Genossenschaftliches Wohnen am Wörthsee

Hirner und Riehl Architekten und Stadtplaner
9. Februar 2022
Wohnhof (Visualisierung: Hirner und Riehl Architekten und Stadtplaner)

Hirner und Riehl Architekten und Stadtplaner mit ZWOPK Landschaftsarchitektur gewinnen den Wettbewerb um Genossenschaftliches Wohnen am Teilsrain in Wörthsee. Martin Hirner stellt sich unseren Fragen zum Wettbewerb.

Die Gemeinde Wörthsee will eine genossenschaftliche Wohnanlage errichten und den Ortsrand mit einer Kindertagesstätte, weiteren Wohngebäuden, öffentlichen Wege und Freiflächen qualitätvoll arrondieren. Welche Ausgangssituation haben Sie vorgefunden?

Wir haben in Wörthsee die klassische heterogene Ortsrandlage vorgefunden: auf der einen Seite eine lockere Bebauung mit Ein- und Mehrfamilienhäusern und ein Kindergarten, der ergänzt werden sollte; auf der anderen Seite landwirtschaftlich genutzte Flächen und Waldgebiete. Direkt an der südlichen Grundstücksgrenze bestand schon die Planung eines Vollsortimenters mit Wohnungen in den Obergeschossen, um dessen Gebäude herum -etwas umständlich- auch die Erschließung des genossenschaftlichen Wohnungsbaus erfolgen musste.

Eine Definition des Ortsrandes an dieser Stelle sowie ein guter Übergang der Freianlagen in die Landschaft musste also gefunden werden.

Lageplan (Zeichnung: Hirner und Riehl Architekten und Stadtplaner)
Wie organisieren Sie Wohnen und Wohnumfeld?

Genossenschaftliches Wohnen benötigt -anders als konventioneller Wohnungsbau- eines gewissen Gemeinsinns der Bewohnerinnen bezüglich Ihrer Wohn- und Lebensvorstellungen.

Diese partizipativ geprägte Herangehensweise bedarf, nicht nur im städtischen Umfeld sondern auch im ländlichen Raum, eines entsprechenden Ausdrucks in der Stellung und baulichen Ausformung neuer Gebäude.

Gleichzeitig sollte der genossenschaftliche Teil nicht abgeschlossen oder abweisend wirken sondern sich offen für das Dorf und die Nachbarschaft darstellen.

Als Vorbild haben wir uns deshalb den landwirtschaftlich genutzten 4-Seit-Hof genommen, der ja auch eine gemeinschaftliche Wohn- und Arbeitssituation nach Außen abbildet und für das genossenschaftliche Wohnen entsprechend adaptiert.

Unter dieser Prämisse wurde eine 3-4 geschossige, klar strukturierte Bebauung um einen Anger gruppiert, die sich von der heterogenen umliegenden Bebauung absetzt und ihren Anspruch an gemeinschaftliches Wohnen auch nach Außen transportiert. 

Der Anger fungiert dabei als Allmende für die unterschiedlichen Bedürfnisse der Bewohner - hier wird gegärtnert, gegrillt und gebastelt, Tischtennis gespielt, geratscht und vieles mehr. 

Gemeinschaftsräume, co-working Bereiche und die anderen, der Allgemeinheit zur Verfügung stehenden Räume liegen im Erdgeschoss an dieser Allmende. Über das Wegenetz, das ihn durchzieht, ist er mit dem restlichen Dorf vernetzt.

Der gemeindliche Wohnungsbau ergänzt die vorhandene Bebauung an der Nordwestseite des Baugebietes und schafft auch hier für deren Bewohner einen halbprivaten Hof.

Der neue Kindergarten wird aus der vorhandenen Situation heraus von Norden her erschlossen. Seine Freiflächen sind südlich und westlich des neuen Gebäudes angeordnet.

Grundriss Erdgeschoss (Zeichnung: Hirner und Riehl Architekten und Stadtplaner)
Schnittansicht (Zeichnung: Hirner und Riehl Architekten und Stadtplaner)
Welches architektonische Thema war Ihnen besonders wichtig?

Besonders haben wir um uns mit der differenzierten Ausformulierung der Übergänge vom öffentlichen über den halböffentlichen zum privaten Bereich auseinandergesetzt: Erschlossen werden alle Gebäude über Laubengänge; diese sind nicht nur trockene Erschließungszonen und Fluchtwege sondern können auch als erweiterte Wohn- und Spielflächen genutzt werden. 

Neben der Wohnungstüre steht in einer Nische die Hausbank und erweitert die Wohnfläche nach außen zum informellen Austausch mit den Nachbarn. 

Wo die zwei Schenkel der Häuser aufeinandertreffen entstehen weitere, halböffentliche Aufenthalts- und Spielbereiche, nahe an der Wohnung, mit einer Treppe, die direkt hinunter in den Wohnhof führt.

Dieser gliedert sich in vielfältig nutzbare Aufenthaltsbereiche und in gärtnerisch gestaltete Zonen mit der Möglichkeit für Kräuter- und Gemüsegärten, Kleinkinderspiel und ruhige Rückzugsbereiche. Die nach Westen steigende Topografie erfährt mittels Gelände- und Sitzstufen eine sanfte Terrassierung. Rampen gewährleisten die Barrierefreiheit des Wohnhofes.

Auf der Außenseite der Häuser ergänzt ein privat nutzbarer durchlaufender Balkon bzw. Terrassen im Erdgeschoss das individuelle Freiraumangebot für die Bewohnerrinnen.

Die grüne Mitte des gesamten Quartiers ist dörflich geprägt mit blühenden Wiesen und Obstbäumen. Ein ondulierendes Wegenetz durchzieht und verknüpft das neue Quartier mit den bestehenden Siedlungsstrukturen. Spielflächen, Grillplatz und Obstgarten können von allen Anwohnern ringsum genutzt werden.

Begegnungsflächen (Visualisierung: Hirner und Riehl Architekten und Stadtplaner)
Welche Materialstrategie schlagen Sie vor?

Die traditionelle oberbayerische Hauslandschaft ist durch einfache, langgestreckte Baukörper mit einem durchgehenden flach geneigten Satteldach, einem verputzten Erdgeschoss und einem -oft in Holzbauweise- aufgesetzten Obergeschoss geprägt. Der Tennenbereich steht oft im rechten Winkel zum Wohngebäude.

Dachgauben, unproportionierte sogenannte Zwerchgiebel und andere Dachzubauten gibt es nicht. 

An dieser in sich ruhenden Bautradition haben wir uns beim Entwurf der Mehrfamilienhäuser, die in Holzbauweise erstellt werden sollen, orientiert.

Detail (Zeichnung: Hirner und Riehl Architekten und Stadtplaner)
Was wird die Quailtät des neuen Wohnquartiers ausmachen?

Die Möglichkeit, das individuelle Leben in einem schönen Gebäude mit den Vorteilen des Zusammenlebens in einer funktionierenden Nachbarschaft zu kombinieren.

Die ursprünglich städtisch geprägte Idee des genossenschaftlichen Wohnens, die auf dem Land ja noch selten umgesetzt wird, könnte hier zu einem Vorbild dafür werden, dass eine gemeinschaftliche Wohnform viel mehr zur Lebensqualität beiträgt als das boden- und energiefressende Einfamilienhaus, das nicht mehr so recht in unsere Zeit passt

Genossenschaftliches Wohnen am Teilsrain in Wörthsee
Einladungswettbewerb
 
Auslobung: Gemeinde Wörthsee
Betreuung: Hummel | Kraus Planen | Beraten, München
 
Jury
Rainer Hofmann, Architekt, Vors. | Prof. Dr. Gunther Laux, Architekt und Stadtplaner | Prof. Bü Prechter, Landschaftsarchitektin | Peter Scheller, Architekt | Doris Schmid-Hammer, Architektin, Regierung von Oberbayern, Wohnungswesen | Christel Muggenthal, Erste Bürgermeisterin Wörthsee | Thomas Bernhard, Gemeinderat Wörthsee | Thomas Kremer, WOGENO München eG | Thomas Rößler, 1. Vorsitzender Wohnen am Teilsrain e. V.
 
1. Preis
Hirner und Riehl Architekten und Stadtplaner, München
ZWOPK Landschaftsarchitektur, Wien
 
2. Preis
Atelier 5 Architekten und Planer AG, Bern
Hänggi Planung + Beratung, Bern
 
3. Preis
dressler mayerhofer rössler architekten und stadtplaner gmbh, München
terra.nova Landschaftsarchitektur, München
 
4. Preis
einszueins Architektur ZT GmbH, Wien
Carla Lo Landschaftsarchitektur, Wien

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