Altes Theisen-Kabelwerk Duisburg

Schönborn Schmitz Architekten
17. Februar 2021
Blick auf historische Halle und Carrée (Visualisierung: Schönborn Schmitz Architekten)

Schönborn Schmitz Architekten mit QuerfeldEins Landschaft und Buro Happold gewinnen den Wettbewerb um das Wohnquartier „Altes Theisen-Kabelwerk“ in Duisburg. Kathrin Schmitz und Georg Schönborn stellen sich unseren Fragen zum Wettbewerb.

Im zentral gelegenen Duisburger Stadtteil Hochfeld sollen auf dem rund drei Hektar großen Areal „Altes Theisen-Kabelwerk“ circa 200 Wohnungen in Mischung aus überwiegend öffentlich-geförderten, aber auch freifinanzierten Einheiten sowie eine Kindertagesstätte und die Erweiterbarkeit der Grundschule Friedenstraße geplant werden. Welche Ausgangssituation haben Sie vorgefunden?

Wir haben das Grundstück zum ersten Mal an einem Wochenende besucht.Es war ein schöner Herbsttag und der Stadtteil machte einen sehr guten Eindruck auf uns. Bevor wir das eigentliche Areal betraten, spazierten wir vom baumbestandenen Musfeldplatzes über die Friedenstraße, in welche die sanft geschwungene Dickelsbachstraße mündet, zum Brückenplatz. Wir waren regelrecht begeistert von der markanten Stadtraumfolge des Viertels. Im Inneren des Areals fanden wir Industriebauten, die in Teilen noch im Orginalzustand erhalten sind und die mit ihren typischen Backsteinfassaden eine fast romantische Anmutung haben. Vielleicht ist dies eine typisch architektonische Sichtweise, die aber bestimmt auch mit unseren Biografien zusammenhängt und aus dem Leben und Arbeiten im Ruhrgebiet hervorgegangen ist. Kathrin Schmitz ist selbst Duisburgerin und wir haben beide unter anderem im Ruhrgebiet studiert.

Dennoch wird auf den zweiten Blick klar, dass diese städtebaulich funktionierende Struktur nicht in einer Form belebt wird, wie es vorstellbar wäre. Man erkennt, dass viele Häuser in schlechtem Zustand sind und viele Erdgeschosse ohne Nutzung. Es ist merkwürdig still dort. Soziale Kontrolle in den qualitätsvollen Straßenräumen scheint nicht stattzufinden.

Schlachthof ca. 1931, Schutzumfang Denkmalensemble (Zeichnung: historischer Plan)
Welches sind die Kerngedanken Ihres Entwurfs?

Der Entwurf greift genau diesen Gedanken auf. Die städtebauliche Struktur des Umfeldes ist nicht das Defizit. Daher glauben wir, dass es Pate stehen kann für Überlegungen zu einer Verdichtung im Inneren des Areals. Damit rücken wir das, was schon da ist, in ein anderes Licht und arbeiten vorhandene Qualitäten heraus. Uns war es wichtig dem Stadtteil keinen Fremdkörper aufzupfropfen, sondern dessen Identität herauszustellen und ihn in diesem Sinne weiterzubauen. Wir setzen also die Abfolge von Stadträumen fort und ergänzen sie um weitere charakteristische Plätze, Straßen und Gassen. Diese öffentlichen Räume sind der zentrale Bestandteil unseres Entwurfes. Die Gebäude dienen dazu sie zu begrenzen und zu beleben. 

Daneben spielen die historische Bausubstanz mit den beiden Hallen, der Direktorenvilla und der Alten Feuerwache eine zentrale Rolle für den Entwurf. Sie sind das Besondere im Inneren des Areals. Die neuen Wohngebäude bilden den Hintergrund oder besser gesagt das Passepartout für den öffentlichen Raum und die historischen Gebäude.

Dem urbanen und verdichteten Bereich um die historischen Hallen steht ein parkartiger Grünraum gegenüber, der sich entlang des ehemaligen Dickelsbachs erstreckt. Wir nennen ihn Campus, weil er keine Wohnungsbauten, sondern eine bestehende Schule, die Alte Feuerwache als Veranstaltungszentrum und eine neue Kita beinhaltet. Der Gegensatz zwischen dem verdichteten „Dickelsbachquartier“ und dem grünen „Dickelsbachcampus“ ist ebenfalls ein zentraler Gedanke unseres Entwurfes.

Bebauungsszenarien (Zeichnung: Schönborn Schmitz Architekten)
Welche Aufgaben hat die Freiraumplaung zu bewältigen?

Wir haben das Glück mit einem Büro zusammenzuarbeiten, welches unsere Auffassung des urbanen, öffentlichen Raums teilt. Gerade für einen Entwurf, der sich vornehmlich mit einem komplexen Gefüge öffentlicher Räume beschäftigt, ist deren Qualität natürlich ausschlaggebend. Die Differenzierung der Räume und deren typologische Eigenarten müssen durch die Entwurfsarbeit zum Ausdruck kommen. So wird durch die Freiraumplanung die jeweilige Identität eines Raumes erst greifbar gemacht. Wie sieht ein großer Stadtplatz im Gegensatz zu einer kleinen Piazzetta im Inneren des Areals aus? Und wie unterscheiden sich diese von den eher privaten Höfen im Inneren der Blockstrukturen? Wie kann der Raum zwischen den Hallen zu einem besonderen Ort gemacht werden? Und die ganz zentrale Frage: wie schaffen wir es den Wunsch nach einer starken Durchgrünung mit dem Anspruch zu verbinden, ein eindeutig urbanes Quartier zu schaffen? Wir finden, dass QuerfeldEins sehr gute Antworten auf diese Fragen gefunden haben.

Lageplan (Zeichnung: Schönborn Schmitz Architekten und QuerfeldEins)
Können Sie uns durch das erneuerte Wohnquartier „Altes Theisen-Kabelwerk“ führen, als ob es schon fertiggestellt wäre?

Wir treffen uns auf dem Musfeldplatz und betreten von dort das Areal. Rechts liegt die historische Direktorenvilla, in der ein Feinkostladen angeordnet ist, links das wunderbare und ebenfalls historische Verwaltungsgebäude des Werks. Wir erreichen einen relativ großen Platz über den sich der Blick auf die historischen Hallen eröffnet. Es gibt sehr große alte Kastanien, die den Eindruck vermitteln, als hätte es an dieser Stelle schon immer einen öffentlichen Platz gegeben. Unter den Bäumen finden wir eine Terrasse, die den öffentlichen Charakter des Ortes verstärkt. Wir wählen den Weg, der zwischen den beiden alten Hallen entlang führt. Die alten Träger zwischen Hallen wollen wir möglichst erhalten. Sie sollen berankt werden wodurch ein grüner Raum entsteht. Wir gelangen auf die kleine Piazzetta, die von der Stirnseite der „Halle für Alle“, ein von den Quartiersbewohnern flexibel nutzbarer Raum, und dem „Hohen Haus“ begrenzt wird. Die Piazzetta ist ein intimerer Ort als der große Platz und dient als Treffpunkt für die Bewohner und bietet gleichzeitig einen Außenraum für die „Halle für Alle“. Das „Hohe Haus“ überragt als Orientierungspunkt die anderen Gebäude des Areals. Ein schmaler Durchgang zwischen ihm und der zweiten Halle führt uns hinaus auf den Boulevard, der die seitliche Begrenzung des Dickelsbachcampus darstellt. Der Raum öffnet sich und wir blicken auf die gegenüberliegende „Alte Feuerwache“. Wir wenden uns nach links, passieren die neue Kita und gelangen über den historischen Vorplatz auf die Friedenstraße, auf der wir das Gelände wieder verlassen.

Blick vom Entrée in das neue Quartier (Visualisierung: Schönborn Schmitz Architekten)
Blick Richtung Hallen auf den kleinen Markt (Visualisierung: Schönborn Schmitz Architekten)
Blick aus der Gasse auf den kleinen Marktplatz (Visualisierung: Schönborn Schmitz Architekten)
Blick entlang des Boulevards Richtung Kita (Visualisierung: Schönborn Schmitz Architekten)
Was wird die Qualität des neuen Quartiers ausmachen?

Entscheidend ist, dass wir nicht gegen das bauen, was schon vorhanden ist, sondern das, was schon da ist, weiterbauen. Damit würdigen wir ja nicht nur die bestehende Struktur, sondern auch deren Bewohner, die zum Teil schon sehr lange hier leben und den Ort unabhängig seines gegenwärtigen Zustandes als Zuhause empfinden. In diesem Sinne schaffen wir gute öffentliche Räume und nutzen das städtebauliche Repertoire, welches uns die Geschichte der europäischen Stadt an die Hand geben kann. 

Darüber hinaus gilt es natürlich auf die Besonderheiten des Ruhrgebietes und seiner Städte einzugehen. Die unmittelbare Nähe von Wohn- und Industrieräumen macht aus unserer Sicht deren besondere Poesie aus. Sie bietet enormes Identitätspotential und begeistert viele, die zunächst skeptisch waren. 

Schon allein, weil wir es innerhalb des Areals mit solchen Industriebauten zu tun haben, können wir dieses Potential nutzen und zu einem Teil unseres Entwurfes machen. Wir hoffen, dass die geschaffenen Qualitäten auf die umgebenden Räume ausstrahlen und auch deren Akzeptanz und Würdigung erhöhen. In diesem Sinne glauben wir an eine Initialzündung für die Entwicklung und die Zukunft der gesamten Umgebung und für den Stadtteil Hochfeld.

Ansicht Carrée 3 und Hallen, Schnitt Carrée 2 (Zeichnung: Schönborn Schmitz Architekten)
Schnitt durch die Carrées 1 und 4 (Zeichnung: Schönborn Schmitz Architekten)
Welches architektonische Thema war Ihnen besonders wichtig?

Neben den schon beschriebenen Themen geht es um die Lesbarkeit der urbanen Struktur. Ihre Verständlichkeit führt aus unserer Sicht zur Akzeptanz und fördert letztendlich auch deren Nutzbarkeit. Dies hat viel mit Maßstab zu tun, mit Orientierung, mit Identifikation, aber auch mit Würdigung. Wir thematisieren nachvollziehbar die Verbindung von Alt und Neu und stellen damit die historischen Schichten dar, welche die Identität des Ortes spiegeln. Unsere neuen Baukörper zeigen zurückhaltende und sehr ruhig rhythmisierte Fassaden und ordnen sich so den Bestandsbauten unter. Typologisch nehmen sie die Rolle städtischer Wohnbauten als Hintergrund und Basis für öffentliche Räume Bauten ein. Es hilft aber nicht, sich auf die europäische Stadt zu berufen, ohne an deren Zukunft zu denken. Im Sinne aktueller Themen spielt somit die Bepflanzung und die Grünplanung des Areals eine große Rolle. Ebenso der Umgang mit dem ruhenden Verkehr. Uns und unserem Bauherrn ist es wichtig, die vorgefundenen Themen nicht einfach nur zu übernehmen, sondern ins Hier und Jetzt zu transformieren.

Neben den öffentlichen Räumen gibt es die Höfe, die den Bewohnern der jeweiligen Carrées vorbehalten sind. Sie liegen zum Teil nicht auf der Höhe des Straßenraums, sondern ein bzw. zwei Ebenen höher. In den darunter liegenden Ebenen werden Parkdecks vorgesehen. Damit unterscheiden sich diese Höfe auch räumlich von den öffentlichen Plätzen. Sie sind wesentlich weniger hoch eingefasst und entwickeln damit einen kleineren Maßstab, der ihre Intimität und Privatheit spürbar macht.

Zu den öffentlichen Räumen gibt es keine Garagen. Auf der Nordseite zur unmittelbar angrenzenden Straßenbahnlinie bieten sie aber einen baulichen Schallschutz.

Ansicht Kita und Carrées 1 und 2 (Zeichnung: Schönborn Schmitz Architekten)
Ansicht Carrée 3, Hallen und Carrée 2 (Zeichnung: Schönborn Schmitz Architekten)
Welche Materialstrategie schlagen Sie vor?

Die Materialwahl hat viel mit den Punkten zu tun, die wir beschrieben haben. Unsere Gedanken zum Entwurf hinsichtlich der städtischen Struktur und der Gebäudetypologien setzt sich in der Wahl der Materialien fort. Um eine Reflektion des Vorgefundenen zu verdeutlichen, tun wir dies natürlich mit einem gewissen Maß an Abstraktion. Darüber hinaus versuchen wir von Beginn an ökonomische Gesichtspunkte zu berücksichtigen. Es ist uns wichtig, eine Materialstrategie aus unserer städtebaulichen und architektonischen Konzeption heraus zu entwickeln, die dann aber auch bis zum fertigen Bauwerk durchzuhalten ist. 

Für den Sockel der Wohnhäuser verwenden wir Backstein, der sich auf die historischen Hallen bezieht und auf die industriellen Architekturen des Quartiers, aber auch auf das Ruhrgebiet im Allgemeinen hinweist. Die besondere Behandlung des Sockels betont seine Bedeutung für den öffentlichen Raum. Die Obergeschosse werden als Putzfassaden erstellt. Die Farbe des Putzes bezieht sich auf die Farbe des Ziegels, womit einerseits die angestrebte Zurückhaltung, andererseits aber eine sehr charakteristische Farbgebung erreicht werden soll. Dabei ist eine gewisse Unterscheidung der Carrées geplant. Diese soll allerdings nicht drastisch polychrom, sondern eher changierend subtil sein. 

Die beiden besonderen Neubauten, der Kindergarten und das „Hohe Haus“ sollen ganz in Backstein errichtet werden, um deren Bedeutung hervorzuheben. 

Detail (Zeichnung: Schönborn Schmitz Architekten)
Ist schon ein Rahmenplan in Arbeit?

Das Projekt ist in einem noch sehr frühen Stadium. Die möglichen Verfahren werden noch geprüft. Dennoch gibt es schon eine intensive Zusammenarbeit mit der GEBAG als unseren Bauherrn und es gibt das Ziel möglichst schnell einen Rahmenplan im Sinne des Wettbewerbsergebnisses zu entwickeln. Wir freuen uns sehr auf die Zusammenarbeit und die nächsten Schritte.

Schwarzplan (Zeichnung: Schönborn Schmitz Architekten)
Wohnquartier „Altes Theisen-Kabelwerk“ in Duisburg
Einladungswettbewerb, zweiphasig
 
Auslober/Bauherr: GEBAG Duisburger Baugesellschaft mbH, Duisburg, Duisburg Stadt Duisburg, Duisburg
Betreuer: Faltin+Sattler FSW Düsseldorf GmbH, Düsseldorf
 
Jury
Prof. Peter Schmitz, Vors. | Michael Dahmen | Bernadette Heiermann | Martin Linne | Hiltrud Maria Lintel | Sören Link | Beatrice Kamper | Andrea Demming-Rosenberg | Joachim Schneider
 
1. Preis
Architekt: Schönborn Schmitz Architekten, Berlin
Landschaftsarchitekt: QuerfeldEins Landschaft | Städtebau | Architektur PartGmbB, Dresden 
Bauingenieur: Buro Happold, Berlin (DE), Bath (GB), Hong Kong (HK), Copenhagen K (DK), Warszawa (PL) 
 
2. Preis
Architekt, Stadtplaner: Molestina Architekten + Stadtplaner GmbH, Köln
Landschaftsarchitekt: Rainer Schmidt Landschaftsarchitekten und Stadtplaner GmbH, München, Berlin
Stadtplaner: ifau - Institut für angewandte Urbanistik, Berlin
Bauingenieur: Arup Deutschland GmbH, Berlin, Düsseldorf, Frankfurt am Main
 
3. Preis
Architekt: BRS architectes ingénieurs, Paris
Landschaftsarchitekt: Agence Ter, Karlsruhe (DE), Paris (FR), Barcelona (ES)
Verkehrsplaner: Transitec, Lausanne (CH), Paris (FR)
Energieplaner: Transsolar Energietechnik GmbH, Stuttgart, München, New York, NY (US), Paris (FR)

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