Überraschend unerwartet

Ulf Meyer
17. August 2020
Barkow Leibinger, „Light Structure“, Berlin, 2009 (Foto: Corinne Rose)

Die aktuelle Barkow Leibinger-Ausstellung im Haus am Waldsee in Berlin überrascht: Sie zeigt eine andere, weniger bekannte Seite des Architektenduos, das vielen in der Stadt bis anhin vor allem für graue Schießscharten-Fassaden bekannt ist.

Das Architektenduo Frank Barkow und Regine Leibinger hat 1993 sein Büro in Berlin gegründet und seitdem an vielen Stellen in der Stadt recht herbe, graue Geschäftshäuser gebaut – wie den „Tour Total“ am Hauptbahnhof, das „Haus am Moritzplatz“ in Kreuzberg oder das „Bertha-Haus“ wiederum unweit des Hauptbahnhofs. 

Überraschend

Eine Ausstellung im Haus am Waldsee in der deutschen Hauptstadt präsentiert das Büro Barkow Leibinger derzeit jedoch als „Materialforscher“, die digitale Fabrikationstechnik und maschinelle Fertigung in der Architektur vorantreiben. Es scheint, als seien die beiden Avantgarde-Architekten. Diese Positionierung überrascht ebenso wie die unterstellte enge Verbindung des deutsch-amerikanischen Paars zu „künstlerisch-experimentellen Praktiken“, wie es im Pressetext heißt. Angeblich lösen sich „die Grenzen zwischen begehbarer Skulptur, Bauteil, Ornament“ im Werk von Barkow Leibinger auf – von stumpfen, grauen Schießscharten-Fassaden sind diese blumigen Beschreibungen weit entfernt. Handelt es sich also bei der Ausstellung um eine dreiste – oder naive – Form der Selbst-Stilisierung? Bei genauerem Hinsehen fällt auf, dass die Entwürfe von Barkow und Leibinger für Pavillons, kleinere Kantinen oder auch Werkhallen der Firma der Familie Leibinger tatsächlich von einem funktionierenden „Zusammenspiel von Praxis, Forschung und Lehre“ zeugen. Der Anspruch, eine „Architektur zu entwerfen, die sowohl auf technologische Anforderungen reagiert als auch menschenfreundlich ist“, scheint hier deutlich stärker eingelöst zu sein als bei den großen Berliner Geschäftshäusern. 

„Serpentine Summer House“, London, 2016 (Foto: Iwan Baan)
„Thicket“, 2014 (Foto: Ina Reinecke / Barkow Leibinger)
Mehr davon!

Im Erdgeschoss des Hauses am Waldsee wird in hohen Regalen eine (Über-)Fülle von Materialstudien und Modellen gezeigt. Zwischen Gebautem und Ungebautem zu differenzieren, wird den Besucher*innen hier – vielleicht bewusst – schwer gemacht, wohl weil die Experimente stets aufregender wirken als die realisierten Werke. Im Obergeschoss der Villa sind zudem Materialproben zu erleben. Im Garten haben die Architekten einen Pavillon erneut aufbauen lassen, den sie bereits 2016 als „Summer House“ für die Serpentine Gallery in London entwickelt hatten: Eine Passage aus zwei Betonwänden, die in einem neuen Abgussverfahren aus Infraleichtbeton hergestellt wurden. 

Die Spaltung des Œuvres von Barkow Leibinger in die Kategorien „liebevoll entworfene Pavillons zum Schmücken“ und „monotone Großgebäude zum Geldverdienen“ wirkt jedoch ungesund. Ziel sollte es sein, künftig mehr von den künstlerischen Ideen und bautechnischen Innovationen, die das Büro zu bieten hat, auch in großen Projekte wie dem neuen „B-Hub“-Gebäude anzuwenden, einem 300 Meter langen Bürobau, der nach seiner Fertigstellung die Stralauer Halbinsel vom Rest der Stadt abriegeln wird. 

Archivzusammenführung von Barkow Leibinger in einer Lagerhalle in Berlin-Neukölln in diesem Jahr (Foto: Nils Koenning)

Die Ausstellung ist bis zum 4. Oktober 2020 im Haus am Waldsee (Argentinische Allee 30) in Berlin zu sehen. Katja Blomberg und Ludwig Engel haben dazu einen Katalog herausgegeben, der im Verlag Walther König erschienen ist. Ein Symposium mit Frank Barkow und Regine Leibinger zum Thema „Neue Materialien und experimentelles Bauen“ findet am 29. August von 11 bis 18 Uhr am Ausstellungsort statt. 

Andere Artikel in dieser Kategorie