Ausdrucksstark komponiert

Heinle, Wischer und Partner
29. Januar 2020
Blick auf das Stanisław Wyspiański Museum – Neubau (Visualisierung: Heinle, Wischer und Partner)

Heinle, Wischer und Partner, Freie Architekten gewinnen den Wettbewerb um das das Stanisław Wyspiański Museum in Krakau (Polen). Anna Stryszewska-Słońska, Büroleiterin in Breslau, stellt sich unseren Fragen zum Wettbewerb.

Das neue Museum soll direkt neben dem denkmalgeschützten Bau des Nationalmuseums Krakau errichtet werden. Welche Ausgangs-Situation haben Sie vorgefunden?

Krakau zeigt sich westlich der Altstadt als eine aufgelockerte Stadtlandschaft mit historischen Grünflächen, Universitätsbauten sowie großflächiger Infrastruktur und Stadtplätzen. Das Nationalmuseum, dessen Entwurf aus den 1930er-Jahren stammt, bildet den Kern des neuen Museumsviertels, das hier entstehen wird. In seiner Nähe steht seit 1982 ein ausdrucksstarkes Denkmal für Stanisław Wyspiański. Der Neubau steht in enger räumlicher Beziehung zum Nationalmuseum und schafft entlang seiner Westfassade einen intimen Raum. Er nimmt die Achse des Wyspiański-Denkmals auf und wird ihm eine neue Bühne geben.

Städtebau (Axonometrien: Heinle, Wischer und Partner)
Wie fügen Sie Alt und Neu städtebaulich zusammen?

Unser Entwurf möchte dem bestehenden Nationalmuseum seinen Raum geben und seine Besonderheiten erhalten. Zugleich musste es ein Ziel sein, dem neuen Museum eine eigene und unverwechselbare Identität zu geben.

Zwei parallel angeordnete Blöcke für die Ausstellungen einerseits sowie für Erschließung, Verwaltung und Gastronomie andererseits bilden zusammen den Baukörper des Museums. Der Ausstellungsblock liegt horizontal zurückgezogen und legt die originale historische Fassade des Nationalmuseums frei, die ein wichtiges Element des Denkmalschutzes darstellt.

Der zweite Block ist stärker vertikal ausgelegt und unterstreicht die Bedeutung des Museums im Museumquartier. Das neue Museum ist von einem innen liegendem Garten mit einem Café und von einer Panoramaterrasse gekrönt. Im Café im Erdgeschoss gibt es ebenfalls einen Garten, der das Gebäude mit üppigem Grün umgibt. Er ist ein intimer Raum, isoliert vom Lärm des großen Platzes vor dem Museum.

Lageplan (Zeichnung: Heinle, Wischer und Partner)
Wie organisieren Sie das Museum?

Wir haben die interne Struktur des geplanten Museums kompakt und flexibel angelegt. Basierend auf einem quadratischen Modul bietet sich so ein breites Spektrum an Möglichkeiten zur Nutzung und Bespielung. Teilweise wird es überhohe Ausstellungsräume geben, die für die monumentalen Werke Wyspiańskis, insbesondere den Entwürfen für seine Kirchenglasfenster, geeignet sind.

Die vorgeschlagene räumliche Anordnung und die Verwendung von Elementen der Bühnentechnik – zum Beispiel von Vorhängen, Schiebewänden und beweglichen Decken – ermöglichen einen freien Umgang mit dem Raum. Wobei die Proportionen und die Anordnung der Innenräume den Erfordernissen und der Anordnung der Kunstwerke angepasst werden können. Wir haben uns bei der Theatertechnologie durch Stanisław Wyspiańskis Aktivitäten als Theaterreformer inspirieren lassen.

Grundrisse (Zeichnungen: Heinle, Wischer und Partner)
Schnitt 1 (Zeichnung: Heinle, Wischer und Partner)
Können Sie uns durch das Museum führen, als ob es schon fertiggestellt wäre?

Stellen Sie sich vor, sie betreten das Museum durch ein großzügiges Foyer, in das von der Seite viel Licht fällt. Ein begrünter Lichthof bildet die Mitte des Foyers, gleich einem inneren Garten. sie schauen nach oben und erahnen einen Lichtring in der Höhe. Um sie herum gibt es viele Menschen, sie sitzen in bequemen Sesseln und unterhalten sich. Von der Seite hören sie das Geplauder und die Geschäftigkeit in der Cafeteria. 

Links fällt ihr Blick auf hohe, schwere Holztüren. Sie stehen offen und laden sie ein, das Treppenhaus zu betreten. Über eine umlaufende Treppe, die in einen Luftraum eingestellt ist, bewegen sie sich nach oben zu den Ausstellungsräumen. Hier wandern sie durch die Ausstellung, nehmen den Rhythmus aus offenen und geschlossenen, hohen und intimen Räumen wahr und genießen die wunderbare Werke von Wyspiański. Ein besonderes Erlebnis werden die monumentalen Zeichnungen der Glasfenster sein, die man aus drei Ebenen sehen kann.

Nach der Besichtigung der Ausstellung machen sie eine kleine Pause in der Cafeteria mit dem geheimen Garten auf der letzte Etage. In der mythischen Atmosphäre des Lichtgartens lassen sie das erlebte Revue passieren. Bei schönem Wetter besuchen sie auch die Terrasse auf dem Dach des Museums und lassen sich vom Geist der Stadt Krakau inspirieren. Sie schauen auf die Silhouette des Königsschlosses auf dem Wawel und des von Wyspiański geliebtem und oft gemalten Kościuszko-Hügel.

Piktrogramme (Zeichnungen: Heinle, Wischer und Partner)
Blick auf das Stanisław Wyspiański Museum – Alt- und Neubau (Visualisierung: Heinle, Wischer und Partner)
Welches architektonische Thema war Ihnen besonders wichtig?

Wir wollten mit unserem Entwurf für das neue Museum verschiedene Aspekte aus Wyspiańskis Arbeit integrieren und die Motive seines künstlerischen Werks aufnehmen.

Stanisław Wyspiański war ein vielseitiger Universalkünstler der polnischen Moderne, der in vielen Kunstgattungen zu Hause war. Seine Arbeiten zeichnen sich durch eine prägnante und kompakte Formensprache aus. Die Gemälde, Polychrome und Buntglasfenster sind ausdrucksstarke, figurale und geometrische Kompositionen, die mit floralen Motiven durchzogen sind.

Die Vision des Wyspiański Museums folgt diesem Bild und ist wie seine Arbeit eine Synthese aus Einfachheit, Geometrie und Natur. Der multifunktionale, lineare Raum, der auf dem Spiel von Licht und Schatten basiert und in einer klaren architektonischen Form gefasst ist, die von viel Grün umgeben ist.

Innenraum (Visualisierung: Heinle, Wischer und Partner)
Innenraum (Visualisierung: Heinle, Wischer und Partner)
Welche Materialstrategie schlagen Sie vor?

Das äußere Erscheinungsbild des Museums wird geprägt sein durch Naturstein, Glas und Grün. Die Fassade ist monolithisch und im Gegensatz zur ausdrucksstarken Fassade des historischen Nationalmuseums frei von Trennlinien und vertikalen Gliederungen. Die abgestufte, leichte Textur der Steinverkleidung sieht wie eine Skizze aus der Hand von Wyspiański aus und gibt dem Gebäude seinen besonderen architektonischen Ausdruck. 

Das verglaste Erdgeschoss verleiht Leichtigkeit und hebt optisch den Baukörper. Im Innenraum sind Wände, Stützen und Boden aus poliertem Sichtbeton in einem warmen Farbton gebildet. Sie werden ergänzt mit Naturholz, dass für die Türen, die Möblierung und andere Elemente der Ausstattung verwendet wird.

Innenraum (Visualisierung: Heinle, Wischer und Partner)
Gibt es schon einen geplanten Fertigstellungstermin?

Aktuell ist die Fertigstellung für Dezember 2024 geplant. 

Ausblick (Visualisierung: Heinle, Wischer und Partner)
Architektonisches und städtebauliches Konzept für das Stanisław Wyspiański Museum in Krakau (PL)
Offener Wettbewerb
 
Jury
Marcin Brataniec | Jacob Kurek | Prof. Rainer Mahlamäki | Maciej Miłobędzki | Jacek Droszcz | Olaf Jasnorzewski | Łukasz Gaweł | Magdalena Czubińska | Daniel Hankus
 
1. Preis
Architekt: Heinle, Wischer und Partner Freie Architekten, Berlin, Stuttgart, Köln, Dresden, Wrocław, Erlangen, Berlin 
 
2. Preis
Architekt: BBGK Architekci, Warszawa (PL)

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