Punkthäuser in parkähnlicher Umgebung

slapa oberholz pszczulny | sop architekten
18. August 2021
Wohnbebauung an der ehemaligen Theodor-Heuss-Schule in Hilden (Visualisierung: Motiv)

sop architekten mit Kraft.Raum. und ISRW-Klapdor gewinnen das Investorenauswahlverfahren um die Wohnbebauung an der ehemaligen Theodor-Heuss-Schule in Hilden. Wolfgang Marcour, geschäftsführender Gesellschafter, und Sebastian Reinehr, assoziierter Partner von sop architekten, stellen sich unseren Fragen zum Wettbewerb.

Umgeben von einer durch die Nachkriegsmoderne geprägten Architektur sollen in Hilden-Nord auf dem Areal der ehemaligen Theodor-Heuss-Schule Mehrfamilienhäuser in einer parkähnlich angelegten Grünanlage errichtet werden. Wie haben Sie die Wettbewerbsaufgabe interpretiert?

 

Sebastian Reinehr: Unser Vorschlag ist aus der Auseinandersetzung mit dem Ort entstanden. Die Frage war, wie wir die Grünstrukturen in der Nachbarschaft fortführen, uns integrieren und eine zeitgemäße und zeitlose Antwort für diese Aufgabe formulieren. In Verbindung mit der sehr früh gefassten Idee das vorgegebene Regenwasserrückhaltebecken zu überplanen und von einem technischen Bauteil zu einem gestalterischen Element unserer Außenanlagen zu machen, schaffen wir die qualitätvoll durchgrünte Umgebung, in die wir unsere Bauwerke punktuell einsetzen.

Wolfgang Marcour: Die umgebende Bestandsbebauung ist in vielen Bereichen durch lineare und langgestreckte, teilweise im Winkel angeordnete Bauten geprägt. Hierdurch setzen sich die Punkthäuser in ihrer parkähnlichen Umgebung deutlich ab und schaffen eine besondere Identität, die durch den Verzicht auf private Gärten und die flexible Wegeführung noch hervorgehoben wird. Die Bebauung des öffentlichen Teilgrundstücks im Zugangsbereich wurde nicht isoliert betrachtet, sondern in den Entwurf integriert; so wird das Haus des öffentlichen Trägers zu einem festen Bestandteil des Gesamtkonzepts.

Offene Achse (Skizze: sop architekten und Kraft.Raum.)
Wie organisieren Sie Wohnen und Wohnumfeld?

 

Sebastian Reinehr: Zwei riegelförmige Häuser schirmen das Quartier von den Erschließungsmaßnahmen ab. Davor setzen wir beinahe pavillonartig Punkthäuser ein, die Zwischenräume kreieren. Nicht in Form eines zentralen Platzes, sondern als fließender Raum, der viele Durch- und Ausblicke ermöglicht. Gerade die Punkthäuser sind so organisiert, dass sie keine bestimmte Vorder- und Rückseite haben, sondern Blickbeziehungen in alle Richtungen erlauben. Spielerisch angeordnete Freisitze und Fassadenöffnungen unterstützen zum einen den monolithischen Charakter der Punkthäuser und tragen zum anderen zum Wechselspiel der Durch- und Ausblicke bei.

Wolfgang Marcour: Die traditionellen und bekannten Funktionen des städtebaulichen Raums werden zum Teil aufgelöst oder integriert: Wir verzichten auf eine interne, zentrale Erschließung, sondern binden das Quartier über periphere, vorhandene Erschließungswege an. Die nicht vorhandenen, privaten Gärten, die vielfältigen Wegebeziehungen und Wasserläufe vernetzen das Areal zu einem parkähnlichen Ganzen und verwischen die gewohnten Abgrenzungen zwischen öffentlich, halböffentlich und privat zu Gunsten eines gehobenen und durchgängig gestalteten Wohnumfeldes.

Lageplan (Zeichnung: sop architekten und Kraft.Raum.)
Welches architektonische Thema war Ihnen besonders wichtig?

 

Sebastian Reinehr: Damit alle Themen so zusammenkommen war es wichtig, in einer klaren Architektursprache zu bleiben und die richtigen Kontraste zu setzen. Die Punkthäuser sind geometrisch klar und scharfkantig, nehmen im Spiel der Öffnungen aber wiederum Bezug zu den Aufweitungen und Überleitungen in den Außenanlagen. Die freie Positionierung erzeugt dabei eine Gleichberechtigung der Baukörper, keiner nimmt eine hervorgehobene Stellung ein. Dabei unterstützt die pavillonartige Platzierung die Fortsetzung und Überführung des Umgebungsgrüns in ein spannungsvolles und erlebbares Außenraumkonzept.

Wolfgang Marcour: Ausgehend von einer klassisch modernen Formensprache entstehen kubische Häuser, insbesondere die fünfgeschossigen Solitäre. Diese entsprechen in ihrer Kantenlänge in Höhe, Breite und Länge einem Quader, welcher als sogenannter platonischer Körper von einer starken und stimmigen Ausdruckskraft gekennzeichnet ist. Die Fugenausbildung im Sockelbereich und die zeichenhaft, aus dem Quader herausgeschnittenen Volumina der Loggien verstärken diesen Eindruck noch.

Gesamtansicht (Zeichnungen: sop architekten)
Ansicht Type (Zeichnung: sop architekten)
Welche Materialstrategie schlagen Sie vor?

 

Sebastian Reinehr: Uns war es besonders wichtig, hier nicht das übliche Wärmedämmverbundsystem zum Einsatz zu bringen. Stattdessen sehen wir eine nachhaltige, monolithische Wandkonstruktion vor, die aus einem Ziegel mit integrierter Wärmedämmung besteht. Klinkerriemchen und eine Schlämme bilden die sichtbare Oberfläche. Wir erfüllen damit die Anforderungen an einen KfW55-Standard ohne eine weitere Dämmschicht aufbringen zu müssen. Die Riemchen mit der Schlämme erzeugen eine lebendige, unregelmäßige Fassadenstruktur, ohne die klaren Geometrien zu überlagern und passen damit hervorragend in eine von den Jahreszeiten geprägte Umgebung.

Wolfgang Marcour: Die bewusst lebendige, etwas unregelmäßige Oberfläche der geschlämmten Wand wird kontrastiert durch die sehr exakten, maßhaltigen und ebenen Elemente der Fassaden und Geländer. Eine weitere Varianz in der Materialität bringen außerdem die Sichtbetonelemente der Balkone, Loggien und der Eingangsüberdachungen. Im Kontrast zu diesen kühleren Materialien wird die Wärme und Behaglichkeit der geschlämmten Ziegelfassade noch durch Holzelemente unterstützt, die der Absturzsicherung dienen und gleichzeitig als Rankhilfe für Pflanzen fungieren. Die spannungsvolle Beziehung von Warm und Kalt in der Materialität ist mitverantwortlich für die Besonderheit des Projektes.

Detail (Zeichnung: sop architekten)
Was wird die Qualität des neuen Wohnquartiers ausmachen?

 

Sebastian Reinehr: Die Diversität. Unterschiedliche Wohnungsgrößen, familienfreundliche Grundrisse und konsequente Barrierefreiheit sollen für ein breites Angebot an verschiedenste Bewohner sorgen. Für alle bietet der Entwurf innen wie außen Räume zur Entfaltung und wir möchten damit die Grundlage für eine lebendige und generationenübergreifende Nachbarschaft schaffen. Die Architektur, die Landschaftsarchitektur und die Bewohner, die sich diese zu eigen machen, werden einen unverwechselbaren Ort entstehen lassen, der zur Identifikation mit dem Quartier beiträgt.

Wolfgang Marcour: Im Hildener Norden ragen Wald, Natur und der Hoxbach wie ein Finger in die Stadt hinein. Diese besondere Lage in Kombination mit dem beschriebenen städtebaulichen und architektonischen Konzept machen das neue Wohnquartier zu etwas Besonderem. Wir haben Standards dabei bewusst in Frage gestellt und umformuliert: So wird die Regenrückhaltung vom technischen Erfordernis zum gestalterischen Bestandteil und die wenigen Freiflächen nicht zu kleinteiligen Gartenparzellen, sondern zu einer qualitätsgenerierenden Grünanlage für alle. Die Summe all dieser, im Einzelnen eher unauffälligen Eingriffe, wird die hohe Qualität des neuen Hildener Quartiers bestimmen.

Wohnbebauung an der ehemaligen Theodor-Heuss-Schule in Hilden (Visualisierung: Motiv)
Gibt es schon einen geplanten Fertigstellungstermin?

 

Sebastian Reinehr: Zunächst muss Baurecht geschaffen werden. Die Vorbereitungen hierzu haben begonnen und erste Abstimmungen finden statt. Der ganze Prozess wird allerdings noch eine Weile dauern, so dass wir heute noch keinen Fertigstellungstermin benennen können. 

Vogelperspektive (Visualisierung: Motiv)
Wohnbebauung an der ehemaligen Theodor-Heuss-Schule in Hilden
Offenes Investorenauswahlverfahren
 
1. Preis
slapa oberholz pszczulny | sop architekten, Düsseldorf | Wolfgang Marcour, Sebastian Reinehr, Hyunje Joo
Landschaftsarchitektur: Kraft.Raum.
Energiekonzept: ISRW-Klapdor
Bauherr: GPM Development

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