Praxis-Gespräch Christian Bartenbach, Ehrenpreis Deutscher Lichtdesign-Preis 2018

Licht ist Wahrnehmung

 Thomas Geuder
22. Mai 2018
Christian Bartenbach war der erste Lichtplaner, der mit einem künstlichen Lichthimmel gearbeitet hat. (Bild: Bartenbach)
Vergangenen Donnerstagabend wurde in Köln der Deutsche Lichtdesign-Preis feierlich vergeben. Insgesamt 11 Lichtplanungsbüros in 16 Kategorien konnten sich über eine Prämie freuen. Einer der Höhepunkte war die Verleihung des Ehrenpreises der Jury, der diesmal an den 88-jährigen Licht-Pionier Christian Bartenbach ging. Wir haben ihn zum Interview nach der Preisverleihung getroffen. Ein Praxis-Gespräch.
Ehrenpreis der Jury des Deutschen Lichtdesign-Preises 2018 für: Christian Bartenbach (Aldrans/Tirol, AT) | Die Projektbilder zeigen Planungen der Bartenbach GmbH
Thomas Geuder: Herr Bartenbach, herzlichen Glückwunsch zunächst zum Ehrenpreis der Jury des Deutschen Lichtdesign-Preises 2018. Lassen Sie uns einmal zurückblicken: Bereits seit den 1960er-Jahren beschäftigen Sie sich mit dem Licht, zunächst aus dem Blickwinkel des Ingenieurs für Elektrotechnik, immer aber auch schon unter dem Einfluss des Drangs zur Forschung. Wie war das damals?
Christian Bartenbach: Genau genommen habe ich sogar schon früher damit begonnen, mich intensiver mit Licht zu beschäftigen. Bereits im Studium war das Licht für mich ein wichtiges Thema. So kam es, dass ich bei meiner Abschlussarbeit als Wahlfach das Licht gewählt hatte. Nach dem Studium, in der familieneigenen Elektroinstallationsfirma dann, habe ich nach Wegen gesucht, die über das normale Installieren von Elektrotechnik hinaus gehen. In dieser Zeit wurde die Leuchtstofflampe erfunden, quasi als Gegenstück zur Glühlampe. Ich selbst war ein Verfechter der Leuchtstofflampe, jedoch waren sie meist quasi nur nackt und abgehängt montiert, in Fabriken etwa. Da wir aber nach höheren Leuchtdichten suchten, brauchten wir Reflektoren. Die haben wir – weil es sie noch nicht gab – schließlich selbst produziert. Mein Bruder, der Maschinenbauer war, hat das im Gewölbekeller mit Begeisterung von Hand getan. So haben wir mit der Entwicklung von Leuchten begonnen, immer aber auch in Verbindung mit der entsprechenden Planung. Ein Glück in dieser Zeit war übrigens auch, dass die Universität in Innsbruck das Fach „Wahrnehmungspsychologie“ angeboten hatte. Der dortige Professor Kohler hat die „Adaptionstheorie“ vertreten. Bei Versuchen habe ich schnell gemerkt, dass es beim Licht nicht nur um Beleuchtungsstärken, sondern auch um die visuelle Wahrnehmung geht. Diese frühe Erkenntnis hat mich seither immer begleitet.

Für diese Zeit war die Herangehensweise über die Wahrnehmung ein ziemlich fortschrittlicher Gedanke, oder?
Richtig. Das ist er sogar heute noch. Die visuelle Wahrnehmung hat mich immer schon begleitet. Später dann habe ich einen Wahrnehmungspsychologen beschäftigt, der die Wahrnehmung methodisch erfassen und dabei die Adaptionsvorgänge verstehen kann. Heute beschäftigen sich in unserer Forschungsabteilung bei Bartenbach drei oder vier Leute nur mit Psychologie. Bei uns begleitet die Wahrnehmungspsychologie immer das gesamte Geschehen. Das ist für mich ein ganz wesentlicher Punkt. Schauen Sie, Leuchten sind doch meist heller als das, was beleuchtet wird. Das gehört generell umgedreht. Denn eine Leuchte kann schnell von dem ablenken, worauf man eigentlich fokussiert, wo man gerade informiert wird. Da die Verarbeitung der Lichtreize aber im Gehirn stattfindet, kann die Aufmerksamkeit schnell gestört werden. Drum wird auch das Buch, an dem ich gerade arbeite, den doppelsinnigen Titel „Meine Gedanken über das Licht“ haben. Es geht darum, eine andere Sicht auf das Licht zu bekommen. Das, was wir tun, nenne ich deswegen nicht Lichttechnik, sondern Lichtgestaltung. Wir müssen mehr visuell denken, mehr über den Vorgang des Sehens und die Neurologie.
Diskussion mit Studenten der Lichtakademie. Mit dabei: Der Kameramann Christian Berger, der an der Lichtakademie Bartenbach gelehrt hat und der gemeinsam mit Christian Bartenbach das Cine Reflect Lighting System entwickelt hat. (Bild: Bartenbach)
Die LED kann auf diesem Feld natürlich einen wichtigen Beitrag leisten, oder?
Natürlich, ja. Einen Raum könnte man aber auch so mit Tageslicht beleuchten, dass das Kunstlicht nur minimal eingesetzt werden muss. Die LED bietet hier sicherlich Vorteile, aber man muss auch aufpassen. Denn die LED ist ja ein Lichtpunkt mit sehr hoher Leuchtdichte. Umso wichtiger ist es, die Streustrahlung zu vermeiden und das Licht exakt zu verteilen. Die LED ist ohne Zweifel die Lichtquelle der Zukunft. Dennoch müssen wir nach wie vor viel tun, um sie richtig zu verstehen und richtig anzuwenden.

Richtig anwenden heißt in Ihrem Sinne also auch: erst das Tageslicht, dann das Kunstlicht?
Ja. Besonders beim Tageslicht scheint einiges verloren gegangen zu sein. Mit einem Loch in der Mauer hat man das Thema Tageslicht jedenfalls noch nicht gelöst. Vor 200 Jahren wusste man das noch besser, als es das Kunstlicht in dieser immer verfügbaren und qualitativ hochwertigen Form noch nicht gab. Ein Gebäude musste tageslichttransparent sein, was zu bestimmten Bauformen mit großen Fenstern und hohen Räumen geführt hat. Später dann, als das elektrische Licht kam, sind die Räume niedriger geworden. Das elektrische Licht hat die Architektur also enorm beeinflusst.
Die Tageslichtführung im Kunstmuseum Bern war für die Architekten des Atelier 5 der Angelpunkt für Um- und Neubau des Museums. 1983 entstanden, unterschied sich dieses Museum deutlich von allen anderen. (Bild: Peter Bartenbach)
Damals, in den 1960er-Jahren, sah die Landschaft der Lichtplanung noch ganz anders aus. Auf welches Umfeld hat man zurückgreifen können bzw. welche Vorbilder gab es überhaupt?
Als ich damals aus dem Studium in die Realität getreten bin, gab es im Prinzip fast keine Literatur für das, was ich anstrebte. Mein Professor hat mir dann ein Buch von Walther Kaperonski – ein Wiener in Amerika – empfohlen, das damals gerade neu erschienen ist: Mehr Licht durch Leuchtstofflampen. Das war für mich wie Öl ins Feuer. Ein wichtiges Buch für mich und ein gewaltiger Schritt. Da hieß es etwa, dass in Großstädten mit über 100.000 Bewohnern ein Schaufenster mindestens mit 3000 lx ausgestattet sein sollte, nicht wie bei uns bisher mit 200 lx. Bei einer Schaufenster-Beleuchtung in Innsbruck, die ich damals dann mit diesen Werten gestaltet hatte, hat die ganze Stadt den Atem angehalten. Das war eine Sensation. Später dann haben wir festgestellt, dass man die Röhren, die bis dato über den Tischen abgehängt waren, ruhig auf die Decke geben kann, wenn man die richtige Reflektortechnik verwendet und die Abstände richtig plant.

Ist die Spiegelrasterleuchte also ein Resultat dieser Gedanken?
Die ersten Spiegelrasterleuchten haben tatsächlich wir gemacht, wofür wir übrigens von einigen großen Herstellern angefeindet wurden. Wir haben das alles quasi in Kleinindustrie realisiert. Und doch konnten wir Projekte wie etwa die Dresdner Bank mit 20.000 einflammigen Leuchten ausstatten. Damals wurde ich immer mal wieder mit Worten vorgestellt: „Das ist der, der die Spiegelrasterleuchte verbrochen hat.“
 
Ca. 900 Oberlichter mit spezieller lichttechnischer Ausgestaltung in der 66.000 m² großen Dachfläche des Changi Airport Terminal 3 in Singapore sorgen für optimale Versorgung mit Tageslicht. Auf Kunstlichtzuschaltung im von SOM entworfenen Gebäude kann während des Tages völlig verzichtet werden. (Bild: Durlum / Bartenbach)
Seit den 1960er-Jahren ist ja einiges passiert. Was war für Sie ein wichtiger Meilenstein dieser fast 60 Jahre Beschäftigung mit Licht?
Für mich war der Beginn der Produktion von Leuchten gemeinsam mit meinem Bruder ein wichtiger Punkt. Von der Installationsfirma zum Leuchtenproduzenten also, im Alter von rund 35 Jahren. Die Produktion lief aber immer auch zusammen mit der Planung. Wir haben die Anlagen geplant und hinterher auch produziert. Es ging dabei immer um Leuchtensysteme mit hohem Wirkungsgrad. In diesem Bereich habe ich auch einige Patente. Die Arbeit war also stets von einem Suchen nach immer neuen Ideen geprägt. Die Architekten ihrerseits haben die Milieuänderung sofort verstanden. Auch wenn sie vielleicht nicht immer nachvollziehen konnte, wie ich das mit der Wahrnehmung und der Visualität gemeint habe, so wollten sie am Ende doch die Atmosphäre haben, die ich erzeugen konnte.

Die LED hat in den letzten gut 10 Jahren die Lichtbranche ziemlich auf den Kopf gestellt. Wie haben Sie diesen Wandel wahrgenommen?
Zu meinem 70. Geburtstag, als es noch keine weiße LED gab, wurde ich im Rahmen einer Ausstellung eingeladen, das System der Zukunft zu gestalten. Schon damals war ich mir sicher, dass der LED die Zukunft gehören wird. Viele dachten jedoch, dass die LED das bestehende Leuchtmittel-Angebot nur ergänzen wird, wie bei anderen Neuentwicklungen bereits. Heute sieht man jedoch, dass die LED einen großen Teil der Leuchtmittel sogar verdrängt hat. Das ist auch für die Hersteller eine ganz neue Situation. Aber wer weiß schon, ob in 20 Jahren nicht wieder etwas anderes erfunden wird, das dann die LED-Technologie verdrängt. Die Suche geht eben weiter. Bei all den Möglichkeiten mit der LED dürfen wir jedoch nicht vergessen, dass das wirklich biologische Licht das Tageslicht ist. Deswegen sollten wir auch wieder mehr mit dem Tageslicht arbeiten. Denn Licht wirkt nicht nur durch seine Intensität und die neuronale Verarbeitung, sondern wirkt sich auch auf unseren Rhythmus aus. All diese Erkenntnisse müssen ganzheitlich betrachtet werden.

Dazu zählen Sie vermutlich auch den Einfluss auf die Architektur bzw. den Entwurf.
Absolut. Nicht zuletzt darum war die Vereinigung von Architektur und Licht von Anfang an eines der wichtigen Themen in unserer Lichtakademie.
Beim Erweiterungsbau des neuen Messezentrums Basel (Architektur: Herzog & de Meuron) wird der Stadtplatz über ein Oberlicht mit einem Durchmesser von 38 m belichtet. Die spezielle Aluminiumlamellen- und Streckmetallstruktur, die bereits nach Übergabe der Firma an Sohn Chrisitan Bartenbach entstanden ist, lenkt das Tageslicht blendfrei auf den Stadtplatz. (Bild: Hufton + Crow / Bartenbach)
Was glauben Sie, wohin die Reise der Lichtplanung in Zukunft also gehen kann bzw. sogar muss?
Lichtplanung ist Teil des visuellen Wahrnehmungssystems. Denn 80 % unserer neuronalen Informationen stammen von visuellen Reizen. Die Visualität wiederum ist an Licht gebunden. Auch die Gesundheit hängt sehr stark am Licht. Dennoch brauchen wir noch mehr Erkenntnisse der neuronalen Verarbeitung. Denn das Gehirn ist es, das die Lichtreize des Auges übersetzt. Wenn wir erkennen, was hierbei geschieht, kann der Lichtplaner umso besser damit arbeiten. Der Einbezug dieser Erkenntnisse wird also in Zukunft notwendig sein. Ich sehe, dass wir hier auf einem guten Weg sind, vor allem auch mit der LED. Das Lichtwissen kommt dem Fortschritt momentan vielleicht nicht ganz hinterher. Umso mehr brauchen wir eine gute Ausbildung, ein eigenes Berufsbild. Ich freue mich aber zu sehen, dass wir auch hierbei auf einem guten Weg sind.

Vielen Dank für das angenehme Gespräch, Herr Prof. Bartenbach. Und herzlichen Glückwunsch noch einmal Ihnen und Ihrem Team zum Ehrenpreis des Deutschen Lichtdesign-Preises 2018. Auch allen anderen Gewinnern des Deutschen Lichtdesign-Preises gratulieren wir an dieser Stelle natürlich ebenfalls herzlich.
Gemeinsam mit dem Tiroler Architekten Josef Lackner konzipierte Christian Bartenbach den Rundbau für sein „LichtLabor“, den er mit seinem Büro 1989 bezog. Das Gebäude erhielt eine Auszeichnung des Landes Tirol für Neues Bauen. (Bild: Bartenbach)
Kopfstand: Zeitlebens praktiziertes Joga ist eines der Geheimnisse von Christian Bartenbach für sein hohes Alter. (Bild: Bartenbach)
Verleihung des Ehrenpreises des Deutschen Lichtdesign-Preises 2018 in Köln. Die Laudatio hielt der Lichtplaner Prof. Volker von Kardorff. (Bild: Bettina Theisinger / Deutscher Lichtdesign-Preis)
Christian Bartenbach (hier bei der Dankesrede) ist in diesem Jahr 88 Jahre alt geworden. Wir gratulieren an dieser Stelle noch einmal zum schnapszahligen Geburtstag. (Bild: Thomas Geuder)
Alle Gewinner-Teams sortieren sich zum offiziellen Gruppenbild. (Bild: Thomas Geuder)
In insgesamt 16 Kategorien wurde der Deutsche Lichtdesign-Preis diesmal an vergeben. (Bild: Bettina Theisinger / Deutscher Lichtdesign-Preis)
Christian Bartenbach haben wir im Anschluss an die Preisverleihung zum (fast) mitternächtlichen Interview gebeten. (Bild: Bettina Theisinger / Deutscher Lichtdesign-Preis)
Auswahl der Preisträger des Deutschen Lichtdesign-Preises 2018:

Kulturbauten:

Ulmer Münster
Lichtplanung + Elektroplanung: Ingenieure Bamberger GmbH & Co. KG, Pfünz
Architekt/Innenarchitekt: Münster Bauamt, Ulm
Bauherr: Evang. Gesamtkirchengemeinde Ulm

Außenbeleuchtung / Öffentliche Bereiche:
Freyburg (Unstrut) Kirchplatz
Lichtplanung: SSP Schmitz Schiminski Partner GbR, Hildesheim
Architekt/Innenarchitekt: Lohrer.Hochrein Landschaftsarchitekten u. Stadtplaner
Bauherr: Verbandsgemeinde Unstruttal

Museen:
Deutsches Elfenbeinmuseum, Erbach
Lichtplanung: Licht Kunst Licht AG, Berlin
Architekt/Innenarchitekt: Sichau & Walter Architekten BDA
Elektroplanung: Ingenieur-Planungsgesellschaft Dries + Liebold mbH
Bauherr: Verwaltung der Staatlichen Schlösser und Gärten Hessen

Verkehrsbauten:
Ausbau Bahnhof Oerlikon, Zürich
Lichtplanung: lichtgestaltende ingenieure vogtpartner, Winterthur
Architekt/Innenarchitekt: 10:8 Architekten GmbH
Elektroplanung: Ernst Basler + Partner AG | EPAG Elektroingenieure
Bauherr: SBB AG / Stadt Zürich Tiefbauamt

Sonderpreis Tageslicht:
Landtag Baden-Württemberg, Stuttgart
Lichtplanung: Licht Kunst Licht AG, Berlin
Architekt/Innenarchitekt: Staab Architekten GmbH
Elektroplanung: F & E Elektroanlagen GmbH
Bauherr: Land Baden-Württemberg, vertreten Durch den Landesbetrieb Vermögen und Bau Baden-Württemberg
Praxis-Bericht: Ein Himmel für die Politik

Lichtdesigner des Jahres:
Andreas Schulz ist mit Licht Kunst Licht AG

Alle Preisträger und Nominierungen des Deutschen Lichtdesign-Preises unter:
www.lichtdesign-preis.de

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