Das Flüstern der Stoffe

 Martina Metzner
17. Januar 2018
Punkt, Satz, Sieg: Die handgemachten Tapeten und Stoffe des französischen Verlages Èlitis ließen die Tourteilnehmer staunen. (Bild: Markus Bachmann)
Ob schallabsorbierende Vorhänge, extravagante Tapeten oder handgewebte Teppiche aus dicker Wolle – auf der Heimtextil stellten Architekten wie Sabine Krumrey oder Alexander Brenner im Rahmen der World-Architects Guided Tours ihre Favoriten vor.
355.000 Wohnungen sollen laut ifo-Institut aus München in diesem Jahr in Deutschland fertiggestellt werden. Dazu gesellen sich 39.000 neue Hotelzimmer, in Großbritannien sogar erstaunliche 119.000. Und diese werden erst gemütlich, wenn auch Textilien miteinziehen. Um sich über die aktuellsten Tendenzen in puncto Wohn- und Objekttextilien zu informieren, bot die Fachmesse Heimtextil, die traditionell den Auftakt im Messereigen Anfang Januar in Frankfurt am Main markiert, in diesem Jahr ein speziell ausgerichtetes Format für Inneneinrichter und Architekten. Auf der neu geschaffenen Interior.Architecture.Hospitality Expo in Halle 4.2 konnte man kompakt und optisch ansprechend auf Entdeckungsreise nach Tapeten, Dekorations- und Polsterstoffen sowie Sonnenschutzsysteme gehen. Die Guided Tours von World-Architects über die Messe zu ausgewählten Herstellern vermittelten zudem einen schnellen und spannenden Einblick – auch, weil Architekten wie Alexander Brenner, Jana Vonofakos, Sabine Krumrey, Lien Tran und Dorothee Maier ihnen eine ganz persönliche Note verliehen. 
Ohrenschmeichler: die auf der Heimtextil lancieren Akustik-Stoffe von Getzner Textil. (Bild: Getzner Textil)
Weit oben auf der Liste der Architektenlieblinge der diesjährigen Heimtextil standen – es war zu erwarten – akustisch wirksame Tapeten und Stoffe. Auf der Sonderschau von Trevira CS in Halle 4.2 konnte man in einen gänzlich weiß gehaltenen Raum eintauchen – und in den Genuss von 25 schallabsorbierenden Stoffen führender Hersteller wie Création Baumann, Gebrüder Munzert, Nya Nordiska oder Sahco kommen. Um der DIN EN ISO 11654 zu entsprechen, bedarf es einer spezifischen Mischung, die jeder Hersteller anders komponiert – Zutaten sind vor allem schallabsorbierende Trevira CS Garne, ein eingearbeitetes Folienbändchen sowie oft auch eine spezielle 3D-Struktur des Stoffes. Die Teilnehmer der Touren waren sichtlich angetan von den „leisen“ Stoffen der Firma Getzner Textil aus Österreich, die spezielle, wabenartige 3D-Gewirke unter dem neuen Label Acunic lancierten. Dass Funktion und Ästhetik auf galante Art und Weise verschmelzen können, zeigte unter anderem der belgische Stoffanbieter Vescom mit seinen „lautlosen“ Vorhängen und Polsterstoffen in einem fein abgestimmten Farbkonzept, dass an einen Spaziergang im mitteleuropäischen Wald im Frühherbst denken ließ. 
Voll auf Funktion: Victoria Zinnecker von Getzner erklärt Architekt Alexander Brenner die neue Linie Acunic. (Bild: Markus Bachmann)
Viel ist in den vergangenen Jahren passiert, dass brandschutzoptimierte Textilien, die den hohen Auflagen in öffentlichen Gebäuden wie Büros oder Krankenhäuser entsprechen, sich auch natürlich anfühlen – und nicht diesen unguten Knistereffekt beim Anfassen auslösen, bei dem die Nackenhaare aufstellen. Doch es gibt auch Alternativen neben den schwer entflammbaren Garnen von Trevira CS – zu sehen etwa bei Maasberg aus Münchberg, die leichte, semitransparente und schwer entflammbare Baumwollgardinen unter dem Label „Fleichee-Coex“ vorstellten. Möglich ist dies durch molekulare Modifizierung der Baumwolle. Aber auch Tapeten wie etwa aus Flachs, auf der Heimtextil vorgestellt von Norafin, unterstützen die Absenkung des Geräuschpegels in Räumen. „Es muss nicht zwingend eine Synthetikfaser für den Objektbereich sein wie Architekten immer denken“, sagt Felix Diener, „auch Wolle als Polsterstoff entspricht den Anforderungen.“
In Stimmung: Struktur und superflauschige Haptik sind auf der Heimtextil gefragt – eine Auswahl von Èlitis. (Bild: Èlitis)
„Mehr Haptik, mehr Struktur, mehr Tiefe“ – so beschreibt Textildesigner Diener die aktuelle Tendenz im Bereich der Polster- und Vorhangstoffe. Für Baumann Dekor aus Österreich hat er gleich zwei Linien herausgebracht, die davon zeugen: Ein Velours, der mit unterschiedlichen Florhöhen und ungewöhnlichen Farbkombinationen spielt, der andere ein grafisch minimalistisches Wabengewebe, das durch eine raffinierte Technologie entsteht. Entscheidend für einen hochwertigen Stoff sei, so Diener, die Ausrüstung – also die Verfahren, die nach dem Weben oder Wirken angewandt werden. 
Leiser Herbst: Bei Vescom stellt Marcel Deggau Innenarchitektin Jana Vonofakos schicke Schallschlucker aus Stoff vor. (Bild: Markus Bachmann)
Dass wieder mehr Stoffe und vor allem ausdrucksstarke Designs an Wand und Boden ins Interior Design einziehen, ist auf der Heimtextil deutlich sichtbar. Firmen und Designer scheinen außerdem angetrieben durch die Tatsache, dass immer mehr Boutique-Hotels eröffnen, die auf außergewöhnliche Kreationen setzen. Tapeten zeigen so großformatige Tattoo-Drucke wie bei Architects Paper by AS Création, exzentrische Rapporte wie bei der neuen Kollektion von Ulf Moritz für Marburger Tapetenfabrik sowie exotische Drucke von Vögeln und Blumen bei Zimmer + Rohde, die einen directement ins Paradies verführen wollen. So auch bei dem französischen Hersteller von handgemachten Tapeten Èlitis, der mit einer Wandbekleidung von roséfarbenen Muscheln just von der AIT ausgezeichnet wurde. Christian Fischbacher geht nun auch die Wände hoch – und lancierte seine erste Tapetenkollektion, hergestellt und vertrieben vom Lizenzpartner BN. Auch hier flattern Vögel über Wand, Bettwäsche und schließlich Stoffe des Schweizer Textilverlages. Natürlich alles in Swiss Quality, „Anti-Fashion“ und damit „longlasting“, wie es Camilla Fischbacher bei der ausführlichen Präsentation beschreibt.
Haiku im Paradies: Christian Fischbacher lanciert mit Partner BN eine Tapetenkollektion. (Bild: Christian Fischbacher)
Beim Blick auf den Boden konnten die Teilnehmer der Touren der World-Architects gleich zwei Premieren erleben: Auf der „Carpet“-Gemeinschaftsfläche des Verbandes Heimtex in Halle 4.2 stellte sich German Rugs als neu gegründetes Label für abgepasste Teppiche aus Nadelvlies vor, das als Spinning-off von Findeisen hervorging. Durch die unifarbenen Designs und Kanten in Kontrastfarben könnten die Stücke sicher eine gute Figur in Bürogebäuden auf glatten Böden machen. Bei Paulig Teppiche geht es dagegen um Wohnlichkeit, dicke Strukturen und natürliche Materialien – alles Handmade. Unter der Marke Haro legt das Unternehmen mit „City Panama“ einen Teppich aus den 1970er Jahren wieder auf, das durch Basket-Weave-Technologie besticht, bei der auch die Kette aus Wolle besteht und eingefärbt werden kann, was am Ende ein munteres Schachbrettmuster ergibt. Am Stand von Paulig lernten Sabine Krumrey und die Teilnehmer der Touren außerdem, dass Paulig als erstes deutsches Teppichlabel der internationalen Fair Trade-Organisation „Step“ beigetreten ist, das sich weltweit gegen Kinderarbeit und für gerechte Löhne und humane Arbeitsbedingungen einsetzt. 
Aus der Scheune: Die junge Firma Organoids präsentiert in Kooperation mit Norafin Tapeten aus Heublumen. (Bild: Organoids)
Zum ersten Mal auf der Heimtextil unterwegs, zog es Alexander Brenner auch in den Theme Park – der aufwendig gemachten Trendschau der Heimtextil in Halle 6.0. Dieses Mal hat sie das Londoner Studio Franklin Till ausgerichtet. Herausgekommen ist ein ziemlich zeitgeistiges kleines Trend Village, das unter der großen Klammer „The Future is urban“ Lifestyletrends wie „The Flexible Space“ mit Ideen zu Microliving oder Designtrends wie „Urban Oasis“ mit jeder Menge Pflanzen abbildete und dabei eine ziemlich kompakte, schnelle und vor allem optisch ansprechende Orientierung bot. Lediglich, dass die Farbe Rot nun zur Entspannung führen soll – dargestellt durch einen komplett roten Raum mit Kissen, auf die man sich legen konnte – ließ einen dann doch staunen. Alexander Brenner nahm nach einem Tag Heimtextil „ein Feuerwerk an Impressionen“ mit ins Büro nach Stuttgart und resümierte: „Besonders Stoffe und Tapeten aus natürlichen Materialien in authentischen Optiken sowie die Verbindung von Tradition und Technologie haben mich auf der Messe beeindruckt.“ Der Architekt gab sich gewiss: „Dieser Besuch wird nicht ohne Auswirkungen auf die Oberflächen in meinen zukünftigen Häusern bleiben!“ 
Leuchtstoff: Forster Rohner aus der Schweiz zeigt Textilien mit integriertem elektrischen Licht, die man waschen kann. (Bild: Forster Rohner)
Auf Streiftour: Designer Ulf Moritz setzt für die Marburger Tapetenfabrik auf expressive Muster. (Bild: Marburger)
Wiederauflage: Textildesigner Felix Diener ist begeistert vom handgewebten Teppich „City Panama“ von Paulig/Haro. (Bild: Martina Metzner)
Relax in Rot: Der Theme Park bot dieses Mal eine ziemlich gelungene Inszenierung aktueller Einrichtungstendenzen. (Bild: Markus Bachmann)

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