Futuristisch über Hamburg

Martina Metzner
11. September 2019
Die Zeichnungen von Irena Richter wurden dreidimensional von Rendeffect aufgebaut. (Rendering: Rendeffect)

Wie das Interior des Penthouses in der Elbphilharmonie durch das Zusammenspiel von digitalen Tools und traditioneller Handarbeit entstand, erklären Brückner Architekten im Praxis-Bericht. Das Gespräch führte Martina Metzner.

Das Penthouse im höchsten Stock der Elbphilharmonie in Hamburg, von der man aus einen einmaligen Blick auf die Elbmündung und den Hafen hat, könnte die Wohnung von Padmé Amidalas sein – der Mutter von Luke Skywalker aus Star Wars. Die organischen Formen und weißen Oberflächen waren ausdrücklich der Wunsch des Eigentümers, der sich dafür von seinem eigenen Apartment in Nizza inspirieren ließ. Für das Resultat sind Brückner Architekten (Planung) in Zusammenspiel mit der Innenarchitektin Irena Richter (Entwurf) sowie dem Generalunternehmer Schotten & Hansen (Ausführung) samt dem 3D-Spezialisten Rendeffect verantwortlich. Wie digitale Planung, Werkzeuge und Handarbeit zusammengingen, erklären Son Phung von Rendeffect sowie Projektleiter Frank Wenzel von Brückner Architekten im Gespräch.

Die organisch geformten Oberflächen wurden vorgefertigt. (Rendering: Rendeffect)
Die Elemente wurden bei Ackermann in Wiesenbronn gefräst. (Foto: Oliver Jung)

Martina Metzner: Was war die grundlegende Idee für das Apartment? 

Frank Wenzel: Die räumliche Gestalt wurde von Irena Richter getreu dem Motiv „alles fließt“ entwickelt. Die einzelnen, ineinander übergehenden Räume eröffnen immer wieder neue Eindrücke – je nach Lichteinfall, Geometrie und Laufrichtung.

Welche digitalen Tools im Speziellen kamen zum Einsatz? 

Frank Wenzel: Die Innenarchitektin lieferte Zeichnungen mit Bleistift auf Papier. Dies reichte natürlich nicht, um die komplexen Formen auszuführen. Also wendeten wir uns an Son Phung, Architekt und 3D-Planer von Rendeffect. Der leere Rohbau des Penthouses wurde  mit einem Laserscanner vermessen und in einem räumlichen Computer-Modell abgebildet. Aus den 2D-Daten und den 3D-Scans entwickelte Phung ein 3D-Modell, für das auch ein Mock-up erstellt wurde. Die einzelnen Bauteile wurden exakt mittels robotischen 3D-Fräsen vorproduziert, vor Ort musste nur noch exakt nach Verlegeplan montiert werden.

Son Phung: In regelmäßigen Abständen wurden die vor Ort erstellten Konstruktionen dreidimensional gescannt und mit dem 3D-Modell abgeglichen. Dies war ein wirksames Kontrolltool, um Toleranzen bei den vorgefertigten Bauelementen zu reduzieren.
Zu Beginn des Projekts haben wir mit 3ds Max von Autodesk zur Erstellung eines Polygon-Modells und danach mit Rhino Grasshopper für die fließende Gestaltung zweifach gekrümmter NURBS-Flächen beziehungsweise der 3D-Solid-Volumen gearbeitet.

Unterschiedliche Materialien wie Porenbeton, Mineraldämmung und Mineralfaserplatten kamen zum Einsatz. (Rendering: Rendeffect)

Wie sah die praktische Umsetzung aus?

Son Phung: Im iterativen Entwicklungsprozess, die Formen und Gestaltungsziele waren definiert, die Umsetzung jedoch ein kreatives „learning by doing“ und ein Ausreizen technischer Möglichkeiten. Die 3D-CAD-Daten wurden in CAM-Daten konvertiert, Produktionsdaten in CAM-Software erstellt. Planer und Handwerker griffen damit auf die gleichen Daten in Echtzeit zu, was Bautoleranzen minimierte.

Frank Wenzel: Der Schlosser plante die Treppe und die Bauteile zuerst digital komplett durch, fertigte dann in der eigenen Werkstatt ein 1:1-Einzelstück an und zerlegte es dann wieder in Module. Diese durften nicht größer als 1,80 Meter hoch sein, damit sie im Aufzug der Elbphilharmonie in das 24. Obergeschoss transportiert werden konnten. Ein Beispiel für das Zusammenspiel von traditionellem Handwerk und digitalem Bauen ist auch der Terrakotta-Boden: So wurden das Verlegeraster und die Fugenbreiten exakt am Bildschirm vorbestimmt und anschließend in situ von der Innenarchitektin und den Fliesenleger von Schotten & Hansen verifiziert.

Welche Materialien kamen zum Einsatz?

Frank Wenzel: Die Materialien waren nicht von Anfang gesetzt, das Projekt erforderte eine gewisse Experimentierfreudigkeit. Nicht jedes Material konnte dafür genutzt werden. Einige waren nach Bearbeitung zu krümelig, andere zerbrachen bei Unterschreitung der technischen Mindestdicken. Die Wände wurden beispielsweise aus Porenbeton-Steinen gefräst. Die Deckenelemente entstanden aus gefrästen Multipor-Blöcken, die Unterkonstruktion aus maschinell geschnittenen Mehrschichtholzbauplatten – in Kombination mit traditioneller Rabitz-Handwerkstechnik entstanden extrem genaue und qualitativ hochwertige Freiformen. Eine Besonderheit stellt das freihängende, fugenlos und zweifach gekrümmte große Deckensegel im zentralen Wohnbereich dar: Dank dem Einsatz von Baswa Phon absorbiert es den Schall.

Bautafel
Fertigstellung
2019
 
Bauherr
Privat
 
Design
Irena Richter
 
Planung
Brückner Architekten, München
 
Generalunternehmer, Ausbau
Schotten & Hansen, Peiting
 
Logistik
SML Architekten, Hamburg
 
Haustechnik
H. L. Wiebracht + Partner
 
Elemente, Segmente, Schablonen
Ackermann, Wiesenbronn
 
Decke, Putz
K. Rigge Spezialbau, Berlin
 
Estrich
Brucculeri Estrich, Hamburg
 
Metallbau
Breidenbach Metallbau, Peiting
 
Heizung, Lüftung, Sanitär, Elektrik
HSE, Gadebusch
 
Brandschutz
Hahn Consult, Hamburg
 
Akustik
Drees+Sommer, Barsbüttel, 
Jensen Beratungsbüro für Bau- und Ramakustik, Hamburg
 
Errichter (Elbphilharmonie gesamt)
Hochtief

Vorgestelltes Projekt

ADEPT

Cortex Park

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