Neubau Landesweingut Kloster Pforta, Naumburg (Saale)

Kontemplatives Weinerlebnis

FORMATION A mit Atelier LOIDL
23. Mai 2018
Neubau Landesweingut Kloster Pforta
FORMATION A mit Atelier LOIDL gewinnen den Wettbewerb „Neubau Landesweingut Kloster Pforta, Naumburg (Saale)“. Torsten Lockl stellt sich unseren Fragen zum Wettbewerb.
Unter Beachtung sehr hoher denkmalpflegerischer, sowie landschaftsbildlicher Anforderungen soll in Naumburg (Saale) das Landesweingut im Bereich des ehemaligen Garten des namensgebenden Klosters Pforta eingefügt werden. Welche Ausgangssituation haben Sie vorgefunden?
Eine malerische Landschaft entlang des Saaletales.
Schulpforte, so der heutige Ortsname, des im Zuge der Reformation säkularisierten und seitdem als Schule genutzten Klosters als ein Gelände mit einer außerordentlichen Dichte und Vielfalt von Zeitschichten. Eine insgesamt äußerst vielschichtige Kulturlandschaft, die Potential birgt und einen sensiblen Umgang verlangt. Im ehemaligen Klostergarten, dem Wettbewerbsgebiet, befanden sich ursprünglich Obstgehölze, Schulgärten und Fischteiche; heute ist dieses Gartenareal durch Reste der Wirtschafts- und Gärtnereigebäude aus der DDR-Zeit gestört.
Eingangshof
Welche Antworten gibt Ihr Entwurf auf die Frage, die der Wettbewerb stellt?
Eine wichtige Frage, die der Wettbewerb stellt ist: Wie schafft man es, ein Gebäude dieser Größe mit den komplexen Anforderungen der zeitgemäßen Weinbauarchitektur mit einer, der Aufgabe angemessenen und notwendigen Identität in den Komplex einzufügen?
Es stellt sich sofort die Frage der Körnung und der Positionierung der Baukörper, die städtebauliche Situation sozusagen. Uns war es wichtig, eine Typologie zu erarbeiten, die innerhalb der Klosteranlage ihre Eigenständigkeit auszudrücken vermag, die sich deutlich von den benachbarten Zweckbauten absetzt ohne sich abzugrenzen, sich aber auch gewissermaßen in die „typologische Hierarchie“ der Klosteranlage einordnet. Das Ensemble der zusammenhängend komponierten „Pavillons" unterschiedlicher Kubatur ermöglicht uns eine adäquate funktionale und räumliche Antwort.
Durch den Rückbau der Störungen im Bereich des Klostergartens und den Neubau des Weinguts mit seinem zugehörigem Garten der Sinne / Garten der Aromen als ganzheitlicher Entwurf von Gebäude und Freiraum wird eine neue Zeitschicht in das historische Ensemble eingeschrieben, die sich sensibel in den baulichen und historischen Kontext integriert, diesen nicht imitiert und trotzdem eine Antwort auf die komplexe Aufgabe liefert: Ein Landesweingut von Welt; ein Weingut mit überregionaler Anziehungskraft; ein Attraktor in Synergie mit dem Kontext und dieser fantastischen Denkmal-Landschaft.
Lageplan
Wie organisieren Sie die Landesweingut?
Es gibt zwei Wege durch das Projekt: den der Traube und den des Besuchers. Beide Wege beginnen außerhalb der eigentlichen Anlage des Weingutes und enden gemeinsam bei einem guten Tropfen.
Die Komposition der drei Pavillons lässt drei zugeordnete Freibereiche, Höfe entstehen.
Die Inszenierung der drei Höfen ermöglicht uns eine vorteilhafte Trennung der Funktionen mit gleichzeitiger Kommunikation der Freibereiche, Besucherhof, Winzerhof und Garten mit ihren differenzierten räumlichen Qualitäten.
Mit dem Weg der Traube, der in den Weinbergen seinen Anfang nimmt, wird die Produktion beschrieben. Auf dem Winzerhof werden zur Lese die Trauben angeliefert. Die Traubenverarbeitung, Herzstück des Weingutes, steht im Mittelpunkt. Wir haben die Produktionsanlagen auch baulich in das Zentrum gestellt und mangels eines natürlichen Hanges (die Schwerkraft spielt bei der Weinproduktion eine wichtige Rolle) zweigeschossig angeordnet.
Der Weg des Besuchers wird parallel dem Weg der Traube organisiert. Aufgrund hygienischer Anforderungen sind die beiden Wege streng voneinander getrennt, jedoch werden sowohl im Außenbereich als auch im Inneren der Gebäude stetige Einblicke für die Gäste in die Weinproduktion inszeniert.
Grundrisse
Grundriss UntergeschossSchnitte
Welches architektonische Thema war Ihnen besonders wichtig?
Für uns war es wesentlich, Atmosphären für ein kontemplatives Weinerlebnis zu schaffen. Dieses gilt für die Innen- und die Außenräume.
Ein, im gesamten Klosterkomplex zu entdeckendes, räumliches Motiv sind die diffusen Außenräume. Räume, die nicht präzise baulich gefasst sind, jedoch durch ihre Proportionen, die Wirkung der Materialien und durch ihre Übergänge und Schwellen, eine außerordentliche atmosphärische Ausstrahlung besitzen. Räume die innerhalb der ganzen Klosteranlage Orte zum Verweilen schaffen und dem Besucher regelrecht zum Flanieren anregen.
Ein wichtiges Anliegen ist uns, die Ablesbarkeit der Zeitschichten und jene "malerischen" diffuse Zwischenräume mit großer räumlicher Qualität, zu schaffen. Dabei bieten gezielte Ein- und Ausblicke in die Produktion und in die Umgebung die stete Verankerung des Projektes mit seinen Kontext. Im Inneren setzt sich die Thematik der Raumbeziehungen fort. Die Inszenierung der Räume (Weinfasslager, Sektkeller, Verkostung ...) wird durch die Lichtführung unterstützt.
Weinkeller
Welche Materialstrategie schlagen Sie vor?
Materialien die sich in ihren Eigenschaften und in ihrer Verarbeitung in den Kontext der Umgebung einfügen liegen uns am Herzen. Die Neubauten des Landesweingutes werden in ihrer Materialität und ihrer Haptik den Charakter des Ortes entsprechen.
Konkret bedeutet dies, dass wir mit einer Fassade aus Klinkermauerwerk planen, die jedoch von ihrer Farbgebung nicht den benachbarten Scheunen entspricht, sondern die Farben der Region aufgreift. Bezug nehmend auf die historische Klostermauer werden sich die Außenwände der Gebäude im farblichen Spektrum zwischen Muschelkalk und Buntsandstein bewegen. Gleiches gilt für die Ziegel (Flachziegel) der Dächer. Ziel ist es, ein einheitliches und im Kontext abgestimmtes Baukörperensemble innerhalb der Klosterlandschaft entstehen zu lassen.
Die angestrebte Stimmung erreichen wir auch durch die Materialwahl bei den Oberflächen der Außenanlagen. Die Beläge der Höfe mit mineralischen Materialien sind den Fassaden und Dächern ebenfalls in Textur und Farbigkeit eng verwandt.
In den weiteren Entwurfschritten werden wir die differenzierten räumlichen Situationen, von der ebenerdigen Halle der Traubenannahme, über Kellerwirtschaft, Holzfasslager, Sektproduktion bis zu den Räumlichkeiten der Verkostung auch und besonders hinsichtlich ihrer Materialität ausformulieren. Unser Ziel ist eine ganzheitliche Materialgebung, die Ruhe und Dauerhaftigkeit ausstrahlt, die dem Gebäude zur Verankerung im historischen Kontext des Klosters verhelfen wird und gleichsam Ausdruck einer zeitgemäßen Architektursprache ist.
Konstruktionsskizze und Schnittperspektive
Gibt es schon einen geplanten Fertigstellungstermin?
Die Traubenlese im Herbst 2021 soll im Neuen Weingut Kloster Pforta eingebracht werden.
Neubau Landesweingut Kloster Pforta, Naumburg (Saale)
Nichtoffener Realisierungswettbewerb

Auslober/Bauherr: Landesweingut Kloster Pforta GmbH, Naumburg OT Bad Kösen
Betreuer: Wenzel & Drehmann, Weißenfels

Jury
Prof. Fritz Auer, Vors. | Andreas Bollmann | Bianka Höpfner | Prof. Rudolf Lückmann | Prof. Ralf Niebergall | Prof. Dr. Nicole Uhrig | Dr. Oliver Schmidt | Rainer Robra | Dr. Willy Boß | Prof. Dr. Fritz Schumann | Arndt Gerber | Christine Krumov

1. Preis
Architekt: FORMATION A, Berlin
Landschaftsarchitekt: Atelier LOIDL, Berlin

2. Preis
Architekt: Friess und Moster, Neustadt an der Weinstraße
Landschaftsarchitekt: Die LandschaftsArchitekten. Bittkau-Bartfelder + Ingenieure, Wiesbaden
Architekt: motorplan Architekten BDA, Mannheim, Heidelberg, Weimar

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