Freiraum als Bühne für den Menschen

WES LandschaftsArchitektur
23. März 2022
Blick über den Burchardplatz ohne Bäume (Visualisierung: moka-studio)
Im Kontorhausviertel in Hamburg gelegen soll der Burchardplatz aufgewertet werden sowie die verbindende Funktion zwischen den angrenzenden Quartieren gestärkt werden. Welche Ausgangssituation haben Sie vorgefunden?

Das Kontorhausviertel ist eines der ersten, reinen Bürohausviertel Europas, der Sprinkenhof war zeitweise das größte Bürogebäude Europas. Der Straßenraum sowie der Burchardplatz waren explizit als reiner Straßenverkehrsraum für Autos geplant. Der Burchardplatz wurde als Parkplatz mit einer Tankstelle genutzt. Im ganzen Kontorhausviertel gab es keinen einzigen Baum – alles aus Stein und mit Autos. Hier hat Hamburg erneut nach dem Bau der Speicherstadt sehr konsequent weit und groß in die Zukunft gedacht. Deswegen die großen Kontorgebäude mit ihrem seit Schumacher typischen Klinkerkleid und den breiten Straßenräumen. Fast 100 Jahre später hat sich im Kontorhausviertel nicht viel geändert. Die Straßen werden immer noch als reine Verkehrsstraßen mit Parkplätzen genutzt. Der Burchardplatz ist immer noch ein Parkplatz jedoch zeitweise wöchentlich als kleiner Markt genutzt, nur die Tankstelle gibt es nicht mehr und in den 70-er Jahren wurden ein paar Bäume gepflanzt. Das früher durchgehende Kopfsteinpflaster ist in Teilbereichen mit Asphalt überbaut worden.

Lageplanausschnitt Burchardplatz ohne Bäume (Zeichnung: WES LandschaftsArchitektur)
Wie haben Sie auf den Kontext reagiert?

Gestalterisch haben wir konsequent historisch reagiert. Beim Burchardplatz alle Bäume raus, durchgehendes Kopfsteinpflaster, bei dem das historische innere Oval als gehfreudiges, geschnittenes Kopfsteinpflaster ausgebildet wird. Die Bürgersteige im Kontext zu den angrenzenden, dunklen Kontorhausfassaden in hellen, hochwertigen Betonplatten. Die ehemalige Tankstelle wird zum Gastropavillon und der Verkehr kommt raus. Ein steinerner Platz, gebildet aus dem Klinkerkleid der einzelnen Kontorhäuser, ganz rein, ganz historisch – was für eine Diskussion im Büro über die vorhandenen Bäume – als erste Antworten zur heutigen Stadtplanung: alles grüner! Ja, wir sind bei dieser historischen Gestaltung „hart am Wind gesegelt“ und es war uns klar, dass wir das schwerlich durchhalten würden und so ist es auch gekommen: die Bäume müssen wieder rein und im nachhinein müssen wir sagen: ok, eine neue Zeitschicht – das kann der städtebauliche, robuste Burchardplatz vertragen. Nicht jeder Stadtteil ist gleich grün und das Kontorhausviertel als Weltkulturerbe ist es ein bisschen weniger. 

Lageplan (Zeichnung: WES LandschaftsArchitektur)
Welche Maßnahmen schlagen Sie vor?

Den Burchardplatz haben wir schon erwähnt. Die Burchardstraße als städtebauliche, axiale Dominante wird zum grünen Boulevard mit mittig angeordneten Straßenbäumen. Parken ist nur historisch mittig im Straßenraum angeordnet in der westlichen Burchardstraße vorgesehen. Die östliche Burchardstraße sowie der Vorplatz des Chilehauses und der Sprinkenhof sind konsequent verkehrsfrei. Dieser Raum hat keinen Platznamen, da er bauhistorisch unterschiedlich ausgebildet war, wie die historische, lineare Weiterleitung der Burchardstraße zum Deichtorplatz. Durch die neue östliche Bebauung der ehemaligen Cityhöfe, die sich jetzt deutlich Richtung Süden verlängert, wird dieser Raum zum Platz, den wir in seiner Materialität genau so großzügig gestalten wie den Burchardplatz. Auch hier mußten ein paar mehr Bäume im östlichen Bereich des Platzes dargestellt werden in Kombination mit einem bodenbündigen Wasserspiel. 

Blick auf das Kontorhausviertel (Visualisierung: moka-studio)
Lageplanausschnitt Kontorhausviertel ohne Bäume (Zeichnung: WES LandschaftsArchitektur)
Was wird die Qualität des aufgewerteten Burchardplatzes ausmachen?

Die Ruhe des Raumes mit den einzigartigen Kontorhauswänden, ein Freiraum als Bühne für den Menschen. 

Ist schon ein Rahmenplan (oder eine weiter Form der Beauftragung) in Arbeit?

Der Burchardplatz ist ein BID mit dem wir in Vertragsverhandlung sind. Für die weiteren Räume des Realisierungsteils gibt es bald ein Verhandlungsverfahren mit den weiteren Preisträgern. 

Burchardplatz und Kontorhausviertel in Hamburg
Nicht offener Wettbewerb
 
Auslobung: Freie und Hansestadt Hamburg, BSW Behörde für Stadtentwicklung und Wohnen, Bezirksamt Hamburg-Mitte, BID (Business Improvement District) Initiative Burchardplatz, Otto Wulff BID Gesellschaft mbH
Betreuung: [phase eins], Berlin
 
Jury
Björn Bodem, Landschaftsarchitekt, Hannover | Franz-Josef Höing, Stadtplaner, Oberbaudirektor der Freien und Hansestadt Hamburg | Janos Kárász, Landschaftsarchitekt, Wien | Kaspar Kraemer, Architekt, Köln | Karin Kuttner, Landschaftsarchitektin, Hamburg | Lioba Lissner, Landschaftsarchitektin, Berlin | Karin Loosen, Architektin und Stadtplanerin, Hamburg | Prof. Anna Lundqvist, Landschaftsarchitektin, Berlin | Tobias Micke, Landschaftsarchitekt, Berlin | Prof. Klaus Overmeyer, Landschaftsarchitekt, Berlin | Martin Rein-Cano, Landschaftsarchitekt, Berlin | Prof. Alexander Schwarz, Architekt, Berlin | Robin Winogrond, Landschaftsarchitektin, Zürich | Dr. Gunter Böttcher, Hamburg-Mitte | Olaf Duge, Fraktion in der Hamburgischen Bürgerschaft | Dr. Anke Frieling, Fraktion in der Hamburgischen Bürgerschaft | Robin Hinz, Leiter Fachamt Management des öffentlichen Raums, Bezirk Hamburg-Mitte | Dr. Anna Joss, Leiterin Denkmalschutzamt, Behörde für Kultur und Medien der Freien und Hansestadt | Torsten Kruse, Vertreter BID-Initiative, Leiter Geschäftsstelle Mitte, SAGA Siedlungs-Aktiengesellschaft Hamburg | Sebastian Piper, Vertreter BID-Initiative, Miranda, Geschäftsführer, Dresden | Oliver Sträter, Hamburg-Mitte | Dr. Anjes Tjarks, Senator, Behörde für Verkehr und Mobilitätswende der Freien und Hansestadt Hamburg
 
1. Preis
WES LandschaftsArchitektur, Hamburg
Michael Kaschke
Mitarbeit: Andreas Kachel, Vikram Jeet Singh, Jonathan Hein
 
Fachberatung: BAID Architektur GmbH, Hamburg
Jessica Borchardt
 
2. Preis
Vogt Landschaft GmbH, Berlin
Günther Vogt
Mitarbeit: Ralf G. Voss, Nivola Eiffler, Jonathan Stimpfle, Bettina Rogenmoser
 
3. Preis
POLA Landschaftsarchitekten, Berlin
Jörg Michel
Mitarbeit: Jörg Michel, Sara Perovic, Anna Szczepaniak
Visualisierung: MAU Atelier, Carvalho, Magalhaes, Lissabon, Portugal

Verwandte Artikel

Andere Artikel in dieser Kategorie