Wohnen auf dem Branntweinareal

Auer Weber
28. April 2021
Blick vom Thumenberger Weg (Visualisierung: Auer Weber)

Auer Weber Assoziierte gewinnen den Wettbewerb um das Wohnen auf dem Branntweinareal in Nürnberg. Moritz Auer stellt sich unseren Fragen zum Wettbewerb.

Auf dem Nürnberger Branntweinareal sollen Lösungsvorschläge für Geschosswohnungsbau für frei finanzierte Mietwohnungen entwickelt werden. Wettbewerbsgegenstand ist die Planung eines Wohnhochhauses mit Gewerbe und einer Kindertageseinrichtung. Welche Ausgangssituation haben Sie vorgefunden?

Das langestreckte Gesamtareal im Osten der Stadt spannt sich zwischen der Äußeren Sulzbacher Straße im Norden und der Bahnlinie im Süden auf. Von Nord nach Süd besteht ein Höhenunterschied von circa 5 Metern, wodurch das Areal im Bestand und auch künftig durch einen höher und einen tiefer liegenden Bereich charakterisiert wird. Im Zentrum des Grundstücks stehen heute noch zwei markante Bestandsgebäude, die nach erfolgtem Rückbau der technischen Einbauten große innenräumliche Qualitäten aufweisen und auch künftig das Bild und den Charakter des neuen Wohnquartiers mitprägen werden. Muck Petzet Architekten sind mit den Planungen für die Umnutzung betraut und haben hier Künstlerateliers und auch einen Nachbarschaftstreff konzipiert. 

Der südliche, tiefer liegende Bereich des Branntweinareals war Gegenstand des Wettbewerbs. Durch seine Lage unmittelbar entlang der Bahnlinie bestanden hohe Anforderungen hinsichtlich des Schallschutzes für die Wohnungen und die Freibereiche. 

Im Zusammenhang mit den komplexen Bedingungen des Ortes war für uns die Frage entscheidend, wie sich das zu planende Wohnhochhaus in seiner Kubatur und Ausrichtung zur Äußeren Sulzbacher Straße und zum Quartierseingang am Thumenberger Weg positioniert.

Bestand (Foto: Auer Weber)
Wie kamen Sie zur Körnung Ihres Projekts und welche Etappierungen sind angedacht?

Die Grundstruktur, Setzungen und Vorgaben des über mehrere Phasen intensiv abgestimmten Rahmenplans von MORPHO-LOGIC Architekten haben wir grundsätzlich beibehalten. Wir verstehen das neue Quartier im Süden entlang der Bahntrasse in seiner offenen Bauweise als eigenständigen Teilbereich des Gesamtareals, der sich in seiner Kontur, offenen Struktur und architektonischen Sprache deutlich vom durch überwiegend linear gerichtete Baukörper gerahmten Teilquartier im Norden entlang der Äußeren Sulzbacher Straße unterscheidet. Die im Masterplan vorgeschlagene Ausrichtung und öffnende Geste der lärmgeschützten Binnenräume zwischen den Wohnbausteinen ausschließlich nach Norden haben wir hinterfragt, da wir in der Weite des Gleisfeldes und der Südorientierung eine hohe Qualität sowohl für die Wohnungen und ihre Bewohner als auch für die begrünten Binnenräume sehen, die wir stärken wollen. 

Aus diesem Grund schlagen wir eine deutlichere Konturierung der Bausteine auf ihren West- und Ostseiten vor, wodurch die mit zunehmender Tiefe ebenfalls zunehmende Enge der Hofräume aufgehoben wird. Die polygonalen Gebäude ermöglichen eine höhere Anzahl an Wohnungen mit besserer Ausrichtung in Richtung Osten und Südwesten, was bei der angestrebten Dichte und Höhenentwicklung der Bebauung von Vorteil ist. 

Der südliche Teil des Branntweinareals gliedert sich in drei Bauabschnitte, die einer möglichen Etappierung entsprechen, wobei die Reihenfolge heute noch nicht feststeht.

Lageplan (Zeichnung: Auer Weber)
Wie organisieren Sie das Projekt?

Das Erdgeschoss des Wohnhochhauses beherbergt nach Norden, prominent und gut auffindbar zum Quartierseingang gelegen, die Gewerbeflächen und das zentral angeordnete Eingangsfoyer mit Empfangsbereich für die Wohnungen in den Obergeschossen. Der Eingangsbereich für die Kita und die Räume der Kinderkrippe liegen im Süden und Osten, mit direkter Orientierung und Zugang zu den vorgelagerten Freibereichen.

Im 1. Obergeschoss sind nach Süden orientiert die Gruppenräume der Kita situiert. Eine interne Treppe gewährleistet die separate Entfluchtung dieser Räume und den Zugang zu den Freiflächen.

Im 1. bis 5. Obergeschoss sind überwiegend die geforderten 3- und 4- Zimmer- Wohnungen situiert, wohingegen in den Turmgeschossen (6. bis 16. Obergeschoss) die kleineren Wohneinheiten der 1- und 2- Zimmer- Wohnungen organisiert sind

Schnitt (Zeichnung: Auer Weber)
Grundriss Erdgeschoss (Zeichnung: Auer Weber)
Grundriss 1. Obergeschoss (Zeichnung: Auer Weber)
Welches architektonische Thema war Ihnen besonders wichtig?

Ein Leitmotiv unseres Entwurfes ist die Porosität der Bebauung in Nord-Süd- Richtung. Diese wird durch die Reihung von klar ablesbaren Einzelgebäuden erreicht, die lediglich über trichterförmige, zur Bahnseite verglaste Loggien miteinander gekoppelt werden. Auf diese Weise wird zugleich der notwendige Schallschutz und die entsprechende Qualität für die Freibereiche zwischen den einzelnen Wohnbausteinen hergestellt.

Das Prinzip der Porosität haben wir auch auf die polygonal geschnittenen Erschließungsräume der Gebäude übertragen, die sich jeweils bis zur Südfassade durchstecken und von dort über teils doppelgeschossige Pufferräume, die auch als Gemeinschaftsräume dienen, mit Tageslicht versorgt werden.

Loggia (Skizze: Auer Weber)
Wintergarten (Skizze: Auer Weber)
Was schlagen Sie vor zu den Themen Lüftung und Schallschutz?

Die Lüftung der Wohnungen erfolgt prinzipiell über freie Fensterlüftung und eine unterstützende kontrollierte Wohnraumlüftung mittels dezentralen, fassadenintegrierten Lüftern.

Der Schallschutz der Wohnhöfe wird im Süden durch die verbindenden und bahnseitig verglasten Loggien zwischen den Wohnbausteinen sichergestellt. Beinahe alle schutzbedürftigen Wohnräume der Wohnungen in den Wohnbausteinen sind zu diesen ruhigen Binnenräumen oder zur ruhigen Wohnstraße im Norden orientiert. Einzelne zur lärmbelasteten Südseite orientierte Wohnräume und die Wohnungen an den Westseiten der jeweils am Ende einer Gebäudereihe gelegenen Wohnbausteine werden durch die Anordnung von Prallscheiben, schallgedämmten Lüftungsflügeln (Kastenelemente) oder auch die Ausbildung von Schallschutzloggien in Form von Miradoren geschützt.

Der Schallschutz schallexponierter Wohnräume der Wohnungen im Wohnhochhaus erfolgt auf analoge Weise über diese Elemente.

Ansichten Nord und Ost (Zeichnungen: Auer Weber)
Gibt es schon einen geplanten Fertigstellungstermin?

Geplant ist, die Bauabschnitte 2 und 3 auf dem höher gelegenen Areal bis 2025 fertigzustellen. Aus baulogistischen Gründen geht der Bauherr derzeit davon aus, dass die Bauarbeiten an den folgenden Bauabschnitten 4- 6, dem Teilareal dieses Wettbewerbs, voraussichtlich erst im Anschluss, also ab 2025 beginnen können. Im Zuge der weiteren Planungen wird zu prüfen sein, ob auch eine frühere Realisierung machbar ist, was wir natürlich sehr begrüßen würden.

Modell (Foto: Auer Weber)
Wohnen auf dem Branntweinareal in Nürnberg
Nicht offener hochbaulicher Realisierungswettbewerb mit einem städtebaulichen und einem hochbaulichen Ideenteil
 
Auslobung
  • WBG Urbanes Wohnen St. Jobst GmbH
Betreuung
  • mt2 ARCHITEKTEN I STADTPLANER Susanne Senf · Martin Kühnl, Nürnberg
 
Jury
  • Amandus Samsøe Sattler, Architekt, München (Vorsitzender) | Siegfried Dengler, Architekt, Dienststellenleiter Stadtplanungsamt Nürnberg | Prof. Ingrid Burgstaller, Architektin und Stadtplanerin, München/Nürnberg | Marcus Schulz, Architekt, wbg Nürnberg | Ralf Schekira, wbg Nürnberg | Frank Stücker, wbg Nürnberg | Reinhard Zingler, Bamberg
 
1. Preis
  • Auer Weber Assoziierte GmbH, München | Moritz Auer, Philipp Auer, Stephan Suxdorf | Mitarbeit: Léonie Köhler, Siliang Yu, Laura Back, Nicolas Holzapfel, Maren Jütting, Lür Schäfer, Constantin Schindler, Leonhard Thumann
  • Landschaftsarchitekur : grabner huber lipp Landschaftsarchitekten und Stadtplaner mbb, Freising
  • Tragwerksplanung: merz kley partner GmbH, Dornbirn, Österreich
  • Brandschutz: Kersken + Kirchner GmbH Beratende Ingenieure VBI, München
  • Hilfskräfte: Grüne Modellbau, Wolfratshausen
 
2. Preis
  • bogevischs buero architekten & stadtplaner GmbH, München | Rainer Hofmann | Mitarbeit: Lluis Dura, Magdalena Müller, Johannes Prünte, Hertta Immonen, Benedikt Radloff
     
3. Preis
  • KSP ENGEL GmbH, München | Jürgen Engel | Mitarbeit: Christian Eichinger, Simon Isoni, Ferran Viladomat Serrat, Maria Orozco
  • Landschaftsarchitektur: Ben Warnecke, Adlerolesch Landschaftsarchitekten GmbH
  • Brandschutz: Michael Rombach, Müller-BBM GmbH
  • Tragwerk: Sebastian Dietrich, B+G Ingenieure Bolinger und Grohman GmbH
  • Gebäudetechnik: Josef Bauer, Ingenieurbüro Hausladen GmbH
  • Perspektive: Pawel Pietkun
  • Hilfskräfte: Yorik Meusel
     
3. Preis
  • AllesWirdGut Architektur ZT GmbH, Wien München | Marth / Passler / Spiegl / Waldner | Mitarbeit: Teresa Aćimović, Ladislav Farkas, Karolina Pettikova, Helena Lauenstein, Josepha Karsten
  • Hilfskräfte: mattweiss modellbau

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