Hotel Liberty in Offenburg von Grossmann Architekten und Knoblauch

Freiheit im Gefängnisbau

 Thomas Geuder
5. Februar 2018
Nach fast dreijähriger Planungs- und Bauphase eröffnete im ehemaligen Offenburger Gefängnis das Designhotel Liberty in Offenburg. (Bild: Hotel Liberty for AXOR / Hansgrohe SE)
Ins Gefängnis geht niemand freiwillig – außer es handelt sich um ein ehemaliges, das heute als Hotel betrieben wird. Genau das findet sich in Offenburg, wo man im „Hotel Liberty“ jetzt ein kleines bisschen Gefängnisluft schnuppern kann. Mit allem Luxus natürlich.
Projekt: Umbau und Neubau „Hotel Liberty“ (Offenburg, DE) | Architektur: Grossmann Architekten (Kehl, DE) | Innenarchitektur: Konrad Knoblauch GmbH (Markdorf, DE) | Bauherr: Investoren Christian und Dietmar Funk (Offenburg, DE) | Hersteller: Axor SE (Schiltach, DE), Kompetenz: Axor Urquiola, Axor Citterio E, Universal Accessoires | weitere Projektdaten siehe unten
Offenburg – zwischen Baden-Baden und Freiburg – ist eigentlich idyllisch am westlichen Rande des Schwarzwalds gelegen. Doch auch hier gab es natürlich Grund genug, ein Gefängnis zu erbauen. Gemeint ist die zwischen 1840 und 1845 unter Großherzog Leopold von Baden errichtete Haftanstalt an der Grabenallee, in der Diebe, Betrüger und Mörder ihre Strafe verbüßen mussten. Mit historischer Dimension: Nach dem Scheitern der Badischen Revolution in den Jahren 1848 und 1849 saßen hier die Offenburger Revolutionäre ein. Später kamen auch Kriegsdeserteure und politisch Verfolgte. Noch bis 2009 wurde das Gebäude als Justizvollzugsanstalt genutzt, danach stand es leer. Jetzt wurde es zu einem Hotel umgebaut, das sich die Gefängnis-Charakteristik, die dem Gebäude innewohnt, durchaus zunutze machen will. Umgebaut von Grossmann Architekten aus Kehl und umgestaltet von Knoblauch aus Markdorf am Bodensee gibt es hier heute 38 Zimmer und Suiten sowie ein Sterne-Restaurant.

Vor allem die Gestalter von Knoblauch gehen bei ihrem Entwurf fast schon philosophisch an die Aufgabe heran: Für sie hat das Düstere des Eingesperrtseins und die damit verbundene verlorene Zeit und die Entbehrung durchaus etwas mit den Bedürfnissen heutiger Berufsnomaden zu tun. „Eingesperrt sein bedeutet auch Schutz und Rückzug – vor sich selbst, den anderen und der Welt da draußen. Entbehrungen erfordern eine Konzentration auf das Wesentliche und bilden somit die Grundlage für Luxus“, beschreiben die Planer von Knoblauch. „Verlorene Zeit, oder besser zu viel Zeit, lässt die Gedanken in die Ferne und in die Freiheit schweifen – ein kostbares Gut für die damaligen Insassen. Aber auch ein nicht einlösbares Gut. Der Moment, das Hier und Jetzt, ist der eigentliche Reichtum.“ So machen sie drei Bedürfnisse der heutigen Gesellschaft aus – Rückzug, Konzentration und Moment – und wollen den zukünftigen Gästen des Hotels „Wohlfühlatmosphäre und Lifestyle in historischem Gebäude, geschichtliches Erlebnis ohne Gefühle der Beklommenheit, Dankbarkeit für das eigene Wohlergehendes“ bieten.
Der öffentliche Bereich mit Lobby und Restaurant befindet sich im neuen Glaskubus, der zwischen den beiden Bestandsbauten eingezogen ist. (Bild: Hotel Liberty)
Das geschieht über verschiedene bauliche Änderungen, die Wiederverwendung alter bzw. historischer Materialien und Elemente sowie über den Einbau hochwertiger Produkte. Das historische Gebäude ist ein Zweckbau, entstanden in der Zeit der hier beginnenden Industrialisierung, mit robusten Materialien und rauen Oberflächen. So tauchen immer wieder originale Elemente auf, die als Fragmente der Historie präsentiert werden. Etwa die alten Zellentüren, die jedoch nicht mehr als heutige Zimmertüren genutzt werden, wofür sie zu klein waren, dennoch als Luke in die Vergangenheit: In den Luken finden sich Fotografien des alten Gefängnisses. Auch die Gitter kommen teilweise zum Einsatz. Aus alten Balken wurden Tische gebaut, die Beleuchtung in den Treppenhäusern erinnert an Leitern, die ans Thema „Fluchtversuch“ erinnern soll.

Zwischen den beiden Gebäudeteilen, in denen die Zimmer, Büros und Nebenräume untergebracht sind, wurde der ehemalige Gefängnishof mit einer Glashaut versehen. Der neue Glaskubus dient nun als öffentlicher Bereich mit Lobby, Bar und dem Restaurant „Brot & Wasser“, betrieben von dem französischen Sternekoch Jeremy Biasiol. Auf der Zwischenebene befindet sich ein halböffentliches Wohnzimmer für die Gäste mit Bibliothek und stockwerkübergreifendem Bücherregal. Hiermit soll nicht nur ein weiteres Mal auf die Vergangenheit des Bauwerks hingewiesen werden (angelehnt an den früheren Gemeinschaftsraum der Häftlinge), sondern auch auf das übergreifende Thema eingegangen werden: Zeit für Muse, Zeit für ein Buch, Zeit für den Moment. Ein gefräster Betonboden in der Lobby soll eine Teppich-Bemütlichkeit in den Raum zaubern.

Ein Verweis auf eine große Errungenschaft des 19. Jahrhunderts, das fließende Wasser für alle, findet sich im gestalterischen Umgang mit den Bädern: Große und freistehende Badewannen sowie Armaturen (Patricia Urquiola und Antonio Citterio für Axor) stehen für die Brücke von Zweckbau aus der Zeit der Industrialisierung zu dem Luxus eines Boutique-Hotels von heute. Freilich: Wurde das Gebäude außen noch weitgehend im Originalzustand belassen und wurden Ergänzungen in selbiger industrieller Sprache hinzugefügt, ist drinnen nur noch wenig von der ehemaligen Nutzung zu merken. Den Planern und Bauherren ging es jedoch nicht darum, dass sich die Gäste eingesperrt fühlen. Im Gegenteil: Über den Weg hinein und über den Luxus im Innenraum sollen sie angeregt werden, sich über die eigene Freiheit Gedanken zu machen. Das ist ihnen mit dem „Hotel Liberty“ sicherlich gelungen.
Im Galeriegeschoss des Glaskubus sind halböffentliche Bereiche angeordnet, die als eine Art Wohnzimmer für die Gäste fungieren. (Bild: Hotel Liberty)
In den Fluren kommen noch die alten Zellentüren zum Einsatz, jedoch nicht als Zimmertüren, sondern als Referenz an die Vergangenheit des Gebäudes. (Bild: Hotel Liberty)
Die Hotezimmer haben natürlich nicht mehr die Größe einer Zelle, sondern sind eher 2 bis 3 Zellen groß. (Bild: Hotel Liberty)
Charakteristisch für einige Hotelzimmer sind die freistehenden Badewannen, wodurch eine wohnliche Atmosphäre erzeugt werden soll. (Bild: Hotel Liberty)
Immer wieder blitzt in der Gestaltung auch die Zeit der Industrialisierung, in der das ehemalige Gefängnis erbaut wurde, durch. (Bild: Hotel Liberty)
Grundriss Dachgeschoss (Quelle: Knoblauch)
Grundriss 2. Obergeschoss (Quelle: Knoblauch)
Grundriss 1. Obergeschoss (Quelle: Knoblauch)
Grundriss Erdgeschoss (Quelle: Knoblauch)
Grundriss Untergeschoss (Quelle: Knoblauch)
„Der Moment ist der eigentliche Reichtum“, beschreiben die Planer von Knoblauch ihr Konzept. (Bild: Hotel Liberty)
Projekt
Umbau und Neubau „Hotel Liberty“
Offenburg, DE

Architektur
Grossmann Architekten
Kehl, DE

Innenarchitektur
Konrad Knoblauch GmbH
Markdorf, DE

Hersteller
AXOR / Hansgrohe SE
Schiltach, DE

Kompetenz
Wannen und Waschtische Kollektion AXOR Urquiola, Patricia Urquiola
Armaturen Kollektion AXOR Citterio E, Antonio Citterio
Badzubehör Programm AXOR Universal Accessoires, Antonio Citterio

weitere Hersteller
Möbel Glaskubus: Hay, KKF, Manufactum, Norr11, Prostoria, Topos, &tradition
Möbel Zimmer: Arflex, Carl Hansen, Duchbone, Fritz Hansen, Hay, Mater, Prosoria, Softline &tradition

Betreiber
Liberty Betriebsgesellschaft mbH & Co.KG
Offenburg, DE

Bauherr
Investoren Christian und Dietmar Funk
Offenburg, DE

Fertigstellung
2017

Fotografie
Hotel Liberty
AXOR / Hansgrohe SE
Projektvorschläge
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