Dorf und See

Peter Petz
28. September 2010
Altes Rathaus in Weiherhammer. (Foto: Marco Hippmann Architektur )
Welche Vorstellung von Dorf liegt Ihrem Entwurf zugrunde?

Wie viele Dörfer und kleineren Städte hat auch Weiherhammer damit zu kämpfen, dass die meisten Bewohner auf Grund ihrer Mobilität und der geforderten beruflichen Flexibilität nicht mehr dort arbeiten oder zur Schule gehen und zum Einkaufen in die großen Supermärkte außerhalb des Wohnorts fahren. Da diese Entwicklung derzeit unumkehrbar ist war es entscheidend, dass wir für die Einwohner von Weiherhammer andere Anreize für den Aufenthalt im Dorf schaffen. Insbesondere war uns die Stärkung des Bezugs zwischen Dorf und dem See wichtig und diesbezüglich weitere Entwicklungmöglichen vorzusehen. Damit meinen wir das Flanieren entlang des Seeufers genauso wie attraktive Blickbezüge von der Hauptstraße zum See. Desweiteren sehen wir gute Voraussetzungen für seniorengerechtes Wohnen in der Ortsmitte. Die Auslobung beinhaltete im Raumprogramm über die üblichen Nutzungen eines Rathauses hinaus auch Ausstellungsflächen und ein Café, sodass der Neubau mit seiner unmittelbaren Umgebung auch abends und am Wochenende als Begegnungsstätte für die Bürger dienen kann.

Schwarzplan
Wie haben Sie auf den Kontext reagiert?

Weiherhammer war zu Beginn ein Straßendorf, welches sich entlang des Westufers des Beckenweihers entwickelte. Erst in den letzten 50 bis 60 Jahren begann sich das Dorf auch in westlicher Richtung auszudehnen, ähnlich eines Fächers. Die für den Realisierungsteil vorgesehene Fläche befindet sich ziemlich genau am Ursprungsort Weiherhammers . Eine nachträgliche Implantierung einer typischen Ortsmitte mit Platz kam für uns trotzdem nicht in Frage. Wir haben das Motiv des Straßendorfs neu interpretiert, indem wir die neue Bebauung, Rathaus und vier weitere Gebäude, auf eine durchgehende Fläche hintereinander gesetzt haben. Diese lineare Anordnung ermöglicht die Orientierung zur Dorfseite wie zum See. Treppen schaffen einen direkten Übergang von der Straße zum schon vorhandenen Uferweg. Das Rathaus und die vorgelagerte Freifläche bilden zukünftig den Dorfeingang mit starkem Bezug zum Beckenweiher.

Seniorengerechtes Wohnen in der Ortsmitte 
Bereich um das Neue Rathaus 
Wie soll der Bereich um das Neue Rathaus gestaltet werden?

Der Neubau des Rathauses und die ergänzende Bebauung sind im direkten Zusammenwirken mit den Außenflächen zu sehen. Wege,Terrassen und Freiflächen werden die Aufenthaltsqualität heben. Die östliche Freifläche soll sowohl als Festplatz als auch als tägliche Bühne für die Einwohner dienen mit dem See als Hintergrund. Wie gesagt, die Beziehung zwischen Dorf und See zu entwickeln war ein elementarer Entwurfsansatz.

Ergeschoss
Welches architektonische Thema war Ihnen für das Neue Rathaus besonders wichtig?

Wir wollten einen eigenständigen, auf den Ort und die geforderten Nutzungen bezogenen Entwurf. Die Form des Baukörpers ist aus dem Straßenverlauf und der Orientierung zum See entstanden. Durch die abgewinkelte Gebäudeform entsteht eine sich öffnende und stadträumlich klare Eingangssituation. Obwohl es sich um einen massiven, sehr skulpturalen Körper handelt, steht die Transparenz im Erdgeschoss für die Offenheit und der öffentlich nutzbaren Funktionen des Gebäudes. Im Obergeschoss war uns die interne Kommunikation zwischen den Mitarbeitern wichtig, deshalb gibt es durch die abstrahierte dreieckige Grundform keine engen Flure, sondern eine aufgeweitete Fläche mit Sitz- und Begegnungsmöglichkeiten. Dennoch wird der Baukörper als eine Einheit wahrgenommen werden können.

Ansichten West und Perspektive vom Platz 
Welche Materialstrategie schlagen Sie für das Neue Rathaus vor?

Aufgrund der vielleicht etwas speziellen Gebäudeform, möchten wir uns bei der Materialauswahl sehr zurücknehmen. Um die monolithische Haltung zu stärken haben wir für die Fassade einen groben Putz vorgeschlagen. Die Fensterflächen im Erdgeschoß werden von Holzpaneelen unterbrochen. Der in den Außenflächen vorgesehene Natursteinbelag soll auch im Erdgeschoss verwendet werden. Im Innenraum sind glatte, weiße Kalkputzflächen für Wände und Decken vorgesehen. Einbauten wie Schränke und Regale, der Fußboden im Obergeschoss und die Fassadenpaneele sollen aus dem gleichen Holz sein um Ruhe und Durchgängigkeit zu erzeugen.

Detail
Gibt es schon einen geplanten Fertigstellungstermin?

Im Moment läuft noch das VOF-Verfahren über die Vergabe der Architekturleistungen und wir müssen die Beauftragung also noch abwarten. Über einen geplanten Fertigstellungstermin wurde mit uns daher noch nicht gesprochen. Der Wunsch der Gemeinde ist jedoch eine zügige Umsetzung, da das derzeitige Rathaus in einem desolaten Zustand ist und nur eingeschränkt genutzt werden kann.

Modell von Süden (Foto: Schober Architekten, München) 

Die gesamte Wettbewerbsdokumentation finden Sie in wa 10/2010

Vorgestelltes Projekt

HGEsch Photography

Toranomon Hills Tokyo

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