Baufeld 63 – Medical School Hamburg

C.F. Møller
20. April 2022
Blick vom Wasser (Visualisierung: DPI)
in der westlichen HafenCity soll im Quartier Strandkai das Baufeld 63 geplant werden. Welche Ausgangssituation haben Sie vorgefunden?

Das Baufeld hat eine sehr privilegierte Lage in der ersten Reihe, direkt an der Elbe – das bedeutet ein großes Potenzial für Ausblicke von den Etagen, und attraktive publikumsbezogene Nutzungen im Erdgeschoss. Die Lage ist aber auch stark exponiert, und mit der Südorientierung zur Elbe folgt z.B. ein wesentlicher Bedarf an Sonnenschutz, der mit den Ausblicken konflikten könnte, worauf der Baukörper reagieren muss. Zudem liegt vor dem Baufeld der Chicagokai, der hauptsächlich von Kreuzfahrtschiffen genutzt wird, so dass es dort auch vorübergehend zu Lärm- und Luftemissionen kommen kann.

Das Baufeld ist gleichzeitig ein wichtiger Baustein in einem Quartier der Hafencity, mit klaren städtebaulichen Vorgaben. Daher ist der Entwurf eine Balance zwischen einem Bau der selbstbewusst und erkennbar in der „Südansicht“ der Hafencity steht, sich aber trotzdem zurückhaltend in die Stadtstruktur einfügt, und mit kleineren, gezielten Gesten – zum Beispiel an den Ecken zur Belebung des Quartiers beiträgt.

Schwarzplan (Bild: C.F. Møller)
Lageplan (Zeichnung: C.F. Møller)
Wie organisieren Sie die Gebäude?

Der Baukörper folgt den Leitlinien des Städtbaus, als kompakter 7-geschossiger Würfel mit einem inneren Lichthof. Die drei obersten Etagen des Gebäudes werden Mietflächen für Büros beinhalten; in den unteren Etagen ist die Medical School Hamburg (MSH) untergebracht. Im Erd- und Mezzaningeschoss befinden sich ein Café, die Bibliothek der MSH sowie flexible Gewerbe- und Ausstellungsflächen, die auch öffentlich genutzt werden können und allesamt einen Panoramablick auf die Elbe haben.

Die Sonderfunktionen der MSH, wie Audimax und vor allem die wichtigen Treff- und Knotenpunkte und informelle Arbeitsbereiche innerhalb der Hochschule, sind in einer großzügigen Treppenlandschaft verortet, deren Höhepunkt eine durchgehende Terrasse zur Elbe bildet, die auch als Freiraum-Seminarräume ausgelegt ist. Die Treppenlandschaft ist als eingestellte Holzkonstruktion entworfen, die von der tragenden Betonstruktur losgelöst ist und sich dadurch einfach demontieren lässt, um das Gebäude für andere Nutzen weiterzuentwickeln – nach dem Leitgedanken des Entwurfs, „Design for Disassembly“, um zu zeigen wie ressourcenbewusst und transformierbar gestaltet werden kann.

Grundriss Erdgeschoss (Zeichnung: C.F. Møller)
Was macht das Besondere des Gebäudes aus?

Das Projekt ist mit dem erklärten Ziel ausgeschrieben und entworfen ein Gebäude zu errichten, welches grauen Emissionen und den Materialeinsatz eines Massivbaugebäu­des - vor allem in der Errichtungsphase - wesentlich reduziert. Dazu sollen in allen Bauteilen innovative und recycelte Materialien Anwendung finden, die wieder kreislauffähig sind, aber auch der Bau selbst ein einfaches, robustes Gerüst ausmachen, das leicht für andere Nutzungen angepasst werden kann. 

Daher besteht der langlebigste Teil des Baus, das tragende Skelett, aus dem neuen Baustoff Gradientenbeton, einem innovativen Leichtbeton mit wesentlich verringertem Ressourcenverbrauch, als einfache Struktur mit großen Spannweiten und auskragenden Balkonen, die den Sonnenschutz der Fassaden gewährleisten. Die übrigen vorgefertigten Gebäudeelemente aus Holz, Stahl, Lehm und Faserbeton lassen sich bei neuen Nutzungsansprüchen demontieren und wiederverwenden oder recyceln.

Innenraum (Visualisierung: DPI)
Welches architektonische Thema war Ihnen besonders wichtig?

Einerseits ein leichtes, offenes und freundliches Erscheinungsbild, das in dem Städtebau wie beschrieben rundum ansprechend und dennoch zurückhaltend wirkt - mit einem einfachen Betonskelett, auskragenden, umlaufenden Balkonen, aussteifender Gitterstruktur und elementierter Fassade aus Holz und Glas besteht das Design aus wenigen, simplen Elementen, ohne monoton zu werden.

Andererseits ist es ein wichtiges Thema, in welcher Umgebung wir zukünftig Lernen und Arbeiten wollen – hier sahen wir die Chance in dem einfachen „Gerüst“ eine spannende und aktivierende Räumlichkeit zu schaffen, die Kommunikation und Gemeinschaft fördert, und ihre prominente Lage an der Elbe auch der Öffentlichkeit zugutekommen lässt. Die so wichtigen Zwischenräume und Nischen, die den sozialen Leim einer zeitgemäßen Lern- oder Arbeitswelt ausmachen, sind als Teil der vertikalen Bewegung inszeniert, und auch die Möglichkeit im Freien zu studieren werden die Hochschule zu einem attraktiven Standort machen, wo die Nutzer im Zentrum stehen.

Abendstimmung (Visualisierung: DPI)
Gibt es Besonderheiten zu den Themen Energieeffizienz und Nachhaltigkeit?

Bei der Auswahl der Bauteile und Materialien des Gebäudes spielen wie beschrieben unterschiedliche Lebensdauern, ein geringer Ressourcenverbrauch, die Wiederverwertbarkeit und regionale Herkunft eine Rolle, um die grauen Emissionen bei der Herstellung nicht nur zu reduzieren, sondern auch gezielt auf die Langlebigkeit unterschiedlicher Bauteile anzupassen. Zusammen mit dem Einsatz von gesunden und weitestgehend sortenrein trennbaren Baustoffen kann so ein Rückbaukonzept und digitale Materialdatenbank über die im Gebäude verbauten Materialien erstellt werden.

In der Kombination mit weiteren Niedrigenergielösungen, wie beispielsweise natürlicher Belüftung, guten Tageslichtverhältnissen und einer teils sich selbst verschattenden Fassade werden die Kohlendioxidemissionen voraussichtlich um über 42 % reduziert, und das Gebäude wird die Anforderungen des „Hafencity Umweltzeichens Platin“ übertreffen.

Axonometrie (Zeichnung: C.F. Møller)
Gibt es schon einen geplanten Fertigstellungstermin?

Der Bau soll bis 2026 fertig gestellt werden.

Quartier Strandkai HafenCity Baufeld 63 in Hamburg
Einladungswettbewerb
 
Auslobung: HafenCity Hamburg GmbH | PATRIZIA Deutschland GmbH | MSH Medical School Hamburg
 
Jury
Prof. Julia B. Bolles-Wilson, Freie Architektin, Münster, Vors. | Franz-Josef Höing, Behörde für Stadtentwicklung und Wohnen, Oberbaudirektor | Dieter Polkowski, Behörde für Stadtentwicklung und Wohnen | Laura Fogarasi-Ludloff, Freie Architektin, Berlin | Prof. Linda Hildebrand, Freie Architektin, Aachen | Ulrike Reccius, Freie Architektin, Berlin | Prof. Werner Sobek, Freier Architekt, Stuttgart | Prof. Jürgen Bruns-Berentelg, Vorsitzender der Geschäftsführung, HafenCity Hamburg GmbH | Dr. Andreas Kleinau, Geschäftsführer, HafenCity Hamburg GmbH | Johannes Haug, PATRIZIA UK Ltd. | Ilona Renken-Olthoff, MSH Medical School Hamburg | Martina Koeppen, MdHB | Olaf Duge, MdHB
 
1. Preis
C.F. Møller Deutschland GmbH, Berlin
Mitarbeit: Heiko Weissbach, Julian Weyer, Rune Bjerno Nielsen, Jonas Toft Lehmann, Rasmus Møller, Caspar Kollmeyer , Miriam E. Unsgaard, Jakob-Fabian Hillert, Rob Marsh , Pernille R. M. Klavsen, Nicholas H. Hartmann, Ilias Zografopoulos, Victoria Loyall, Thomas Margaretha
Landschaftsarchitektur: C.F. Møller Landscape (in-house)
Visualisierungen: DPI
 
2. Preis
Behnisch Architekten, Stuttgart
Mitarbeit: Stefan Rappold, Konstantin August, Nadine Hoss, David Hovarth, Anna Jelinkova, Alice Vetrugno
Energieplanung: Transsolar Klimaengineering, Stuttgart | Helmut Meyer
Brandschutz: Eberl-Pacan Architekten + Ingenieure, Berlin | Reinhard Eberl-Pacan
 
3. Preis
gernot schulz : architektur GmbH, Köln
Mitarbeit: Prof. Gernot Schulz, André Zweering, Jonas Lenkewitz, Lisa Küpper
Sehw Architektur, Hamburg | Juan Hidalgo

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