Kubus und Himmelsleiter

ATELIER BRÜCKNER
16. Dezember 2020
Blick auf den Fruchtkasten (Visualisierung: Atelier Brückner)

ATELIER BRÜCKNER gewinnt den Wettbewerb um den Umbau und Sanierung des Fruchtkastens in Herrenberg. Prof. Eberhard Schlag stellt sich unseren Fragen zum Wettbewerb.

Am Rande der Herrenberger Altstadt am ehemaligen Tübinger Tor beabsichtigt die Stadt Herrenberg die Sanierung des denkmalgeschützten Fruchtkastens. Welche Ausgangssituation haben Sie vorgefunden?

Wir haben mit dem ehemaligen Fruchtkasten ein wirklich beeindruckendes mittelalterliches Speichergebäude vorgefunden, das durch seine Größe und Bedeutung bis heute prägend für die Herrenberger Altstadt ist. Es ist nach der Stiftskirche immerhin das größte Gebäude im historischen Stadtkern. An jeder Stelle des Hauses ist sowohl Stadt- als auch Gebäudegeschichte spürbar und ablesbar: Im Kern des Fruchtkastens sind noch Reste eines Steinhauses aus dem 13. Jahrhundert erhalten, das Gebäude steht unmittelbar an der mittelalterlichen Stadtmauerecke und integriert diese in die Süd- und Ostfassade. Der Innenraum ist über alle sechs Geschoße geprägt von einer eindrucksvollen Holzkonstruktion, die über die gesamte Tiefe des Gebäudes erlebbar ist. In den unteren Etagen sind zudem die Natursteinblöcken der Stadtmauer prägend für den Raum. Während die unteren Etagen in den 1990er Jahren bereits saniert und zu einem Stadtmuseum umgebaut wurden, sind die oberen Etagen weitgehend roh und unsaniert und bieten vielfältige Potentiale für eine Neuentwicklung bei gleichzeitigem Erhalt des spezifischen authentischen Ortes. 

Lageplan (Zeichnung: Atelier Brückner)
Welches sind die Kerngedanken Ihres Entwurfs?

Unser primäres Entwurfsziel war die Grundstruktur des Fruchtkastens zu erhalten und zu stärken. Dies betrifft vor allem den Erhalt der historischen Konstruktion und der offenen Raumstruktur des ehemaligen Speichers. Wir haben deshalb eine Aufteilung in abgetrennte Räume vermieden und stattdessen über alle Geschosse hinweg einen frei eingestellten Kubus ausgebildet, welcher alle dienenden Funktionen des neuen Ausstellungshauses aufnimmt. Gleichzeitig schafft er unterschiedliche Raumbereiche in einem insgesamt offenen Gesamtraum. Den Kubus begleitet eine Himmelsleiter, die als Haupterschließung die Besucher auf geradem Weg direkt von Geschossebene zu Geschossebene führt. Im diagonalen Durchschreiten des Gebäudes wird die beeindruckende abwechslungsreiche Holzkonstruktion erlebbar, die den Fruchtkasten seit Jahrhunderten prägt. Die freigestellten Außenwände zeigen die Stadtmauer und die Fachwerkkonstruktion. 

Das Ausstellunghaus, das sich sowohl durch ein großes Maß an Funktionalität und prägende außen- und innenräumlichen Qualitäten auszeichnet, integriert sich als zukunftsfähige bauliche und funktionale sowie wirtschaftliche Lösung in das Gesamtumfeld Herrenbergs. Über die Entwicklung eines multifunktionalen Gebäudes hinaus, setzt die Sanierung so bewusst eigene Akzente und unterstreicht damit den öffentlichen und kommunikativen Charakter des Gebäudes. 

Grundriss Erdgeschoss (Zeichnung: Atelier Brückner)
Wie organisieren Sie den Fruchtkasten neu?

 Kubus und Himmelsleiter sind die zentralen strukturgebenden Elemente des neu strukturierten Fruchtkastens. Im Erdgeschoss entsteht durch das Herausnehmen der nachträglich eingebauten Geschoßdecke eine zweigeschossige Halle, die den angemessenen Raum für das Café, die Tourismusinformation und den Regionalmarkt schafft. Im 1. Obergeschoss befinden sich die Café-Galerie und der Veranstaltungssaal. 

Im 2. Obergeschoss sind Multifunktionsraum, der Raum für Kulturvermittlung und die Sonderausstellung verortet. Vorbereiche auf beiden Geschossen laden den Besucher zum Ankommen und Aufenthalt ein. 

Die Himmelsleiter führt den Besucher weiter in die Dauerausstellung, die sich im 1. Dachgeschoss befindet. 

Das 2. Dachgeschoss bietet den Kulturschaffenden Räume für Verwaltung, Werkstatt und Lagerung, sowie für Rückzug. Auf der obersten Ebene des Dachgeschosses unter dem Dachspitz befindet sich 

die Technik. Über Abstände zu den Dachflächen und mit der Einhausungen technischer Geräte zur Vermeidung von Lärmemission wird auch dem Vogelschutz Rechnung getragen. 

Obergeschosse (Zeichnungen: Atelier Brückner)
Ansichten und Schnitte (Zeichnungen: Atelier Brückner)
Können Sie uns durch den hergerichteten Fruchtkasten führen, als ob er schon fertiggestellt wäre?

Der Besucher betritt den Fruchtkasten durch einen neu gestalteten Eingang im Erdgeschoss von der Tübinger Straße aus. Die bisher sehr abweisende und geschlossene Fassade der ersten beiden Etagen ist durch eine Glasfassade ersetzt, vor der eine vertikale Holzlamelle gestellt wurde. Die Lamellen sind in der gleichen Farbe wie das historische Fachwerk gestrichen, so dass ein homogenes äußeres Erscheinungsbild entsteht. Eine offene lichtdurchflutete Erdgeschosshalle empfängt den Besucher und gibt den Blick auf die Außenwände des romanischen Steinhauses und die Stadtmauer frei. Das Café in der offenen Halle lädt zum Verweilen ein, der Regionalmarkt lockt mit Angeboten, doch zunächst wird der Blick durch eine beeindruckende Treppe nach oben gelenkt und führt den Besucher entlang eines eingestellten Kubus nach oben, hinein in die mächtige Holzkonstruktion des ehemaligen Speichers. Es entstehen Einblicke in die Geschichte des Hauses, unter anderem durch Vitrinen, die in den Kubus integrierte sind, und kleine Episoden besonders beleuchten. Schließlich erreicht der Besucher die Dauerausstellung im 1. Dachgeschoss, wo ihn wichtige Persönlichkeiten Herrenbergs durch die Stadt und ihre Geschichte führen. 

Neu gestalteter Eingangsbereich mit Café, Tourismusinformation und Regionalmarkt (Visualisierung: Atelier Brückner)
Ausstellungsbereich im 1. Obergeschoss (Visualisierung: Atelier Brückner)
Welches Innenraumthema war Ihnen besonders wichtig?

Wichtig war uns, die Ausstellung zu einem zentralen Bestandteil des Hauses zu machen und die Geschichte der Stadt mit der Geschichte des Gebäudes zu verknüpfen. Die Himmelsleiter führt entlang des Kubus durch alle Geschosse. Die Besucher finden auf ihrem Weg durch den Fruchtkasten auf jeder Ebene einen Teil der Ausstellung. Der Highlight-Raum in der baulichen Urzelle des Gebäudes – dem Steinbau aus

dem 13. Jahrhundert – fungiert als Einführung in die Geschichte des Gebäudes und in die gesamte Ausstellung. Anhand des Stadtmodells und den umliegenden Wänden wird die Geschichte Herrenbergs medial in einer filmischen Raumbespielung zum Leben erweckt. Der Kubus selbst wird zum Ausstellungsträger und zeigt in integrierten Vitrinen die circa 800-jährige Geschichte des Fruchtkastens. Auf Ebene 2 befindet sich die Sonderausstellung und auf Ebene 3 die neue Präsenzausstellung. Beide Ausstellungen haben durch die Fenster bzw. Gauben Bezug zum Außenraum und sind als Tageslichträume konzipiert. Die Präsenzausstellung gliedert sich in drei thematische Bereiche zwischen denen sich die Geschichte Herrenbergs, der Stadt, des Landes aber auch der ganzen Welt aufspannt. 

Ausstellungsgestaltung (Visualisierung: Atelier Brückner)
Gibt es schon einen geplanten Fertigstellungstermin?

Die Eröffnung des Fruchtkasten ist für September 2024 geplant. 

Umbau und Sanierung des Fruchtkastens in Herrenberg
Nichtoffener Realisierungswettbewerb

Auslober/Bauherr: Stadt Herrenberg, Herrenberg
Betreuer: kohler grohe architekten, Stuttgart, Heilbronn, Tübingen 
 
Jury
Prof. Ludwig Wappner, Vors. | Prof. Jörg Aldinger | Dr. Anja Dauschek | Prof. Peter Krebs | Prof. Dr. Anette Rudolph-Cleff | Susanne Schreiber | Prof. Jens Wittfoht | Christian Glass

1. Preis
Architekt: ATELIER BRÜCKNER GmbH, Stuttgart 
 
2, Preis
Architekt: WANDEL LORCH ARCHITEKTEN + STADTPLANER, Saarbrücken, Frankfurt
 
3. Preis
Architekt: DEMIRAG ARCHITEKTEN, Stuttgart

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