Raum für Bewegung

Arge MATTER und tobiasbuschbeck architektur
8. Mai 2019
Blick auf die Kindertagesstätte Töpchin in Mittenwalde

Die Arbeitsgemeinschaft der beiden Architekturbüros MATTER und tobiasbuschbeck architektur gewinnen den Wettbewerb «Neubau KiTa Töpchin in Mittenwalde». André Schmidt (MATTER), Tobias Buschbeck und Deniz Dizici (Arge Treibhaus LAVALAND) stellen sich unseren Fragen zum Wettbewerb.

In Brandenburg will die Stadt Mittenwalde am westlichen Rand des Ortsteiles Töpchin eine neue Kindertagesstätte für 60 Kinder errichten. Welche Antworten gibt Ihr Entwurf auf die Frage, die der Wettbewerb stellt?

Das Herzstück unserer KiTa ist der gemeinschaftliche Bewegungsraum, Er ist von überall sichtbar und zugängig, bietet Raum für Sport, sowie Elternabende und Feste und ist damit für die neue Kita-Gemeinschaft ungemein identitätsstiftend. Darum herum setzen wir auf das Konzept einer flurlosen KiTa, in der die Erschließungsflächen als Spieldielen zu attraktiven Aufenthaltsräumen werden. Totlaufende Korridore werden vermieden. Stattdessen zonieren halboffene Räume die verschiedenen Teile der KiTa-Gemeinschaft und machen sie für alle Kinder erlebbar.

Die flexible Bespielbarkeit des Hauses ermöglicht ein fein abgestuftes Erlernen von Gemeinschaft und Kommunikation. Von der Arbeit in geschlossenen Räumen für hohe Konzentration bis hin zu fließenden Räumen mit einer lockeren, kommunikativen Verteilung von Spiel- und Lernbereichen. Die vielfältigen, durch Vorhänge individuell steuerbaren Sichtbeziehungen zwischen den einzelnen Räumen sollen anregend und gemeinschaftsbildend wirken.

Für Konstruktion und Fassade haben wir Holz als „warmes“ Material und Ausdruck eines nachhaltigen Umgangs mit der Natur gewählt. Die umlaufende Pergola verleiht der Fassade ein spannungsvolles Spiel, das sich je nach Wetter und Tageslichtstimmung verändert. Das Dach des Bewegungsraumes setzt außerdem ein markantes Erkennungszeichen.

Flexible Nutzung
Wie organisieren Sie die Kindertagesstätte?

Das Gebäude ist klar und selbstverständlich organisiert. Über den gemeinsamen Zugang zum Haus erreichen die jüngeren Krippen- und die etwas älteren KiTa-Kinder ihre jeweilige Spieldiele. Von dort werden die Gruppenräume betreten, es besteht aus diesen Bereichen aber auch ein jeweils direkter Zutritt zum Garten.

Der Bewegungsraum ist dagegen gemeinsames Herzstück und Mitte. Die anschließenden Spieldielen sind identifikationsstiftende Zentren des Krippen- beziehungsweise KiTa-Bereiches. Zusammen mit dem Bewegungsraum bieten sie auch an Regentagen genügend Platz für Bewegung. Die Garderobenbereiche sind jeweils direkt in die Übergänge zu den Gruppenräumen integriert. 

Die Gruppen-, sowie die Schlaf- und Nebenräume werden für eine flexible Nutzung als zusammenhängende Raumeinheit ausgeführt. Ein Teilbereich wird dabei als nischenförmiger Rückzugsort zum Schlafen, Kuscheln, Spielen etcetera ausgebildet. 

Unser Ziel ist es, dass der Grundriss eine größtmögliche Flexibilität für den Tagesablauf in der KiTa bietet. Durch die guten räumlichen Verknüpfungen und Sichtbeziehungen können die unterschiedlichen Räume, wie Gruppenräume, Schlaf- und Kuschelnischen, Spieldielen und der Bewegungsraum bei Bedarf auch gleichzeitig durch eine Gruppe genutzt werden. So kann spontan und zugleich steuerbar auf die individuellen Bedürfnisse der Kinder reagiert werden. Das Konzept ermöglicht sowohl eine auf die jeweiligen Gruppen beschränkte als auch eine gruppenübergreifende Raumnutzung. Ebenso ist die klare Trennung der Bereiche Krippe und KiTa genauso möglich wie deren temporäre Verbindung.

Grundriss
Schnitt
Welche Rolle kommt den Freianlagen zu?

Gemeinsame Gestaltungsgrundlage der Innen- und Außenbereiche ist das Konzept der Bewegung. So findet sich im Gebäude als Zentrum des Hauses der Bewegungsraum und im Garten spannen Spielinseln ein anregendes Bewegungsfeld auf.

Der Garten bietet den Kindern eine Vielzahl an Bewegungs- und Beschäftigungsmöglichkeiten, wobei die Landschafts- und Naturerfahrung die Kernqualität des Außenraumentwurfs darstellt.

Die Terrasse bildet den Übergang vom Gebäude in den landschaftlichen Garten. Jeder Gruppenraum hat einen ihm direkt zugeordneten Terrassenbereich, der nach Bedarf durch Stoffbespannungen abgrenzbar ist. Die Terrasse ist im Bereich der Gruppenräume aber auch umlaufend als zusammenhängende Bewegungsfläche nutzbar. Die beiden Terrassennischen an den Gartenzugängen dienen ebenso als Gemeinschaftsflächen für mehrere Gruppen.

Die markanten Formen der Spielinseln fassen Fallschutz- oder Spielsandflächen ein. Ihnen sind jeweils unterschiedliche Spielangebote, wie beispielsweise Klettern, Balancieren oder Schaukeln zugeordnet. Teilweise wird die Einfassung so dimensioniert, dass sie selbst zum Spiel- oder Bewegungsangebot wird. Ihre organische Formensprache bettet sich in den landschaftlichen Kontext und bildet einen dialogischen Kontrast zu der geradlinigen Gebäudestruktur.

Die Pflanzinseln bilden innere Gartenräume aus. Mittels naturnaher und einheimischer Gräser- und Staudenflächen wird so die Abgrenzung der unmittelbar den Gruppenräumen zugehörigen Gartenareale und die Trennung des KiTa-Gartens vom Krippenbereich erzeugt.

Landschaft
Welches architektonische Thema war Ihnen besonders wichtig?

Uns war wichtig, einen fließenden Übergang von innen nach außen zu schaffen und durch das Konzept der vielfältigen Bewegungsmöglichkeiten Gebäude und Landschaft mit einander zu verbinden. Die architektonischen Mittel hierfür sind Flurlosigkeit und vielfältige Sichtbeziehungen zwischen den Gruppenräumen und dem Bewegungsraum – und nach Außen wirklich nutzbare Terrassen mit der nötigen Verschattung.

Gartenansicht
Gab es Vorgaben zu Nachhaltigkeits-Standards?

Ein zentraler Aspekt des Nachhaltigkeitskonzeptes ist der hohe Holzanteil an Tragwerk und Fassade. Der Anteil von gebundener, grauer Energie wird im Wesentlichen auf die Bodenplatte reduziert. Durch die Demontierbarkeit der Konstruktion wird die gesamte Lebenszeit des Gebäudes einbezogen.

Die Ausführung der Gebäudehülle erfolgt hochwärmedämmend mit sehr guten Dämm- und Verglasungsstandards. Entsprechende Fensterflächen erlauben eine gute Ausnutzung des Tageslichts. Durch die Pergola sowie, wo erforderlich, ergänzend durch den beweglichen, außenliegenden Sonnenschutz wird der sommerliche Wärmeschutz effizient gewährleistet.

Gibt es schon einen geplanten Fertigstellungstermin?

Wie überall drängt die Zeit und KiTa Plätze sind begehrt. Der Planungsprozess läuft schon an und wir hoffen gemeinsam mit der Stadt Mittenwalde schnell zum Ziel zu kommen. Wir wünschen uns, mit unserem Beitrag den Kindern von Mittenwalde ein Gebäude geben zu können, an das sich tolle Kindheitserinnerungen knüpfen werden!

Lageplan
Neubau KiTa Töpchin in Mittenwalde
Nichtoffener Realisierungswettbewerb
 
Auslober/Bauherr: Stadt Mittenwalde, Mittenwalde
Betreuer: Keller Architekten GmbH, Cottbus

Jury
Prof. Markus Otto, Vors. | Marcel Adam | Kirsten Hertzberg | Timm Kleyer | Katja Melan | Peter Neideck
 
1. Preis
Architekten: Arge MATTER, Berlin und tobiasbuschbeck architektur, Berlin
Landschaftsarchitekten: Arge Treibhaus LAVALAND Berlin und Treibhaus Landschaftsarchitektur, Berlin, Hamburg
 
2. Preis
Architekt: JORDAN BALZER SCHUBERT Architekten PartG mbB, Dresden
Landschaftsarchitekt: QUERFELD EINS Landschaft | Städtebau | Architektur PartGmbB, Dresden 
 
3. Preis
Architekt: werkgruppe kleinmachnow, kleinmachnow
Landschaftsarchitekt: Albert Armbruster | Büro für Landschaftsarchitektur, Berlin

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