Neue Architekturfakultät Siegen

Wieder in die Stadt geholt

Katinka Corts
29. Mai 2024
Modell: FAKT+Gustav Düsing

Das Campusgelände der Universität Siegen liegt um die fünf Kilometer nördlich des Hauptbahnhofs, hier ist bislang auch die Architekturfakultät angesiedelt. Eine schöne Lage im Grünen, jedoch für die an sich wohlhabende Stadt, deren Innenstadt zunehmend an Geschäften und damit auch an Publikumsverkehr verliert, keine ideale Situation. Mit der Idee, einen Stadtcampus zu entwickeln und so studentisches Leben näher in die Mitte zu holen, suchte die Universität nach Standorten für die Umsiedlung der Fakultäten. 

Einer der identifizierten Orte ist das frühere Druckhaus der Siegener Zeitung. Das Gebäude am Häutebachweg ist mittlerweile fast 50 Jahre alt. Die nutzungsbedingt sehr belastbare Konstruktion des Zweigeschossers macht es möglich, das unscheinbare Gebäude mit Waschbetonfassade um bis zu zwei Etagen aufzustocken und es zu einem wichtigen bildungspolitischen Fixpunkt im Zentrum der Stadt zu machen. Mit den bis zu sechs Meter hohen Räumen und einer Grundfläche von etwa 20 x 50 Metern ist der Stahlbetonskelettbau prädestiniert für einen Umbau, eine Erweiterung in sich selbst und eine nachhaltige Weiternutzung.

Atelier (Visualisierung: FAKT+Gustav Düsing)
Oberste Ebene im Neubau mit abgehängtem Holzdach (Visualisierung: FAKT+Gustav Düsing)

Vergangenen August 2023 veranstaltete das Department Architektur eine Summer School zum Auftakt des Planungsverfahrens. Beteiligt waren sechs Architekturbüros, die zuvor aus 30 Bewerbungen ausgewählt worden waren und bekannt sind für ihr Interesse an nachhaltigem und zirkulärem Bauen: ADEPT (Kopenhagen), AgwA (Brüssel), Assemble (London), FAKT+Gustav Düsing (Berlin), ZRS coopdisco (Berlin) sowie Hütten und Paläste (Berlin). 

An der Summer School nahmen dutzende Studierende aus Deutschland und Österreich teil. Gemeinsam mit den Architekten befassten sie sich in ihren Konzepten nicht nur mit dem Bau an sich und den zu verwendenden Materialien, sie untersuchten auch die neue Lage in der Stadt – nun viel näher als der aktuelle – und die Möglichkeiten, die Schule überregional zu vernetzen. »Es war mit den vielen Leuten vor Ort manchmal etwas chaotisch, aber an sich war es ein guter Live-Test für einen späteren Fakultätsbetrieb vor Ort«, erinnert sich Gustav Düsing an diese Phase.  

Auf den Dialogprozess mit Stadt, Universität sowie den Lehrenden und Studierenden des Departments Architektur folgte die weitere Ausarbeitung der Entwürfe. Während sich das Team ZRS/coopdisco bis dahin mehr mit der schrittweisen Neunutzung bis 2030 beschäftigt hatte, zeigte Adept in seinem Entwurf bereits mögliche Gebäude- und Platzsituationen, die sich an der Architekturschule in Arhus orientierten. FAKT und Gustav Düsing formulierten in ihrem Beitrag das Ziel, möglichst sparsam mit Material umzugehen und lediglich schlanke, feine Ergänzungen entstehen zu lassen – ein Ansatz, der uns bereits aus Düsings Arbeiten in Braunschweig und Tel Aviv vertraut ist und ebenso in den bisherigen Arbeiten von FAKT zu finden ist.

Die zusätzlichen Bauteillasten der Erweiterung werden über die Primärstruktur auf Fassadenebene abgetragen (Plan: FAKT+Gustav Düsing)
Erdgeschoss (Plan: FAKT+Gustav Düsing)
Erstes Obergeschoss mit vorgelagerter Erweiterung für die Erschließung (Plan: FAKT+Gustav Düsing)
Zweites Obergeschoss mit umlaufender Pufferzone (Plan: FAKT+Gustav Düsing)
Oberste Ebene (Plan: FAKT+Gustav Düsing)

Das siegreiche Team: FAKT und Gustav Düsing. Sie erweitern das Gebäude mit Leichtbaumaterialien und setzen auf die nun vier Etagen ein materialsparendes Holz-Hängedach, das auf Zug beansprucht ist. Die zusätzlichen Bauteillasten werden über die Primärstruktur auf Fassadenebene abgetragen, weshalb keine weiteren Fundamente benötigt werden. Die Parabolform des Daches fällt auf und macht aus dem bislang schlichten und unscheinbaren Druckhaus auch aus der Ferne eine Besonderheit im Stadtraum.

Das offene Erdgeschoss und das freie Obergeschoss lösen die Form auf, der vor die Bestandsfassade gesetzte neue Randbereich wird als Pufferzone später nicht beheizt, ist aber nutzbar. Auch darin findet sich also ein Element wieder, das bereits im siegreichen Wettbewerbsbeitrag zum Residenzgebäude der Botschaft in Tel Aviv zu sehen war: Vorgesehen ist dort, mit einer vorgehängten Metallfassade eine klimatische Zwischenzone für ergänzende Nutzungen zu schaffen. Im Interview beschrieb Düsing diesen Transfer kürzlich so: »Immer wieder werden Themen, die wir im vorherigen Projekt nur anreißen konnten, im nächsten Entwurf tiefer entwickelt.« In Siegen wird die Rohbaustruktur des Baus erhalten, nicht mehr benötigte Fassadenelemente bekommen eine neue Funktion als Sitzgelegenheiten.

Vom Preisträger-Entwurf erhofft sich die Universität einen gewissen Modellcharakter für »neue Formen des universitären Zusammenlebens, aber auch für den Umgang mit Bestandsbauten«. Mit dem Erweiterungsbau, aber auch dank der neuen Lage in der Innenstadt, könnte das ähnlich funktionieren wie an der TU Braunschweig, in deren Studierendenhaus heute reges Leben herrscht. Trotz aller Möglichkeiten des digitalen Lernens scheint mit dem dortigen Neubau ein Weg gefunden, wie Gemeinschaft und analoge Zusammenarbeit wieder wesentlich mehr in den Fokus rücken kann.

Visualisierung: FAKT+Gustav Düsing
Eingangsbereich und Erdgeschosszone (Visualisierung: FAKT+Gustav Düsing)

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