Städtebaulich­­­ integrier- und bezahlbar

David Chipperfield Architects
8. April 2020
Dach mit Sportanlage (Visualisierung: David Chipperfield Architects)

David Chipperfield Architects mit Wirtz International N.V. gewinnt den Wettbewerb um die Entwicklung des Areals Georg-Knorr-Park (Knorr-Bremse) in Berlin-Marzahn. Christoph Felger, Partner und Design director bei David Chipperfield Architects Berlin, stellt sich unseren Fragen zum Wettbewerb.

Im Bezirk Marzahn-Hellersdorf beabsichtigt die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Wohnen westlich des S-Bahnhofs Marzahn eine aktuell gewerblich genutzte Fläche mit neun Hektaren als Quartier mit urbaner Nutzungsmischung von Wohnen und Gewerbe mit zeitgemäßen städtebaulichen Strukturen auszuweisen. Welche Ausgangssituation haben Sie vorgefunden?

Wir fanden eine weitläufige, neun Hektar große Fläche, umgeben von Verkehrs- und Industrielärm, mit einem markanten Industriedenkmal von Albert Speer, das unter Denkmalschutz steht, einer S-Bahn-Station und einem im Norden angrenzenden Friedhof, der mit seinem Baumbestand das Grün, das im Stadtteil Marzahn-Hellersdorf besonders ausgeprägt vorhanden ist, über die S-Bahn-Trasse und die Märkische Allee hinweg bis an die Grundstücksgrenzen der ehemaligen Georg-Knorr-Bremse heranbringt. Auf Grund der Rahmenbedingungen und der damit einhergehenden Insellage wurde dem Grundstück von vielen Experten erst einmal die Eignung als Standort für Wohnungen abgesprochen. Letztlich ging es in dem diskursiven Gutachterverfahren darum nachzuweisen, ob an diesem Standort zeitgenössisches Wohnen und Arbeiten städtebaulich­­­ integrier- und bezahlbar möglich sind. 

Schrägluftbild (Foto: Dirk Laubner / Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Wohnen)
Welches sind die Kerngedanken Ihres Entwurfs?

Wir haben, wenn man so möchte, eine städtebauliche Formel für das Areal entwickelt, die Georg-Knorr-Park-Formel, welche die Grundlage unseres städtebaulichen und architektonischen Ansatzes bildet. Sie besteht aus drei Typologien – Hochhäuser, Hofhäuser, sowie offene, den Hofhäusern vorgelagerte und außenliegende Laubengänge.

Aufgrund der Weitläufigkeit des Areals können wir Hofhäuser mit großen Innenhöfen vorschlagen, zu denen sich alle Wohnungen bzw. die Aufenthaltsbereiche der Wohnungen, also Wohn- und Schlafzimmer, ausrichten. Die Nebenbereiche, Eingangsbereich, Garderobe, Küche, WC, etc., orientieren sich zum außenliegenden Laubengang. Wohn- und Essbereich bilden dabei in jeder Wohnung einen gemeinsamen, durchgesteckten Raum, der sowohl vom Laubengang als auch vom Innenhof her Tageslicht in die Mitte der Wohnungen bringt, allerdings nur hofseitig über Fenster und eine vorgelagerte Loggia zu belüften ist. Damit lösen wir das Problem des Lärms, was eindrucksvoll in einer von Müller-BBM erstellen 3D-Lärmsimulation nachgewiesen werden konnte. Um das Areal auch über sich hinaus erfahr- und sichtbar werden zu lassen, es also städtebaulich übergeordnet zu verbinden und einzuordnen, bedienen wir uns der Typologie von Punkthochhäusern, die es bereits seit den 1970er-Jahren auf der anderen Straßenseite, im Zentrum Marzahns entlang der Marzahner Promenade gibt. 

Die drei Hochhäuser markieren die drei wichtigsten Hauptzugangspunkte in das neue Quartier. Das südlichste Hochhaus ist für Studentenwohnungen, das nordwestliche für Büro- und Gewerbeflächen und das nordöstliche, direkt an der S-Bahn-Station, für Wohnen und Gewerbe vorgesehen. 

Nutzung (Diagramm: David Chipperfield Architects)
Wie erschließen Sie das Areal?

Einen großen infrastrukturellen Vorteil gegenüber anderen Arealen in Berlin, die zu Mischgebieten für Wohnen und Arbeiten entwickelt werden sollen, sehen wir in der unmittelbar an das Grundstück angrenzenden S-Bahn-Station Marzahn und damit der Anbindung an das öffentliche Verkehrsnetz Berlins. Von hier aus ist man in 20 bis 25 Minuten am Alexanderplatz im Zentrum Berlins. Außerdem schlagen wir eine barrierefreie Ertüchtigung und Ergänzung der vorhandenen S-Bahn- und Straßenbrücken auch für den Fahrradverkehr vor, die entlang eines großen Einkaufszentrums direkt in die Marzahner Promenade und damit das Zentrum Marzahns münden, ein etwa zehn- bis fünfzehn-minütiger Fußweg. Darüber hinaus wird es drei neue Bushaltestellen an den Hauptzugängen des Georg-Knorr-Parks geben und der Autoverkehr, den wir auf einer vorhandenen Straße um das Areal herumführen werden, wird auf Tempo 30 km/h gedrosselt. Für die Bewohner*innen und alle, die in diesem neuen Quartier arbeiten werden, ist eine oberirdische Parkgarage mit rund 500 Pkw-Stellplätzen vorgesehen, die in einem nordwestlichen, ausschließlich dem Gewerbe vorbehaltenen Gebäude untergebracht ist. Bis auf die Feuerwehr oder Not- und Lieferdiensten wird das Areal autofrei sein.

Schwarzplan, Verkehr (Diagramme: David Chipperfield Architects)
Lageplan (Zeichnung: David Chipperfield Architects)
 
Welche Aufgaben hat die Freiraumplanung zu bewältigen?

Neben der Regenwasserbewirtschaftung und einem guten Mikroklima muss die Freiraumplanung vor allem eine grüne, natürliche und selbstverständliche Umgebung schaffen, die zum Erholen, Spielen und zur Begegnung einlädt. Marzahn ist weit über die Grenzen Berlins hinaus als grüner Stadtbezirk bekannt. Nicht zufällig gibt es dort die „Gärten der Welt“. Es ist die Aufgabe der Landschaftsplanung, diese Präsenz von Grün auch in den Georg-Knorr-Park hinein zu tragen. Die Qualität der Landschaftsplanung wird bei einem so großen Vorhaben wie dem Georg-Knorr-Park wesentlich zur Identität des neuen Quartiers und damit auch zu seiner Attraktivität beitragen. 

Grüner Innenhof (Visualisierung: David Chipperfield Architects)
Was wird die Qualität des neuen Quartiers ausmachen?

Vor allem die Beschaffenheit der Innenhöfe. In ihren jeweiligen Besonderheiten, die durch Größe, Bepflanzung und öffentliche Nutzungen bestimmt werden, wird es die Aufgabe der Höfe sein, aus der großen Gesamtanlage überschaubare Wohngemeinschaften zu etablieren. Ich denke es ist die Hofstruktur, mit der wir Eigenschaften wie Inklusion, Geborgenheit und die Schaffung einer sozialen Mitte verbinden, die dem neuen Quartier eine in Berlin einmalige Wohn- und Arbeitsatmosphäre gibt. Allerdings darf man nicht vergessen, dass es sich hier auch um ein Vorhaben handelt, das am Ende bezahlbaren Wohn- und Arbeitsraum schafft. Mit Mieten von 6,50 € pro Quadratmeter für 50% der Flächen und maximal 10 € pro Quadratmeter für die andere Hälfte, hilft das Projekt die soziale Ungleichheit, die wir mittlerweile auch in Berlin spüren, zu verringern. 

Eingng (Visualisierung: David Chipperfield Architects)
Ist schon ein Rahmenplan in Arbeit?

Der private Bauherr, der das Vorhaben schlüsselfertig erstellen und nach Fertigstellung an die landeseigene Wohnungsbaugesellschaft HOWOGE übergeben wird, möchte am liebsten sofort mit der Planung und den vorbereitenden Maßnahmen beginnen. Da auf dem Grundstück zurzeit allerdings rechtlich nur gewerbliche Entwicklungen möglich sind, wird es einen sogenannten vorhabenbezogenen Bebauungsplan geben müssen, der in der Regel auf Grund der bürokratischen Prozesse einige Jahre dauern dürfte. Dennoch sprechen Bauherr und HOWOGE davon, dass 2025 die ersten Bewohner einziehen können. Das würde uns sehr freuen. 

Laubengang (Visualisierung: David Chipperfield Architects)
Blick aus einer Wohnung (Visualisierung: David Chipperfield Architects)
Blick aus einem der drei Hochhäuser (Visualisierung: David Chipperfield Architects)
Entwicklung des Areals Georg-Knorr-Park (Knorr-Bremse) in Berlin-Marzahn
Städtebaulich-freiraumplanerisches Gutachterverfahren mit vorgeschaltetem offenen Teilnahmewettbewerb

Auslober/Bauherr: Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Wohnen, Berlin, Berlin, Laborgh Investment GmbH, Berlin
Betreuer: Planergemeinschaft für Stadt und Raum eG, Berlin
 
Jury
J. Miller Stevens, Vors. | Oliver Bormann | Nils Buschmann | Roland Kuhn | Prof. Anna Lundqvist | Stefan Schautes | Marina Dreßler (Bezirk Marzahn-Hellersdorf) | Florian Lanz (Geschäftsführer Laborgh Investment GmbH) | Joachim Sichter (Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Wohnen Referat IV D)
 
1. Preis
Architekt: David Chipperfield Architects Gesellschaft von Architekten mbH, Berlin
Landschaftsarchitekt: Wirtz International N.V., Schoten (BE)
 
2. Rang
Architekt, Stadtplaner: StudioVlayStreeruwitz ZT-GmbH, Wien (AT), Graz (AT)
Landschaftsarchitekt: WES LandschaftsArchitektur Schatz Betz Kaschke Wehberg-Krafft Rödding, Hamburg, Oyten, Berlin, Düsseldorf, Shanghai (CN) 
 
3. Rang
Architekten, Stadtplaner: Christoph Kohl Stadtplaner Architekten, Berlin
Landschaftsarchitekt: Fugmann Janotta Partner Landschaftsarchitekten und Landschaftsplaner bdla, Berlin

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