Wohnhaus an der Palmaille in Hamburg von Walter Gebhardt Architekt

Neuinterpretation des Alten

Thomas Geuder
14. Januar 2019
In einer schmalen Baulücke in der Hamburger Prachtstraße Palmaille ist ein großzügiges Wohnhaus mit Bürofläche entstanden. (Bild: Jochen Stüber Fotografie / Dornbracht)

Die Palmaille, eine der ältesten Prachtstraßen aus dem Ende des 19. Jahrhunderts in Hamburg, ist ensemblegeschützt. Hier einen Neubau zu errichten, gelingt nur in einem engen Korsett von Fassadenmaterial bis Badeinrichtung, das jedoch Raum für Interpretation lässt.

Projekt: Wohnhaus an der Palmaille (Hamburg, DE) | Architektur: Walter Gebhardt Architekt (Hamburg, DE) | Bauherr: privat | Hersteller: Alape GmbH (Goslar, DE), Kompetenz: individuell gefertigte Badmöbel und Waschtische

Die Prachtstraße „Palmaille“ ist eine der ältesten Straßen von Hamburg. 1638 wurde sie für das italienische Ballspiel „Palla a maglio“ (niederländisch Palmaille) vom damaligen Landesherrn auf dem Elbhang zwischen Altona und der Vogtei Ottensen angelegt. Knapp ein Jahrhundert später, im Jahr 1717, wurde sie zur „publiken Allee“ ausgebaut, mit Lindenreihen und Fahrwegen. Seit Ende des 18. Jahrhundert entstanden hier viele repräsentative Gebäude, die das Gesicht der Palmaille bis heute prägen, auch wenn seither einige Veränderungen stattgefunden haben. Es gilt die Verordnung zur Gestaltung der Palmaille vom 9. September 1952: „Für die baupflegerische Gestaltung der Palmaille dient auf der Nordseite der auf den Grundstücken Haus-Nr. 100–124 noch erhaltene historische Teil als architektonischer Maßstab.“

In dieser Umgebung einen Neubau zu errichten, ist naturgemäß mit einem großen Abstimmungsaufwand verbunden, etwa mit dem Oberbaudirektor, dem Denkmalschutz-, Bauordnungs- und Stadtplanungsamt sowie dem Bauausschuss und den Nachbarn. Der Architekt Walter Gebhardt (ebenfalls aus Hamburg) ließ sich davon jedoch nicht entmutigen und plante ein Wohnhaus mit Bürofläche, das die klassische, symmetrische Dreiteilung der Fassaden neu interpretiert. Vorbild seines Vorhabens ist das sich nur wenige Häuser weiter befindliche „Einfensterhaus“ von C.F. Hansen aus dem Jahr 1803, die private Residenz des dänischen Architekten, dessen klassizistischer Baustil die Architektur in Nordeuropa geprägt hat. Analog zum historischen Vorbild setzen gläserne Fugen den geschlossenen Baukörper von der Nachbarbebauung ab. Ein überdimensionales Eingangsportal und ein großes Schaufenster bilden die Schnittstelle zwischen Innen- und Außenraum. Die horizontale Zonierung in Sockelgeschoss, Haupt- und Dachgeschoss wurde ebenso wie in der Referenz aufgenommen. Die Vorgabe nach einem Satteldach wurde als große Glasfläche abstrahiert umgesetzt, die nahtlos in das eigentliche, von der Straße unsichtbare Dach übergeht.

Die Palmaille ist eine der ältesten Prachtstraßen in Hamburg und unterliegt einem Ensembleschutz. (Bild: Jochen Stüber Fotografie / Dornbracht)

Das torartige Erdgeschoss dient der technischen und verkehrlichen Erschließung und ist somit eine Transitfläche, mit Stellplätzen und dem Zugang zum Treppenhaus. Die Fläche im Obergeschoss als Büroraum vermietet und bildet den Übergang zwischen Straßenraum und Wohnwelt. Bei der Anordnung der Räume in den oberen Geschossen ging es vorrangig darum, optimale Räume für die eigenen Wohnvorstellungen der Bauherrin zu schaffen. So ist der Mittelpunkt des zweiten Obergeschosses ein Wohnraum auf zwei Etagen, dessen großzügiges „Einfenster“ sowohl den Blick auf die Elbe freigibt als auch als Möbelstück nutzbar ist. Der rückwärtige Gebäudeteil entwickelt sich entlang der Brandwand zur Nachbarbebauung und beinhaltet ein komplettes Gästeapartment mit zwei Schlafzimmern, Kitchenette und einem gemeinsam nutzbaren Bad. Im Dachgeschoss befindet sich der fünf Meter hohe Wohnbereich mit Küche und Essbereich mit großzügiger Dachterrasse.

Beim Materialkonzept war es dem Architekten Walter Gebhardt wichtig, auf eine bewusst beschränkte Auswahl von Materialien zu setzen, deren Oberflächenbehandlung weitgehend den natürlichen Charakter erhalten und eine Alterung in Würde zulassen soll: Beton für die Fassade, eine individuelle sandfarbene Terrazzo-Mischung für die Böden und Erschließungswege, ein naturbelassener feiner Edelputz an Wänden und Decken sowie Nussbaumholz für die verschiedenen Einbauten und Türen.

Das geforderte Satteldach ist teilweise eine Glasfassade, die ins Dach übergeht, das innen mit Nussbaumholz-Lamellen versehen ist. (Bild: Jochen Stüber Fotografie / Walter Gebhardt Architekt)

Eine Herausforderung bei der Konzeption der Innenräume war es, ein Bad von nur 1,50 Metern Breite zu planen. Anstelle einer funktionalen Aneinanderreihung der Elemente teilte die Innenarchitektin Nicola Stammer den Raum in die Bereiche „Hauptbad“, mit Dusche und Waschtisch, und „Ruhebad“ mit der Wanne direkt vor der Fensterfront. Voneinander getrennt werden die Flächen durch die Querstellung eines individuell gefertigten Badmöbels mit Unterbaubecken (Alape). „Das Layout des Hauptbades ist beim Waschen, Duschen und Baden auf den Blick in den Grünraum hin ausgelegt“, erläutert Walter Gebhardt. Raumhohe Ganzglasschiebetüren ermöglichen Offenheit oder Intimität – je nach Tagesverfassung. Die Technik ist im Einbaumöbel integriert, die Reduktion aufs Wesentliche wird mit den Armaturen (Dornbracht) fortgesetzt. „Für eine tolle Raumwirkung braucht man keine großen Räume“, schwärmt Innenarchitektin Nicole Stammer. Das gilt nicht zuletzt für den gesamten Entwurf, der aus der lediglich zehn Meter breiten Baulücke ein wahres Raumwunder mit einer BGF von 770 m² hervorzaubert.

Das große „Einfenster“ im fließenden Wohnraum gibt den Blick auf die Elbe frei und ist als Möbelstück nutzbar. (Bild: Jochen Stüber Fotografie / Walter Gebhardt Architekt)
Eine Teilung des Raumes durch ein individuell angefertigtes Raummöbel schafft die Trennung in die Bereiche „Hauptbad“ mit Dusche und Waschtisch und „Ruhebad“ mit der Wanne direkt vor der Fensterfront. (Bild: Jochen Stüber Fotografie / Dornbracht)
Blick von der anderen Seite der Trennwand: Nur 1,50 m standen für die Konzeption des Bades zur Verfügung. (Bild: Jochen Stüber Fotografie / Dornbracht)
Grundriss Dachgeschoss (Quelle: Walter Gebhardt Architekt)
Grundriss 2. Obergeschoss (Quelle: Walter Gebhardt Architekt)
Grundriss 1. Obergeschoss (Quelle: Walter Gebhardt Architekt)
Grundriss Erdgeschoss (Quelle: Walter Gebhardt Architekt)
Längsschnitt (Quelle: Walter Gebhardt Architekt)
Das Wohnhaus ist bis ins Detail durchdacht und ganz im Sinne der hanseatischen Noblesse zurückhaltend formuliert. (Bilder: Jochen Stüber Fotografie )
Im Erdgeschoss befindet sich sowohl eine Durchfahrt nach hinten als auch eine Garage mit Ladestation und Luftentfeuchtungsanlage für historische Fahrzeuge. (Bild: Jochen Stüber Fotografie / Dornbracht)
Kernstück des Entwurfs ist der fünf Meter hohe Wohnbereich im Dachgeschoss, dessen Innenraum sich über eine großzügige Dachterrasse schwellenlos nach außen erweitern lässt. (Bild: Jochen Stüber Fotografie / Dornbracht)

Projekt
Wohnhaus an der Palmaille
Hamburg, DE

Architektur
Walter Gebhardt Architekt
Hamburg, DE

Team
H. Henningsen, W. Waßmuth, G. Schittek, Anuraag Burman, B. Knöpper

Bauherr
privat

Hersteller
Alape GmbH
Goslar, DE

Kompetenz
individuell gefertigte Badmöbel und Waschtische

Landschaftsarchitekt
Y-LA Ando Yoo Landschaftsarchitektur
Hamburg, DE

Innenarchitektin Bad
Nico Stammer Innenarchitektur
Adendorf, DE

Energetisches Konzept
Janßen Energieplanung
Hannover, DE

Gebäudetechnik
Ottfried Zopf Planungsbüro
Brietlingen, DE

Statik
Wetzel & von Seht
Hamburg, DE

Fotos
Jochen Stüber Fotografie


Projektvorschläge
Sie haben interessante Produkte und innovative Lösungen im konkreten Projekt oder möchten diesen Beitrag kommentieren? Wir freuen uns auf Ihre Nachricht!

Die Rubrik «Praxis» ent­hält aus­schließ­lich redak­tio­nell er­stellte Bei­träge, die aus­drück­lich nicht von der Indus­trie oder anderen Unter­nehmen finan­ziert werden. Ziel ist die un­ab­hängige Be­richt­er­stat­tung über gute Lösungen am kon­kreten Pro­jekt. Wir danken allen, die uns dabei unter­stützen.

Verwandte Artikel

Vorgestelltes Projekt

Ogrydziak/Prillinger Architects

SHAPESHIFTER

Andere Artikel in dieser Kategorie

Licht für Tintoretto
vor 4 Tagen
Historisch vorbildlich
vor einer Woche
Kirche zum Wohnen
vor 2 Wochen
Vorgefertigt und lokal
vor 3 Wochen
Oase in luftiger Höhe
vor einem Monat
Neuinterpretation des Alten
vor einem Monat