Umstrittene neue Berliner Senatsbaudirektorin

Manuel Pestalozzi
27. Dezember 2021
Den Himmel über Berlin wird der jüngste Personalentscheid nicht verändern, die Zukunft der gebauten Landschaft darunter möglicherweise schon. (Foto: Thomas Wolf, http://www.foto-tw.de/ Wikimedia Commons / CC BY-SA 3.0)

Die Architektin Petra Kahlfeldt wird neue Senatsbaudirektorin in Berlin. Das kündigte die SPD am 20. Dezember bei der Vorstellung der neuen Senatoren und Senatorinnen an. Manche freut das nicht. Einige fordern eine Rücknahme der Entscheidung.

Wenn die Nachricht ein Weihnachtsgeschenk hätte sein sollen, dann war es ein spartanisches, denn Berlin hielt die Pressemitteilung dazu, dass die Architektin Petra Kahlfeldt neue Senatsbaudirektorin in Berlin wird, kurz. Hochschulprofessorin Kahlfeldt ist damit die Nachfolgerin von Regula Lüscher und Hans Stimmann.

Rainer Haubrich, Stv. Ressortleiter Meinung bei der Welt, hält diesen Personalentscheid für eine „gute Wahl“. „Nach dem Fall der Mauer setzte Senatsbaudirektor Hans Stimmann Maßstäbe bei der Stadtplanung“, schreibt er, „seine Nachfolgerin aus der Schweiz blieb eher blass. Jetzt liegt die Gestaltung der Hauptstadt in den Händen der Berliner Architektin Petra Kahlfeldt. Sie teilt die Ideen Stimmanns.“ Die architektonische Gestalt der Hauptstadt werde ganz maßgeblich vom Senatsbaudirektor bestimmt. Diese letzte Meinung teilen auch andere fachnahe Kräfte, die sich noch vor dem Weihnachtsfest hastig zu Worte meldeten. Allerdings freuen sie sich nicht. Im Gegenteil: Sie sind wütend. „Mit Petra Kahlfeldt wurde eine Architektin ausgewählt, deren bisheriges Tätigkeitsprofil im krassen Gegensatz zu den aktuellen Herausforderungen Berlins steht. Petra Kahlfeldt ist bisher als Mitinhaberin des Büros Kahlfeldt vor allem mit der Realisierung von Villen und Luxuswohnanlagen im gehobenen Preissegment verantwortlich gewesen,“ schrieb Architekt und Lehrer Prof. Dipl.-Ing. Philipp Oswalt am 21. Dezember in einer Rundmail. Die neue Amtsträgerin stehe nicht für eine am Gemeinwohl orientierte, soziale Stadt, eine nachhaltige, klimagerechte Stadtentwicklung oder eine die Gestaltung der Mobilitätswende.

Die Ernennung sei eine „Kampfansage an eine soziale und ökologische Stadtpolitik“, wurde Anh-Linh Ngo, Chefredakteur und Mitherausgeber der Architekturzeitschrift Arch +, am 22. Dezember in einem Beitrag in der taz zitiert. taz-Redakteur Uwe Rada mutmaßt in seinem Meinungsbeitrag, dass es vor allem in der SPD den großen Wunsch gibt, „den zunehmenden Riss in der Gesellschaft durch einen Rückblick auf die ‚gute, alte Zeit‘ zu kitten.“ Ob dieser Wunsch unter den aktuellen Bedingungen zeitgemäß ist, erscheint tatsächlich fragwürdig. Bei der Wirkung der Symbolkraft von Architektur kann man sich bekanntlich arg verschätzen. Im Rundmail von Philipp Oswalt fordern er, Anh-Linh Ngo und sechs Mitstreiter*innen, dass die „Ad-hoc-Ernennung“ der Senatsbaudirektorin zurückzgenommen wird. „Stattdessen brauchen wir ein offenes und transparentes Findungs- und Auswahlverfahren, das diesem wichtigen Amt angemessen und einer Hauptstadt würdig ist“, schreiben sie.

Kahlfeldt Architekten haben sich in den letzten Jahren viel mit klassizistischen Villen-Neubauten in den grünen Außenquartieren Berlins beschäftigt, das stimmt. Das Werkverzeichnis zeigt allerdings auch, dass sich das Büro bei der Bewahrung und Aktualisierung von Bestandsbauten durchaus Verdienste auf die Fahne schreiben kann. Stilistische Retro-Radikalität kann man der neuen Senatsbaudirektorin also sicher nicht vorwerfen.  Eine baldige Stellungnahme von Petra Kahlfeldt wäre sehr erwünscht.

Verwandte Artikel

Andere Artikel in dieser Kategorie