Energiefeedback auf Lettisch

Martina Metzner
26. Februar 2020
Neues Wahrzeichen der Hafenstadt Ventspils in Lettland: Die Musikschule samt Konzerthalle von haascookzemmrich STUDIO 2050. (Foto: Adam Mørk)

Um den Energieverbrauch der neu gebauten Musikschule von haascookzemmrich STUDIO 2050 in Ventspils zu reduzieren, hat Transsolar aktive und passive Systeme geschickt miteinander kombiniert. 

Teile der Hafenstadt Ventspils im Westen Lettlands waren zur Sowjetzeit lange der militärischen Nutzung vorbehalten. Nun will die knapp 38'000 Menschen starke Gemeinde durch ein Stadterneuerungsprogramm wieder zu einem Touristenort werden – so wie sie es früher einmal war. Im Rahmen dessen hat das Stuttgarter Büro haascookzemmrich STUDIO 2050 dort eine neue Musikschule samt großer Konzerthalle gebaut.Die Eröffnung der Konzerthalle wurde im vergangenen Sommer gefeiert.

Die Musikschule liegt am Platz Lielais Laukums, den haascookzemmrich Studio 2050 ebenso gestaltet hat. (Foto: Adam Mørk)

Das Gebäude liegt am Platz Lielais Laukums südlich der Altstadt, den haascookzemmrich STUDIO 2050 ebenso gestaltet hat. Neben Grünanlagen und dem Freilicht-Auditorium der Musikschule ist das Wasserspiel „The Walfisch“ mit illuminierten, bis zu 25 Meter hohen Stahlmasten, die aus dem Sprühnebel des großen Wasserbecken emporstreben, dort eine der Hauptattraktionen. In ihrer Formensprache, die sich vor allem durch ein freigeformtes, dekonstruiertes Dach hervorhebt, reagiert die Musikschule auf die Parkanlage. Sie bietet eine Reihe unterschiedlicher, für die Öffentlichkeit zugängliche Aufführungsräume, wie einen 600 Sitzplätze fassenden, klassischen Konzertsaal, einen kleineren Theatersaal, eine Musikbibliothek sowie eine Außenbühne und ein Amphitheater.

Das Foyer erhält natürliches Tageslicht durch die Oberlichter. (Foto: Adam Mørk)

Für das Energiekonzept arbeiteten die Architekten mit Transsolar Klimaengineering zusammen. Für die Klimaspezialisten war die Minimierung des Energieverbrauchs dabei prioritär und wurde durch eine effiziente Gebäudehülle, eine effiziente Gebäudetechnik sowie eine bedarfsgesteuerte Nutzung erreicht. Das Gebäude kann je nach Witterung natürlich belüftet werden, das große Oberlicht belichtet die Konzerthalle natürlich. In Kombination mit Luftzufuhr über Erdkanäle, dezentrale Lüftungsgeräte und eine umfassende Wärmerückgewinnung mit hoher Laufstabilität konnten im Vergleich zu herkömmlichen Systemen die Betriebskosten gesenkt werden.

Freilichtauditorium (Foto: Adam Mørk)

Die hocheffiziente Gebäudehülle wird mit verschiedenen Maßnahmen erreicht. Zum einen ist die lichtundurchlässige, hochgedämmte Fassaden mit einer Hochleistungs-Dreifachverglasung kombiniert, was Wärmeverluste reduziert. Die windgeschützten Verschattungen sind in die Kastenfenster integriert und regeln den Eintrag der Sonnenwärme. 
Die zentralen Lüftungsgeräte für Haupt- und Nebenräume sowie das Foyer werden über Erdkanäle mit Frischluft versorgt. Die Luft wird dabei der Bodentemperatur angepasst: Im Winter wird sie leicht vorgewärmt, im Sommer leicht gekühlt. Die Luft strömt dabei durch strategisch platzierte Öffnungen nur mittels Wind ein, so braucht es kaum Ventilatoren. Die Belüftung über Erdkanäle reduziert den Heiz- und Kühlbedarf sowie die technischen Einbauten erheblich – und trägt zum insgesamt niedrigen Energiehaushalt des Gebäudes bei. Energierückgewinnungs-Räder, die an die zentrale Anlage angeschlossen sind, decken bis zu 85 Prozent des gesamten Wärmebedarfs ab.

Auch die große Konzerthalle wird natürlich belichtet. (Foto: Adam Mørk)

Die unregelmäßig genutzten Schul- und Proberäume sind mit dezentralen mechanischen Lüftungsgeräten ausgestattet. Diese werden eingesetzt, wenn das äußere Klima keine natürliche Lüftung zulässt oder wenn die Musik so laut ist, dass die Fenster geschlossen gehalten werden müssen. Dadurch konnte das zentrale Luftverteilungssystem minimiert werden; Platz an den Flurdecken wurde eingespart. Zusätzlich verfügt die dezentrale mechanische Lüftung über ein eigenes eingebautes Wärmerückgewinnungssystem. Beim Hybrid-Lüftungssystem wird die dezentrale mechanische Luftzufuhr automatisch abgeschaltet, wenn die Fenster geöffnet sind und die Frischluft hereinströmt. Durch Lüftungssystem und Gebäudeform wird die Luft abgesaugt oder angezogen, was eine geringe Luftgeschwindigkeit verursacht und die Geräuschkulisse reduziert. 
Auch bei Heizung und Kühlung hat Transsolar auf progressive Maßnahmen gesetzt. So kommt etwa im Foyer eine Strahlungsheizung zum Einsatz, die nicht nur einen erhöhten Komfort bietet, sondern für die auch bis zu 70 Prozent kleinere Kanäle benötigt werden. Strahlungswärme erwärmt nicht in erster Linie die Raumluft, sondern die im Raum befindlichen Gegenstände und Körper. Dies ermöglicht niedrigere Vorlauftemperaturen, die den Rückfluss aus dem Fernwärmenetz oder in Kombination mit einer Wärmepumpe eine hocheffiziente Nutzung der Erdwärme aus dem umfangreichen Fundamentpfahlsystem ermöglichen.

Dachaufsicht (Foto: Adam Mørk)

Zum reduzierten Energieverbrauch gehört auch die optimale Ausnutzung des Tageslichts. Sowohl die Konzerthalle als auch das Foyer haben Oberlichter, wodurch am Tag kaum elektrische Beleuchtung benötigt wird. Wird eine kontrollierte Beleuchtung benötigt, ist dies mit versenkbaren Jalousien möglich. Auf Bildschirmen werden die Benutzer des Hauses über den Energiehaushalt des Gebäude informiert. Dieses „Energiefeedback“ soll positive Auswirkungen auf das Verhalten der Nutzer*innen haben. Smart Controls in Kombination mit Sensoren ermöglichen den Betrieb eines intelligenten Gebäudes, das, je nach Raum- und Nutzungssituation, eine optimale, energieeffziente Heiz- und Kühl- sowie Lüftungsleistung bereitstellt.

Eckdaten
Entwurf: 2014 – 2015
Ausführungsplanung: 2015
Bauzeit: 2016 – 2019
Fertigstellung: Frühling 2019
Eröffnung: Sommer 2019 (Eröffnungskonzerte)
Eröffnung Musikschule / Herbst 2019
Bruttogeschossfläche: ca. 8.000 m² 
Bruttorauminhalt: ca. 32.000 m³ 
Obergeschosse: 3
Konzerthalle: 600 Sitzplätze
Theater: 150 Sitzplätze
Freiluftamphitheater: etwa 1.000 Sitzplätze

Bautafel
Architektur: haascookzemmrich STUDIO2050, Stuttgart
Bauherr: City of Ventspils (LVA)
Bauleitung: Studio MSV – Riga (LVA)
Tragwerk: Schlaich, Bergermann & Partner, Stuttgart; SIA BKB, Riga (LVA)
Akustik: Müller BBM, München
Klima, Energie: Transsolar Klimaengineering, Stuttgart
Haustechnik: SIA Friteks, Riga (LVA)
Energie Beratung: SIA Arche, Riga (LVA)
Elektrik: SIA FIMA; SIA KELLME, Riga (LVA)
Brandschutz: SIA Glamma, Riga (LVA)
Wassermanagement: SIA IP, Ventspils (LVA)
Architekturbeleuchtung: LDE Belzner Holmes, Stuttgart
Bühnentechnik: DTP Theaterbühnentechnik, Dresden
Bühnenlicht und -technik: SIA Audio AE, Riga (LVA)
Orgel: Johannes Klais Orgelbau, Bonn
Orgelberatung: Iveta Apkalna, Berlin & Riga (LVA)
Projektentwicklung: SIA Northproject, Riga (LVA)
Generalunternehmer: Merks / Ostas Celtnieks (LVA)

Produkte
Holzfenster: ARBO SIA (LVA)
Alufassade: UPPE SIA (LVA)
Keramikfassade: Moeding Keramikfassaden, Marklkofen
Dach: BEMO Systems, Ilshofen
Türgriffe: FSB., Brakel
Dezentrale Lüftungsgeräte: LTG Stuttgart
Schalldämpfende Überströmgitter: SLT Schanz Lufttechnik, Lingen (Ems)
Bestuhlung: Figueras, Barcelona (ES)
Stoffe: Möbel, Vorhänge, Rohi, Geretsried
Raumakustik Vorhänge: Gerriets, Unkirch
Lose Möblierung: Brunner, Rheinau & Hussl Sitzmöbel, Umelberg (AT) 
Holzwandverkleidung: Topakustik, Lungern (CH)
Naturstein, innen und außen: Besco Steinkontor, Berlin

Vorgestelltes Projekt

Coop Himmelb(l)au

PANEUM – Wunderkammer des Brotes (House of Bread II)

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