Bumerang

dma deckert mester architekten
1. Juli 2020
Marktplatz mit Kinderplanschbecken (Visualisierung: dma)

dma deckert mester architekten mit plateau landschaftsarchitekten gewinnen den Wettbewerb um den Neubau Freibad Tellingstedt. Rainer Mester stellt sich unseren Fragen zum Wettbewerb.

Die Gemeinde Tellingstedt in Schleswig-Holstein will ihr Freibad aus Jahre 1979/1980 durch ein ein zukunftsfähiges Freizeit- und Schulsportbad ersetzen. Wie haben Sie die Wettbewerbsaufgabe interpretiert?

Anstelle des Bestandsgebäudes soll eine eigenständige freie Gebäudeform mit hohem Wiedererkennungswert entstehen, die sich an der nördlichen und östlichen Grundstücksgrenze orientiert. Das Gebäude ist bewusst von der Straße weggerückt, so dass auf dem Vorplatz die Fahrradparkplätze und eine geräumige Willkommenszone möglich sind. Die gerundeten Kanten der Anlage fügen sich harmonisch und unaufgeregt in die Landschaft und bilden eine überdachte Eingangsgeste. Im Inneren gruppieren sich alle Funktionen um den „Marktplatz“. So können sich die Gäste gut orientieren und wir erzielen eine kompakte und somit auch kostengünstige Organisation des gesamten Schwimmbades. Durch geschickte Organisation der Becken lassen sich die geforderten 25m Bahnen auch in 50m Bahnen umwandeln. Die Positionierung des Gebäudes und der Becken am nördlichen Rand des Grundstückes hat eine günstige Südwestausrichtung des Schwimmbades zur Folge. Westlich des Badebereiches steigt das Gelände an. Sitzstufen überbrücken die natürliche Steigung. Die großzügige Treppenanlage lädt zum Sonnenbaden ein, dient aber auch dem Publikum als Tribüne bei Wettkämpfen. Über die Stufen erreicht man die Fitnessgeräte. Das Gebäudeensemble und die Sonnentreppe bilden eine kompakte Einheit, umschließen den Badebereich U-förmig und öffnen sich nach Süden in Richtung Liegewiese und Campingplatz. 

Lageplan (Zeichnung: dma)
Wie organisieren Sie das neue Freibad?

Von der überdachten Eingangszone aus gelangt man in den Badebereich. Der Blick weitet sich über die gesamte Badeplattform und erleichtert die Orientierung. Das Gebäude ist in drei Teile gegliedert: Service/Treffpunkt, Umkleiden/Sanitär und Technik/Wellness. Sie sind über das L-förmig geschwungene Dach miteinander verbunden. Die Baukörper leiten die Besucher und erzeugen z.T. überdachte, fließende Außenräume, die die Erreichbarkeit der verschiedenen Funktionen witterungsunabhängig gewährleisten.

Aus dem Eingang erreicht man den „Marktplatz“. Er bildet das Zentrum der Anlage und erstreckt sich vom Eingang bis zur Halbinsel zwischen den Becken. Als Campanile fungiert dabei der Sprungturm, ein „Brunnen“ bildet den Treffpunkt. Dieser ist mit einer Sitzbank eingefasst und öffnet das Bachbett, macht auf dessen Existenz aufmerksam. Um den Marktplatz sind alle aktiven Bereiche angeordnet: Eingang, Umkleide, Kiosk, Treffpunkt, Kinderbecken, Multifunktionsraum und Wellnessbereich.

Im Nordtrakt sind der Schwimmmeister und die technischen Einrichtungen untergebracht. Der Schwimmmeister hat von hier einen optimalen Überblick über alle Gefahrenbereiche der Anlage. Der Anschluss der Technik an ein Untergeschoss (Rohwasserspeicher, Spühlwasserspeicher etc.) ist von hieraus möglich. Die Lage der Technikräume vermeidet lange Leitungswege und die damit verbundenen Energieverluste.

Ein überschaubarer Wellnessbereich ist so angegliedert, dass ihm ein sichtgeschützter Außenbereich zugeordnet werden kann. Der Umkleidebereich ist sinnfällig mit dem Sanitärbereich am Eingang zusammengefasst. Wobei letzterer für die Nutzer des Campingplatzes unabhängig von Öffnungszeiten separat zugänglich ist.

Ebenso ist der Kiosk intern aber auch extern, unabhängig vom Badebetrieb, anzusteuern und verfügt über eine Außenbewirtschaftung auf beiden Seiten. Er hat Verbindung zur Küche und kann bei Bedarf die Bewirtschaftung des Treffpunkts übernehmen. Der interne Cafébereich des Kiosks befindet sich am „Marktplatz“ mit direktem Kontakt zum Planschbecken, um die Beaufsichtigung der Kleinen zu erleichtern.

Alle Funktionen erhalten - wo notwendig - Tageslicht und Frischluft aus Oberlichtern, was nicht zuletzt die Gebäudesicherheit erhöht.

Grundriss (Zeichnung: dma)
Raumbildung, Nutzungsverteilung, Tragwerk (Piktogramme: dma)
Welches architektonische Thema war Ihnen besonders wichtig?

Die innere Organisation in einem Schwimmbad, Übersichtlichkeit der gesamten Anlage und sinnvolle Funktionszusammenhänge standen im Vordergrund der Entwurfsarbeit. Die Nutzung des Cafes, des Multifunktionsbereiches und der Sanitäranlagen soll auch ausserhalb der Öffnungszeiten des Freibades gewährleistet werden, so daß diese Teile auch ganzjährig funktionieren und einen Mehrwert für die Gemeinde haben. Die Kompaktheit der Gesamtanlage wird sich baukostenreduzierend auswirken. Ebenso wollen wir möglichst wenig Fläche versiegeln und somit Bestandsliegewiese erhalten und den Baumbestand schützen.

Nachhaltigkeit in Materialität und Energiegewinnung sollten selbstverständlich sein.

Marktplatz mit Café (Visualisierung: dma)
Welche Materialstrategie schlagen Sie vor?

Das Gebäude ist als Holzkonstruktion auf Stahlbetonbodenplatten geplant: Brettsperrholzdecken mit Leimbinderüberzügen auf Holzramenbaukonstruktion mit Holzfaserdämmung. Die Fassaden erhalten eine vertikale Beplankung aus Lärche o.ä., in deren Fugenbild die notwenigen Türen weitgehend verschwinden, um die wichtigen Öffnungen (Kasse/Kiosk/Treffpunkt/Schwimmmeister) hervorzuheben.

Blick auf den Beckenbereich (Visualisierung: dma)
Gibt es schon einen geplanten Fertigstellungstermin?

Aktuell hat die Bauherrin mit uns Kontakt aufgenommen und es werden Anfang Juli die ersten Gespräche über den weiteren Ablauf stattfinden.

Eingangszone (Visualisierung: dma)
Neubau Freibad Tellingstedt
Offener Realisierungswettbewerb, zweiphasig
 
Auslober/Bauherr : Gemeinde Tellingstedt, Tellingstedt
Betreuer: Richter Architekten + Stadtplaner, Kiel 
 
Jury
Alexandra Czerner, Vors. | Bertel Bruun | Christine Krämer | Birger Schmidt | Christian Schmieder

1. Preis
Architekt: dma deckert mester architekten, Erfurt, Berlin
Landschaftsarchitekt: plateau landschaftsarchitekten, Berlin, Hannover 
 
2. Preis
Architekt: NEW (Keuthen Weichler Schulz und Schulz GbR), Köln
Landschaftsarchitekt: KRAFT.RAUM., Krefeld, Düsseldorf 
 
3. Preis
Architekt: TMH Architekten - Többen und Mueller-Haagen, Lübeck
Landschaftsarchitekt: ter Balk Landschaftsarchitektur BDLA, Lübeck

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