Sanierung Hotel Wedina von Dirk Michel Architekt, Hamburg

Les Couleurs

 Thomas Geuder
26. Februar 2018
Das Hotel Wedina in Hamburg wurde von dem Archtiekten Dirk Michel komplett saniert und mit neuen Farben, Formen und Materialien ausgestattet. (Bild: Guido Könniger)
Wenn ein Hotel umgebaut wird, endet es oft im gewohntem Einheitsbrei. Beim Hotel Wedina in Hamburg aber ist es dem Architekten Dirk Michel gelungen, dem Gebäude und den Zimmern einen Charme zu geben, der zudem aufs Wesentliche zurückholt.
Projekt: Sanierung Hotel Wedina (Hamburg, DE) | Architektur: Dirk Michel Architekt (Hamburg, DE) | Bauherr: Hotel Wedina (Hamburg, DE) | Hersteller: Keimfarben GmbH (Diedorf, DE), Kompetenz: Innen- und Außenfarben poLyChro Les Couleurs Le Corbusier
Martin Walser hat hier schon übernachtet, auch Henning Markell: Unweit der Außenalster in Hamburgs Stadtteil St. Georg steht inmitten einer überwiegenden Blockrandbebauung das Hotel Wedina, ein Stadthaus mit baulicher Geschichte, die bis ins 19. Jahrhundert zurückreicht. Das Gebäude musste dringend saniert werden, was sich für den Architekten Dirk Michel aus Hamburg als eine Herausforderung herausstellte. Über Generationen hinweg wurde es mehrfach aufgestockt und erweitert. Bestandspläne waren deswegen kaum vorhanden. Zwar wurde zumindest die räumliche Struktur durch 3D-Scanning ersichtlich, aber die Konstruktion konnte erst während der Baumaßnahmen erkannt werden. Dabei stellte sich heraus, dass sie von Geschoss zu Geschoss und sogar innerhalb der Geschosse wechselte. Nicht zuletzt deshalb entschieden sich Architekten und Bauherren, das Gebäude von allen nichttragenden Elementen zu befreien, um dann einen technisch zeitgemäßen Überbau zu ermöglichen, teilweise unter Erneuerung tragender Bauteile und Decken. Nur so war es möglich, das Gebäude auch im Hinblick auf den Brandschutz auf einen Neubaustandard zu bringen.
Es gibt im Innenraum nun größere Hotelzimmer, dafür sind es insgesamt ein paar weniger. Jedes ist wegen des verwinkelten Altbaus ein bisschen anders. (Bild: Guido Könniger / Keim)
Der Bestandsbau war oberflächlich betrachtet kein schönes Haus (mehr). Für Dirk Michel aber besaß er etwas, das bleiben sollte: „Es war für mich relativ schnell klar, dass das Hotel zwar einerseits fast komplett überarbeitet, aber andererseits der Charakter des Hauses erhalten bleiben müsste.“ So gibt er dem sanierten Gebäude eine radikal moderne Formen- und Farbsprache, nimmt aber Elemente des Altbaus und der umgebenden Bebauung auf, um diese neu interpretiert fortzuschreiben. Das wird schon in der Außenansicht klar. Für das Hotel waren irgendwann zwei Bauwerke zusammengelegt worden, die Fassaden wurden vereinheitlicht, sodass jedoch der Parzellenrhythmus der Straße gestört war. Auf Wunsch des Denkmalamts wurden nun im Zuge der Modernisierung die beiden Einzelhäuser wieder stärker ablesbar gemacht: Nach dem Aufbringen eines Wärmedämmverbundsystems erhielten sie unterschiedliche Farben, zwei Nuancen von Rot, ähnlich und doch verschieden, um die Zusammengehörigkeit zu zeigen. Die Faschen des einen Hauses wurden dann jeweils im Rotton des anderen Hauses gestrichen. Sie heben sich ein paar Zentimeter von der Fassadenebene hinaus, innen werden die Öffnungen dann noch durch anthrazitfarbene Holzwerkstoffzargen der Fenster gefasst, die ihrerseits ebenfalls ein Stück hervorragen. Umgekehrt ist das Motiv des Gesimses über dem Parterre-Geschoss aus den umgebenden Gebäuden als doppelte Horizontalfuge im Putz interpretiert. All das führt zu einer Tiefe in der Fassade, zu einem lebendigen Licht- und Schatten-Spiel, das mit den detailreichen, stärker reliefierten Altbauten der Umgebung korrespondiert.
Die bauliche Vielfalt drückt sich auch in der Farbwahl aus: Jedes Zimmer hat vom Architekten eine andere Farbe erhalten. (Bild: Guido Könniger / Keim)
Das Innere des Gebäudes hat sich stark verändert. Es wurden überwiegend natürliche Materialien wie Holz und Naturstein eingesetzt. Auch die Farben sind mineralisch. Die Stoffe (Filz, Wolle) sind natürlich. Echtes Leder (Kernleder) wurde für Schreibflächen der Schreibtische und Stuhlpolster verwendet. Das Holz ist Eiche, leicht astig, meist massiv ausgeführt, die Oberfläche geölt mit einem leichten Anteil an Weißpigmenten. Der Naturstein ist ein Muschelkalk. Dies alles sind Materialien, die eine große Wärme ausstrahlen, wodurch Dirk Michel sich die Möglichkeit schafft, die Formensprache und Materialvielfalt zu reduzieren, ohne dabei die Gemütlichkeit zu nehmen.

Am stärksten auf die Atmosphäre wirken umso mehr die Farben, bei denen sich der Architekt der Palette von „poLyChro“ Les Couleurs Le Corbusier (Keim) bediente. Le Corbusier entwickelte 1931 eine Farbpalette aus 43 Farben in zwölf Stimmungen und mit so malerischen Bezeichnungen wie Himmel, Raum, Samt und Sand. 1959 ergänzte er diese durch 20 tiefe, dynamische Farbtöne: leuchtende Buntnuancen, erdige, kraftvolle Farbwerte und sattes Schwarz. Besonders an diesen Farben ist – neben ihrer Schönheit – die schier unerschöpfliche Kombinierbarkeit untereinander. Beim Hotel Wedina hat Dirk Michel den glatt gespachtelten und geschliffenen Wänden jedes Zimmers eine andere Farbe gegeben: Auf der Beletage und in den Zimmern, die bis unters Dach reichen, also in den Räumen mit großzügiger Höhe, finden sich dunklere Töne, während die kleineren Zimmer mit helleren Farben gestaltet sind. Michel gab dabei stets den satten, kraftvollen Tönen wie einem Rubinrot oder einem Sonnenblumengelb den Vorzug. Nur wenige Zimmer sind in den zarteren Nuancen wie einem beigegrauen Umbra gehalten, die ebenfalls aus Le Corbusiers System stammen.
Mal führen hinter der Tür einige Stufen hinab in den Raum, mal bildet ein erhöhtes Podest vor dem Fenster eine Leseecke mit Sessel, mal blickt der Gast durch offenes Gebälk unter das schräge Dach. (Bild: Guido Könniger)
Die Technik in den Zimmern ist übrigens bewusst recht einfach und konventionell gehalten, um es dem Gast so einfach wie möglich zu machen. So wünschte sich der Bauherr keine „träge“ Heizung wie eine Fußbodenheizung, was oft zur falschen Temperierung der Zimmer führt. Unter den Fenstern oder in Möbeln gibt es Konvektoren. Eine (elektrische) Fußbodenheizung findet sich nur im Bad, so die Raumtemperatur auch durch den Handtuchwärmer reguliert wird und wo eine Spiegelzheizung ein Beschlagen vorbeugt. Es gibt auch keine Klimatisierung, sondern einen außenliegenden Sonnenschutz mit Zip-Führung, der beim Betreten des Zimmers automatisch herauf und beim Verlassen wieder herunterfährt. Zwischendurch kann der Gast den Sonnenschutz natürlich manuell bedienen. Dem Architekten Dirk Michel ist so ein Hotelbau gelungen, der in Form, Farbe und Material ausgesprochen charakteristische Zimmer besitzt, die trotz aller Reduktion eine große Wärme und Geborgenheit ausstrahlen. Auch die Patina, die die Materialien mit der Zeit bekommen, beeinträchtigt nicht. Im Gegenteil: Leichte Schäden, welche sich in einem Hotel immer wieder leicht ergeben, nimmt das Material nicht übel. Es ist leicht auszubessern.

In der zweiten Bauphase werden derzeit übrigens das Erdgeschoss und der Keller mit Rezeption, Lobby, Frühstück, Bibliothek und den Funktionsräumen komplett erneuert.
Anstelle von Vorhängen für den Sichtschutz wurden Faltläden entworfen, die ebenfalls aus Eichenholz gefertigt wurden. (Bild: Guido Könniger / Keim)
In den Zimmern mit bodentiefen Fenstern oder Zimmer in denen aus anderen Gründen Fensternischen nicht möglich waren, würden die Heizkörper in Möbel integriert. (Bild: Guido Könniger)
Grundriss 3. Obergeschoss. Gelb=Abbruch, Rot=Neu, Schwarz=Bestand (Quelle: Dirk Michel)
Grundriss 2. Obergeschoss. Gelb=Abbruch, Rot=Neu, Schwarz=Bestand (Quelle: Dirk Michel)
rundriss 1. Obergeschoss. Gelb=Abbruch, Rot=Neu, Schwarz=Bestand (Quelle: Dirk Michel)
Bei den Zimmertüren findet sich zwischen Rahmen und Wandfläche eine extrabreite Fuge, die in der Farbe des dahinterliegenden Zimmers gestrichen ist, quasi als kleiner Vorgeschmack. (Bild: Guido Könniger / Keim)
Weil die Flure meist in neutralem Grau gehalten sind, kommt die Farbigkeit der Zimmer noch mehr zur Geltung. (Bild: Guido Könniger)
Die Gebäudesubstanz geht auf ca. Mitte des 19. Jahrhunderts zurück und wurde über die Generationen hinweg mehrfach aufgestockt und erweitert. (Bild: Guido Könniger / Keim)
Projekt
Sanierung Hotel Wedina
Hamburg, DE

Architektur
Dirk Michel Architekt
Hamburg, DE

Bauherr
Hotel Wedina
Hamburg, DE

Hersteller
Keimfarben GmbH
Diedorf, DE

Kompetenz
Innen- und Außenfarben poLyChro Les Couleurs Le Corbusier

Statik
Michael Hahn
Büro StaKon
Bremen, DE

Brandsachverständiger
Büro Sander und Donislawski
Falk Fischer
Hamburg, DE

Haustechnik
Jürgen Roggemann
Hamburg, DE

Fertigstellung
2016

Fotografie
Guido Könniger
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