Maggie’s in Oldham von dRMM

Holzige Atmosphäre

Thomas Geuder
12. September 2017
Das 21. Maggie’s Centre wurde in Oldham bei Manchester erbaut, entworfen von dRMM aus London. (Bild: Alex de Rijke / AHEC)

Holz übt bekanntlich einen beruhigenden Einfluss auf den Menschen aus – ein Effekt, der viel bewirken kann. So hat die Maggies‘s Stifung zusammen mit den Architekten von dRMM einmal mehr ein Zentrum für Krebserkrankte geschaffen, das vor allem mit der Kraft des amerikanischen Tulipwoods zur Genesung beitragen möchte.

Projekt: Maggie’s Centre (Oldham, GB) | Architektur: dRMM (London, GB) | Förderer: AHEC American Hardwood Export Council (Sterling, USA / London, GB) | Entwickler: Züblin Timber (Stuttgart, DE), Kompetenz: CLT/Brettsperrholz-Elemente aus Tulipwood (Palisander) | weitere Projektbeteiligte siehe unten
 

Die «Maggie‘s Centres» sind zumindest in Großbritannien durchaus ein Begriff. In den Häusern wird Menschen, die mit Krebs leben müssen sowie deren Familien und Freunden kostenlos praktische und emotionale Unterstützung angeboten. Hervorgegangen ist Maggie‘s aus der Idee einer neuen Art der Krebstherapie, die ursprünglich von Maggie Keswick Jencks konzipiert wurde. Maggie (1941-95) war ein Multitalent, arbeitete als Autorin, Künstlerin und Garten-Designerin, arbeitete in der Modebranche und studierte an der bedeutenden AA Architectural Association in London. 1978 veröffentlichte sie das Buch «The Chinese Garden: History, Art and Architecture». Entsprechend dieser Biographie sind die Gebäude der Maggie’s Centres warme, einladende Orte mit qualifiziertem Personal, nicht selten entworfen von international renommierten Architekten wie Zaha Hadid, Richard Rogers und Sir Norman Foster.

Im mittlerweile 21. Jahr des Bestehens der Stiftung eröffnete nun kürzlich das 21. Maggie‘s Centre in Oldham bei Manchester. Entworfen wurde der Neubau von den Planern des Architekturbüros dRMM aus London, deren Projekt-Portfolio einige spannende Bauten aus Holz zeigt. Weltweit bekannt wurde dRMM im Jahr 2013 mit der «Endless Stair», das anlässlich des LDF London Design Festivals neben der Tate Modern Gallery errichtet wurde, zusammen mit den Ingenieuren von Arup. Das dekonstuktivistisch angehauchte Kunstwerk hätte 100 Menschen zugleich tragen können. So gesehen war diese «endlose Treppe» ein Stück weit auch ein Testlauf für den Umgang und die Konstruktion mit Brettsperrholz, das nun auch beim Maggie‘s-Gebäude zum Einsatz kam.

Als «Streichholzschachtel auf Stelzen mit einem Loch in der Mitte, wie bei einem Apfel ohne Gehäuse» fassen die Architekten von dRMM ihren Entwurf elegant zusammen. (Bild: Tony Barwell / AHEC)

Das Maggie‘s Oldham ist auf dem Areal des Royal Oldham Hospitals errichtet, ein Komplex aus mehreren kleineren und größeren Gebäuden. In dem recht heterogenen Gebiet sucht das Maggie‘s Oldham eine bauliche Oase zu schaffen. Schmale, bis zu 4 m hohe Stahl-Rundstützen ständern das eigentliche Haus auf, wodurch der Höhenunterschied des länglichen Grundstücks ausgeglichen wird und eine gewisse Leichtigkeit entsteht. Gleichzeitig entwickelt sich auf Erdgeschoss-Niveau eine Fläche für einen Garten, der frei bespielt werden kann. Die Themen Natur und Garten sind überall spürbar, nicht nur außen, sondern auch im Innenraum. Der wird quasi mittig durchstoßen von einem Baum, der in Boden und Dach jeweils eine geschwungene Öffnung erhält. So wird der Baum im Innenraum wie eine Skulptur in Szene gesetzt.

Die Natur ist auch im Innenraum stets präsent und wird in der Materialität fortgeführt. (Bild: Alex de Rijke / AHEC)

Die Baumöffnung aber ist nicht die einzige Verbindung zur Natur. Die Atmosphäre im Bauwerk wird vor allem durch die Materialität bestimmt. Omnipräsent ist ein American Tulipwood (Palisander), das die Architekten wegen seines starken und zugleich warmen Charakters wählten. «Seit Beginn des Projekts in Oldham wussten wir, dass es das richtige Material für das Maggie’s war, nicht nur bautechnisch und optisch, sondern auch konzeptionell. Ein erhöhtes, offenes Gebäude ganz aus Holz und Glas mit Bäumen, die durch es hindurch wachsen, und bei dem jedes Detail unter den Aspekten des Gebrauchs, der Gesundheit und der Freude bedacht wurde, würde immer etwas ganz Besonderes sein», sagt Alex de Rijke, Mitbegründer und Director bei dRMM. Tulipwood ist ein relativ schnell wachsendes Holz, das leicht und im Vergleich zu normalem Laubholz sehr kräftig ist. Die Baupaneele für das Maggie‘s Oldham wurden von Züblin Timber aus Stuttgart entwickelt, die bereits bei «The Smile» beim LDF 2016 verantwortlich waren (wir berichteten: Laubholzlächeln)

Der Wohnzimmerbereich mit erhöhtem Panoramablick auf die Pennines in der Ferne kann durch einen Vorhang räumlich abgetrennt werden. (Bild: Jasmin Sohi / AHEC)

In dem Gebäude wurden 27,6 m³ American Tulipwood und 1,1 m³ Esche verbaut. Zum Einsatz kamen 20 vorgefertigte Elemente aus fünfschichtigem Brettsperrholz CLT mit Längen zwischen 0,5 und 12 m, einer Dicke von 10 cm und einer Höhe von 2,93 m. Die außenliegenden Hölzer der Fassade und des Balkons sind thermisch behandelt, sprich: bei 200 °C ohne Sauerstoff getrocknet, um die Widerstandskraft zu erhöhen. Im Innenraum wird durch das Holz ein Ambiente erzeugt, das den Blutdruck und den Puls und so die Genesungszeit senkt. Und das wissenschaftlich gestützt: Laut dem «Wood Housing Hunaity Report 2015» hat Holz einen größeren Nutzen für die Gesundheit und das Wohlbefinden als jedes andere Baumaterial.

Zur Atmosphäre tragen auch der freundlich-helle, unifarbene Boden sowie der doppelseitige Velours- und Ledervorhang der holländischen Designerin Petra Blaisse bei. Ganz wichtig bei Maggie‘s ist auch immer der Ort zum Treffen, in Oldham der große Küchentisch, der von Alex de Rijke zusammen mit den Handwerkern Rob Barnby und Lewis Day beim «The Wish List»-Projekt des AHEC beim LDF 2014 in Auftrag gegeben wurde. Das Oberteil von damals war noch übrig, und der Fuß wurde aus Schnittresten der CLTs von Fenstern und Türen des Maggie’s in Oldham zusammengebaut. Das ist nicht nur schön, sondern auch nachhaltig gedacht.

Die geschwungene Innenwand trennt kleinere Gruppenräume und Bad/Toilette vom Hauptraum ab und hat konstruktiv gleichzeitig eine aussteifende Wirkung. (Bild: Alex de Rijke / AHEC)
Der Balkon an der südlichen Stirnseite des Gebäudes ist mit einem Holzboden aus Esche versehen. (Bild: Jon Cardwell / dRMM)

Maggie's Oldham, Interview mit David Venables, Alex de Rijke, Jasmin Sohi (4:00 min.)

Grundriss mit Lageplan (Quelle: dRMM)
Längsschnitt (Quelle: dRMM)
Detail-Horizontalschnitt durch das gesamte Gebäude (Quelle: dRMM)
Fassadendetail mit Ansicht, horizontalem und vertikalem Schnitt (Quelle: dRMM)
Die Wandelemente aus American Tulipwood sind als Brettsperrholz (CLT Cross Laminated Timber) vorgefertigt. (Bild: Jon Cardwell / AHEC)
Zum Konzept von Maggie’s gehört auch immer ein Garten mit grüner Aufenthaltsqualität, die sich im frisch gebauten Centre in Oldham noch entwickeln wird. (Bild: Alex de Rijke / AHEC)
Zur Nordseite, also der Sheepfoot Ln hin, fügt sich die Holzfassade auch in die alten Steinfassaden und -mauern sehr gut ein. (Bild: Alex de Rijke / AHEC)
Projekt
Maggie’s Centre
Oldham, GB

Architektur
dRMM
London, GB

Bauherr
Maggie’s
Edinburgh, GB

Förderer
AHEC American Hardwood Export Council
Sterling, USA / London, GB

Entwicklung CLT/Brettsperrholz-Elemente aus Tulipwood (Palisander)
Züblin Timber
Stuttgart, DE

Lieferant Tulipwood CLT-Elemente
Middle Tennessee Lumber
Burns, USA

Entwicklung Fassadenprofile
dRMM
London, GB

Verarbeitung Fassadenprofile
Morgan Timber
Rochester, GB

Lieferant Tulipwood Fassadenprofile
Northland Forest Products
Kingston, USA

Weitere Hersteller
Gekrümmtes Glas: IPIG
Holzfenster: Aresi
Möbel: Coexistence
Holz-Türgriffe: Mowat & Co / Allgood
Holzfaserdämmung: Homatherm

Landschaftsarchitektur
dRMM & Rupert Muldoon

Finanzierung
Stoller Charitable Trust
Oldham, GB

Fertigstellung
2017

Fotografie
Alex de Rijke
Jon Cardwell
Jasmin Sohi
Tony Barwell
Projektvorschläge
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