Fruchtbare Symbiose

Martina Metzner
6. November 2019
Die Ziegelfassade ist an charakteristische Gebäude der Stadt angelehnt. (Foto: © hiepler, brunier)

Die Abwärme und das aufbereitete Abwasser des neuen Jobcenters in Oberhausen von Kuehn Malvezzi Architekten speisen das Dachgewächshaus – ein Pilotprojekt für eine kreislaufbasierte, urbane Stadtfarm.

Minze und Basilikum kann man bereits ernten, in ein paar Wochen sollten auch die Erdbeeren soweit sein: Auf dem Dach des neu gebauten Jobcenter in Oberhausen wachsen Nutzpflanzen unter dem Stichwort „nachhaltige regionale Lebensmittelversorgung“. Jeder hat Zutritt zu dem Garten, da er öffentlich ist, und wenn nicht zum Mitmachen, zumindest zum Nachdenken und Staunen anregen soll. Denn der „ALTMARKTGarten“ ist ein Modellprojekt, bei dem neue sogenannte „gebäudeintegrierte innerstädtische Landwirtschaftssysteme“ erprobt werden. Dazu ist das Gewächshaus mit dem neuen fünf Geschosse hohen Bürohaus per Haustechnik verbunden, sodass Stoff- und Energiekreisläufe gemeinsam genutzt werden, etwa um die Pflanzen zu bewässern. Ein Leuchtturm-Projekt für nachhaltige Stadtentwicklung, für das mehrere Beteiligte kooperiert haben: Die Stadt Oberhausen mit dem Fraunhofer Institut für Verfahrenstechnik UMSICHT, das in Oberhausen angesiedelt ist, und dem Bund, der den Forschungsbau als „Nationales Projekt des Städtebaus“ mit 2,3 Millionen Euro bei einer Gesamtinvestitionssumme von über 30 Millionen Euro gefördert hat.

Auf dem Ebbe-Flut-Tisch werden Pflanzen zeitgesteuert mit Wasser und Nährstoffen versorgt. (Foto: © Fraunhofer UMSICHT)

Dieses nachhaltige und zugleich „fruchtbare“ Gebäudekonzept könnte eine Lösung für die zunehmende Verstädterung und drohende Lebensmittelknappheit bei steigenden Bevölkerungszahlen sein, glauben die Erbauer. Ressourcen würden geschont, indem Stoffkreisläufe besser geschlossen werden, der Energieverbrauch, Kohlenstoff-Emission und Abfälle dadurch minimiert. Zudem seien die Transportwege zwischen Anbau und Verbrauch kurz. Beispiele für andere innerstädtische gebäudeintegrierte Gewächshäuser gibt es bereits: etwa „Brooklyn Grange“ in New York oder die „Pasona Urban Farm“ in Tokio. Aber nicht nur der nachhaltige Aspekt allein stand im Vordergrund: So soll das Jobcenter mit der Gewächshaushaube auch ein Zeichen für Optimismus und Zukunftsfähigkeit mitten in der Stadt sein, die seit den 1960er-Jahren mit dem Strukturwandel durch den Rückgang des Steinkohleabbaus zu kämpfen hat. 

Das Projekt startete 2014, als Oberhausen auf der Suche nach einem neuen Jobcenter und Fraunhofer UMSICHT nach einem Reallabor für seine gebäudeintegrierte Stadtfarm war. Auf den Wunsch des Bundes wurde 2016 ein Architektenwettbewerb ausgelobt, bei dem sich Kuehn Malvezzi in Zusammenarbeit mit den Landschaftsarchitekten atelier le balto durchsetzen konnten. Im Interview mit German-Architects sprach Johannes Kuehn bereits 2017 von der interessanten Bauaufgabe, ein Gewächshaus neu zu interpretieren und nahe an der Forschung zu arbeiten.

Die drei Elemente Bürohaus, Gewächshaus und vertikaler Garten sind in ihrer Gliederung modular aufeinander bezogen. (Foto: © hiepler, brunier)

Kuehn Malvezzi haben das Gebäude in Lagerhaus-Typologie gestaltet, um mögliche spätere Nutzungsänderungen, etwa als Wohnbau, zuzulassen. Großzügige Räume, raumhohe Fenster sowie offen gelassene Installationen und Rohbeton vermitteln im Inneren Klarheit. Das Dachgewächshauses ist U-förmig um den Innenhof angelegt. Dort strukturieren rollbare Pflanztische und diverse Arbeitsbereiche die circa 1100 m2 große Fläche. In drei Klimazonen kommen hydroponische Anbaumethoden – also ohne Erde – wie Ebbe-Flut-Tische, Wasserbecken oder pyramidenartig angeordnete Grow Beds für Salate, Kräuter und Erdbeeren zum Einsatz. In der vierten Klimazone forscht Fraunhofer UMSICHT: Auf 160 m2 wird untersucht, inwieweit beispielsweise Wasserströme oder Abwärme aus dem Gebäude zur Versorgung der Pflanzen genutzt werden können. So wird die Abluft aus dem Bürogebäude in das Gewächshaus geleitet, wo Abwärme und CO2-Gehalt unter anderem das Pflanzenwachstum fördern. Regenwasser, das auf den Dächern anfällt, wird in einer Zisterne gesammelt und zum Gießen der Pflanzen verwendet. Das Grauwasser aus den Spül- und Waschbecken wird aufbereitet und sowohl in den Toilettenspülungen des Bürogebäudes, als auch im vertikalen Garten wiederverwendet. Alle Abwasserarten werden deshalb getrennt geführt. Auch die Belichtung steht im Fokus der Forschenden, denn mit bestimmten Lichtszenarien lassen sich das Pflanzenwachstum und die Pflanzenqualität positiv beeinflussen. Gemeinsam mit weiteren Unternehmen will Fraunhofer UMSICHT gebäudeintegrierte Landwirtschaftssysteme unter der Marke „inFARMING“ auch für weitere Projekte und Bauten anbieten. Denn der ALTMARKTGarten habe großes Transferpotential, sind sich die Macher einig.

Die Nutzfläche des Dachgewächshauses beträgt mehr als 1000 m2, wovon auf 160 m2 Fraunhofer UMSICHT forscht. (Foto: © hiepler, brunier)

Um der Symbiose auch einen baulichen Ausdruck zu geben, haben Kuehn Malvezzi die beiden Funktionselemente Dachgewächshaus und Verwaltungsgebäude mit einem vertikalen Garten verbunden. Das offene Stahlgerüst, das Treppen, Plattformen und Lastenaufzüge aufnimmt, dient gleichermaßen als Zugang zum Dachgewächsgarten sowie als Rankhilfe für Pflanzen wie Kiwibeere oder Clematis Montana. Auf Platzebene hat atelier le balto Pflanzen wie Rostrote Weinrebe, Echter Hopfen, Chinesischer Blauregen, Kletterhortensien sowie drei Felsbirnen gesetzt – keine weitere Fläche wurde versiegelt. Im Dachgewächshaus angekommen, hat man einen wunderbaren Blick über die Stadt und auf den Marktplatz: An sechs Tagen pro Woche können auf dem Markt auch die Erzeugnisse des ALTMARKTGartens gekauft werden.

Grundriss Erdgeschoss
Grundriss Regelgeschoss

Vorgestelltes Projekt

Cary Bernstein | Architect

Orchard House

Andere Artikel in dieser Kategorie

Fruchtbare Symbiose
vor 2 Wochen
Element Hoffnung
vor einem Monat
Flexibel geformt
vor einem Monat