Thüringer Architekturpreis für Gesundheitskioske

Manuel Pestalozzi
10. Juni 2024
Der Gesundheitskiosk im Zentrum von Blankenburg dient auch als Wartehäuschen für den Bus. (Foto: Thomas Müller)

Dass sich architektonische Qualität im Kleinen finden kann, war für die Personen, welche den Architekturpreis der Architektenkammer Thüringen 2005 aus der Taufe hoben, eine Gewissheit. Der Preis ziele weniger auf die Größe oder den gesellschaftlichen Rang der Projekte ab, steht auf der betreffenden Website der Architektenkammer. Man wolle mit ihm vielmehr auf Beispiele hinweisen, die durch ihre funktionelle, formale oder technische Lösung überraschen, die originell sind oder verblüffend einfach, die auf besondere Weise auffallen oder eher bescheiden sind – Bauten, die vielleicht kompromisslos innovativ sind oder auf erfrischende Art Traditionsbewusstsein und Moderne miteinander verbinden. Das Siegerprojekt dieses Jahres erfüllt diese Ansprüche auf eine wirklich interessante Weise. Architekt Ralf Pasel vom Berliner Büro Pasel-K Architects hat seine Sicht auf diese Intervention in der Region Seltenrain bereits bei German Architects vorgestellt.

In Bruchstedt ließ sich der Pavillon bei der Brücke über den Fernebach platzieren. Die Adresse Bahnhofstraße erinnert an vergangene Zeiten, als das Dorf noch auf dem Schienenweg erreichbar war. (Foto: Thomas Müller)
Gesundheit heißt auch sozialer Zusammenhalt

Hintergrund für die Planung und Realisierung der Gesundheitsbauten war die Internationale Bauausstellung (IBA) Thüringen, welche am 31. Dezember 2023 endete und deren Erbe nun von der Stiftung Baukultur Thüringen verwaltet wird. Eines ihrer zentralen Anliegen waren eine schnelle Bauwende und die Stärkung regionaler Kreisläufe, um den Zusammenhalt zwischen Stadt und Land zu stärken. Vor diesem Hintergrund machte es sich die gemeindeübergreifende Stiftung Landleben und der angeschlossene Verein Landengel e. V. zur Aufgabe, in der Region Seltenrain ein neues Gesundheits-, Pflege- und Versorgungsnetzwerk aufzubauen.

Die Gesundheitskioske sollen der in Thüringen drohenden gesundheitlichen Unterversorgung im ländlichen Bereich vorbeugen. Im Vordergrund stehen dabei nicht nur Patient*innen, sondern die Bewohner*innen und deren Bedürfnisse ganz allgemein. Man kann somit von einer dörflichen Ankerfunktion sprechen. Die Kleinbauten in Blankenburg, Bruchstedt, Urleben und Kirchheilingen sind Beratungs- und Anlaufpunkt für ganz verschiedene Funktionen, für die in einem Dorfzentrum Bedarf besteht. Sie sind dörflicher Treffpunkt, Bushaltestelle und Wartehäuschen in einem, verbinden Gesundheitsdienstleistungen mit WLAN-Hotspot, E-Bike-Ladestation und Regionalkiosk – und das alles auf kleinster Fläche.

Die Architektur hat diese Funktionen erkennbar zu machen und ihnen einen Charakter zu geben, der dem jeweiligen Kontext entspricht. Das Leben auf dem Land soll mit ihrer Hilfe an Attraktivität gewinnen. »Die neue Betrachtungsweise zeigt, was Architektur leisten kann«, schreibt die Jury in ihrer Begründung, »die Gesundheitskioske überzeugen, weil sie zeitgenössische Holzbauweise mit lokalen Einflüssen aus der Region kombinieren – in jedem Ortsbild anders, individuell auf die dörfliche Struktur und den Charakter des Dorfes zugeschnitten, jenseits einer Uniformität. Fern von perfektionistischen Oberflächen wurden Materialien aus der Region genutzt und wiederverwendet. Die Entwürfe fügen sich aufgrund ihrer Platzierung, Bauweise und Kubatur – und wegen ihrer Materialien – gut in die ländliche Struktur ein und bilden so eine neue soziale Mitte im Dorf. Der experimentelle Charakter der Bauten bleibt gewollt sichtbar, um Prozesse, Entwicklung und Modellrolle zu veranschaulichen. Die Nutzung regionaler Ressourcen, die Einbindung von regionalen Fachfirmen, Nachhaltigkeit in der Auswahl der Materialien und Zirkularität sind im Projekt verankert. Hier wird der ländliche Raum als Chance begriffen, der als Ganzes mitwirkt, um innovative, verblüffend einfache und zugleich erfrischende Gestaltungen zu schaffen.«

Im Fenster des Gesundheitskiosks von Urleben spiegelt sich ein traditionelles Fachwerkhaus. (Foto: Thomas Müller)

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