Stadt an die Murr! Quartier Backnang West

Teleinternetcafe/Treibhaus
1. September 2021
Modell (Foto: Teleinternetcafe/Treibhaus)

Teleinternetcafe Architektur und Urbanismus (Berlin) und Treibhaus Landschaftsarchitektur (Hamburg) gewinnen den Wettbewerb für das Quartier Backnang-West der Internationalen Bauausstellung 2027 StadtRegion Stuttgart. Andreas Krauth und Marius Gantert (beide Teleinternetcafe) stellen sich unseren Fragen zum Wettbewerb.

Für das circa 16,7 Hektare große Quartier Backnang West sollten radikale Ideen für ein lebenswertes und zukunftsfähiges Stadtquartier entwickelt werden. Welche Vorstellung von Stadt, Arbeiten und Wohnen liegt Ihrem Entwurf zugrunde?

Der Entwurf sieht einen nutzungsgemischten urbanen Stadtteil vor. Eine neue Freiraumtypologie produktiver Höfe schafft eine hohe Nutzbarkeit für gewerbliche Nutzungen bei größtmöglicher Entsiegelung und Durchlässigkeit. Fassaden und Dächer werden begrünt, um einen Beitrag zu Regenwassermanagement und Mikroklima zu leisten. Großformatige Sockelvolumen ergänzen nach außen städtebauliche Raumkanten und formulieren nach innen intime Raumfolgen aus Plätzen, Höfen, Nischen und Gassen. Hohe Erdgeschosse (4-6m) bieten ausreichend Raum für Produktion, Handwerk 4.0, (kreativ-)gewerbliche Nutzungen, Co-Working-Spaces, soziale und kulturelle Nutzungen, Quartiersräume, Einzelhandel und Gastronomie. Die Schnittstelle Erdgeschoss wird transparent gestaltet, um die Sichtbarkeit identitätsstiftender produktiver Prozesse zu erhöhen und daraus einen Mehrwert für das Quartier zu erzeugen. Durch die Ablesbarkeit individueller „Häuser“ schaffen die Aufbauten auf der Sockelzone typologische Varianz und Kleinteiligkeit. Das Sockeldach wird als gemeinschaftlich nutzbarer Freiraum genutzt, einzelne Hochpunkte an städtebaulich markanten Situationen schaffen neue Orientierungspunkte. Für unterschiedliche Wohnformen (Familienwohnen, Atelier- / Studiowohnen, Clusterwohnen, Pendlerwohnen) und in diverser Trägerschaft entwickelt (Genossenschaften, Baugruppen, Wohnprojekte für gemischt gewerbliche und Wohnnutzungen) beleben sie das Quartier als „24/7 Ort“. 

Quartier Backnang West, Bestand 2019 (Foto: IBA’27/Schiller)
Wie haben Sie auf den Kontext reagiert?

Neben der Altstadt hat die Lage im Tal am Wasser in der Geschichte Backnangs immer wieder zu produktiven und gewerblichen Niederlassungen geführt. In Zukunft wird diese besondere Lage eine neue Form der produktiven Stadt aufnehmen, die neben den gewerblichen Aktivitäten auch ein attraktiver Wohnstandort sein kann. Eine verbesserte fußläufige Vernetzung mit den höher gelegenen Wohnquartieren und mit dem Bahnhof lässt den Murr-Raum zu einem neuen Stadtteil von gesamtstädtischer Bedeutung werden. Die besondere Lage an der Murr wird zu einem qualitätsvollen Freiraum, der ParkAue, weiterentwickelt, der mal als grüner Parkraum am Wasser und mal als urbane Promenade den Verlauf der Murr begleitet. Die ParkAue vernetzt drei Teilquartiere, die WohnFabrik, den CityCampus und das StadtWerk, welche anknüpfend an bestehende Strukturen und Gebäude jeweils in ihrer Art der Mischung und Freiraumgestaltung eigenständige Atmosphären entfalten. Die industriellen Bestandsgebäude werden transformiert und mit Neubauten ergänzt. Der Erhalt von möglichst vielen Bestandsgebäuden und ihre Umnutzung und Transformation lässt zusammen mit neuen Gebäuden und Freiräumen einen innovativen Stadtteil mit ablesbarer Geschichte entstehen.


 

Strukturskizze (Zeichnung: Teleinternetcafe/Treibhaus)
Wie organisieren Sie Backnang West?

Die Fabrikstraße dient als verbindendes und funktionales Rückgrat des Quartiers und wird als großzügiger weitgehend autofreier Fahrradboulevard ausgestaltet. Mehrere neue Brücken bzw. Fuß- und Fahrradstege verknüpfen die Teilquartiere auch über die Murr hinweg. An den Hängen werden vorhandene „Stäffele“ als funktionale kurze Wege aktiver Mobilität und wertvolle öffentliche Räume mit Ausblick am Hang qualifiziert und inszeniert.

Direkt erreichbar von der übergeordneten Erschließungsstruktur bündelt jeweils eine Quartiersgarage pro Teilquartier den ruhenden Verkehr und hält den Individualverkehr aus dem Quartier heraus. Integrierte Mobilitätsstationen stellen Car-Sharing-Flotten und eMobilitäts-Ladeinfrastrukturen bereit. Im Erdgeschoss schaffen öffentliche, soziale und kulturelle Nutzungen, sowie Nahversorgungsfunktionen eine aktive Schnittstelle zum Quartier. Darüber hinaus machen integrierte Energiezentralen gewerbliche Abwärme und solare Gewinne im Quartier nutzbar.

Lageplan (Zeichnung: Teleinternetcafe/Treibhaus)
Können Sie uns durch das neue Quartier führen als ob es schon fertiggestellt wäre?

Wir starten am neuen Mobilitätshub in der nordöstlichen Ecke des Areals und bewegen uns durch die produktiven Höfe des CityCampus nach Süden in Richtung Murr. Auf den ersten Meter runter zur Murr sehen wir in den Erdgeschossen verschiedene kleine produzierende Betriebe und Forschungslabore. Viele Bestandsgebäude wurden saniert und als identitätsstiftende Bestandteile des Quartiers erhalten. In den Höfen machen einige Mitarbeiter*innen gerade Mittagspause im Freien, während auf der anderen Hofseite ein Gabelstapler Paletten ablädt. Auf den Dächern weiter oben pflegt eine Seniorengruppe ihre Hochbeete. An der Murr angekommen folgen wir der Promenade am Wasser einige Meter nach Westen. Durchgängige Fuß- und Radwege machen die Murr als abwechslungsreichen Quartiersfreiraum erlebbar. Die Umgestaltung des Landschaftsraum an der Murr sorgt für eine hohe Lebensqualität in Backnang-West. Sogar Baden ist hier im Sommer jetzt möglich. Einige Spaziergänge lassen im Park ihre Füße bereits ins Wasser hängen. Wir laufen weiter und queren die Murr über den neuen Fußgängersteg in das zentrale Teilquartier StadtWerk. Soziale Nutzungen, die Stadtwerke als wichtiger Arbeitgeber, eine Kita und ein großer Nahversorger bilden hier ein neues kleines Quartierszentrum. Nachmittags nach der Schule und zum Feierabend ist hier immer viel los. Wir queren den Fluss erneut über die Neue Murrbrücke und folgen der Promenade nach Süden. Der naturnah gestaltete Wasserpark übernimmt mit regenwasserfilternder Vegetation und biodiversitätssteigernden Habitaten für Flora und Fauna wichtige ökologische Funktionen, bietet daneben aber auch neue Plansch- und Badestellen. Etwas nördlich davon im Teilquartier WohnFabrik laufen wir an umgenutzten alten Fabrikgebäuden vorbei zu den genossenschaftlichen Neubauten am Hang. Im gemeinsamen Hof macht eine Gruppe Sport im Freien, Kinder aus der Kita spielen eine Ebene weiter oben auf dem Dach der Quartiershalle im Freien. Über den Quartiersplatz und an der neuen Gärtnerei vorbei beginnt ganz im Westen der Übergang zum Landschaftsraum. Wir drehen um und folgen dem Fußgängersteg bis zum Stauwehr über die Murr. Die Stäffele hangaufwärts sind wir in ca. 10 Minuten am Bahnhof Backnang angelangt, dabei blicken wir gerne zurück in das Murrtal für einen schönen Blick über das neue Quartier.

CityCampus (Visualisierung: Teleinternetcafe/Treibhaus)
Parkaue, öffentlicher Park als Gelenk zwischen Hangkante und Murr (Visualisierung: Teleinternetcafe/Treibhaus)
Was wird die Qualität von Backnang West ausmachen?

Um die gewünschten Qualitäten des neuen Stadtteils zu beschreiben wurden im städtebaulichen Konzept drei Leitlinien formuliert.

Im Sinne eines Grün-Blauen Quartiers, soll die Murr als identitätsstiftender Freiraum stärker hervorgehoben werden. Dem Fluss soll mehr Raum gegeben werden, um damit seine Nutz- und Erlebbarkeit im Quartier zu steigern. Derzeit noch versiegelte Flächen sollen als klimaaktive und produktive Quartiersfreiräume gestaltet werden, um einen wichtigen Beitrag in lokalen Stoffstromkreisläufen leisten zu können (zum Beispiel im Regenwassermanagement und der Regulierung des Mikroklimas).

Als ein Quartier für Alle(s) soll Backnang-West zukünftig mit Raumangeboten für unterschiedliche Nutzungen und Wohnformen eine produktive funktionale wie soziale Mischung im Quartier ermöglichen. Bestandsbauten sollen dazu weitestgehend erhalten und transformiert werden (Nutzung grauer Energie), sowie ergänzt und nachverdichtet werden (Nutzung regenerativer Rohstoffe, zum Beispiel Holzbauweise). So wird eine ablesbare architektonische Überlagerung von industriellem Erbe und produktiver Zukunft geschaffen.

Das Leitbild 15-Minuten-Quartier bedeutet, dass alle Alltagsfunktionen fußläufig erreichbar sein sollen und die Verknüpfung mit der Altstadt, dem Bahnhof und den angrenzenden Wohnquartieren verbessert werden soll. Der Umweltverbund (ÖPNV, Fahrrad, zu Fuß) wird dabei priorisiert und durch ein integriertes Energie- und Mobilitätskonzept unterstützt, um ein nachhaltig mobiles und autoarmes Quartier zu schaffen.

Modell (Foto: Teleinternetcafe/Treibhaus)
Ist schon ein Rahmenplan in Arbeit?

Wir befinden uns derzeit im Austausch mit der Stadt Backnang über die folgenden Verfahrensschritte zur Überarbeitung des städtebaulichen Konzeptes als Grundlage der weiteren Bauleitplanung. Die IBA Stuttgart sieht zwei IBA Festivals in den Jahren 2023 und 2025 vor und feiert ihren Abschluss im Jahr 2027. Daraus lassen sich erste anvisierte Meilensteine für Backnang-West ablesen, wenngleich städtebauliche Projekte dieser Größe natürlich insgesamt als langfristige Transformationsprozesse verstanden werden müssen.

Modell (Foto: Teleinternetcafe/Treibhaus)
Internationale Bauausstellung 2027 – Quartier Backnang West in Backnang
Nicht offener Wettbewerb
 
Auslober
  • Stadt Backnang | Internationale Bauausstellung (IBA) 2027 StadtRegion Stuttgart GmbH
Betreuung
  • kohler grohe architekten, Stuttgart | ee concept GmbH, Darmstadt
     
Jury
  • Jórunn Ragnarsdóttir, Stuttgart (Vorsitzende) | Markus Penell, Berlin | Prof. Dr. Ignacio Borrego, Madrid | Barbara Buser, Zürich | Andreas Hofer, IBA 2027 GmbH, Stuttgart | Prof. Dr. Thomas Jocher, München | Prof. Angela Mensing-de Jong, Dresden | Philipp Krass, Karlsruhe | Marianne Baumgartner, Zürich | Prof. Sabine Müller, Berlin | Canan Rohde-Can, Dresden | Francesca Venier, Berlin | Timo Herrmann, Berlin
 
1. Preis
  • Teleinternetcafe Architektur und Urbanismus, Berlin | Mitarbeit: Andreas Krauth, Marius Gantert, Thomas Neher
  • Treibhaus Landschaftsarchitektur Hamburg | Mitarbeit: Gerko Schröder, Ronja Claasen, Klaus Lorenzm
  • Fachplaner Nachhaltigkeit und Mobilitätskonzept: Buro Happold (Cities) 
  • Mitarbeit: Aron Bohmann · Nanuk Rennert
 
2. Preis
  • Studio Vlay Streeruwitz GmbH, Wien | Bernd Vlay, Lina Streeruwitz | Mitarbeit: Adrian Judt, Anna Billinger, Livia Dirnböck
  • Carla Lo Landschaftsarchitektur, Wien | Carla Lo | Mitarbeit: Samuel Bucher
  • Ingenieurbüro P. Jung | Peter Holzer
 
3. Preis
  • Steidle Architekten GmbH, München | Johannes Ernst
  • grabner huber lipp landschaftsarchitekten und stadtplaner partnerschaft mbb, Freising | Jürgen Huber
  • Mitarbeit: Leonard Steidle,Natalja Katic, Elia König (Visualisierung), Urszula Cryer, Ruoyu Chen

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