Grundschule Zell

Abwechslungsreiche Ort- und Weg-Räume

f m b architekten
6. Juni 2018
Modell
f m b architekten gewinnen den Wettbewerb „Grundschule Zell, Esslingen“. Norman Binder und Andreas-Thomas Mayer stellen sich unseren Fragen zum Wettbewerb.
Im Esslinger Stadtteil Zell soll eine neue Grundschule entstehen, verbunden mit einem innovativen pädagogischen Konzept und Umsetzung eines attraktiven Ganztagesbetriebs. Welche Ausgangssituation haben Sie vorgefunden?
Norman Binder: Die Ausgangssituation ist relativ übersichtlich. Es gibt das bestehende historische Schulhaus von ca. 1913, welches erhalten werden soll und es gibt die in den 1960er-Jahren errichtete Schule, die nun auf Grund von baulichen Mängeln, relativ zeitnah abgerissen werden muss.
Besonderheit der Wettbewerbsaufgabe war, das neue Schulgebäude in einem ersten Bauabschnitt auf dem Grundstück so zu entwerfen bzw. so zu platzieren, dass erst nach Fertigstellung der neuen Schule die alte 1960er-Jahre Schule abgerissen werden darf, um dort dann in einem zweiten Bauabschnitt die zusätzlich geforderte Sporthalle und den Schulhof zu errichten. Dies erschien uns von Anfang an ein städtebaulicher, räumlicher und funktionaler Nachteil, weshalb wir von Beginn der Wettbewerbsbearbeitung an versuchten, den geforderten ersten und zweiten Bauabschnitt gemeinsam, das heißt „Alles in Einem“ zu entwerfen. Die Idee eines „Einhauses" (neue Schule mit integrierter Sporthalle), war damit der geborene Anspruch des Entwurfs, der dann Schluss endlich zum einzigen Wettbewerbsbeitrag von insgesamt 25 Arbeiten führte, welcher die geforderten Bauaufgaben in einem einzigen Bauabschnitt löste. Der dabei entstandene Gesamtbaukörper mit Appendix konnte so eine sensible städtebauliche Einbindung mitsamt dem historischen Schulhaus ermöglichen und gleichzeitig vielfältige und angemessen dimensionierte Außenbereiche bis hin zur Erschließung über zwei Hauptwege (barrierefreie Rampe über die Lienhardstraße und großzügige Freitreppe über die Metthaldenstraße) herstellen.
Bestand Hof Südseite
Wie organisieren Sie die Grundschule?
Norman Binder: Unser Konzept sieht einen kompakten, winkelförmigen und dreigeschossigen Klinkerbau vor. Im Innern bildet ein über vier Geschosse offenes Atrium mit einer „Treppenskulptur" das „Herz" der Schule. Hier wird die halb eingegrabene Sporthalle über ein unteres lichtdurchflutetes Foyer großzügig mit einer „Theatertreppe" an den Eingang und das obere Foyer angebunden und verbindet alle Bereiche der Schule mit hoher Aufenthaltsqualität. Das Atrium kann außer seiner Erschließungsfunktion flexibel für zahlreiche Veranstaltungsformen genutzt werden, oder im Alltag schlicht auch als überdachte Pausenhalle dienen. Neben der (zweigeschossigen) Sporthalle im Unter- (und Erd-) Geschoss befinden sich auf der Foyerebene im Erdgeschoss der Verwaltungstrakt und Lehrerbereich als nördlicher „Appendix", während süd-westlich an das Foyer sich der flexibel öffenbare Musikraum und der Multifunktionsbereich mit der zentral gelegenen Schulsozialarbeit anordnen. Das am Eingangsbereich zentral gelegene Foyer im Erdgeschoss erschließt zusätzlich auch den Schulhof und stellt somit ein verbindendes Raumelement zu allen Nutzungen und Funktionserfordernissen des Gebäudes her. Die Treppenskulptur im vollständig verglasten Atrium hinauf in die Obergeschosse zu den Doppel-Clustern und die Sitz- und Lauftreppe („Theatertreppe") hinunter zur Sporthalle vervollständigen dabei die Zentralität und den Gedanken des Herzstücks.
Die beiden „Doppel-Cluster" im ersten und zweiten Obergeschoss beinhalten die Klassen- und Gruppenräume samt Nebenräumen und sind entlang der Fassade um eine gemeinsame „Mitte" arrangiert. Die Mitte ist bei Bedarf teilbar und wird über eine Loggia im Süden und über das
gemeinsame Atrium im Norden ausreichend mit Tageslicht versorgt. Im 2. Obergeschoss ist zudem ein geschützter Dachgarten als „Freiluftklassenzimmer" zugänglich.
Grundriss Erdgeschoss
Längs- und Querschnitt
Welches architektonische Thema war Ihnen besonders wichtig?
Andreas-Thomas Mayer: Besonders wichtig waren uns die räumliche Qualität der Erschließungsflächen wie zum Beispiel gut funktionierende, natürlich belichtete und mit Außenbezug flexibel bespielbare Clustermitten.
Auch die gemeinsame Erschließung von Sporthalle und Schule mit dem räumlich vertikal verbindenden Luftraum und dem daraus resultierenden Foyer mit einer unteren und einer oberen Ebene waren uns, unter Einhaltung der zu lösenden Anforderungen an den Brandschutz, besonders wichtig. Hier können die Verkehrsflächen einen hohen Mehrwert für die Nutzbarkeit und Bespielbarkeit der Schule bieten, zum Beispiel als Theater oder über die reine Schulnutzung hinaus als Veranstaltungsbereich für Vereinsaktivitäten.
Moderne Schulkonzepte kranken oft daran, dass die Verkehrsflächen zu knapp bemessen sind, um hier auch sinnvolle Nutzungen mit echtem Mehrwert generieren zu können.
Wenn auf „Weg-Räumen“ konfliktfrei „Ort-Räume“ zur pädagogischen Nutzung mit entsprechender Aufenthaltsqualität entstehen sollen, dann müssen diese eben auch groß genug sein. Hier gehen wir mit unserem Entwurf im Sinne der Qualität für die Lehrer, Betreuer und Kinder sicher an die Grenzen des wirtschaftlich vertretbaren.
Als Vater, dessen Sohn gerade die zweite Klasse einer Grundschule in Stuttgart besucht, merke ich aber, wie wichtig und nötig diese Investitionen für die Lebenswirklichkeit und Zukunft unserer Kinder sind. Die Zusammenlegung von Schule und Sporthalle ermöglicht hier genau diese wertvolle Synergie und damit auch die erforderliche architektonische Qualität um moderne Schulkonzepte tatsächlich auch wirtschaftlich und nachhaltig zu ermöglichen. Immerhin gab es ja bei diesem Wettbewerb von Seiten des Auslobers auch ein „handfestes“ pädagogisches Konzept der Schule.
Innenraum
Welche Materialstrategie schlagen Sie vor?
Norman Binder: Wir schlagen eine Auswahl an Materialien vor, die der Schule eine robuste und zeitlose Anmutung verleihen und gleichzeitig eine handwerklich solide und nachhaltige Wertigkeit herstellen. Hier denken wir hauptsächlich an einen graubraun-beigen Klinker - das Thema des Klinkers (Backstein) als Reminiszenz an alte Schulhäuser, Gründerzeitstadthäuser in Esslingen, aber auch an die nah gelegene Eisenbahnarchitektur.
Im Inneren soll sich der Klinker im Luftraum im Bereich der Haupterschließung („Herzstück“) kombiniert mit daran anschließenden weißen Wandflächen, einzelnen farbigen Akzenten, sowie Holz- und Sichtbetonelementen, welche die architektonische Struktur und die Raumfolgen betonen, fortsetzen. Natürliche Materialien, warme und helle Farbtöne sollen die Atmosphäre bestimmen. Ziel ist es, die Schule zu einem angenehmen und behaglichen Lebensraum mit hoher Aufenthaltsqualität zu machen, der in Zeiten des Ganztags vielfältige und abwechslungsreiche Ort- und Weg-Räume schafft und flexible Betreuungs- und Unterrichtsformen ermöglicht.
Fassadenschnitt und Teilansicht
Gibt es schon einen geplanten Fertigstellungstermin?
Andreas-Thomas Mayer: Politisch und von Bauherrenseite sicher. Wir sind jedoch noch nicht beauftragt, das VgV-Verfahren läuft noch, und es wird sicher nötig sein, die politischen Ziele mit den Bedingungen unseres Entwurfs abzugleichen.
Was die Fertigstellung betrifft scheinen die Ziele jedenfalls sehr ambitioniert zu sein. Wir freuen uns aber immer, wenn Projekte bei vorab klar definierten Qualitäten auch schnell fertig werden.
Wir werden sicher nicht die „Bergaufbremser“ sein, denn wir wissen auch: „Zeit ist Geld“ und Honorare sind endlich…
Lageplan
Grundschule Zell
Nichtoffener Wettbewerb

Auslober/Bauherr: Stadt Esslingen am Neckar, Esslingen
Betreuer: kohler grohe architekten, Stuttgart

Jury
Prof. Tobias Wulf, Vors. | Prof. Jörg Aldinger | Daniel Fluhrer | Wilfried Wallbrecht | Prof. Jens Wittfoht | Wendelin Karg

1. Preis
Architekt: f m b architekten - Norman Binder, Andreas-Thomas Mayer, Stuttgart

2. Preis
Architekt: Broghammer Jana Wohlleber, Zimmern ob Rottweil

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