Johann-Pachelbel-Realschule / Staatliche Fachoberschule II in Nürnberg vo Lederer Ragnarsdóttir Oei

Natürlich und dauerhaft

 Thomas Geuder
20. August 2018
Das Ziel von Lederer Ragnarsdóttir Oei war, eine kräftige und klare Baustruktur zu schaffen, die städtebauliches Gewicht hat und Adresse ist. (Bild: Zooey Braun)
Die Schule ist für eine gewisse Lebenszeit einer der wichtigsten Orte. In Nürnberg haben die Architekten von Lederer Ragnarsdóttir Oei deswegen ein zeitloses Schulgebäude geschaffen, das wie ein Dorf funktioniert, wie ein urbaner Mikrokosmos.
Projekt: Johann-Pachelbel Realschule und Staatliche Fachoberschule II (Nürnberg, DE) | Architektur: Lederer Ragnarsdóttir Oei (Stuttgart, DE) | Bauherr: Stadt Nürnberg | Hersteller: Ziegelwerk Klaus Huber GmbH & Co.KG (Nossen, DE), Kompetenz: Ziegel Typ Ringofensortierung | weitere Projektdaten siehe unten
Im Westen von Nürnberg franst die Bebauung Richtung Südwesttangente und dahinterliegendem Kanal ein wenig aus. Hier ist ein typisches Verwachsungsgebiet entstanden, an dem die Stadtteile Höfen, Gaismannhof und Grossreuth bei Schweinau immer weiter zusammenrücken. Noch aber werden die Drei an dieser Stelle von Agrarflächen und den Rasenplätzen des SG Nürnberg Fürth getrennt. Genau hier im Schnittpunkt aber hat die Stadt Nürnberg das ideale Grundstück für das neue Gebäude der Johann-Pachelbel-Realschule, kombiniert mit der Staatlichen Fachoberschule II ausgemacht, noch etwas in jenem Zwischenland gelegen, mit dem Potenzial zu einem lebendigen Quartier. Den Zuschlag für das nach ÖPP-Verhandlungsverfahren ausgeschriebene Projekt erhielt das Architekturbüro Lederer Ragnarsdóttir Oei aus Stuttgart mit einem Entwurf, der hier – wenn man so will – einen Anfang machen wird.
Der Neubau der Johann-Pachelbel Realschule und der Staatliche Fachoberschule II in Nürnberg ist ein H-förmiges Ensemble, in dem unterschiedliche städteräumliche Situationen entstehen. (Bild: Zooey Braun)
Ihre Entwurfsidee: Mit dem Neubau soll ein Ort geschaffen werden, der nicht nur im Inneren eine Heimat für die Schüler bietet, sondern auch im Umfeld ein Anker im Stadtbiet ist. „Dazu braucht es eine kräftige und klare Baustruktur, die städtebauliches Gewicht hat und Adresse ist. Es braucht aber auch eine stabilisierende und vor allem bergende Eigenschaft, damit das Gefühl des ‚Zuhause-seins‘ entstehen kann“, beschreiben die Architekten. So ist das H-förmige Gebäude-Ensemble wie ein Dorf entwickelt, mit zwei Plätzen, die verschiedene Funktionen übernehmen. LRO nennen das einen „urbanen Mikrokosmos“. Der eine, eher öffentliche Platz ist einem Rathaus- oder Marktplatz vergleichbar, ein Erschließungsplatz mit Mensa, Haupteingang und platztypischer Linde. Der zweite Platz ist als Dorfanger gedacht, eher zurückgezogen, mit zwei Baumreihen, Rasen und Hartbelägen, als Pausenfläche nutzbar oder für Musrik- und Theaterveranstaltungen.
Im westlichen Stadtgebiet von Nürnberg bilder der Neubau eine Art Anker für die zukünftige Stadtentwicklung. (Bild: Zooey Braun)
Um das Gebäude möglichst zeitlos erscheinen zu lassen, als sei es schon immer dagewesen, und um einen Ausruck des Selbstverständlichen zu erreichen, hat das Bauwerk eine Ziegelfassade erhalten, im Typ „Ringofensortierung“ (Ziegelwerk Klaus Huber). Für Lederer Ragnarsdóttir Oei sei der Fassadenziegel nicht nur eine physische Notwendigkeit, sondern dien auch der optischen Nachhaltigkeit. Nicht zuletzt ist das einer der wichtigsten Punkte in ihrer Entwurfsphilosophie und der Grund dafür, warum man bei den Projekten von LRO sehr oft Ziegelfassaden und andere natürliche wie dauerhafte und reparaturfähige Materialien und Baustoffe findet. Bei dem Schulbau in Nürnberg sind außerdem die Fußböden teils aus Naturstein und Holz, großteils aus Linoleum, die Türen und Schränke aus Holzbaustoffen, die Fenster aus Holz-Aluminium-Konstruktionen, die Wände und Decken entweder verputzt, sichtbar belassen oder lediglich farblich behandelt sowie die Dachflächen extensiv begrünt. Da ist es auch kein Widerspruch in der Materialphilosophie, wenn LRO-Projekt wie das Historische Museum einmal mit einer Natursteinfassade versehen sind (wir berichteten: Die Qualität des Raums).
Am ersten Platz gliedern sich die Mensa und der Haupteingang mit darauffolgender Aula an. (Bild: Zooey Braun)
Drinnen liegt die Eingangshalle quer zu den Klassentrakten und ist das räumliche Herz des Bauwerks, das multifunktional genutzt werden kann und an dem sich viele Funktionen angliedern. Entlang der dem Gebäude vorgelagerten Rothenburger Straße sind aus akustischen Gründen die Räume für den schulartenübergreifenen Fachunterricht untergebracht. Die wichtigste Schallschutzmaßnahme aber ist die Anordnung der Sporthalle quasi zwischen Rothenburger Straße und eigentlichem Schulhaus. Die normalen Klassenräume liegen dadurch auf der ruhigen Südseite – mit der teilweisen Möglichkeit, den Unterricht ins Freie zu verlagern.

„Ein Schulhaus ist erst dann wirklich gut, wenn sich die Schülerinnen und Schüler, aber auch die Lehrer, bereits am Abend freuen, am nächsten Tag wieder in dem Gebäude sein zu dürfen. Oder wenn man sich unabhängig des Unterrichts im hohen Alter gerne an das Haus erinnert, in dem man die wichtigsten Lebensjahre von Kindheit und Jugend verbracht hat“, formulieren Arno Lederer, Jórunn Ragnarsdóttir und Marc Oei den Anspruch an ihre Arbeit. Die Chancen stehen gut dafür.
Der zweite Platz ist der Öffentlichkeit eher entzogen und bietet vor allem Raum für die Schüler und Lehrer. (Bild: Zooey Braun)
Die Eingangshalle liegt quer zu den Klassentrakten und ist das eigentliche, multifunktionale Zentrum in der räumlichen Organisation. (Bild: Zooey Braun)
Ein ovaler Luftraum in der Eingangshalle verbindet die Stockwerke und inszeniert den Gebäudeensemble-Mittelpunkt. (Bild: Zooey Braun)
In den Treppenhäusern sorgen zusätzliche Akustikdecken für etwas Ruhe. (Bild: Zooey Braun)
Aus Gründen der Nachhaltigkeit und der Pflegeleichtigkeit kommt auf den meisten Bodenfläche Linoleum zum Einsatz. (Bild: Zooey Braun)
Die Sporthalle ist quasi zur Hälfte in den Boden vertieft, auf ihrem Dach befindet sich ein Allwetterplatz. (Bild: Zooey Braun)
Lageplan (Quelle: LRO)
Grundriss Erdgeschoss (Quelle: LRO)
Querschnitt auf Höhe der Eingangshalle mit Luftraum (Quelle: LRO)
Der Ziegelfassade besteht aus einem normalformatigen Stein, Typ „Ringofensortierung“ in der Farbe Rotbunt hell, wodurch ein sehr lebhaftes Oberflächenbild entsteht. (Bild: Zooey Braun)
Eine markante Ecke bildet den Auftakt zu einem inszentierten formalen wie räumlichen Abfolge. (Bild: Zooey Braun)
Projekt
Johann-Pachelbel Realschule und Staatliche Fachoberschule II
Nürnberg, DE

Architektur
Lederer Ragnarsdóttir Oei
Stuttgart, DE

Team
Wolfram Sponer, Alexander Hochstraßer, Michael Maier

Bauherr
Stadt Nürnberg

Hersteller
Ziegelwerk Klaus Huber GmbH & Co.KG
Nossen, DE

Kompetenz
Ziegel VMz 20-1,8 NF, Normalformat ( 240 x 115 x 71 mm), Typ „Ringofensortierung“, anteilig Fußseiten, Farbe: Rotbunt hell

Auswahl weiterer Hersteller
Akustikdecken: Wucher Innenausbau Ravensburg
Steinboden: Villeroy & Boch
Innenbeleuchtung: Trilux, Bega, LTS, Limburg, Willa

Generalunternehmer
Georg Reisch GmbH & Co. KG
Bad Saulgau, DE

Bauleitung
Architekturbüro Käppeler
Bad Waldsee, DE

Fassadenplanung
IB Koch
Rauenberg, DE

Tragwerksplanung
Bauer und Partner
Ulm, DE

HLS
Kaufer+Passer
Tuttlingen, DE

Bauphysik
ITA
Wiesbaden, DE

Passivhaus
Herz & Lang
Weitnau, DE

Außenanlagen
IB Kovacic
Sigmaringen, DE

Grunstücksgröße
18.505 m²

BGF
24.000 m²

BRI
110.000 m³

Fertigstellung
2017

Fotografie
Zooey Braun
Projektvorschläge
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