Neuapostolische Kirche in Pliezhausen von Ackermann Raff Architekten

Natürlich haptisch

Thomas Geuder
25. Juni 2017
Ein kleiner Vorplatz markiert den Eingang zum Gebäude, inszeniert durch Lichtlinien. (Bild: Marcus Ebener)

Ein Kirchenbauwerk hat, was die Bauaufgabe betrifft, immer auch etwas Einkehr und Rückzug zu tun. Diese Eigenschaften haben Ackermann Raff Architekten in einen Entwurf übersetzt, der die sakrale Atmosphäre mit besonders haptischen Oberflächen erzeugt.

Projekt: Neuapostolische Kirche (Pliezhausen, DE) | Architektur: Ackermann+Raff (Stuttgart, DE) | Bauherr: Neuapostolische Kirche Süddeutschland (Stuttgart, DE) | Hersteller: Liapor GmbH & Co. KG (Hallerndorf-Pautzfeld, DE), Kompetenz: Leichtbeton mit Blähtonkörnung und Flüssigfarbe | vollständige Bautafel siehe unten

Pliezhausen in Baden-Württemberg ist manchem möglicherweise noch bekannt durch das Bürogebäude der Datagroup, errichtet 1995 vom Architekturbüro Kauffmann Theilig & Partner, gut sichtbar von der Bundesstraße 27 aus, mit markant kreisförmiger Gestalt, einem konstruktiv dem Münchner Olympiastadion ähnlichen Glasdach und ausgezeichnet mit dem Hugo-Häring-Preis. Nun ist die knapp 10.000 Einwohner zählende Gemeinde abermals um eine architektonische Attraktion reicher: Die Architekten von Ackermann+Raff aus dem gut 30 km nördlich gelegenen Stuttgart haben dort einen neuen Bau für die Neuapostolische Kirche errichtet, der sich in die Landschaft einfügt und sich als skulpturaler Baukörper doch auch von der angrenzenden Wohnbebauung abheben will (wir berichteten, Bau der Woche: Starke Kirche). Dazu trägt zunächst dessen Lage direkt am Rande eines mitten durch die Gemeinde velaufenden Grünzugs bei. Hier steigt die Straße leicht an, die umgebenden Obstbaumwiesen bilden einen perfekten Hintergrund für das Bauwerk.

Der Neubau der Neuapostolischen Kirche in Pliezhausen soll sich als skulpturaler Baukörper bewusst von der angrenzenden Wohnbebauung absetzen. (Bild: Marcus Ebener)

Formal reagiert der Entwurf auf diese Topographie und den besonderen Ort, indem das Dach quasi quer zum Hang ansteigt und an der Straßenseite einen Hochpunkt über die ganze Gebäudebreite bildet. Hier führt eine leichtgängige Treppe nach oben zu einem vorgelagerten, erhöhten Platz im Zwickel der Gebäudeteile, wo sich schlussendlich auch der Haupteingang befindet. Drinnen angekommen gelangt man zunächst ins Foyer, das als zentraler Verteilungsraum dient. Ein per mobiler Wand trennbarer Mehrzweckraum, der sich mit großzügigen Fensteröffnungen zu den Obstbaumwiesen orientiert, befindet sich links und fungiert als Gemeindesaal. Geradeaus geht es zu Garderobe und WC, nach einer Rechtskurve schließlich gelangt man zur Sakristei. Im Foyer direkt rechts öffnet sich der Kirchenraum, dessen sakraler Charakter und Ausrichtung zum Altar durch die stufenweise ansteigende Decke sowie vor allem durch die Lichtführung bestimmt wird. Ein breites, horizontales Fenster holt helles, blendfreies Tageslicht hinein und akzentuiert den Altarraum, kleine Lochfenster in der seitlichen Wand sorgen für zusätzliches Licht. Unterstützt wird das Lichtkonzept durch indirekt wirkende Lichtbänder an der Decke sowie punktförmige Pendelleuchten.

Raumform, Materialien und Lichtführung fokussieren im Kirchenraum auf den Altar. (Bild: Marcus Ebener)

Zentraler Aspekt im Entwurf ist der Umgang mit der Materialität. Die Architekten von Ackermann+Raff haben sich auf nur wenige und naturbelassene Oberflächen beschränkt. So sind die Fenster, der Altar und die Kirchenbänke aus massiver Eiche gearbeitet, entweder unbehandelt oder geölt. Der Fußboden besteht aus dunkler, sägerauer Räuchereiche, die Einfassung des Altars aus rohem Schwarzstahl. Die Gesamtwirkung aber wird bestimmt durch die Oberfläche der Wände, die einen warmen Farbton besitzen und wie marmoriert wirken. Sie bestehen aus Leichtbeton (Liapor), der durch einen sandfarbenen Prigmentzusatz und den verwendeten Blähton eine natürlich wirkende Haptik bekommt. Sämtliche Außenwände und die für den Kirchenraum wichtigsten Innenwände sind in dieser Materialität errichtet, monolithisch und in einer Stärke bis zu 61,5 cm. Durch die wärmedämmende Eigenschaft des Leichtbetons konnte so sogar die Energie-Einsparverordnung erfüllt werden.

Durch ein Fenster lässt sich der Kirchenraum von der Sakristei aus überblicken. (Bild: Marcus Ebener)

Eine Herausforderung für die Verarbeiter war, möglichst einheitliche wirkende Oberflächen über die insgesamt 1.575 m² Wandfläche zu erzeugen. Um das zu erreichen, wurde eine besonders großformatige Rahmenschalung verwendet. Die vielen Lunker in der Oberfläche sind durchaus gewollt, weil die Blasen und Hohlräume den Wänden eine gewisse Lebendigkeit verleihen. Verbaut wurden übrigens rund 856 Kubikmeter eines LC12/13 der Rohdichteklasse 1.2, mit der Blähtonkörnung F3,5 2-8 mm, Sand K 0-4, Zement CEM III/B 32,5 N, Steinmehl und gelber Flüssigfarbe. «Damit wollten wir zeigen, dass Beton auch fast so aussehen kann wie ein Naturstein», erklärt Johannes Weiß, leitender Architekt bei Ackermann+Raff. Zusätzlich aber ist der Leichtbeton feuerbeständig (Brandklasse A1), frostischer, feuchteunempfindlich, säure- und laugenfest, bei einer Trockenrohdichte von 800 bis 2.000 kg/m³ (zum Vergleich Normalbeton: 2.000 bis 2.800 kg/m³, Schwerbeton: ab 2.800 kg/m³) und einer Wärmeleitfähigkeit von 0,4 bis 2 W/(mK). Kein Wunder also, dass bereits die Römer beim schwierigen Bau der Pantheon-Kuppel zwischen 118 und 129 n. Chr. auf eine ähnliche Technik mit vulkanischen Grundstoffen zurückgriffen – und das dann «opus caementium» nannten.

Durch die leichten Fugen der Schaltafeln entsteht ein gleichmäßiges Raster auf der belebten Fassadenoberfläche. (Bild: Liapor)
Die unregelmäßige Lunker – kleine Hohlräume im Material – sind beim Gießen des Leichtbetons entstanden. (Bild: Liapor)
Grundriss (Quelle: Ackermann+Raff)
Längsschnitt (Quelle: Ackermann+Raff)
Fassadendetail (Quelle: Ackermann+Raff)
Die Fundamente, die Bodenplatte und das Dach bestehen aus Normalbeton, alle Außen- und Innenwände aus Leichtbeton. (Quelle: Ackermann+Raff)
Einen Hochpunkt, eine Art zurückhaltenden Kirchturm bildet das Dach zur Straßenseite, eigentlich der Lichtschacht für die Altarbeleuchtung. (Bild: Marcus Ebener)
Projekt
Neuapostolische Kirche
Pliezhausen, DE

Architektur
Ackermann+Raff
Stuttgart, DE

Bauherr
Neuapostolische Kirche Süddeutschland
Stuttgart, DE

Hersteller
Liapor GmbH & Co. KG
Hallerndorf-Pautzfeld, DE

Kompetenz
Leichtbeton mit Blähtonkörnung und Flüssigfarbe

Rohbau
Adolf List Bauunternehmung GmbH & Co. KG
Reutlingen, DE

Leichtbetonlieferung + Abstimmung
Wenzelburger Kieswerke GmbH & Co. KG
Neckartailfingen, DE

Wettbewerb
2014, 1. Preis

Fertigstellung
2016

Fotografie
Marcus Ebener
Ackermann+Raff
Liapor
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