ZOB in Pforzheim

Mit Schwung zum Bus

 Thomas Geuder
4. Oktober 2016
In Pforzheim haben die Stuttgarter Architekten von Metaraum den neuen ZOB mit amorpher Dachform gestaltet. (Bild: Zooey Braun)
Der Hauptbahnhof Pforzheim, ein geschätztes Beispiel deutscher Nachkriegsarchitektur, hat von Metaraum aus Stuttgart einen neuen Nachbarn erhalten: den Zentralen Omnibusbahnhof. Der übersetzt die Dynamik des Ortes in eine amorphe Dachskulptur.
Projekt: Zentraler Omnibusbahnhof (Pforzheim, DE) | Architektur: Metaraum Architekten BDA (Stuttgart, DE) | Bauherr: Stadt Pforzheim | Hersteller: Knauf Gips KG (Iphofen, DE), Kompetenz: AQUAPANEL Cement Board Outdoor, Grundierung, Maxi Schrauben, Fugenspachtel, Klebe- und Armiermörtel, Fugenspachtel, Fugenband, Fugen- und Flächenspachtel, Gewebe
Vielen ist Pforzheim noch als die «Goldstadt» bestens bekannt, schließlich befand sich hier lange Zeit die 1767 von Markgraf Karl Friedrich von Baden begründete Schmuck- und Uhrenindustrie, die zeitweise bis zu 75 Prozent der deutschen Schmuckwaren produzierte. Dieser Teil der Stadtgeschichte ist jedoch leider vorüber, denn Ende des 20. Jahrhunderts wanderte die Industrie nach Fernost ab. Heute ist Pforzheim quasi nur noch die Stadt zwischen Baden und Württemberg, die zudem unter einem uneinheitlichen und wenig attraktiven Stadtbild leidet, hervorgerufen durch das Fehlen einer klassischen repräsentativen Altstadt aufgrund der mehrfachen Stadtzerstörungen, Herrscherwechsel und Verschiebungen der Siedlungsschwerpunkte. Lediglich einzelne Bauten lediglich zeugen noch von der reichen Vergangenheit. Die Zerstörungen im Krieg trugen ihr Übriges hinzu, auch danach erging es der städtebaulichen Struktur wie vielen Städten in Deutschland, als vor allem ein rascher Wiederaufbau notwendig war. Dennoch, Bauwerke wie evangelische Auferstehungskirche (Architekt: Otto Bartning, 1948) oder die Matthäuskirche (Architekt: Egon Eiermann, 1956) sind geschätzte und viel beachtete Bauwerke aus dieser Zeit. Auch der Hauptbahnhof (Architekt: Helmuth Conradi) zählt zu den gelungenen Beispielen der Nachkriegsmoderne. Einprägsam ist seine große, parallel zu den Gleisen verlaufende Schalter- und Wartehalle, die sich nüchtern modern mit einer großen Geste zur Innenstadt von Pforzheim öffnet. Das relativ flache und lange Gebäude aus zu großen Teilen mit Bruchgranit verkleidetem Stahlbeton prägt das Umfeld durch die gewisse Leichtigkeit und gestalterische Bodenhaftung.
Die Dachfläche ist in drei Segmente unterteilt, die sich trotz ihrer auffälligen Form dem Maßstab des Hauptbahnhofs unterordnen, der so seine optische Dominanz behält. (Bild: Zooey Braun)
Im neuen Jahrtausend also steht die Stadt vor neuen Aufgaben. So ist das Umfeld des Hauptbahnhofs Teil einer großen infrastrukturellen Entwicklungsmaßnahme, die zu einer Verbesserung der verkehrlichen Verhältnisse sowie zur Aufwertung des gesamten Bereichs führen soll. Wichtige Maßnahme dabei ist der Neubau des Zentralen Omnibusbahnhofs ZOB, auf einer bisher ungestalteten und recht unwirtlich Fläche zwischen Bahnhofsgebäude und Brücke über die Bahngleise zur Nordstadt. Den entsprechenden Wettbewerb konnte 2012 das Stuttgarter Architekturbüro Metaraum für sich entscheiden. Ihre Gestaltungsidee weicht von einer oft gesehenen monotonen Reihung überdachter Steige gänzlich ab sieht eine Art amorphe Dachlandschaft vor, die sich aus der Dynamik des Ortes entwickelt. Das ist zunächst ein ähnlicher Gedanke, den beim Bahnhofsgebäude seinerzeit auch Helmuth Conradi verfolgt hatte, der die Linearität der Bahngleise zum Aufhänger für den Entwurf eines langgestreckten Gebäudes nahm. Beim ZOB allerdings sind es vor allem die Auto- und Bus-Verkehrsströme, die der Form zu Grunde liegen. So ist der 180 m lange und 45 m ZOB nun von drei Dachflächen überspannt, mit Öffnungen über den Fahrspuren, in Richtung Gleise bis zum Boden hinuntergeführt, um eine räumliche Begrenzung, aber auch einen Witterungsschutz zu erzeugen. Die Bodenbeläge sind gepflastert und mit einer Glimmereinstreuung versehen, ähnlich zum Farbton der Oberflächen des Stütztragwerks. Durch Lichtbänder in den Rändern der Dächer wird die Dachform noch hervorgehoben, jeweils vier Leuchten an den Stützen beleuchten die Deckenflächen darüber und sorgen so für eine indirekte Grundbeleuchtung. Das Dachtragwerk ist als Trägerrost mit Trägerscharen entwickelt, an deren Schnittpunkten sich die Stützen befinden. In den Fußpunkten ist die gesamte Konstruktion dabei quasi gelenkig gelagert, die Stützen jedoch sind biegesteif mit dem Trägerrost des Dachs verbunden. Die Konstruktionshöhe beträgt maximal ca. 500 mm und nimmt zu den Dachrändern hin ab.
Trotz der großzügigen Öffnungen ist der Witterungsschutz für die Fahrgäste gegeben, da sich die Öffnungen ausschließlich über den Fahrspuren befinden. (Bild: Zooey Braun)
Für eine optische Klarheit sorgt die Verkleidung des Dachs mit Bauplatten, die sich biegen und formen bzw. mit einer Säge auf das benötigte Maß bringen lassen (Gesamtsystem: Aquapanel, Knauf). Die Platten besitzen einen auf Portlandzement basierenden Kern und sind beständig gegen Feuchtigkeit und Witterung, geprüft bei Frost-Tau-Wechsel und nicht brennbar. Sie wurden mit einer Fugenbreite von 3 bis 5 mm auf die Unterkonstruktion geschraubt, die Fugen dann mit Spachtel geschlossen und ein 10 cm breites Fugenband in die Spachtelmasse eingearbeitet. Auch die Schraubenköpfe wurden verspachtelt, anschließend die Decke komplett armiert, die Oberfläche dann verputzt, glatt gefilzt bzw. gespachtelt. Offene Fugen an den Konstruktionsrändern konnten mit Kompriband oder Winkeln geschlossen werden. Der bis zum Boden verlaufende Teil ist zusätzlich mit Graffitischutz versehen. Die Architekten von Metaraum haben so ein außergewöhnliches Überdachungsbauwerk geschaffen, das für die Stadt Pforzheim nicht nur einen wichtigen verkehrsplanerischen Knotenpunkt schafft, sondern auch identitätsstiftend wirkt – ein Bauwerk, das der Jury des Preises des Deutschen Stahlbaus 2016 eine Auszeichnung wert war.
Das Herunterführen der Dachflächen an der Nordseite führte hier zu besonderen Anforderungen in Sachen Wind- und Anpralllasten. (Bild: Zooey Braun)
Lageplan/Dachaufsicht (Quelle: Metaraum)
Grundriss (Quelle: Metaraum)
Die Putzträgerplatte besteht aus einem Kern aus Portlandzement und Zuschlagstoffen, beidseitig mit einem Glasgittergewebe armiert, die Enden geschnitten und die Kanten verstärkt. (Bild: Knauf)
Nach oben wurden die Stützen durch angeschweißte Laschen biegesteif an den Trägerrost angeschlossen, im Fußpunkt sind die Stützen gelenkig gelagert. (Bild: Knauf)
Die Platten ermöglichten auch sehr enge Radien und dreidimensionale Flächen. (Bild: Jaeger Ausbau)
Fugen und Schrauben wurden schließlich so verspachtelt, dass eine einheitliche Fläche entsteht. (Bild: Jaeger Ausbau)
In der Nacht bringt die Beleuchtung der Dachunterseite die gesamte Konstruktion beinahe zum Schweben. (Bild: Zooey Braun)
Projekt
Zentraler Omnibusbahnhof
Pforzheim, DE

Architektur
Metaraum Architekten BDA
Stuttgart, DE

Hersteller
Knauf Gips KG
Iphofen, DE

Kompetenz
AQUAPANEL Cement Board Outdoor, Grundierung, Maxi Schrauben, Fugenspachtel, Klebe- und Armiermörtel, Fugenspachtel, Fugenband, Fugen- und Flächenspachtel, Gewebe

Bauherr
Stadt Pforzheim

Tragwerksplanung
Engelsmann Peters Beratende Ingenieure GmbH
Stuttgart, DE

Lichtplanung
Day & Light Lichtplanung
München, DE

Objektplanung Verkehrsanlagen
Mailänder Consult GmbH
Karlsruhe, DE

TGA-Planung
P&H Hönes GmbH
Pforzheim, DE

Stahlbau
STS Stahltechnik GmbH
Delmenhorst, DE

Beplankung
Jaeger Ausbau GmbH +Co KG Rhein Main
Wölfersheim, DE

Wettbewerb
Begrenzt offener Realisierungswettbewerb, 1. Preis

Grundfläche
10.000 m², davon überdacht 5.000 m²

Fotos
Zooey Braun
Projektvorschläge
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Die Rubrik «Praxis» ent­hält aus­schließ­lich redak­tio­nell er­stellte Bei­träge, die aus­drück­lich nicht von der Indus­trie oder anderen Unter­nehmen finan­ziert werden. Ziel ist die un­ab­hängige Be­richt­er­stat­tung über gute Lösungen am kon­kreten Pro­jekt. Wir danken allen, die uns dabei unter­stützen.

Vorgestelltes Projekt

Henning Larsen

Novo Nordisk Corporate Center

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