Movable House in Riehen von Hahbaran Hürzeler Architects

Prototyp Nachhaltigkeit

 Thomas Geuder
22. Oktober 2018
Das Movable House ist mehr als ein bewegliches Haus: Es dient der Erforschung des nachhaltigen Bauens. (Bild: Rahbaran Hürzeler Architects)
Gut, wenn Architekten beim Planen und Bauen mit modernen Materialien und Produktionswegen erforschen, wie sich Kosten und Aufwand sinnvoll reduzieren lassen. Wie Rahbaran Hürzeler Architects in Basel mit dem Movable House.
Projekt: Movable House (Base, CH) | Architektur: Rahbaran Hürzeler Architekten (Basel, CH) | Forschungsprojekt Innosuisse: Institut Energie am Bau, Fachhochschule Nordwestschweiz (Basel, CH) | Bauherr: Nico Ros + Laura Möckli / privat | Materialien/Produkte: diverse | weitere Projektdaten siehe unten
Auch wenn es im Bauwesen immer neue Material- und Produktentwicklungen gibt, wird doch in der Realität oft nach wie vor recht klassisch gebaut. „Klassich“ klingt zwar nach einer schönen Einfachheit, gründet am Ende aber auf einer Art Bequemlichkeit, die man angesichts der zahlreichen und sinnvollen baulichen Alternativen durchaus als Mutlosigkeit interpretieren kann. Wer auf der anderen Seite aber mit modernen, zukunftsträchtigen Methoden und Materialien bauen möchte, muss sich fragen, welche Technologie und Vorgehensweise wirklich nachhaltig ist. Eine Antwort findet man etwa in den Versuchsbauten des Stuttgarter Ingenieurs und Architekten Werner Sobek, der mit seinen Aktivhäuseren die Grenzen neuer Materialien und Technologien auszuloten sucht und mit seinen Modulbauten die Standardisierung im Bauwesen erforschen will (wir berichteten: Aktiv und passiv sowie Wohnen im hochwertigen Container). Nachhaltigkeit kann auch als größtmöglicher Verzicht auf moderne Technologie interpretiert werden, zugunten eines Hauses, das auch in ferner Zukunft funktionieren wird, wie etwa die baulichen Untersuchungen von Bauschlager Eberle zeigen (wir berichteten: Ganz normal).
Das Wohnhaus von Rahbaran Hürzeler Architekten ist ein Prototyp, der für keinen bestimmten Ort entwickelt ist, sondern „bewegbar“ bleiben soll. (Bild: Weisswert)
Einen ähnlichen Ansatz verfolgen die beiden Architektinnen Shadi Rahbaran und Ursula Hürzeler aus Basel. Sie wurden von einem Bauherrn angefragt, ein „Haus auf Zeit“ zu entwickeln, das zusätzlich nicht an einen bestimmten Ort gebunden ist. Der intensive Diskurs mit der Bauherrenschaft – selbst ein Ingenieur – führte letztendlich dazu, dass aus dem Projekt ein Forschungsprojekt für nachhaltiges Bauen wurde, begleitet im Rahmen eines Innosuisse-Projekts durch das Institut Energie am Bau der FHNW. Das Entwurfskonzept der beidne Architektinnen besteht aus mehreren Teilen: Das „Movable House“ ist nicht für einen bestimmten Standort entwickelt und soll – durch schnelle Auf- und Abbaumöglichkeiten sowie einen leichten Transport – einfach umgesetzt werden können, als Nachverdichtung, prasitär oder schlicht auf der grünen Wiese. Der Grundriss des eingeschossigen Hauses basiert auf einem flächeneffizienten Quadrat mit einer Kantenlänge von 10 m, das durch Einfügen eines leicht dezentral angeordneten, kreisrunden Verteilerraums sowie vier Wand-Raum-Kerne zoniert wird. Diese beherbergen Schränke, das Badezimmer, eine Toilette oder den Eingangsbereich. Auch die Haustechnik ist in diesen Nebenzonen untergebracht. Die Außenwände der somit entstehenden vier Räume sind schließlich fast komplett verglast, wodurch eine gewisse Großzügigkeit erzeugt und die umgebende Natur in die Raumwirkung einbezogen wird.
Die Tragstruktur des Gebäudes besteht aus vier begehbaren Holzschränken, die die auskragenden Dachelemente aus vorgespanntem Beton tragen. (Bild: Weisswert)
Ein klassisches Tragwerk aus Mauern oder Stützen sucht man indessen vergebens. Tragende Elemente sind die vier Kerne, die aus 40 mm starken Buchenholz-Mehrschichtplatten gefertigt sind. Das Dach besteht aus fünf vorgespannten Betonelementen, je 10 m lang, 2 m breit und nur 6 cm stark, die ab Werk bereits zwischen den Rippen mit Wärmedämmung versehen sind. Diese Art der Konstruktion erspare im Vergleich zu einer herömmlichen, massiven Betondecke rund 70 % Beton, erläutern die Planerinnen. In gleicher Dimension wie das Dach sind die Betonelemente für den Boden vorgefertigt, jedoch mit einer Stärke von 11 cm. Hier sind zusätzlich Phasenwechselmaterialien (PCM Phase Change Material) auf Wachs- und Salzbasis im Beton eingelassen, wodurch wesentlich mehr Energie gespeichert und verzögert wieder an den Raum abgegeben werden kann. Die Speicherkapazität entspricht einer 30 cm starken Betonplatte bei 4 K Temperaturunterschied. Alle Betonelemente bestehen aus Weißzement mit Zuschlägen aus Carrara-Marmor, an der Decke roh belassen und am Boden geschliffen, wodurch vielfältige Oberflächen entstehen. Für die Verbindung der tragenden Elemente Decke, Schrank bzw. Kern und Boden wurde ein spezielles Detail entwickelt: Stahlhalbmonde mit einer hohen Zugkraft von 25 kN verbinden alle Elemente wirksam zu einer Art Möbel im großen Maßstab. Die gesamte Modulbauweise führte dazu, dass das Haus in sehr kurzer Zeit errichtet werden konnte. So dauerte das Aufrichten der vorgefertigten Holzkerne und des Deckensystems nur zwei Tage.
Stahlhalbmonde mit einer sehr hohen Zugkraft von 25 kN verbinden die Holzkerne mit den Betonplatten und spannen die Elemente zu einem grossen „Möbel“ zusammen. (Bild: Weisswert)
Die Heizung, Kühlung sowie die Erzeugung von Warmwasser und Strom erfolgen komplett aus erneuerbaren Energien. Durch den winterlichen Wärmeschutz und die optimierte Nutzung von Solarstrom werden die gesetzlichen Anforderungen an den Heizwärmebedarf um 40 Prozent unterschritten. Die Jahresproduktion der Solaranlage übersteigt den gesamten Strombedarf des Gebäudes. Niedrige Investitionskosten durch eine materialsparende, größtenteils industriell vorgefertigte Konstruktion, ein geringer Heizwärmebedarf, eine wartungsarme, einfache Gebäudetechnik, die Eigenproduktion von Solarstrom sowie der Einsatz nachhaltigen und modernen Materialien sind wichtige Teile des Nachhaltigkeitskonzepts. Das „Movable House“ zeigt einmal mehr, dass Nachhaltigkeit vor allem durch die Kombination guter Architektur und sinnvoller Technik bzw. Technologie entsteht. Und es zeigt, wie wichtig der Einsatz der Architekten als Generalisten zukünftig noch sein wird.
Im Zentrum des pavillonartigen Gebäudes steht der kreisrunde Bibliotheks- und Verteilerraum. Alle Wohnräume werden von hier aus diagonal erschlossen. (Bild: Weisswert)
Die Weißzement-Oberflächen von Boden und Decke sowie die Buchenschichtholz-Oberflächen wurden als Struktur bewusst sichtbar belassen. (Bild: Weisswert)
MOVABLE HOUSE, Rahbaran Hürzeler Architekten (Claire Morin, Matthias Indermaur, Dauer: 8:47 min.)
Entwurfsprinzip (Quelle: Rahbaran Hürzeler Architects)
Lageplan (Quelle: Rahbaran Hürzeler Architects)
Explosionszeichnung bewegliche Teile (Quelle: Rahbaran Hürzeler Architects)
Grundriss (Quelle: Rahbaran Hürzeler Architects)
Aufbau eines Segments (Quelle: Rahbaran Hürzeler Architects)
Detailschnitt (Quelle: Rahbaran Hürzeler Architects)
Das Projekt wurde auf Swiss-Architects bereits zum „Bau der Woche“ gewählt: Movable House
Projekt
Movable House
Riehen, CH

Architektur
Rahbaran Hürzeler Architects
Basel, CH

Team
Shadi Rahbaran, Ursula Hürzeler Julian Nieciecki, Lisa Tran, Ilinca Zastinceanu, Eugenio Cappuccio

Forschungsprojekt Innosuisse
Institut Energie am Bau
Fachhochschule Nordwestschweiz
Basel, CH

Team
Achim Geissler, Caroline Hoffmann, Gregor Steinke, Roger Blaser

Bauherr
Nico Ros + Laura Möckli / privat

Tragwerk
ZPF Ingenieure AG
Basel, CH

Team
Nico Ros, Nicolas Gamper

Materialien/Produkte
Tragstruktur (Kerne): Buchenholz-Mehrschichtplatten, Pollmeier BauBuche Q Platte, 7 Platten à 0.04 m x 13.5 m x 1.82 m = 172 m², Volumen Holz 6.87 m³

Dachelemente: vorfabrizierte Betonelemente, Weisszement, Zuschlag Carrara-Marmor Gewicht pro Element 1.5 t - 4.8 t, Volumen Beton 8.73 m³ = 21.8 t = 250 kg / m2 Dachfläche

Bodenelemente: vorfabrizierte Betonelemente, Weisszement, Zuschlag Carrara-Marmor, Gewicht pro Element 5.4 t, Volumen Beton 10.9 m³ = 27.3 t = 274 kg / m² Bodenfläche

Fassade: Holz-Leichtbau, gestrichene Dreischichtplatten, gestrichene Holzfenster Uw 0.868 W/m²K

Wärmepumpe: mit integriertem Boiler, Alpha Innotec WZS 42H(K)3 mit 4.7 kW Nennleistung

Erdregister: 2 Erdwärmekörbe BetaTherm à 2 kW, Durchmesser 2.4 m (oben) 1.4 m (unten), Höhe 2.7 m

Wärmeabgabe/Wärmeabfuhr: Bodenheizung mit Niedertemperatur für Heizung (Winter) und Kühlung via Freecooling (Sommer)

Photovoltaikanlage: 33 Elemente auf Flachdach à je 1.65m² à 295 Watt = 54 m² mit insgesamt 9.735 kW Leistung

Phasenwechselmaterialien (PCM): Module auf Wachs- und Salzbasis, entsprechend der Speicherkapazität einer 30 cm starken Betonplatte bei 4 K Temperaturänderung, Wohnraum 115 Salzakkus 25 x 39 x 2 cm, Kinderzimmer 56 Paraffinakkus 30 x 40 x 5cm

Fertigstellung
2018

Fotografie
Rahbaran Hürzeler Architects
Weisswert
Projektvorschläge
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