Kirche zum Wohnen

Thomas Geuder
4. Februar 2019
Das Wohnhaus „Iller 21“ in Reutlingen-Altenburg wurde zuvor von der Neuapostolischen Kirche genutzt. (Bild: Johannes-Maria Schlorke)

Das Gebäude der ehemaligen Neuapostolischen Kirche in Reutlingen-Altenburg war architektonisch zwar keine Augenweide, aber grundsolide konstruiert. Das Architekturbüro Manderscheid hat es in ein ausgezeichnetes Wohnhaus transformiert.

Projekt: Wohnhaus „Iller 21“ (Reutlingen-Altenburg, DE) | Bauherr: privat | Architektur: Architekturbüro Manderscheid (Stuttgart, DE) | Hersteller: Knauf Gips KG (Iphofen, DE), Kompetenz: Rotkalk, Trockenbau | weitere Projektdaten siehe unten

In seinem Erbauungsjahr 1961 war das Gebäude der Neuapostolischen Kirche in Reutlingen-Altenburg eine durchaus spannende Konstruktion. Auffällig war vor allem der großzügige Innenraum, der von einer vierseitigen Zeltkonstruktion mit sichtbaren Leimbindern und mittiger Spitze überspannt wurde. Der in der dörflichen Struktur auffällige Bau wurde im Jahr 1974 zur Straßenseite hin durch einen wenig charmanten Flachbau erweitert, den man eher in ein Industriegebiet verorten möchte. Dennoch: Die Konstruktion beider Ensemble-Teile war grundsolide. So fanden die Planer des Architekturbüros Manderscheid am Beginn ihres Projekts einen Bestandsbau vor, mit dem man zwar konstruktiv arbeiten konnte, gestalterisch jedoch einiges geschehen musste. Ziel ihres Auftrags war es, das Kirchengebäude in ein Wohnhaus zu transferieren. Besonderer Augenmerk kam dabei dem zehn Meter hohen Zeltdach zu, den es zu einem behaglichen Lebensmittelpunkt für die Bauherrenfamilie zu gestalten galt.

Erste Überlegungen zeigten schnell, dass sich der vorgelagerte Flachbau durch einige Eingriffe in den Grundriss und eine neue Eingangssituation sinnvoll umgestalten lassen würde. „Für die Gestaltung des Wohnraums wurde mit vielen Skizzen, Modellen und intensiven Gesprächen mit den Bauherren die gebaute Lösung herausgearbeitet“, beschreibt Christoph Manderscheid diese für den Entwurf wichtige Phase. So wurde der Eingang so platziert, dass man beim Eintreten bereits den Blick durch die Diele in den großen Wohnraum hat. Durch die Fenster kann man wie durch ein gerahmtes Bild sogar wieder nach draußen blicken, wo sich ein für die ländliche Region typischer, landwirtschaftlicher Schuppen und eine Streuobstwiese befinden. Der Schuppen lieferte denn auch die Idee für die neue Holzfassade.

Reutlingen-Altenburg liegt direkt am hier noch jungen Neckar, nördlich von Reutlingen bei Stuttgart. (Bild: Johannes-Maria Schlorke)

Im großen Wohnraum mit Zeltdach befindet sich der Lebensmittelpunkt der Familie. Eine „Küchenbox“ wurde hier an die östlichen Fenster geschoben und gliedert den Raum. Ihre obere Ebene unter dem Dach wird über eine Regaltreppe und eine schlanke Brücke erschlossen. Der räumlichen Großzügigkeit haben die Architekten bewusst eine einfache Konstruktion und Materialität entgegengesetzt. Vorherrschend sind natürliche Materialien, vor allem Holz. Am Boden ist ein geglätteter Zementestrich verlegt. Lediglich in den Schlaf- und Kinderzimmern liegt ein geöltes Industrieparkett. Die Innentüren bestehen aus unbehandelten Nadelholzplatten, die von zwei grau lackierten, senkrechten L-Stählen als Zarge mit sichtbaren Bändern gehalten sind. Die gemauerten Wände sind mit einem roséfarbenen Kalkputz bzw. Rotkalk geschlämmt, sodass die Mauerwerksstruktur spürbar bleibt. Das trägt auch wesentlich zum Raumklima bei, da die Luftfeuchte reguliert, durch den hohen pH-Wert (> 12) auf natürliche Weise Schimmelbildung und Besiedlung durch Mikroorganismen vorbeugt, aktiv Schadstoffe wie Formaldehyd, Kohlenwasserstoffverbindungen, Stickstoff und VOCs (flüchtige organische Verbindungen) in der Raumluft abbaut und Gerüche absorbiert.

Das regenerative Energiekonzept macht das Wohnhaus zu einem weitestgehend autarken Gebäude. Eine Solewärmepumpe mit vier Bohrpfählen im Garten erzeugt die Wärme für die Fußbodenheizung. Die Wärmepumpe wird über eine PV-Anlage auf dem Flachdach mit Akku versorgt. Die Pumpe erlaubt es, im Sommer mit Wasser aus den Erdbohrungen die Räume leicht zu kühlen. Dies lädt den Erdspeicher wieder für den Winter auf. Ein raumluftunabhängiger, automatisch steuerbarer Pelletofen im Wohnraum kann an kühlen Herbstabenden für eine behagliche Atmosphäre sorgen. All das war dem Ministerium für Umwelt, Klima und Energiewirtschaft Baden-Württemberg beim Effizienzpreis Bauen und Modernisieren 2018 schließlich die Prämierung mit SILBER in der Kategorie Modernisierung Ein-/Zweifamilienhaus wert – Gratulation!

Die Konstruktionsidee des Zeltdachs des hinteren Gebäudes ist noch deutlich zu erkennen und wurde durch die neue Fassadengestaltung sogar noch betont. (Bild: Johannes-Maria Schlorke)
Die Vorderansicht ist geprägt durch einen Flachbau, der mit Holzfassade, Eingang und Hausnummer ein gänzlich neues Aussehen erhalten hat. (Bild: Johannes-Maria Schlorke)
Den ehemaligen Kirchenraum bildet eine sichtbare, zehn Meter hohe Zeltdach-Konstruktion. (Bild: Johannes-Maria Schlorke)
Eine „Küchenbox“ mit Theke an der östlichen Seite gliedert den Raum. (Bild: Johannes-Maria Schlorke)
Die Wand zum Garten wurde großzügig geöffnet und davor mit einer Terrasse versehen. (Bild: Johannes-Maria Schlorke)
Die obere Ebene wird durch eine Brücke erschlossen, die gleichzeitig zu einer Dachloggia führt. (Bild: Johannes-Maria Schlorke)
Ein Stahl-L-Profil bildet den Anschlag der Türen, die somit nicht – wie man vermuten würde – zum Flur öffnen, sondern zu den Räumen dahinter. (Bild: Johannes-Maria Schlorke)
Die mit Kalkputz geschlämmten Wände entfalten ihre Wirkung besonders bei Streiflicht. (Bild: Johannes-Maria Schlorke)
Lageplan (Quelle: Architekturbüro Manderscheid)
Grundriss (Quelle: Architekturbüro Manderscheid)
Schnitt (Quelle: Architekturbüro Manderscheid)
Der Innenraum vor dem Umbau war nach eher praktischen Kriterien ausgestattet. (Bild: Architekturbüro Manderscheid)
Beim Bestandsgebäude waren die verschiedenen Entstehungsjahre der Gebäudeteile gut zu erkennen. (Bild: Architekturbüro Manderscheid)
Projekt
Wohnhaus „Iller 21“
Reutlingen-Altenburg, DE


Bauherr
privat


Architektur
Architekturbüro Manderscheid
Stuttgart, DE


Team
Christoph Manderscheid, Sabrina Münzer, Luise Sausgruber, Rong Shan, Yohanna Tesfaigzi-Bund, Michael Widmayer


Hersteller
Knauf Gips KG
Iphofen, DE


Kompetenz
Rotkalk, Trockenbau


weitere Hersteller
Flachdachabdichtung: bauder.de
Türgriffe: deni.de
Fenstergriffe: fsb.de
Ölfarben Fenster: kreidezeit.de
Farben Küchenfronten + graue Stahlteile: kt-color.de
Dampfbremse: proclima.de
Holzweichfaserdämmung: pavatex.de
Zellulosedämmung: steico.de
Kalkfarbe: caparol.de
Fliesen: cinca.de
Parkett: bembe.de
Vorhangschienen: silentgliss
Vorhangstoff: création baumann
Wärmepumpe: cta.ch
Armaturen: herzbach
Vorwandinstallationen: geberit.de
Waschtische: ideal standard


Bauphysik, Energieberater
Energieplanung Fischer
Ammerbuch, DE


Tragwerk
Ingenieurbüro Ströbel, Bilger, Mildner
Tübingen, DE


Grafik Hausnummer
Caroline Pöll Design
Heidelberg, DE


Primärenergiebedarf
53,40 kWh/m²a


Endenergiebedarf
26,00 kWh/m²a


Transmissionswärmeverlust
0,340 W/m²


Baukosten
1.197 €/m² Bruttogeschossfläche


Fotos
Johannes-Maria Schlorke

Projektvorschläge
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Vorgestelltes Projekt

Ogrydziak/Prillinger Architects

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