errichtung besonders energie-intensiv war. Als Beispiele nennt sie die alte Klinik am Eichert in Göppingen oder die Hochschule in Esslingen, die in den 1970er- und 1980er-Jahren „im Stil des Brutalismus“ errichtet wurden und nun Neubauten weichen sollen. Im Rahmen einer Öko-Bilanz bleibe die Frage, ob und wie solche Gebäude neu genutzt werden können und so noch wertvolle Dienste beispielsweise als Studentenwohnheime oder für kulturelle Zwecke leisten könnten. Deshalb sind die IBA’27-Macher auch auf Instagram aktiv, um etwa junge Leute zu gewinnen, die ihre Ideen von der Stadt der Zukunft einbringen.  

Da die IBA weder Immobilien besitzt, noch über viel Geld verfügt, setzt sie an drei Punkten ihren Hebel an: Das sind die Politiker und Bürger vor Ort, die es zu gewinnen gelte und die man unterstützen kann, Fördermittel zu erhalten. An zweiter Stelle sind es die Unternehmen vor Ort, die als Investoren, Nutzer oder Hersteller von Lösungen wichtige Beiträge leisten können. Und schließlich ist es das internationale Netzwerk der IBA, in dem Wissenstransfer und kultureller Austausch erfolgen.
Als Beispiel für den Dreiklang verweist Kerlein auf das Mittelzentrum Backnang. Hier hatte die Stadt ein Projekt eingereicht, das fünf private Eigentümer betraf. Die Stadt mit ihren 35'000 Einwohnern stellt hier nur die Infrastruktur und das Planungsrecht. Der Gemeinderat stimmte einstimmig zu und auch die Eigentümer zogen mit, eine Vision 2050 für das Stadtquartier zu entwickeln. Das Vorhaben wurde weltweit ausgeschrieben und 114 Bewerbungen von Architekturbüros gingen dafür ein, am Städtebau-Wettbewerb teilzunehmen, darunter aus Kambodscha, Kolumbien und ganz Europa.
Für die große internationale Resonanz auf die Ausschreibung war vermutlich ausschlaggebend, dass das Projekt als Teil der IBA entwickelt werden soll. Im komplexen Zusammenspiel zwischen Baurecht, Bauhistorie und den vielen Beteiligten wie Rathaus, Gemeinderat, Investoren und Nutzern versteht sich die IBA als inspirierende und moderierende Kraft. Hier bringt die IBA konkret ihr Know-how in Sachen resilienter und zukunftsfähiger Gestaltung und Vernetzung aller Beteiligten und Betroffenen ein. Kerlein: „Unsere große Vision sind Transparenz und Transformation der Prozesse.“

Quartier Backnang-West (Foto: IBA’27 / Tobias Schiller)
IBA 2027 
Gesellschafter der IBA 2027 sind die Landeshauptstadt Stuttgart (45%), der Verband Region Stuttgart und die Wirtschaftsförderung Region Stuttgart GmbH (zusammen 45%), die Architektenkammer Baden-Württemberg sowie die Universität Stuttgart (je 5%). Die Architektenkammer als Gesellschafterin vertritt weitere Kammern und Verbände wie den Bund Deutscher Architekten und die Ingenieurkammer Baden-Württemberg, die Universität Stuttgart vertritt weitere Hochschulen aus der Region.

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