Baukasten macht Schule

Martina Metzner
29. April 2020
Im Inneren wird das Konstruktionsmaterial durch Decken und Wände aus Brettsperrholz sicht- und erfahrbar. (Foto © Thomas Mayer)

Durch die schnelle und ökologische Holzmodulkonstruktion fungiert die von NKBAK mit Kaufmann-Bausysteme entwickelte ISS Mahlsdorf in Berlin als Prototyp für die Schulbauoffensive des Landes.

Im Rahmen der Berliner Schulbauoffensive wurde im vergangenen Jahr die erste Schule mitten in Mahrzahn-Hellersdorf eröffnet – zwei weitere dieses Typus von NKBAK sollen folgen, insgesamt werden es 30 sein. Die von NKBAK entworfene Schule stellt dabei einen „Prototyp“ für die „Schule von morgen“ dar, so wie dies die Berliner Bausenatorin Katrin Lompscher bei der Eröffnung im August 2019 erläuterte. Nicht nur die schnelle Planungs- und Bauzeit durch die Modulbauweise sei dafür entscheidend, sondern auch das Material Holz – dies präge das Raumklima und sei unter ökologischen Gesichtspunkten sinnvoll, so die Politikerin der Linken. Insgesamt drei Jahre brauchte man vom Entwurf bis zur Fertigstellung inklusive zweier europäischer Ausschreibungen. Das Land investierte 34,8 Millionen Euro in das Projekt, das von der Senatsverwaltung für Umwelt, Verkehr und Klimaschutz als Modellprojekt für ökologisches Bauen wissenschaftlich begleitet und dokumentiert wird.

Klare Geometrien lassen bereits von außen die typisierte Modulbaukonstruktion der ISS Mahlsdorf in Berlin Mahrzahn-Hellersdorf erahnen. (Foto © Thomas Mayer)

Die Integrierte Sekundarschule liegt als langgestreckter mäandrierender Baukörper in Nord-Süd-Richtung mitten im Wohngebiet. Mit einer Bruttogeschossfläche von 9.090 Quadratmetern mit drei Geschossen gibt die neue Oberschule seit Eröffnung rund 550 Schülern Platz. Die halboffenen Innenhöfe sowie die vollflächig verglasten Flure in Pfosten-Riegel-Konstruktion geben der Schule einen offenen, einladenden Charakter. Dabei gibt die Fassade aus Aluminiumpaneelen wenig von der darunter liegenden Holz-Konstruktion preis. Alle Räume basieren auf vorgefertigten Modulen: Die 32 Klassenräume sind unterschiedlich groß, aber fast alle nahezu quadratisch mit einer durchschnittlichen Fläche von 67 Quadratmetern. Während die Klassenräume sich in Richtung Westen und Osten öffnen, sind die Verwaltungs- und Fachräume an den kürzeren Fassadenabschnitten gen Norden und Süden gerichtet. Alle Glasflächen – ausgenommen die nordausgerichteten – wurden mit einem vollflächigen vertikalen Sonnenschutz ausgerüstet. Zum 22.200 Quadratmeter großen Schul-Campus gehört auch eine neue Drei-Feld-Sporthalle, die ebenso von Kaufmann-Bausysteme aus Vorarlberg allerdings in klassischer Holzbauweise ausgeführt wurde und aus zwei ineinander verschränkten Baukörpern besteht.

Jedes Modul basiert auf einem Rastermaß von 2,86 Metern Breite, 8,6 Metern Länge und 3 Metern Höhe. (Foto © Thomas Mayer)

Sobald man die Schule durch den zentralen Eingang betritt, riecht man das diffusionsoffene Konstruktionsmaterial: Die Wände, Decken, Böden, Stützen sowie auch Handläufe und Brüstungen sind aus Fichte, Eiche und Buche gefertigt. Von der Eingangshalle, die das Herzstück der Schule bildet und als Treffpunkt dient, verbindet das offene, lichtdurchflutete zentrale Treppenhaus sichtbar alle drei Geschosse. Des weiteren sind fünf Treppenhäuser im Gebäude verteilt, an die auch jeweils Technikräume angeschlossen sind. Neben der Eingangshalle im Erdgeschoss liegt der große Mehrzweckraum, der teilbar ist und vorwiegend als Speisesaal dient. Die Flure sind breit und bieten durch speziell eingerichtete, teils farbig leicht identifizierbare Zonen auch Aufenthalts- beziehungsweise Lernmöglichkeiten.

In nur zehn Wochen wurden alle 290 vorgefertigten Module der ISS Mahlsdorf montiert, zehn Module im Schnitt an einem Tag. (Foto © Thomas Mayer)

290 Module seien insgesamt verbaut worden, wie Architekt Andreas Krawczyk berichtet. Die Module funktionieren nach dem Baukasten-Prinzip, sodass die Abmessungen der einzelnen Bestandteile jeweils zueinander im Bezug stehen. Die Gebäudetypologie sei daher frei wählbar und kann individuell auf die örtlichen Bedingungen wie Grundstückszuschnitt, Belichtung, Lärm, Erschließung reagieren, so Krawczyk. Jedes Modul basiert auf einem Rastermaß von 2,86 Meter Breite, 8,6 Meter Länge und 3 Meter Höhe und wurde mit bodentiefen Fenstern, Türen und Installationen wie Heizkörper, Leuchten und Steckdosen vormontiert. Der komplette Bodenbelagsaufbau (Linoleum, Trittschalldämmung, Mineralwolle und Holzwolleakustikplatte) wurde allerdings vor Ort vorgenommen, unter anderem um den angestrebten Akustikschutz so gut wie möglich zu erlangen. Dafür wurden auch Holzwolleplatten sichtbar an die Decken montiert. Dies sei ein ehrliches Produkt, worauf auch die Schüler positiv reagieren, berichtet Andreas Krawczyk. Insgesamt gibt es nur wenige Modultypen, um die Planungs- und Produktionszeit zu verkürzen. Hauptsächlich wurden Brettsperrholzplatten, teilweise in Standard-Sichtqualität, 3-Schicht- und OSB-Platten sowie Buchen-Furnierschichtholz verwendet. Während die Wände aus Fichte gemacht sind, bestehen die Träger aus Buche. Die Module kamen mit einer Vorfertigung von 90 Prozent auf die Baustelle: Je drei Module bilden einen Klassenraum, der über sechs bodentiefe Fenster verfügt sowie Heizkörper und akustisch wirksame Holzwolleplatten an der Decke. Die Flurbereiche wurden als Halbfertigteile aus Holz geliefert. Die besondere technische Ausrüstung des Gebäudes wie Heizkörper und Medienführung im Deckenbereich ist an die Modulbauweise angepasst.

Die Module kamen mit einer Vorfertigung von 90 Prozent auf die Baustelle. (Visualisierung © NKBAK)

Zum Teil ließ Kaufmann-Bausysteme die Module in einer extra angemieteten Produktionshalle in Köpenick anfertigen, teilweise aber auch am Standort im österreichischen Kalwang auf einer neuen Produktionsstraße. Jeweils ein Modul wurde „just in time“ von einem Lastkraftwagen zur Baustelle transportiert und dort direkt auf die vorbereitete Gründung aufgesetzt. So konnten im Schnitt zehn Module pro Tag montiert werden. Die technischen Installationen wurden mittels „Plug-and-Play-System“ an das Gesamtsystem angeschlossen. Die Montage der Module dauerte so insgesamt nur drei Wochen, nach sechs Wochen stand der komplette Rohbau – von der Grundsteinlegung bis zu Fertigstellung des Gebäudes dauert es so knapp ein Jahr. Eine große Herausforderung, wie Christian Kaufmann, Geschäftsführer bei Kaufmann-Bausysteme weiß, da gleichzeitig noch zwei weitere Schulen in Holzmodulbauweise für Berlin in Ausführung waren. In Hinsicht auf eine mögliche Rückführung in die verschiedenen Materialkreisläufe kann die Dekonstruktion ebenso unkompliziert und schnell geschehen wie der Aufbau, sagen Nicole Berganski und Andreas Krawczyk. Neben diesem Aspekt und Holz als ökologisches Konstruktionsmaterial wurden zwecks nachhaltiger Bauweise zudem die Dachflächen begrünt.

Grundriss Erdgeschoss (Zeichnung © NKBAK)
Überbreite Flure erzeugen eine lichte Atmosphäre und ermöglichen zugleich eine freie und Erschließung. (Grundriss 1. OG © NKBAK)
Grundriss 2. Obergeschoss (Zeichnung © NKBAK)

Auch wenn vielerorts nun Gebäude in Holzbauweise entstehen, die den Brandschutzauflagen entsprechen, müssen die Architekten weiterhin die Vorurteile entkräften. „Es gibt kein Brandschutzproblem“, sagt Nicole Berganski von NKBAK. „Selbst verkohlte Balken verlieren nicht ihre Tragfähigkeit. Stahl schmilzt.“ Für den Brandfall verfügen die Klassenräume über bodentiefe zu öffnende Fenster, die Schüler können aber auch durch separate Türen und Fluchtwege zum nächsten Fluchttreppenhaus gelangen. 
Erfahrungen mit der Holzmodulbauweise konnten NKBAK bereits mit der Europäischen Schule im Frankfurter Riedberg machen, die 2015 fertiggestellt wurde und viele Preise gewonnen hat. Im Vergleich zur Europäischen Schule wirkt die ISS Mahlsdorf jedoch deutlich pragmatischer – die Typisierung merkt man ihr von außen schnell an. Zwei weitere Schulen von NKBAK in Holzmodulbauweise in Berlin – die Grundschule Lichtenberg in der Konrad-Wolf-Straße und Bernhard-Grzimek-Schule in der Sewanstraße – sind ebenso fertiggestellt. Und damit sind Nicole Berganski und Andreas Krawczyk zu Spezialisten in diesem Feld geworden.

BAUTAFEL
Bauherr Senatsverwaltung für Stadtentwicklung & Wohnen, Berlin
Architektur NKBAK, Frankfurt am Main - Nicole Kerstin Berganski, Andreas Krawczyk, Simon Bielmeier, Shanjun Yu
Landschaftsarchitektur Franz Reschke Landschaftsarchitektur, Berlin
Tragwerksplanung Bollinger + Grohmann Ingenieure, Frankfurt am Main
Tragwerksausführung merz kley partner, Dornbirn, Österreich
Technische Gebäudeausrüstung Ecotec, Bremen
Generalunternehmer Kaufmann-Bausysteme, Reuthe, Österreich
Brandschutz Wagner Zeitter Ingenieure, Wiesbaden
Bauleitung pcb Architekten, Berlin, Martin Putzmann
Planung 2017 bis 2018
Realisierung 2018 bis 2019
Grundfläche 3.030 m²
BGF Schulgebäude 9.090 m²
BGF Sporthalle 1.800 m²
 
PRODUKTE
Fenster Becker 360°
Fußböden Forbo
Beleuchtung Zumtobel
Elektrik Jung
Aufzug Kone
Akustikdecke Fibrolith
Fliesen im Sanitärbereich Villeroy & Boch
Sanitär Laufen
Beschläge FSB

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