Rochedale – Kreislauf – Quartier

Studio Schultz Granberg und bbz landschaftsarchitekten
29. Juni 2022
Quartiersplatz (Visualisierung: Studio Schultz Granberg und bbz landschaftsarchitekten)
In Bielefeld soll eine zivile Nachnutzung für den Kasernenstandort Rochedale gesucht und somit eine Fläche von rund elf Hektaren für eine zukünftige Entwicklung überplant werden. Welche Ausgangssituation haben Sie vorgefunden?

Die Rochedale-Kaserne liegt in unmittelbarer Nähe der Bielefelder Innenstadt und ist über die Stadtbahn sehr gut angebunden. Auf dem zehnminütigen Weg zum Hauptbahnhof fährt man direkt am Zentrum vorbei. Die Haltestelle am Haupteingang der Kaserne wurde gerade barrierefrei erneuert. Das Grundstück war bisher als geschlossene Kaserne ein blinder Fleck in der Stadtstruktur und kann sich nun als wertvolle Raumressource mit dem Umfeld verbinden. Ein umfangreicher Bestand an Wohngebäuden, Hallen und freiräumlichen Strukturen mit einem hohen Versiegelungsgrad kennzeichnet das Gebiet. Der ressourcenschonende Umgang mit dem sehr unterschiedlich geprägten Bestand fordert ein alternatives Vorgehen über das viel zu oft praktizierte Paradigma „Abriss-Entsorgung-Neubau“ hinaus.

Lageplan (Zeichnung: Studio Schultz Granberg und bbz landschaftsarchitekten)
Welches sind die Kerngedanken Ihres Entwurfs?

Die ehemalige Kaserne ist für uns eine Urbane Mine, ein reichhaltiges Angebot an vorhandenen Raum- und Materialressourcen, das es ermöglicht Materialkreisläufe zu schließen. Kerngedanke war die Entwicklung eines städtebaulichen Regelwerks, das frühzeitig die Thematik in das Verfahren integriert. Dies ist ein im Städtebau eher unübliches Angebot zur Förderung der Nachhaltigkeit über die strukturellen und morphologischen Lösungsansätze hinaus. In fruchtbarer Zusammenarbeit mit dem Berliner Büro Concular floss wertvolle Expertise ein.

Im Sinne der Ressourcenschonung hat der Bestandserhalt Priorität. Die städtebauliche Struktur ist so gewählt, dass nutzbarer Bestand über die Vorgaben des Wettbewerbs hinaus weiterverwendet werden kann. Nicht Nutzbares wird selektiv rückgebaut, um Materialien wiederzuverwenden (Reuse) oder wiederzuverwerten (Recycle). Möglich wird dies durch eine prozesshafte Planung, welche die Grundlage für das zirkuläre Bauen legt: Die Materialien werden frühzeitig durch ein Reuse Assessment erfasst und mit ihren Mengen und Qualitäten in einer Materialbörse für die möglichst lokale Verwendung und Verwertung angeboten.

Bestehende Strukturen werden temporäre RückBaumärkte, in denen Materialien bis zu ihrem Wiedereinbau verwertet, aufbereitet und gelagert werden können. Bauleitplanerische Festsetzung von zirkulären Prinzipien und die Veräußerung der Baufelder durch Konzeptvergaben können innovative Ansätze des Circular Design fördern. Das Quartier kann darüber hinaus durch seinen Modellcharakter „zeigen was geht“. In einem Showroom wird die Entstehung zirkulären Bauens kommuniziert, gefördert, erprobt und langfristig sichtbar gemacht.

Kreisläufe (Piktogramme: Studio Schultz Granberg und bbz landschaftsarchitekten)
Welche Aufgaben hat die Freiraumplanung zu bewältigen?

Die Öffnung der Rochdale-Kaserne offeriert die Chance auf eine Vernetzung der umliegenden Quartiere. Ehemalige Rückseiten werden zu Vorderseiten und neue Schnittstellen bieten qualitative Räume für neue und alte Bewohnerinnen un Bewohner. Alle vorhandenen Wegeverbindungen werden von der städtebaulichen Struktur aufgenommen und Straßenzüge werden weitergenutzt. Die Gliederung des Gebietes wird durch die Zugänge im Süden bestimmt: Drei unterschiedlich geprägte Linien gliedern das Gebiet in Nord-Süd-Richtung. Die verkehrsberuhigte Wohnstraße im Osten führt nahezu geradlinig durch das Gebiet und erschließt die dezentral liegenden Quartiersparkhäuser. Ein leicht schwingender Weg führt durch den Park im Westen. Die Schnittstelle zwischen dem Park und den Baufeldern markiert das Ufer, ein Boulevard für Fußgängerinnen, Fußgänger und Radfahrende. Querverbindungen knüpfen an bestehende und potenzielle Wege und Straßen an und bilden zusammen mit den drei Linien eine robuste Freiraumstruktur mit klar geschnittenen Baufeldern.

In unmittelbarer Nähe der Stadtbahnhaltestelle am südlichen Quartierseingang konzentrieren sich kulturelle und kommerzielle Nutzungen um den neuen Quartiersplatz. Der Kreislauf- und Nachhaltigkeitsgedanke wird auch im Freiraum getragen. Die komplette Versickerung und Verdunstung von Regenwasser wird vor Ort erreicht. Einheimische und faunistisch wertvolle Gehölze ergänzen den wertvollen und auf Bestandserhalt abgestimmten Gehölzbestand. Vor Ort vorhandene Materialien und Bodenbeläge werden in den neuen Wegen und Platzflächen weiter genutzt. Das neue Wegelayout greift dabei die vorhandenen Belagsflächen auf, die Belagsmaterialien werden in diesen Bereichen im Sinne eines Continued Use erhalten und weiter genutzt.

Querschnitt (Zeichnung: Studio Schultz Granberg und bbz landschaftsarchitekten)
Was wird die Qualität des neuen Quartiers ausmachen?

Bisher haben wir wenig über die Form und Struktur des Gebietes gesagt. Die Grundstruktur knüpft an alle vorhandenen und potenziellen Wegeverbindungen an die umliegende Nachbarschaft an. Das ehemals hermetisch umzäunte Gebiet wird zu einem einladenden Angebot für neue und alte Bewohnerinnen und Bewohner. Dies wird durch einen großzügigen öffentlichen Park im Westen entlang des renaturierten Lonnerbachs ermöglicht. Die angestrebte nach Norden hin abnehmende Dichte erzeugt einerseits Urbanität und ermöglicht erst das Freihalten des Parks. Die Kombination aus Urbanität und Freiraum bietet Raum für viele Lebensmuster, Sport und Freizeit. Auf den Baufeldern formen die Gebäude offene Innenbereiche. Rücksprünge bilden Entrées oder Adressen, die mit Radbügeln und Car- Sharing Plätzen ausgestattet sind. Der Umbau der großen Fahrzeughalle in einen Sport-Community-Hangar am Rande des Parks wird Treffpunkt und Ort für lebendige Nachbarschaften.

Die Integration von Bestandsmaterialien kann das Bild eines neuen und gleichzeitig alt wirkendes Quartiers erzeugen. Wiederverwendete Strukturen und Materialien bringen Patina mit, die auf eine neue Weise das Weiterbauen bezeugen. Wir wünschen uns eine Form von Architektur, die den kreativen Umgang mit alten Materialien als Herausforderung und Chance annimmt und die Geschichte des Gebietes im Stadtbild zeigt.

Ufer (Visualisierung: Studio Schultz Granberg und bbz landschaftsarchitekten)
Ist schon ein Rahmenplan in Arbeit?

Ein städtebaulicher Masterplan mit Fokus auf Landschaft, Regenwasserbewirtschaftung, Mobilität und Materialkreisläufe wird die Vorlage für den Bebauungsplan.

Modell (Foto: Studio Schultz Granberg und bbz landschaftsarchitekten)
Rochdale Barracks in Bielefeld
Nicht offener Wettbewerb
 
Auslobung: Stadt Bielefeld
Betreuung: Drees & Huesmann PartGmbB Architekt Stadtplaner, Bielefeld

Jury
Prof. Rolf-Egon Westerheide, Stadtplaner / Architekt, Aachen, Vors. | Prof. Dr. Michael Koch, Stadtplaner / Architekt, Zürich / Berlin | Prof. Kunibert Wachten, Stadtplaner / Architekt, Aachen | Christian Jürgensmann, Landschaftsarchitekt, Duisburg | Rebekka Junge, Landschaftsarchitektin, Bochum | Gregor Moss, Beigeordneter, Dezernat 4 – Wirtschaft / Stadtentwicklung, Stadt Bielefeld | Frank Strothmann, Vorsitz Stadtentwicklungsausschuss (StEA) | Gudrun Hennke, Bezirksbürgermeisterin Mitte | Dr. Felix Nolte, Vertreter Bundesanstalt für Immobilienaufgaben (BImA)
 
1. Preis
Studio Schultz Granberg, Berlin | Joachim Schultz-Granberg, Therese Granberg
Mitarbeit: Daniel Heuermann, Augusta Verbiesen
bbz landschaftsarchitekten | Timo Herrmann
Mitarbeit: Marc Leppin, Yalan Wang
Modellbau: Ralf Pawlitzky
Renderings: Adrian Calitz
Fachplanung Materialkreisläufe: Concular, Berlin | Lore Ameel, Violetta Tursi
 
2. Preis
BHSF Architekten GmbH, Zürich | Benedikt Boucsein, Axel Humpert, Tim Seidel
Mitarbeit: Anna List
Städtebaumanufaktur, München | Vanessa Dörges
NMM [Nicole M. Meier] LandschaftsArchitektur, München | Nicole M. Meier
Mitarbeit: Eliki Diamadulis
 
3. Preis
holger meyer architektur, Frankfurt am Main | Holger Meyer
Mitarbeit: Raimund Holubek
WGF Objekt Landschaftsarchitekten, Nürnberg | Michael Welter
Mitarbeit: Deacon Lee
Modellbau: Modell & Co. GmbH
Visualisierungen: Paul Trakies
 
4. Preis
Thomas Schüler Architekten und Stadtplaner, Düsseldorf | Thomas Schüler
faktorgruen Landschaftsarchitekten, Freiburg | Martin Schedlbauer

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